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Prof. Dr. Oliver Stoll: Party am Kontrollpunkt vier

Die Sportart Orientierungslauf fristet in Deutschland (wie auch so viele andere spannende Aktivitäten)  ja eher „ein Randsportart-Dasein“. Auch in der wissenschaftlichen Sportpsychologie gibt es hier kaum Publikationen, wenn man mal vor der Dissertation von Roland Seiler aus dem Jahr 1990 absieht. Kaum jemand weiß zum Beispiel, dass sich die Orientierungsläuferinnen und –läufer im Deutschen Turnerbund organsiert haben. Und natürlich ist Orientierungslauf auch nicht olympisch. Ähnlichkeiten zu anderen Laufdisziplinen sind offensichtlich. Es geht um das ausdauernde Laufen im Gelände (mit vielen echten Cross-Anteilen) mit Orientierungsfunktion (wie wir das z.B. auch bei der neuen Trendsportart „Trail-Running“ finden).  

Zum Thema: Die besonderen Anforderungen des Orientierungslaufs

Der zentrale Unterschied liegt wohl zum einen in der zu absolvierenden Distanz, die im Orientierungslauf die 15 km eher selten und wenn, dann auch nur wenig überschreitet. Trailrunner mögen es ja eher mal etwas länger (bis zu 100 Meilen) und natürlich in der Art und Weise der Informationsverarbeitung. Trailrunner finden in der Regel immer mal Streckenbeschilderungen (wenn auch nicht immer und überall), aber dürfen dafür ein GPS-Navigationsgerät mitführen, dass sie notfalls auf den richtigen Weg zurück führt. Das genau dürfen Orientierungsläufer nicht. Hier ist nur echtes Kartenmaterial und ein Kompass erlaubt. Zu finden sind dann Kontrollpunkte, die auf der Karte eingezeichnet sind. Wer zuerst alle Kontrollpunkte gefunden (und mit seinem Marker markiert hat), und am schnellsten wieder im Ziel ist, hat gewonnen. Dabei ist die Lösung der Laufroute eine sehr individuelle und muss natürlich nicht bei allen Wettkämpfern auf den gleichen Wegen passieren. Es liegt auf der Hand, dass hier insbesondere die kognitiven Fähigkeiten auf das Extremste gefordert sind. Informationen erfassen, verarbeiten, Lösungen finden, während man hoch intensiv belastet ist, das ist eine ganz besonders komplexe Aufgabe, die man natürlich nicht nur mit körperlichem Training bewältigen kann.

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Weitere Informationen

Videobeispiel: WM 2014 in Italien – Männerstaffel

Mentales Training im engeren Sinne, also die Schulung von Antizipation und der Aufmerksamkeit sowie das gezielte und zeitlich passende Konzentrieren auf spezifische Umfeld-Signale, die für eine richtige Entscheidungsfindung bedeutsam sind, sollte zum natürlichen Rüstzeug eines jeden Orientierungsläufers gehören. Hier bietet die praktische Sportpsychologie eine ganze Reihe verschiedener Trainingsverfahren (zusammenfassend auch bei Stoll & Ziemainz, 2009). Entscheidungsverhalten ist allerdings genauso wichtig.

Orientierungslauf ist grundsätzlich eine Individualsportart. Der Wettkampfmodus legt fest, dass die Läuferinnen und Läufer in einem Abstand von zwei Minuten starten, um zu verhindern, dass man möglicherweise von den kognitiven Leistungen eines anderen Läufers profitiert, in dem man sich einfach mal „hinten dran hängt“, wenn man auch läuferisch dazu in der Lage ist (ähnlich wie das Windschattenfahren im Radsport oder im Triathlon). Man braucht dann nicht selbst die Karte zu lesen und somit „kognitive Körner verbrennen“. Dies führt dann teilweise zu kuriosen Vorgängen in einem Wettkampf, wie z.B. bei der letzten WM in Italien während des Staffelrennens (hier wird ausnahmsweise im Pulk gestartet). Sieben läuferisch ungefähr gleichstarke Läuferinnen kommen an Kontrollpunkt 4 an und jede glaubt, dass die jeweils andere Läuferin schneller und besser den Weg zum nächsten Kontrollpunkt herauslesen und planen kann. Im Fernsehen (bzw. im Internet-Livestream) sieht man dann nur an den GPS-Signalen der Staffeln auf einer Landkarte, die sich ständig im Kreis bewegen, was den Kommentator zu dem lakonischen Spruch verführt: „Seven ladies having a party at control point 4“. Also, es ist nicht nur die läuferische Stärke, oder die kognitiven Fähigkeiten im Lesen von Karten und der weiteren Handlungsplanung. Es ist auch ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein, das ein Orientierungsläufer benötigt, zu seinen eigenen Fähigkeiten zu stehen und sich nicht von mutmaßlich besseren Läufern ablenken zu lassen oder eben „Trittbrettfahren zu wollen“. Sportpsychologisches Training kann hier die üblichen Trainingsmethoden ergänzen.

 

Literatur

Seiler, R. (1990). Von Wegen und Umwegen – Informationsverarbeitung und Entscheidung im Orientierungslauf. Sporthochschule Köln.

Stoll, O. & Ziemainz, H. (2009). Mentaltraining im Langstreckenlauf. Hamburg: Czwalina.

Wer sich einmal einen Eindruck dieser Sportart verschaffen möchte, dem empfehle ich folgenden Link (WM 2014 in Italien – Männerstaffel): https://www.youtube.com/watch?v=S1OUNLZi0dw

 

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Thorsten Loch: Schreckgespenst Formtief

Martin Kaymer, der beste deutsche Golfer seit Bernhard Langer, erlebte einen kometenhaften Aufstieg. Im Jahr 2011 setzte er sich erstmals auf Platz eins der Weltrangliste. Nach Langer ist Kaymer erst der zweite Deutsche, dem dies Kunststück gelang. Viele Experten sahen in ihm bereits den kommenden Sieger der nächsten Turniere. Doch in den beiden folgenden Jahren blieb Kaymer deutlich hinter seinen Möglichkeiten und rutschte in der Weltrangliste sogar aus den Top 50. Erstmals seit 2007 blieb Kaymer in dieser Saison 2013 ohne einen Turniererfolg. Anfänglich sprachen die Außenstehenden von Pech, doch mit weiterhin ausbleibendem Erfolg und weniger guten Spielleistungen, wurden die kritischen Stimmen lauter und die Presse nahm erstmals das Wort Formtief in den Mund. Doch was genau ist ein Formtief? 

Zum Thema: Worin liegen die Gründe, wenn der Athlet längere Zeit seiner „normalen“ Form hinterher läuft?  Und was kann man tun, um aus einem Formtief wieder herauszukommen oder besser noch im vorhinein einzudämmen bzw. zu verhindern?

In der Welt des Leistungssport ist diese Situation keine Seltenheit. Spitzensportler unterliegen natürlichen Leistungsschwankungen. Nach dem eher schlechteren Abschneiden, im Vergleich zu den Erfolgsjahren zuvor, ist der Ausnahmegolfer offenkundig wieder auf dem Weg nach oben. Kaymer ist es gelungen, diese Phase der Karriere durchzustehen und womöglich sogar stärker herauszukommen als vorher. Doch was ist passiert? Die Antworten dazu sind komplex, genau wie das Phänomen „Formtief“ als solches. Die meisten Trainer und die Athleten selbst scheinen der Entwicklung dieses Phänomens hilflos gegenüberzustehen, ohne etwas dagegen zu tun oder tun zu können. Aussagen wie „Es lief doch so gut und dann der plötzliche Einbruch“ vernimmt man immer wieder, wenn Athleten und Trainer nahezu hilfesuchend/verzweifelt versuchen, eine Erklärung zu finden. Alles ist gut und plötzlich ist es da, das Schreckgespenst der Sportler.

