Wolfgang Seidl: Warum der nächste Punkt wichtiger ist als der Matchgewinn

Wer Tennis spielt, kennt die Situation: Vor dem Match kreisen die Gedanken um den Sieg, die Ranglistenpunkte oder die Bedeutung des Turniers. Während des Spiels wandert der Blick immer wieder zur Anzeigetafel oder zum möglichen Ausgang der Begegnung. Genau hier setzt ein Gedanke des renommierten Sportpsychologen Dr. Bob Rotella an. Er zeigt, warum weniger Fokus auf das Ergebnis oft zu besseren Ergebnissen führt.

Zum Thema: Zielsetzung im Tennis

„The smaller the target, the sharper the athlete’s focus, the better his concentration, and the better the results.“

Dieser Satz von Dr. Bob Rotella beschreibt ein Prinzip, das im Tennis besonders wertvoll ist. Denn kaum eine andere Sportart konfrontiert Athleten über einen so langen Zeitraum mit Gedanken über den Spielstand, mögliche Konsequenzen eines Sieges oder die Angst vor einer Niederlage.

Wenn das Ergebnisdenken übernimmt

Viele Tennisspieler betreten den Platz mit klaren Erwartungen. Sie möchten das Match gewinnen, Ranglistenpunkte sammeln oder ihre Setzung bestätigen. Daran ist grundsätzlich nichts falsch. Problematisch wird es jedoch, wenn das Ergebnis während des Spiels zu stark in den Fokus rückt.

Dann entstehen Gedanken wie:

  • „Wenn ich dieses Spiel gewinne, bin ich im Halbfinale.“
  • „Ich darf diesen Satz nicht mehr verlieren.“
  • „Heute muss ich gegen diesen Gegner gewinnen.“
  • „Was denken meine Eltern oder mein Trainer, wenn ich verliere?“

In solchen Momenten verlässt die Aufmerksamkeit die Gegenwart. Der Spieler beschäftigt sich mit einer Zukunft, die er nicht kontrollieren kann. Die Folge sind häufig Anspannung, Verkrampfung und unnötige Fehler.

Wolfgang Seidl, die Sportpsychologen

Die besten Tennisspieler denken in Punkten, nicht in Ergebnissen

Wer Spitzenspieler beobachtet, erkennt ein interessantes Muster. Die erfolgreichsten Athleten konzentrieren sich selten auf das Endergebnis. Sie richten ihre Aufmerksamkeit auf den nächsten Punkt und auf die Aufgabe, die unmittelbar vor ihnen liegt.

Genau hier wird Rotellas Aussage praktisch. Anstatt sich vorzunehmen, das Match zu gewinnen, kann sich ein Tennisspieler auf deutlich kleinere Ziele konzentrieren:

  • Eine klare Aufschlagroutine durchführen.
  • Beim Return früh die Füße bewegen.
  • Nach jedem Punkt bewusst zum Schläger schauen und durchatmen.
  • Den ersten Schlag nach dem Aufschlag mutig spielen.
  • Sich auf die geplante Taktik für den nächsten Punkt fokussieren.

Diese Ziele sind klein. Sie sind konkret. Und vor allem sind sie kontrollierbar.

Das Gehirn braucht einen klaren Fokus

Aus sportpsychologischer Sicht kann das Gehirn immer nur auf eine begrenzte Anzahl von Informationen gleichzeitig achten. Je konkreter die Aufgabe ist, desto leichter fällt es, störende Gedanken auszublenden.

„Gewinne das Match,“ ist keine Handlung. „Spiele den nächsten Return mit aktiven Beinen,“ hingegen schon. Der erste Gedanke erzeugt Druck. Der zweite schafft Orientierung. Genau deshalb arbeiten viele erfolgreiche Tennisspieler mit Prozesszielen. Sie konzentrieren sich nicht auf das Ergebnis, sondern auf Verhaltensweisen, die ihre Leistung unterstützen.

Der nächste Punkt ist das kleinste sinnvolle Ziel

Im Tennis kann ein Match innerhalb weniger Minuten kippen. Wer gedanklich bereits beim Handschlag nach dem Match oder bei den Ranglistenpunkten ist, verliert oft die Kontrolle über das Hier und Jetzt.

Deshalb kann es hilfreich sein, sich immer wieder eine einfache Frage zu stellen:

  • „Was ist meine wichtigste Aufgabe im nächsten Punkt?“ 

Diese Frage lenkt die Aufmerksamkeit zurück auf das, was tatsächlich beeinflusst werden kann.

Fazit

Große Ziele sind wichtig. Sie geben Richtung und Motivation. Doch während eines Matches helfen sie selten dabei, den nächsten Ball besser zu spielen. Leistung entsteht im aktuellen Punkt, nicht am Ende des Matches.

Je besser es Tennisspielern gelingt, ihren Fokus auf kleine, konkrete und kontrollierbare Aufgaben zu richten, desto ruhiger werden sie unter Druck spielen. Und genau darin steckt die Botschaft von Bob Rotella:

“Je kleiner das Ziel, desto schärfer der Fokus. Je schärfer der Fokus, desto größer die Chance, das eigene Leistungsvermögen auf den Platz zu bringen.”

Wer mehr darüber wissen möchte, ist beim Netzwerk Die Sportpsychologen genau richtig: Sicher findet ihr einen meiner Kollegen oder eine Kollegin in eurer Nähe (zur Übersicht) – oder meldet euch gern bei mir (zum Profil von Wolfgang Seidl).

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