Dr. René Paasch: Sport und Flüchtlingshilfe

Vorerst haben FIFA-Richtlinien die Verpflichtung von Bakery Jatta, einem 17-jährigen Flüchtling aus Gambia, durch den Hamburger SV verhindert. Aufgrund seines Alters darf das Talent, welches ab Juni vom HSV unter Vertrag genommen werden soll, noch nicht einmal regelmäßig beim Profi-Verein trainieren. Integration geht so definitiv nicht – da dieses Thema die Gesellschaft aber in den kommenden Jahren sehr intensiv beschäftigen wird, habe ich die Frage aufgeworfen, wie Sportvereine an der Basis agieren können, um Flüchtlingen zu helfen? Denn in vielen deutschen Städten und Gemeinden sind junge Menschen wie Bakery Jatta gestrandet. Nicht alle sind potentielle Profis, wohl aber Sportler, die ihren Platz in der Gemeinschaft verdienen.

Zum Thema: Wie können Sportvereine traumatisierte Flüchtlinge unterstützen? 

Durch fremdenfeindliche Übergriffe, Schlafstörungen und Suizidgedanken leben die geflüchteten Menschen in ständiger Angst. Dieses Gefühl erinnert sie an die Erfahrungen in den Krisenregionen, aus denen sie fliehen mussten. Die Menschen werden also in die traumatisierenden Situationen zurückversetzt. Ihre Narben werden dadurch noch tiefer und das Grundgefühl der Sicherheit und des Vertrauens wird erneut erschüttert. Ein hohes Ausmaß unter den Asylbewerber/innen und Flüchtlingen leidet nachgewiesenermaßen unter einer Posttraumatischen Belastungsstörung (Steel et al 2009, Joksimovic 2008). In einer Studie von U. Gaebel in Kooperation mit dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge wurden bei 40% der 78 zufällig ausgewählten Asylantragsteller/innen eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) festgestellt (Gäbel 2005). Die deutschsprachigen Fachgesellschaften für Psychotraumatalogie gehen in ihrer aktuellen Leitlinie sogar von 50% Prävalenz der PTBS unter Kriegs-, Vertreibungs- und Folteropfern aus (Flatten et al 2011).

In Berlin gründete ein seit Jahrzehnten in Deutschland lebender Syrer einen Fußballverein (Deutsche Welle, Kick OFF! Beitrag)

Nützliche Unterstützungsaktivitäten:

Gefühl von Sicherheit schaffen

Flüchtlinge aus Kriegsgebieten brauchen daher zunächst unbedingt ein Gefühl der Sicherheit. Sie müssen spüren, dass ihnen hier nichts mehr passieren kann. Wichtig ist zudem, dass sie sich hier willkommen und angenommen fühlen. Oft können bereits die Integration in das Vereinsgeschehen und der Sport sehr heilsam sein. Vereinsinterne Integrationsangebote und das Gefühl der sozialen Fürsorge haben bereits positive Auswirkungen auf die Psyche.

Das Selbstverstrauen stärken

Zeigen Sie dem Flüchtling gegenüber Ihre Anerkennung für das, was er geleistet hat, erwähnen Sie Entwicklungsschritte, bewegen Sie ihn für kleine Aufgaben, die er auch als erfüllt sieht. Wichtig: Nehmen Sie dem Flüchtling nicht zu viel ab, helfen Sie ihm, die Aufgaben und Verpflichtungen selbst in die Hand zu nehmen. Sie verstärken sonst seine, im Trauma erlernte Hilflosigkeit.

Erklären und Informieren

Wenn Sie Symptome von Belastungen beim Flüchtling wahrnehmen, ist es wichtig, diese auch anzusprechen. Vielleicht können Sie ihm Hilfe und Unterstützungsmöglichkeiten aufzeigen und einen Ort, wo er therapeutische Hilfe finden kann. Auch ganz normale Alltagssituationen sollten erklärt werden. Man sollte ihm die neue Umgebung zeigen und sie ihn kennen lernen lassen, erklären, was auf ihn zukommt, wo er selbst Einflussmöglichkeiten hat und tätig werden kann und wo er auf fremde Hilfe (Rechtsanwalt, Therapeut) angewiesen ist.