Formtiefs und deren Ursachen

Gerade im leistungsorientierten Sport sind Formtiefs häufig als Reaktion auf chronischen Stress zu beobachten. Die unterschiedlichsten Belastungsbereiche können von den Stressoren betroffen sein. Ein Zuviel an Training in Kombination mit zu wenig Regenerationszeit, sportliche Misserfolge, Unstimmigkeiten mit dem sportlichen Umfeld, Verletzung und außersportliche Belastungen sowie private Probleme sind nur einige Beispiele, welche in diesem Zusammenhang eine Rolle spielen. Leider lässt sich häufig beobachten, dass Sportler konzeptlos, mit unsystematischen Überreaktionen und einer ausgeprägten Hilflosigkeit auf ein Formtief antworten. Dieses unsystematische Verhalten hat zur Konsequenz, dass die Leistungskurve weiter abfällt. Es entsteht eine Art ¨Teufelskreis¨, weil versucht wird, den weiteren Abfall wieder mit einem Mehr an Training usw. zu kompensieren. Daraus wird deutlich, dass den Trainern in diesem Prozess eine tragende Rolle zukommt, indem sie in ihre Trainings- und Saisongestaltung den Athleten genügend Regenerationszeiten zwischen den Trainings- und Wettkampfeinheiten  einräumen sollten. Denn nachwievor gilt, dass zu geringe Erholungszeiten als vorherrschender Auslöser für einen erhöhten Stresszustand zu sehen ist (Kleinert, 2003). Ein zusätzlicher Faktor, welcher das Stresslevel ebenfalls negativ beeinträchtigen kann, ist die Länge der Wettkampfsaison. Dies wird in den Aussagen Kaymers in einem Zeitungsinterview deutlich. In diesem schildert er, dass er im kommenden Jahr seinen Wettkampfkalender ändern und nicht vier Monate am Stück in den USA bleiben möchte. In diesem Zusammenhang beschreibt Kaymer, dass er in diesem Punkt sogar die Nationalspieler wie Schweinsteiger und Co. beneiden würde. Diese sind nicht ständig aus dem privaten Umfeld gerissen und kehren nach Spielen schnell nach Hause zurück. Dies zeigt, dass chronischer Stress nicht ausschließlich die sportliche Leistungsfähigkeit betrifft. Davon betroffen sein können ebenfalls das Wohlbefinden und Verhalten auf anderen Ebenen des Sportlers. Im ungünstigsten Fall führt eine lang andauernde Belastung zu einem so genannten ¨Burn-out-Syndrom¨ des Athleten. Doch bevor ein Sportler ein Burn-out-Syndrom mit seinen katastrophalen Folgen erfährt, befindet dieser sich in einem erhöhten Stresszustand, dessen Symptome der Ausgebranntheit sich bereits abgeschwächt auf der mentalen, emotionalen und physischen Ebene widerspiegeln.

Vorboten von Formtiefs

Wie bereits eingangs beschrieben, kommt ein Formtief nie plötzlich und unerwartet, sondern kündigt sich an. Hier heißt es also, wer die Zeichen frühzeitig erkennt, hat schon halb gewonnen. Die häufigen Warnsysteme dieses erhöhten Stresszustandes teilen sich in psychologische und physiologische Symptome. Nach Henschen (1998) sind Beispiele für psychologische Symptome u.a. Schlafstörungen, der Verlust des Selbstvertrauens sowie emotionale und motivationale Schwankungen. Ein erhöhter Ruheplus, Gewichtsverlust und Darmprobleme können den physiologischen Symptomen zugeordnet werden. Diese Beispiele verdeutlichen, dass Stresssymptome demnach vielfältiger Natur sind und ihre leistungsmindernde Wirkung sowohl auf der Verhaltensebene als auch über emotionalen und körperlichen Reaktionen zeigen. Während solche Signale noch auf Verhaltensebene dem aufmerksamen Trainer auffallen, wird es auf der physiologischen und emotional-kognitiven Ebene schwierig. Dazu bedarf es einer genauen Diagnostik, bei der Instrumente wie Fragebögen, Einzel- sowie Gruppengespräche sowie Trainings- und Wettkampfbeobachtung zum Einsatz kommen. An dieser Stelle ist es durchaus sinnvoll, einen qualifizierten Sportpsychologen zu Rate zu ziehen, weil dieser sich mit den Instrumenten auskennt. Die Diagnostik kommt somit eine entscheidende Rolle zu. Wird aufgrund einer fehlerhaften Diagnose falsche Interventionen abgeleitet, sind die Ursachen des Formtiefs nicht zu beheben.

Maßnahmenplan

Erfolgversprechende Maßnahmen orientieren sich deshalb an einer systematischen Diagnose des Formtiefs. Je nach Situation ist zu prüfen, ob Maßnahmen im Bereich der Trainingsgestaltung ratsam sind oder am Verhalten des Sportlers ansetzen sollten. Durch einen individuell zugeschnittenen mental orientierten Maßnahmenplan wird in der Praxis versucht, einem Leistungstief und dem damit verbundenen erhöhten Stresszustand entgegenzuwirken. Als praktikabel haben sich Techniken wie kurzfristige Zielsetzungen, Entspannungstechniken und positive Selbstgespräche erfolgreich etabliert.

Fazit

Es bleibt festzuhalten, dass Formschwankungen zu jeder wettkampforientierten sportlichen Betätigung dazugehören und nicht dramatisiert werden sollten. Vorausgesetzt, dass das Selbstvertrauen des Athleten nicht darunter leidet. Eine Veränderung der Trainingsgestaltung kann hierbei schon helfen, dass sich aus einer normalen Leistungsschwankung kein Formtief entwickelt. Oder wie Kaymer erklärt, dass er „einfach mal normale Sachen“ machen möchte, wie Erdbeerenpflücken.

Literatur:

Kleinert, J. (2003). Erfolgreich aus der sportlichen Krise. Mentales Bewältigen von Formtiefs, Erfolgsdruck, Teamkonflikten und Verletzungen. BLV Verlagsgesellschaft mbH. München.

Henschen, K.P. (1998). Atletic staleness and burnout: diagnosis, prevention and treatment. In: Williams, J.M. (Hrsg). Applied sport psychology. Mountain View, CA., Mayfield.

http://www.rp-online.de/sport/andere/martin-kaymer-sucht-ausweg-aus-der-krise-aid-1.3476500

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Prof. Dr. Oliver Stoll: Kopfsache Bewegung

Alle Jahre wieder! Na ja, eigentlich alle vier Jahre wieder setzt sich eine Kommission des internationalen Schwimmverbandes FINA aus dem Bereich Wasserspringen zusammen und beschließt die „neuen“ Regularien, wie bestimmte Elemente aus dem Sprungrepertoire zu bewerten sind. Insbesondere die Schwierigkeitsgrade werden von Zeit zu Zeit neu definiert. Mal sind es eher die Salti, die „mehr wert sind“, in den nächsten vier Jahren könnten es die Schrauben sein, die einen höheren Schwierigkeitsgrad zugesprochen bekommen. Abgestimmt auf den olympischen Zyklus verändert die FINA damit Trainingsschwerpunkte, Ausbildung und Wettkampf.

