Bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2026 in den USA, Mexiko und Kanada gibt es einige Neuerungen. Eine tiefgreifende Veränderung des Spiels könnte mit den sogenannten Hydration-Breaks einhergehen, sofern diese auch in den Club-Wettbewerben zukünftig Anwendung findet. Pro Halbzeit wird das laufende Spiel für eine Trinkpause unterbrochen, welche die Trainer nutzen können, um viel klarer als zuvor Einfluss auf Taktik und Einstellung des Teams zu nehmen. Wie verändern diese Trinkpausen das Spiel, wie können Trainer diese Unterbrechung aus sportpsychologischer Sicht nutzen und welche konkreten Folgen beobachtet ihr?
Zum Thema: Umgang mit zusätzlichen Pausen im Fußball

Antwort von: Anke Precht (zum Profil)
Klar, die Pausen sind Gold wert – wenn sie richtig genutzt werden. Kurz und knackig müssen die Trainer ihre Botschaft rüberbringen. Auf keinen Fall rational, sondern emotional: Vertrauen, Zusammenhalt, Angriff, Geduld oder was gerade nötig ist, um ein Spiel zu drehen oder einen Vorsprung zu bewahren. Damit das klappt, muss der Trainer das volle Vertrauen der Mannschaft besitzen, sofort in Kontakt kommen, Zugang zu jedem Spieler haben.
No Go: Mikromanagement. Das killt jeden Flow.

Antwort von: Christian Bader (zum Profil)
Fussball war bisher die Sportart ohne Timeout, wie das in verschiedenen Sportarten bekannt ist. Jetzt gibt es drei Minuten Hydration-Breaks, in denen Trainer ihre komplette Startelf gleichzeitig konzentriert und ohne Zuruf-Verzerrung von der Seitenlinie erreichen. Quasi als eingebautes Ansprache-Fenster. Die Daten1 zeigen: Nach den Pausen steigt die Torgefahr messbar. Netzwerkanalysen der Northeastern University zeigten in der ersten Turnierwoche, dass Teams in den zehn Minuten nach einer Pause mehr Schüsse nehmen als in den zehn Minuten davor – u.a. bei Norwegens Haaland-Tor, Vinícius Júniors Treffer gegen Marokko und Schottlands einzigen Torschuss-Erfolg gegen Haiti.
Beim Spiel Niederlande–Schweden (5:1) stellte Graham Potter in der Pause von Fünfer- auf Viererkette um. Danach drehte sich das Chancenverhältnis komplett zugunsten Schwedens (8:1 Schüsse). Bei der Schweiz gegen Bosnien (4:1) wartete Murat Yakin bewusst bis zur Pause für einen Dreifachwechsel, „weil der Gegner nicht sofort reagieren kann“. Die Schweiz steigerte ihren xG-Wert von 0,31 auf 1,67. Julian Nagelsmann nutzte die Pause gegen Curaçao, um die bereits geplante Anpassung gegen die gegnerische Raute noch einmal für alle klar zu verankern.
Es gibt insgesamt mehr Schüsse und Tore in der zweiten Hälfte jeder Halbzeit als in der ersten, das war aber auch in der Premier League 2025/26 ganz ohne Hydration Breaks so, teils sogar ausgeprägter. Die Pause ist also Verstärker, nicht alleinige Ursache.
Sportpsychologisch lässt sich die Kraft der Trinkpause in drei Hebel beschreiben:
- Kognitive Klarheit statt Zurufe: Komplexe taktische Anpassungen brauchen volle Aufmerksamkeit aller Spieler gleichzeitig, das leistet nur eine echte Pause
- Aktivierungsregulation: Ein Team im Flow droht durch die Pause kurz „herunterzukühlen“, ein unteraktiviertes, rückständiges Team kann sich neu ausrichten. Genau das nutzte Potter gegen die Niederlande.
- Wechsel-Timing als Machtmittel: Ein Wechsel unmittelbar nach der Pause trifft den Gegner in einem Moment, in dem er strukturell nicht sofort reagieren kann (Yakin-Prinzip)
Der Trend2: 29,2% aller WM-Tore fielen bislang zwischen der 76. Minute und Schlusspfiff, die mit Abstand torreichste Phase des Turniers, mit der Schweiz als Spitzenreiter (3 Spättore). Die zwei produktivsten Torphasen des Turniers liegen beide unmittelbar nach Unterbrechungen. Zufall oder System? Es lässt sich nicht alles mit Daten belegen, es scheint jedoch, dass die Trainerbank jedenfalls zum aktiven Spielentscheider wird.
1: https://theanalyst.com/articles/world-cup-2026-hydration-breaks-momentum-stats
2: https://sports.yahoo.com/articles/why-many-world-cup-goals-113908203.html

Antwort von: Janosch Daul (zum Profil)
Hydration-Breaks sind weit mehr als eine Gelegenheit zum Trinken – sie verändern die Dynamik eines Spiels. Trainer bekommen erstmals einen echten Coaching-Moment während einer Halbzeit und können taktisch nachjustieren oder die emotionale Richtung vorgeben. Aus sportpsychologischer Sicht ist das eine wertvolle Chance, den Fokus neu zu schärfen, Hektik aus dem Spiel zu nehmen oder das Momentum bewusst zu beeinflussen. Entscheidend ist allerdings, dass diese Minuten vorbereitet sind und nicht spontan mit zu vielen Informationen überladen werden. Ich kann mir gut vorstellen, dass wir künftig häufiger sehen werden, dass Mannschaften nach einer Trinkpause anders auftreten – und sich das auch in Toren oder klaren Spielveränderungen widerspiegelt. Die besten Teams werden diese Unterbrechungen nicht nur zur Regeneration, sondern als strategischen Wettbewerbsvorteil nutzen.

Antwort von: Prof. Dr. René Paasch (zum Profil)
Aus sportpsychologischer Sicht stellen Hydration Breaks zusätzliche Phasen der Selbstregulation innerhalb eines Spiels dar. Sie bieten Gelegenheit, körperliche Regeneration, kognitive Neuorientierung und emotionale Stabilisierung miteinander zu verbinden. Direkte sportpsychologische Forschung zu den Auswirkungen solcher Unterbrechungen im Fußball liegt bislang allerdings nur begrenzt vor. Erkenntnisse zu Selbstregulation, Aufmerksamkeitssteuerung und Kommunikation unter Wettkampfbedingungen legen jedoch nahe, dass sie grundsätzlich für eine gezielte Reorientierung genutzt werden können.
Für Trainerteams eröffnet sich damit die Möglichkeit, taktische Anpassungen verständlich zu vermitteln, Rollen und Aufgaben zu klären sowie den gemeinsamen Aufmerksamkeitsfokus auf die nächste Spielphase auszurichten. Gleichzeitig können Spieler die Pause nutzen, um individuelle Strategien der Emotions- und Selbstregulation anzuwenden.
Aus meiner Sicht entscheidet deshalb weniger die Pause selbst als ihre Gestaltung. Kurze, klare und handlungsorientierte Botschaften erscheinen häufig sinnvoller als eine Fülle zusätzlicher Informationen. Ebenso dürfte es wichtig sein, den Spielfluss möglichst wenig zu beeinträchtigen und die Mannschaft weder kognitiv noch emotional zu überfordern.
Sollte sich Hydration Breaks dauerhaft etablieren, wäre dies auch aus wissenschaftlicher Sicht ein interessantes Forschungsfeld. Dabei könnte untersucht werden, unter welchen Bedingungen solche Unterbrechungen Kommunikation, Entscheidungsprozesse und Selbstregulation im Mannschaftssport unterstützen.

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