Engagement für bessere Lebensbedingungen

Traumatisierte Flüchtlinge brauchen einen Schutzraum, um sich von ihren Erlebnissen erholen zu können. Das komplizierte Asylverfahren, enge Unterkünfte, die die Privatsphäre erheblich beeinträchtigen sowie verwaltungsmäßige Abläufe, behindern den Genesungsprozess stark. Die Betroffenen werden an frühere Erlebnisse erinnert und fühlen sich erneut schwach und hilflos. Es unterstützt die Flüchtlinge, wenn Sie sich dafür einsetzen, dass Sie sich sportlich engagieren dürfen, wenn sie grundsätzliche Fürsorge erfahren. Unterstützen Sie den Flüchtling bei der Planung von Tagesabläufen. Helfen Sie ihm bei Aufnahme von Kontakten zu Vereinsangehörigen. Wichtig ist, dass Sie dies nicht abnehmen, sondern zusammen tun.

Aktives Zuhören

Hören Sie zu, wenn der betroffene Flüchtling Ihnen etwas über seine Erlebnisse erzählen möchte. Verstärken Sie aber nicht, über seine Vergangenheit zu erzählen. Das freiwillige Sprechen über die Erlebnisse hilft, die Situation, auch die vergangene, besser zu verstehen und zu verarbeiten. In vielen Fällen ist fachliche medizinische und psychotherapeutische Unterstützung zum Abbau der Symptome hilfreich. Nicht immer ist eine entsprechende Versorgung durch Fachpersonal möglich (zu wenig Personal, Einschränkung der Behandlungskosten, fehlendes Wissen, fehlende geeignete Dolmetscher).

Die Vermittlung an Fachleute ist besonders in folgenden Fällen erforderlich:

Anhaltende depressive Verstimmung, ständige Verzweiflung, Weinen, apathisch sein, Lustlosigkeit, Schlaflosigkeit, körperliche Schwäche, Suizidgedanken (wenn sie geäußert werden), anhaltende Nervosität und Unruhe, schwere psychische Störungen; z.B. Wahrnehmungsstörungen, Wahnzustände, innerfamiliärer Gewalt, Vernachlässigung/Misshandlung; Folterüberlebende.  Besonders hellhörig sollte man werden, wenn die Ehefrau bestätigt, dass er „vor dem Krieg“ oder „vor dem Gefängnisaufenthalt“ sich nicht so verhalten hätte. Es ist immer hilfreich, wenn Sie den Flüchtling darauf hinweisen, dass seine aggressiven Ausbrüche Teil der Belastungsstörung sein können. Damit entschuldigen Sie dieses Verhalten nicht, sondern helfen ihm, es durch rationale Erklärung zu verstehen.

Der Umgang mit psychisch belasteten Flüchtlingen fordert viel Kraft, Aufmerksamkeit und Ausdauer. Je nach Fallkonstellation sind Ihre Offenheit, Ihr Organisationstalent, Einfühlungsvermögen, Ihre Durchsetzungskraft, Kreativität und/oder Frustrationstoleranz, Fortbildungen zum PTBS, Weiterbildungen für Vereinsangehörige und der stetige Austausch mit Fachleiten gefordert.

Ein weiteres sportliches Intergationsprojekt aus Berlin (Deutsche Welle, Kick OFF! Beitrag)

Literatur:

Gaebel, U (2005): “Prävalenz der PTSD und Möglichkeiten der Ermittlung in der Asylverfahrenspraxis”, Zeitschrift für klinische Psychologie und Psychotherapie

Steel, Z, Chey, T, Silove, D, Marnana, C, Bryant, R A & van Ommeren, M (2009). Association of Torture and Other Potentially Traumatic Even ts With Mental Health Outcomes Among Populations Exposed to Mass Conflict and Displacement: A Systematic Review and Meta-analysis. JAMA.302(5):537-549.

Mcfarlane, AC. & Van der Kolk, BA. (2000): Trauma und seine Herausforderung an die Gesellschaft. In: Van der Kolk, BA., Mcfarlane, AC. & Weisaeth, L. (hrsg.): Traumatic stress. Grundlagen und Behandlungsansätze. Theorie, Praxis und Forschung zu posttraumatischem Stress sowie Traumatherapie. Paderborn: Junkfermannsche Verlagsbuchhandlung.

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