Zum Thema:  Mentales Training beim Bewegungslernen

Damit stellen die Wertungsrichter die Athleten immer mal wieder vor neue „Herausforderungen“. Natürlich wollen die Athleten die Sprünge zeigen die auch die höheren Schwierigkeitsgrade bekommen können, denn das sichert bessere Platzierungen. Hier bekommt dann neben dem sportlichen Training auch das sportpsychologische Training eine immer wieder neue Bedeutsamkeit. Das sogenannte „Mentale Training“ im engeren Sinne (oder auch Bewegungsvorstellungstraining) spielt eine zentrale Rolle, wenn es darum geht, eine vorhandene Bewegung zu stabilisieren, oder eine neue Bewegung zu erlernen. Hier kennen wir im Prinzip zwei verschiedene Varianten.

1.) Das sogenannte „Verdeckte Wahrnehmungstraining“: Bei dieser Trainingsform stellen sich die Athleten den Sprung so vor, als ob sie „Zuschauer auf der Tribüne sind“, die den Athleten bei Ausführung des Sprunges beobachten.

2.) Das sogenannte „Ideomotorische Training”: Bei dieser Variante stellen sich die Athleten die Bewegungsausführung aus der sogenannten „Innenperspektive“ vor. Hier spielen neben der reinen visuellen Vorstellung, auch weitere, sinnliche Wahrnehmungen eine zentrale Rolle (Akustik, Haptik und auch der Gleichgewichtssinn, der die Orientierung im Raum mit beeinflusst). Diese Form des Trainings wird auch als die „Höchstform“ des Mentalen Trainings bezeichnet, weil solche Antizipationsleistungen höchst komplex und somit auch schwer zu erlernen sind. In der Vergangenheit wurde für diese Form des Mentalen Trainings auch immer ein  grundsätzlich entspannter Zustand als notwendig erachtet. Dies hat sich mittlerweile geändert.

Mental trainiert wird im Wasserspringen eher im Sinne von „Imitationsübungen“ am Beckenrand, also an dem Ort, in der Nähe der Sportgeräte und in der Umgebung, in der dieser Sprung dann später auch realisiert werden soll. Es ist auch noch nicht klar, welche Form des Bewegungsvorstellungstrainings effektiver ist. Zurzeit wird im Rahmen eines größeren Forschungsprojekts in Kooperation mit der Fachsparte Wasserspringen des Deutschen Schwimmverbandes diese Fragestellung näher untersucht.

 

Quellen:

Stoll, O., Pithan, J., Blazek, I.  (2013). Forschungsprojekt: „Mentales Training durch Videounterstützung im Wasserspringen –  Wirkmechanismen und Intervention“ – Bundesinstitut für Sportwissenschaft, Projekt-Nummer:  071002/13-14.

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Elvina Abdullaeva: Klopps Neustart unter der Lupe

Die Bundesligasaison ist eine der schwersten in der Geschichte von Borussia Dortmund. Der achtmalige Meister steckt in einer schweren Krise, über die auch der Auswärtssieg am 20. Spieltag in Freiburg nicht hinwegtäuschen kann. Unfreiwillig gibt er BVB ein prägnantes Beispiel ab, was eine psychologische Krise mit einem Team anrichten kann. Wie immer wieder O-Töne von Seiten der Spieler bestätigen, liegt die Wurzel des Problems in den Köpfen der Akteure selbst. So schrieb vor kurzem die Mitteldeutsche Zeitung, dass die Spieler körperlich in einem wesentlich besseren Zustand als im Sommer seien. In dem Fall braucht eine Mannschaft einen psychologischen Neustart, den Jürgen Klopp in zwei Schritten angeht: die Nerven in den Griff bekommen und den Glauben an sich zurückgewinnen. Hier stimme ich ihm voll und ganz zu. Eine solche Strategie kann eine Mannschaft wirklich aus der psychologischen Krise retten. Doch wieso dauert es manchmal so lange, bis dieser Plan tatsächlich funktioniert? Und: Was können andere am Beispiel Borussia Dortmund lernen?

Zum Thema: Eine Mannschaftskrise überwinden.

Die Nerven in den Griff zu bekommen, ist zwar genau das, was das Team in einer solchen Situation braucht. Allerdings zeigt das Beispiel BVB jedoch, dass dies nicht so einfach ist. Aber warum ist das so? Aufgrund der sich wiederholenden Niederlagen sank das Selbstvertrauen der Spieler sehr stark. Der Druck seitens der Massenmedien und der Fans wurde von Spiel zu Spiel nur größer. Mit diesem Druckanstieg erhöhte sich die Angst der Fußballer, wieder Fehler zu machen und zu verlieren. So erklärte Nuri Sahin die Niederlage im ersten Heimspiel nach der Winterpause gegen Augsburg damit, dass die Spieler viele falsche Entscheidungen getroffen haben und auf dem Platz hektisch waren. Dies ist ein typisches Verhalten, wenn man stark verunsichert ist. Eine enorme Anspannung oder die Angst, wieder etwas falsch zu machen, torpediert den guten Vorsatz, die Nerven in den Griff zu bekommen. Ein großer Druck durch die Leistungserwartung vom Außen lässt oft keinen Platz mehr dafür, die Situation mit der nötigen Distanz zu betrachten. Diese Distanz ist aber notwendig, wenn man auf die richtige Lösung kommen will. Wie können Trainer oder Spieler, die sich in einer vergleichbaren Situation wie Borussia Dortmund befinden, zu der so dringend benötigten Gelassenheit bei einem derartig großen Leistungsdruck zurückfinden?

Erster Schritt: In die Katastrophe versinken

Damit die Problematik ihre bedrohliche Bedeutung verliert, muss man die entstandene Situation umbewerten. Dafür ist die Methode „Entkatastrophisieren“ (Kirn, T. et al., 2009), die in der Sportpsychologie auch als „Super-GAU-Methode” bezeichnet wird, sehr gut geeignet. Beim Entkatastrophisieren setzt man sich mit den Konsequenzen des schlimmst möglichen Situationsausganges auseinander. Nehmen wir das also Beispiel des BVB, damit es nachvollziehbarer ist. Damit Trainer und Team mit einem klaren Kopf und ohne starken Druck an der Problemlösung arbeiten können, müssen sie sich mit folgenden Fragen auseinandersetzen:

Was könnte schlimmstenfalls infolge dieser BVB- Krise passieren?

Der Abstieg in die 2. Bundesliga? Ja, das ist schlimm, keine Frage. Aber das wäre nicht der erste Fall, dass eine erstklassige Mannschaft aus der ersten Liga abstürzt und dann aus eigenen Fehlern lernend wieder aufsteigt. Schauen wir nach Italien: Hier musste Juventus wegen eines Manipulationsskandals in der Serie B spielen. Jetzt sind sie wieder in der Serie A und konnten drei Jahre in Folge die italienische Meisterschaft gewinnen. Der Abstieg in die zweite Bundesliga ist zwar das schlimmste Szenario für Borussia Dortmund, bedeutet aber kein Ende für die Mannschaft.

Was würde ein Abstieg für die Spieler und Trainer persönlich bedeuten?

  • Ein finanzieller Schaden oder ein Verlust des Arbeitsplatzes? Mal ganz ehrlich. Alle beim BVB verdienen genug, um mehrere Jahre finanziell sorgenfrei leben zu können. Und wenn es eine Vertragskündigung geben sollte, bleibt sicherlich niemand ohne Job, sondern kann in einer anderen Mannschaft seine Klasse zeigen.
  • Zorn, zahlreiche Kritik und Druck der Medien? Egal was passiert, es ist einfach unrealistisch, in den Medien immer gut dazustehen. Das Bild, dass die Medien über eine Mannschaft zeigen, ändert sich ständig. Das Gute daran – wenn es wieder besser läuft, und das passiert mit Sicherheit, wird die schlimme Zeit vergessen sein und die Spieler und die Trainer werden wieder vergöttert. So einfach ist die Psychologie der Massen. Das Gleiche gilt für die Fans. Und übrigens – sind die Fans nicht dafür da, auch in schlechten Zeiten die Mannschaft zu unterstützen? Andernfalls sind sie keine Fans.
  • Vielleicht ist die Situation den Spielern oder dem Trainer gegenüber anderen erfolgreichen Menschen oder im Bekanntenkreis peinlich? Dann ist hier zu sagen, dass diejenigen, für die sie wirklich wertvoll sind, sie wegen des Abstiegs in die 2. Bundesliga nicht weniger respektieren werden.

Ich hoffe, dass dieses Beispiel verdeutlicht hat, in welche Richtung das Team denken sollte. Versucht man nach einem schlimmen Situationsausgang, wie oben beschrieben zu denken (Entkatastrophisierung), baut sich der stark störende Druck sehr gut ab. Wendet ein Betroffener diese Technik an, so wird er sehr wahrscheinlich verstehen, dass ein Abstieg der Mannschaft kein Lebensende für ihn bedeutet. Der Mensch beruhigt sich allmählich, weil ihm das Verständnis dessen kommt, dass er auch diese Situation überwinden kann. Mit der erlangten Gelassenheit empfindet er weniger Angst, einen Fehler zu machen. Auf diese Art befreien sich die Spieler von der Anspannung und das Team gewinnt für die Problemlösung die benötigte Handlungsfreiheit. In der sportpsychologischen Praxis empfiehlt Prof. Dr. Oliver Stoll die Anwendung dieser Methode aber nur bei Spielern, die als psychisch stabil eingeschätzt werden können. Hier ist also das Fingerspitzengefühl des Sportpsychologen gefragt.

Zweiter Schritt: Das Selbstvertrauen wiedergewinnen

Wenn der Druck gewissermaßen abgebaut ist, kommt die Zeit, sich zu überlegen, was für das Verhindern des schlimmsten Falls vorzunehmen ist. Jürgen Klopp nennt es „Neustartplan” und will damit seinen Spielern klar machen, dass sie den Glauben an sich selbst im Spiel haben sollen. Der Wiederaufbau des Selbstvertrauens der Spieler hängt aber direkt von den Erfolgserlebnissen der Mannschaft ab. Man hat unterschiedliche Möglichkeiten, um das Selbstvertrauen zu stärken:

  1. Man könnte, beispielweise, die Hoffnung auf einen neuen Spieler setzen. Oder diejenigen spielen lassen, die schon lange nicht mehr gespielt haben. Denn sie identifizieren sich nicht mit den vorherigen Niederlagen der Mannschaft und treten im Spiel selbstbewusster auf. Zusätzlich haben Ersatzspieler in der Regel einen großen „Spielhunger“ und den brennenden Wunsch, ein sehr gutes Spiel zu zeigen. Genau solche Leute braucht die Mannschaft. Diejenigen, die bereit sind zu kämpfen und andere mit dieser Bereitschaft anzustecken.
  2. Es ist immer von Vorteil, mit den Schlüsselspielern des Teams auch individuell zu arbeiten. Hier geht es um Techniken, mit Hilfe derer der Spieler bewusst und zielgerichtet zuversichtlich auf dem Platz auftritt. Durch ein selbstbewusstes Auftreten einiger Spieler, ist eine Kettenreaktion im Rest der Mannschaft sehr wahrscheinlich. Am Ende dieses Textes stehen Links zu Blogartikeln, welche diese Techniken näher in Betracht ziehen.
  3. Noch eine wesentliche Quelle neuer Erfolgserlebnisse befindet sich in vorangegangenen Leistungen der Mannschaft. Der Trainer kann in solchen Situationen jederzeit auf frühere Erfolge zurückgreifen. Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten, wie er das anstellen kann. Ein Beispiel wären Videoausschnitte oder Fotos von früheren Erfolgsspielen. Erinnerungen an die Zeiten, in denen sie gut waren und trotz Schwierigkeiten gewonnen haben. Durch das Ergänzen der Videos mit Schlagwörtern über die Stärken der Mannschaft oder sogar die des jeden einzelnen Spielers könnte die aufbauende Wirkung erhöht werden.

Parallel zum Abstiegskampf in der Fußball-Bundesliga ist Borussia Dortmund alsbald auch im Achtelfinale der Champions League aktiv. Im Prozess des psychologischen Neustarts, von dem Jürgen Klopp gesprochen hat, muss diese Extra-Belastung nicht störend sein. Zum einen ist Juventus ein absoluter Topklub im internationalen Fußball und die Königsklasse per se für viele Spieler eine zusätzliche Motivationsquelle. Zum anderen wird der BVB trotz der gegenwärtigen Krise von Juve und dessen Trainer Massimiliano Allegri absolut ernst genommen, was in Dortmund wiederum die Spieler an die eigene Stärke erinnern könnte. In den nächsten Wochen wird sich zeigen, ob Jürgen Klopp und sein Team den richtigen Weg gefunden haben.

Für diejenigen, deren Mannschaft in die gleiche psychologische Falle geraten ist, kann Folgendes gesagt werden: Versuchen Sie zu verstehen, dass egal welch ein dramatischer Situationsausgang auch immer in Frage kommt – Sie persönlich und Ihr Team werden es überleben. Damit erhöhen Sie die Wahrscheinlichkeit, dass alles, was Sie für die Verhinderung der „Katastrophe“ unternehmen, für Sie mit Erfolg ausgeht.

Links zu den weiteren Artikeln:

1.Christian Reinhardt: Mesut Özils Körpersprache

2.Stephan Neigenfink: „Der Traum war aus“

Quelle:
1.Kirn, T., Echelmeyer, L., Engberding, M. (2009). Imagination in der Verhaltenstherapie. Heidelberg: Springer Medizin Verlag

2. Meininghaus F. Die letzte Bastion bröckelt. Mitteldeutsche Zeitung, vom 6. Februar 2015

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Thomas Stickroth: „Im Profi-Fußball ist noch eine Menge Aufklärungsarbeit von Nöten!“

 

Für die-sportpsychologen.de berichtet:

Thomas Stickroth

Thomas Stickroth war 19 Jahre lang Profi-Fußballer. Er absolvierte 169 Bundesliga-Spiele und 222 Zweitliga-Einsätze. Sein größter Erfolg war die Qualifikation für UEFA-Pokal in der Saison 1996/1997 mit dem VfL Bochum. Inzwischen arbeitet er als Mentalcoach. Nach einer Coaching-Ausbildung durchlief er zweieinhalb Jahre eine Heilpraktikerschule für Psychotherapie. Er verfügt über verschiedene Lizenzen wie Life Kinetik, EMDR, NLP und Autogenes Training, aktuell bildet er sich im Themenbereich Neurofeedback (Peak Performance Training) fort.

 

 

Thomas Stickroth, stellen wir uns eine handelsübliche Trainerbank während eines Fußball-Bundesligaspiels vor: Dort sitzen neben den Auswechselspielern für gewöhnlich der Cheftrainer, zwei Co-Trainer, der Manager, der Teamarzt, zwei Physios, der Torwarttrainer und der Fitnesstrainer. Zwischen wem sollte der Sportpsychologe sitzen?

Auf der Tribüne.

Warum genau dort?

Weil alle Interventionen während eines Spiels von Chef beziehungsweise Assistenztrainer vorgenommen werden sollten! Interventionen des Mentalcoaches während eines Spiels könnte von Medien oder auch Spielern als Machtbeschneidung des Trainers interpretiert und wahrgenommen werden. Auch würde jede Aktion des Mentalcoaches von den Medien zusätzlich zerpflückt werden, was Unruhe bringen könnte. Zudem ist der Blick von oben besser, was die Körpersprache der einzelnen Spieler angeht! Insgesamt hat man auf der Tribüne einen deutlich besseren „Überblick“.

Nicht erst seit der Tele5 Sendung „Ultra“ (Do., 29.1.2015, Link zur Sendung) ist bekannt, dass das Thema Sportpsychologie im deutschen Profifußball noch nicht überall ernst genommen wird. Meistertrainer Felix Magath grinste zum Beispiel in der Sendung wie ein Schuljunge während der Sexualkunde im Biologie-Unterricht als die Sprache auf Sportpsychologen im Trainer- bzw. Funktionsteam kam? Woher rührt diese Fremdelei bei vielen Arrivierten im Geschäft?

Viele Trainer wissen ganz einfach nicht genügend über dieses Thema! Viele verbinden damit ein Gurugehabe seitens der Psychologen oder sie haben Assoziationen wie „über glühende Kohlen zu laufen“. Manche stellen sich auch vor, dass eine Psychologisierung stattfindet, dass die Spieler auf einer „Couch liegen“, um „mal darüber zu sprechen“, was wiederum nur etwas für „Softies“ ist!

Was kann die Sportpsychologie effektiv für einzelne Spieler oder ein gesamtes Team leisten?

Mit sportpsychologischen Methoden verbessern sich die Spieler darin, ihr Potenzial auszuschöpfen! Durch die Optimierung des inneren Dialoges, im Wettkampf stabil zu bleiben, ist ein großes Thema. Genauso, sich effektiv zu erholen, zum Beispiel durch PME. Mit dem klassischen Mentalen Training lassen sich aber auch die Bewegungsabläufe verfeinern. Es gibt Techniken, die Spielern dabei helfen, sich auf unerwünschte Situationen einzustellen, wenn also etwas mal nicht nach Routine abläuft.

Ich persönlich halte nicht so viel von Maßnahmen mit dem ganzen Team, da sich aus meiner Erfahrung heraus dann kaum jemand öffnet.

Wie geht die aktuelle Generation Profifußballer mit dem Thema um, herrscht mittlerweile mehr Offenheit?

Das braucht noch einige Zeit… viel hängt von den jeweiligen Entscheidern ab. Insgesamt ist im Profi-Fußball noch eine Menge Aufklärungsarbeit von Nöten!

Neymar, immerhin schon zu Diensten des FC Barcelona, hatte im vergangenen Sommer erstmalig Kontakt mit einem Sportpsychologen. Undzwar nach dem WM-Achtelfinale als sein Trainer Scolari merkte, dass die Spieler mit dem Druck nicht klarkommen. Solche Feuerwehreinsätze widersprechen grundlegend der Berufsauffassung der Sportpsychologie. Wie lange braucht es, bis die Sportpsychologie wie selbstverständlich zum Profi-Fußball dazugehört?

Viele Spieler sind eher skeptisch. Man muss zunächst das Vertrauen gewinnen und eben Überzeugungsarbeit leisten!

In der TV-Sendung „Ultra“ (direkt zum Beitrag) haben Sie betont, dass es wichtig sei, dass der Mentaltrainer aus dem Fußball kommt, um im Kreise des Teams akzeptiert zu werden. Woran scheitern aus Ihrer Sicht frisch universitär ausgebildete Sportpsychologen, wenn sie auf ein Profi-Fußballteam treffen?

Die Spieler müssen merken, dass man „Ahnung“ vom Fußball hat! Bei vielen Spielern steckt der Glaubenssatz im Kopf: „Was soll der mir beibringen, der hat doch nie hoch gespielt!“

 

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Thorsten Loch: Wenn das Team gefragt ist

Die brutale Enttäuschung war den Spielern der deutschen Handball-Nationalmannschaft nach dem Ausscheiden im WM-Viertelfinale gegen Gastgeber Katar anzusehen. Aber das Turnier ist noch nicht vorbei: Die in den vergangenen Jahren schwer gescholtene und in den letzten Tagen aber stark verbessert auftretende Mannschaft hat noch die Möglichkeit, sich  einen Platz in der Qualifikationsrunde für die Olympiateilnahme zu sichern. Dafür muss eines der beiden Spiele im Rennen um Platz fünf bzw. sieben gewonnen werden. Dies gelingt nur, wenn die Mannschaft noch stärker zusammenrückt und nach dem verpassten Halbfinale andere Ziele akzeptiert.

Zum Thema: Warum das Team vielmehr als eine Gruppe ist?

Ein Team ist nach Born und Eislin (1996) eine spezielle Form einer Gruppe, die sich durch eine klare Leistungsorientierung kennzeichnen lässt und für die die Leistung das vorrangige Ziel darstellt. Das Team bleibt immer das Mittel, nicht der Zweck. Anders ausgedrückt wird in echten Teams die Trennung zwischen denjenigen, die denken und entscheiden, und denen, die arbeiten und ausführen, aufgehoben.

Ein Team ist laut Born und Eiselin (1996) unter anderem dadurch gekennzeichnet, dass
1. ein ausgeprägtes Maß an innerem Zusammenhalt (Wir-Gefühl) und Engagement für die Team-Leistungsziele vorliegt;
2. die Zielerreichung als Existenzzweck zugrunde liegt;
3. die Teammitglieder relativ gleichberechtigt nebeneinander stehen und individuelle, sowie wechselseitige Verantwortung tragen;
4. das Team zusammen etwas schafft, das über die Summe der Beiträge der einzelnen Mitglieder hinausgeht.

Teams im sportlichen Kontext können nur dann erfolgreich agieren, wenn durch sie auch soziale Bedürfnisse der einzelnen Mitglieder berücksichtigt sind. Das einzelne Teammitglied muss sich auf die Gruppe einlassen: Ohne Investitionen in Zeit, den Entschluss da zu sein, das Registrieren der anderen, Sich-Einstimmen auf die anderen und dergleichen mehr ist ein Team nicht überlebensfähig. In diesem Zusammenhang nennt Linz (2004) drei grundlegende Faktoren, die funktionierende Teams ausmachen: Den Ausgangspunkt bildet das gemeinsame Ziel. Dabei muss man allerdings hervorheben, dass ein gemeinsames Ziel nicht vom Trainer oder von der Verbands- beziehungsweise Vereinsführung ausgegeben wird. Im aktuellen Fall ist eine solche Gemengelage gegeben: Für die weitere Handball-Entwicklung, also aus Verbandssicht, ist die mögliche Olympia-Qualifikation von größter Bedeutung. Mannschaftsintern hatte sich nach den guten Leistungen in der Vorrunde aber womöglich ein noch höheres Ziel etabliert. Hier muss es nun also gelingen, dieses strategische Ziel als gemeinsames Ziel in den Vordergrund zu rücken.  Denn ein gemeinsames Ziel bedeutet, dass jeder Einzelne in der Gruppe dieses Ziel verfolgt und unbedingt erreichen möchte und damit sich auch diesem Ziel unterordnet. Wenn die Gruppe das Ziel erreicht, muss auch jeder einzelne Sportler dieser Gruppe es erreicht haben.

Dies ist insbesondere auch dann gegeben, wenn die Erreichung des Ziels nur miteinander, in Abhängigkeit voneinander erreicht werden kann. Die Mannschaft braucht jeden einzelnen Sportler, um das gemeinsame Ziel zu erreichen. Und diese gegenseitige Abhängigkeit muss von den Mitgliedern der Mannschaft als etwas Positives erlebt werden. Jeder bringt etwas ein, was wertvoll für die gemeinsame Zielerreichung ist. Erhält der einzelne Spieler (auch der Einwechselspieler) diese Wertschätzung von den anderen Spielern, kann Teamgeist entstehen.

Optimierung der kollektiven Kompetenzerwartung

Die gemeinsame Überzeugung, als Team erfolgreich zu sein, gründet auf den Zusammenhalt innerhalb einer Mannschaft, dem Team-Klima und dem Umgang miteinander. Diese Faktoren können sich nicht unmittelbar vor dem Spieltag einstellen, sondern sind das Ergebnis eines langfristigen Teambuilding-Prozesses. Insofern muss aus Sicht der deutschen Handballöffentlichkeit in den verbleibenden WM-Tagen darauf gehofft werden, dass die in den vergangenen Monaten durch Bundestrainer Dagur Sigurdsson geschaffenen Strukturen schon so stabil sind, dass sich die Mannschaft auch nach einer ersten Enttäuschung wieder aufraffen kann. Hierbei geht es nun darum, sich auf die eigenen Stärken zu konzentrieren und Vertrauen in den eigene Leistungsfähigkeit zu haben. In der unmittelbaren Spielvorbereitung könnte Sigurdsson Schlüsselszenen in einer Videopräsentation zusammen schneiden und einsetzen. Wichtig ist, dass den Spielern gemeinsames erfolgreiches Agieren (erfolgreiche offensive Szenen, aber auch defensive Szenen, in denen gegenseitige Unterstützung und Hilfe deutlich wird – wovon es in der WM-Gruppenphase eine Vielzahl gab) den Sportlern vor Augen führt. Diese Videopräsentation sollte gemeinsame Erfolgserlebnisse zeigen, die das Wir-Gefühl stärken und die kollektive Wirksamkeit entwickeln. Eine weitere Möglichkeit, um die kollektive Kompetenzerwartung aufzubauen, führt über symbolisch-sprachliche Erfahrungen. Hier ist in erster Linie Sigurdsson mit seiner Ansprache gefragt. Erste empirische Hinweise lassen auf eine gewisse Bedeutung der dadurch erzeugten Emotionen schließen. Danach sind emonationalisierte Ansprachen wirksamer als technisch-taktische (Vargas-Tonsing/Bartolomew, 2006).

Mit einem Sieg im ersten Platzierungsspiel am Freitag gegen Kroatien wäre ein Platz in der Qualifikationsrunde für die Olympischen Spiele bereits gesichert. Gelänge dies nicht, müsste dann das Platzierungsspiel um Rang sieben gewonnen werden. Nach der Misserfolgsserie in den vergangenen Jahren wäre diese Platzierung in Verbindung mit dem bisherigen Turnierleistung mehr als ein Fingerzeig, dass der deutsche Handball wieder im Kommen ist und über eine gewachsene Nationalmannschaft verfügt.

 

Literatur:

Born/Eiselin: Teams – Chancen und Gefahren: Grundlagen ; Anwendung am Beispiel von Lean Management, Huber Verlag, 1996.

Lothar Linz: Erfolgreiches Teamcoaching. 4. Auflage. Meyer&Meyer Verlag, 2004.

Vargas-Tonsing/Bartolomew: An Exploratory Study of the Effects of Pregame Speeches on Team Efficacy Beliefs. Journal of Applied Social Psychology Volume 36, Issue 4, pages 918–933, April 2006

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Christian Reinhardt: Gefährliche Emotionen

Am Wochenende meldet sich sie Fußball-Bundesliga aus der Winterpause zurück. “Emotionen pur” sind nun wieder im wöchentlichen Rhythmus garantiert. Aber sind denn die Spieler überhaupt darauf ordentlich vorbereitet? Denn, was sich von der ersten bis in die tiefsten Ligen zum Beispiel rund um Torerfolge abspielt, ist für Trainer, Fans und Mitspieler nicht selten zum Haare raufen. Und dies, weil viele Akteure Probleme haben, ihre Emotionen zu kontrollieren und in die richtigen Bahnen zu lenken. Hierbei kann die Sportpsychologie helfen.

Zum Thema: Wie lassen sich Emotionen im Spielsport kontrollieren?

Im Fußball fallen Tore häufig in relativ kurzen zeitlichen Abständen. Dies kann zum einen geschehen, wenn die erfolgreiche Mannschaft nach dem Treffer sehr starke Freude empfindet und dadurch abgelenkt bzw. nicht voll konzentriert ist. Das Resultat ist dann häufig ein Gegentreffer. Denkbar ist aber auch, dass die Mannschaft, gegen die ein Tor erzielt wurde, frustriert ist, sich bereits Sorgen über eine mögliche Niederlage sowie deren Konsequenzen macht und deshalb das nächste Tor kassiert. Statistisch gesehen erhalten viele Torschützen darüber hinaus nach ihrem Treffer eine Verwarnung durch den Schiedsrichter. Hier kann vermutet werden, dass die große Freude über den Treffer in Übereifer resultiert. Aus diesem Grund ist die Emotionsregulation, also die automatische oder bewusste Nutzung von Strategien um Emotionen zu initiieren, aufrecht zu erhalten, zu modifizieren oder zu zeigen eine entscheidende Fähigkeit für einen Leistungssportler (Gross & Thompson, 2007).

Ein Spieler merkt, dass seine Wade langsam “zu macht”. Die emotionale Reaktion darauf ist wahrscheinlich Frust oder Sorge darüber, dass der Zustand schlechter wird und seine Leistungsfähigkeit beeinträchtigt. Dies führt wahrscheinlich dazu, dass der Spieler verkrampft, der Muskel weiter verhärtet, was in größerer Sorge, weiterer Verkrampfung usw. resultiert. Er hat nun mehrere Strategien zur Auswahl:

Entspannung

Der Spieler kann versuchen, über Entspannungsübungen (bspw. Atemübungen) die körperliche Spannung zu lösen. Das reduziert automatisch auch die Angst und wirkt somit einer weiteren Verkrampfung entgegen.

Fokusverlagerung

Es ist wichtig, den Fokus von der schmerzenden Wade zu nehmen. Das Blockieren eines Gedankens ist schwer und verbraucht eine Menge Ressourcen (probieren Sie es aus: denken sie nicht an den rosa Elefanten). Zielführender ist die Initiierung alternativer Kognitionen. Der Fußballer kann z.B. seinen Mitspielern Anweisungen geben (somit ist der Fokus auf das Spiel/die Taktik gerichtet).

Selbstgesprächsregulation

Eine effektive Form der Emotionsregulation besteht in der richtigen Führung von Selbstgesprächen. Dabei ist es wichtig, diese positiv zu formulieren, da das Unterbewusstsein Verneinungen nicht erkennen kann. Außerdem sollten Selbstgespräche im Präsens und der „Ich-Form“  gehalten werden, da sich auf die Gegenwart bezogen wird und man sich auch selbst angesprochen fühlen soll (Albinson & Bull, 1988; Neumann & Melinghoffer, 2001). Instruktionen könnten bspw. sein: „Ich bin gut“, “Ich bin voll da“, “Ich schaffe das“ oder im Sinne einer Rationalisierung: „Der Gegner ist genauso erschöpft wie ich“.

Vorstellungstraining

Der Spieler kann auch Erinnerungen oder Bilder, die positive Emotionen auslösen, ins Bewusstsein rufen. Bspw. vergangene Siege, Erfolge oder auch angestrebte Ereignisse.

Athleten, die wissen, welche emotionalen Zustände ihnen helfen bzw. schaden, können diese mit den aufgeführten Techniken gezielt beeinflussen. So können z. B. auch Ärger und Wut leistungsfördernd sein, wenn Spieler adäquat mit diesen Emotionen umgehen können. Entscheidender Faktor ist die Zeit. Sehr starke Emotionen nehmen in der Regulation meist mehr Zeit in Anspruch. In diesem Zusammenhang muss man den vermeintlich psychologisch günstigen Zeitpunkt zum Erzielen eines Tores – kurz vor der Halbzeit – kritisch betrachten. Tatsächlich kann die Mannschaft, die ein Tor kassiert hat, in der Pause in Ruhe ihre Emotionen regulieren und sich auf das weitere Spiel vorbereiten…

Der Blick ins Detail: Emotionen

Emotionen, die vor oder während eines Wettkampfs erlebt werden, haben Einfluss auf die Leistung (Hanin, 2010). Dabei wird grob positiven und negativen Emotionen unterschieden. Während man negativen Emotionen einen leistungsabträglichen Effekt nachsagt, gelten positive Emotionen gemeinhin als leistungsförderlich. Es ist nachvollziehbar, dass emotionale Zustände wie z.B. Angst, Hilflosigkeit oder Gefühle der Trauer die Leistungsfähigkeit stark beeinträchtigen können, während Freude oder Leidenschaft das individuelle Leistungsvermögen optimieren (Hermann  Mayer, 2008). Diese Aussage gilt allerdings nicht uneingeschränkt, da beide Formen in ihrer Konsequenz einen gemeinsamen Effekt haben: Es kommt zu einer zentralnervösen Aktivierung und häufig zu kognitiven Prozessen, die sich negativ auf die Leistungsfähigkeit auswirken, wie bspw. Ablenkung von der anstehenden Aufgabe oder Besorgniskognitionen (Stoll, Alfermann & Pfeffer 2012).

Literatur

Stoll, O., Alfermann, D. & Pfeffer, I. (2010). Lehrbuch Sportpsychologie. Bern: Huber.

Gross, J.J. & Thompson, R.A. (2007). Emotion regulation: Conceptual foundations. In J.J. Gross (Ed.), Handbook of emotion regulation (pp. 3-26). New York: The Guilford Press.

Hermann, H.-D.  Mayer, J. (2012). Sportpsychologische Praxis im Fußball. In D. Beckmann-Waldenmayer, J. Beckmann (Hrsg.) Handbuch sportpsychologischer Praxis. Balingen: Spitta.

Hanin, Y.L. (2010). Coping with anxiety in sport. In A. R. Nicholls (Ed.), Coping in sport: Theory, methods, and related constructs (pp. 159-175). Hauppauge, NY: Nova Science.

Neumann, G.; Mellinghoff, R. (2001): FundaMental. Training im Basketball. München: Sequenz Medien Produktion.

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Katharina Petereit: Andrea Petkovics Teufel

Seit 2007 ist  Andrea Petkovic, die zu Jahresbeginn auf Platz 13 der Weltrangliste gesetzt war, international erfolgreich. Immer wieder stoppten Verletzungen ihre sportliche Karriere, wie Anfang 2008 bei den Australian Open in Melbourne – Kreuzbandriss, acht Monate Verletzungspause. Vor wenigen Tagen eben bei diesem Grand-Slam-Turnier: Petkovic trainierte, die negativen Erinnerungen kehrten zurück, die großen Selbstzweifel kamen wieder und ließen sie nicht mehr los. Die taz und FAZ online berichteten von Petkovics Kampf gegen die kleinen Teufel in ihrem Kopf, „… die zu einer großen Plage werden können …“ (taz, 19.01.2015) und zur Niederlage in der ersten Runde führten.  

Zum Thema: Aufarbeitung negativer Erfahrungen und Umbewertung bedrohlicher Wettkampfsituationen

Fed-Cup-Teamchefin Barbara Rittner verlangt nach den Niederlagen der deutschen Tennisfrauen bei den Australian Open eine Aufarbeitung und kritische Auseinandersetzung der Fehler. Andrea Petkovic selbst konnte ihr Scheitern mit zu wenig Selbstbewusstsein in den „… entscheidenden Momenten …“ (kicker, 20.01.2015) erklären. Im Oktober 2014 brach sie in einem Interview nach der Erstrunden-Niederlage bei einem WTA-Turnier in Luxemburg in Tränen aus. Bereits zu diesem Zeitpunkt läuteten aus sportpsychologischer Sicht die Glocken. Sie berichtete von gesundheitlichen und privaten Problemen, durch die sie sich zu kraftlos fühlte, um Tennis zu spielen. Die ständigen Verletzungen, ihre negativen Gedanken, die sie immer wieder einholen und die Trennung von ihrem Trainer Eric van Harpen belasten die emotionale Tennisspielerin, wie es in Interviews und Berichten zu lesen ist. In dem Artikel der taz wird ein entscheidender Aspekt genannt – Petkovic habe längst begriffen, dass sie die Teufel nicht bekämpfen dürfe, sondern akzeptieren müsse. Doch das alleinige Erkennen einer Problematik und das wirkliche aktive Handeln sind zwei unterschiedliche Dinge. Petkovic ist zuvor bei den Turnieren in Brisbane und Sydney jeweils in der ersten Runde gescheitert, hat diese negativen Gedanken mit ins Training genommen und konnte sie bis zum Grand-Slam-Turnier nicht ablegen. Es lassen sich mehrere belastende Faktoren herausstellen, die eine grundsätzliche Aufarbeitung der negativen Gedanken und Ereignisse unumgänglich machen sollten.

Bewältigung negativer und leistungshemmender Erlebnisse

Wenn bestimmte negative Ereignisse den Athleten über lange Zeit verfolgen und der damit verbundene enorm negative Gefühlszustand bei ähnlichen Situationen wiederkehrt, kann von einem psychischen Trauma gesprochen werden (Baumann, 2011). Hieraus kann sich eine Hilflosigkeit entwickeln, die sowohl einen emotionalen als auch kognitiven Kontrollverlust hervorrufen. In Hinblick auf Petkovic ist zunächst die Aufarbeitung der ständigen Verletzungen und den damit einhergehenden Niederlagen wesentlich, um ein Großereignis wie die Australian Open nicht als Bedrohung, sondern als Herausforderung bewerten zu können. Diese Aufarbeitung kann beispielsweise mithilfe eines Stressimpfungstrainings stattfinden, welches eine Informationsphase (Bewusstwerden der kritischen Situationen), eine Übungsphase (Erlernen von Bewältigungsstrategien/Selbstinstruktionen) und eine Anwendungsphase (Bewältigungsstrategien praktisch umsetzen) umfasst (Meichenbaum, 1979; Ziemainz, 1999). Es geht vor allem um die Kontrolle von dysfunktionalen Selbstgesprächen und die Veränderung dieser in eine positive Bewertung der Anforderungen.

Ursachenzuschreibung und Neubewertung

Im Fall Petkovic ist zudem eine Ursachenzuschreibung, die so ähnlich auch Barbara Rittner fordert, notwendig. In dem Bericht der taz erklärt Petkovic, dass sie sich bereits im Training über jeden Fehler und jede misslungene Aktion Gedanken mache und bis ins Kleinste analysiere. Diese Gedanken sind ohne Frage nicht förderlich und machen die talentierte Tennisspielerin für den Wettkampf psychisch instabil. Durch eine funktionale Ursachenzuschreibung und das Abschließen mit einer Niederlage, kann ein Sportler sich ungehemmt auf neue Anforderungen vorbereiten, welche durch die Neubewertung der bisher bedrohlichen Situationen als Herausforderungen eingeschätzt werden sollten. Diese Neubewertung findet im Rahmen des Stressimpfungstrainings statt, welches die Bewältigungsressourcen stärken und den Sportler wieder handlungsfähig machen soll.

Dies sind nur einzelne Ansätze zur Auseinandersetzung und Bewältigung der belastenden Faktoren. Fest steht, dass jahrelang aufgestaute Ängste, Selbstzweifel und Verletzungspausen auch eine längere Aufarbeitungs- und Bewältigungsphase benötigen. Andrea Petkovic hat bereits 2010 mit einem Sportpsychologen zusammengearbeitet. Bleibt nur zu hoffen, dass sie diese Unterstützung immer noch oder erneut in Anspruch nimmt und somit auch vor wichtigen Ereignissen nicht mehr gegen die „kleinen Teufel“ kämpfen muss.

 

Weiterführende Literatur:

Baumann, S. (2011). Psyche in Form. Sportpsychologie auf einen Blick. Aachen: Meyer & Meyer Verlag.

Nittinger, N. (2008). Psychologisch orientiertes Tennistraining. Stuttgart: Neuer Sportverlag.

Ziemainz, H. (1999). Handlungskontrolle und Stressintervention im Triathlon. Aachen: Meyer & Meyer Verlag.

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Elvina Abdullaeva: Der Teddy des Erfolgs

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Der Teddybär einer jungen Athletin war immer auf allen Wettkämpfen dabei und jedes Mal hat ihr Lieblingsbär ihr Glück gebracht. Doch einmal wurde der treue Talisman ausversehen zu Hause vergessen. Deswegen ist alles beim Wettkampf schiefgegangen und ihre Ergebnisse waren deutlich schlechter. Ist das wirklich so, dass so eine kleine Sache, wie ein Teddybär, magische Eigenschaften hat und uns Superkräfte geben kann? Wie kann man die Wirkung vom Maskottchen auf unsere Leistung erklären und was sollte jeder Sportler über seine Talismane wissen?

Zum Thema: Die Auswirkung und der Nutzen von Maskottchen und Talismane für den Sportler.

Also, haben die Talismane eine magische Natur? Die Vernunft sagt „nein“. Viele Sportler haben aber ein Maskottchen oder einen Glücksbringer, die ihnen helfen, Top-Leistungen zu erzielen. Dennnoch muss man zugeben, es existiert leider – oder zum Glück – keine Magie. Die positiven Auswirkungen eines Maskottchens auf das Handeln einer Person kann dadurch erklärt werden, dass die Person in diesem Gegenstand besondere Erlebnisse verankert hat. Um diesen Prozess besser zu verstehen, kann man auf das berühmte Experiment von Pawlow zurückgreifen. Der russische Physiologe hat in seinem Experiment jedes Mal während der Nahrungsaufnahme der Hunde einen Klingelton als externen Stimulus erzeugt. Die Hunde haben im Laufe der Zeit den Klingelton mit dem Essen assoziiert, so dass der Forscher bei den Hunden die gleichen physiologischen Reaktionen (Speichelsekretion) ausschließlich auf einen Klingelton registrieren konnte. In der gleichen Art und Weise, wie der Klingelton, wirkt das Maskottchen auf den Sportler. Ein Blick darauf genügt und der Sportler erinnert sich – bewusst oder unbewusst – an alle Empfindungen und besonderen Erlebnisse, die er bei seinem vorherigen Sieg oder Siegen empfunden hat. Das kann man als ein Anker (Sinelnikov, 2012) bezeichnen, der dem Sportler hilft, augenblicklich körperlich und emotional einen Siegeszustand abzurufen. Diese Mischung von Gefühlen und Empfindungen ist ganz individuell. Nehmen wir das Beispiel Gelassenheit: Eine gehobene Stimmung oder ein Vorgefühl, dass „ich heute sehr gut drauf bin und mein Bestes zeigen kann“. Der Mensch erlebt dabei ähnliche Gefühle wie bei früheren Erfolgen und tritt mit Hilfe seines Talismans in einen sogenannten maximal effizienten Performancezustand ein.

Das Vorhandensein eines solchen Maskottchens ist eine wunderbare Sache und sehr nützlich. So ein Talisman könnte, und sollte sogar, künstlich anhand einfacher Techniken vom Sportler erstellt werden. Dabei möchte ich betonen, dass das Wort Talisman oder Maskottchen im übertragenen Sinne zu verstehen ist. Wir sprechen über einen Anker, der dem Menschen hilft, in herausfordernden oder schwierigen Wettkampfsituationen die ganze Palette von Siegesgefühlen zu reproduzieren. Dies könnten auch ein bedeutsames Foto, ein Lied, ein ermutigender Brief etc. sein. Das Wichtigste dabei ist, dass die Sportler wissen, ihr Talisman ist kein magischer Kraftträger, sondern ein Leiter zu ihrem Kampfgeist, zu Erinnerungen an frühere Siege, an ihre harte, erfolgreiche tägliche Trainingsarbeit-  kurzum: all die Dinge, dank derer es heute in ihrer Macht liegt, den bevorstehenden Wettkampf zu gewinnen.

Quelle:
1. (Sinelnikov) Синельников, В. (2012).Сила Намерения. Как реализовать свои мечты и желания. Москва: Центрполиграф

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Thorsten Loch: Mit neuem Trainer zum Erfolg zurück?

Mirko Slomka, Jens Keller, Robin Dutt und Armin Veh lauten die Namen der Fußball-Bundesligatrainer, die in der Hinrunde der Saison 2014/2015 entlassen worden sind. Ebenfalls vier waren es im gleichen Zeitraum der Vorsaison. Ganz klar: Trainerentlassungen sind und bleiben ein probates Mittel für Vereine in sportlicher Schieflage. Oft liegen einem  Rausschmiss aber fatale Fehleinschätzungen der sportlichen Leitung oder des Vorstands zu Grunde. Denn unser Gehirn spielt uns bei der Bewertungen von Leistungen so manchen unterbewussten Streich.

Zum Thema: Warum wird der Trainerwechsel immer noch als ein geeignetes Mittel gesehen, um wieder zurück in die Erfolgsspur zu finden und was sind mögliche Gründe für diese Annahme?

Im Gegensatz zum Bereich der Wirtschaft, in dem oft nicht klar definiert ist, an welchen Kriterien erfolgreiches Führen festgemacht werden kann, gibt es im Spitzensport ein einziges Kriterium. Den Erfolg, der sich in Siegen, Punkten, Platzierungen und Tabellenständen widerspiegelt. Dies hat zur Folge, dass die im Spitzensport exponierten Erfolgstrainer das Image der Berufsgruppe bestimmen (Hermann/Mayer, 2014). Die Beurteilung von Trainern auf der Grundlage von besonderer beruflicher Qualifikation, außergewöhnlichem Wissen oder pädagogisch-psychologischen Fähigkeiten zählen kaum oder sind häufig ohne Belang. Schmidt (2011) verglich die Verweildauer von Bundesligatrainern mit CEOs aus Wirtschaftsunternehmen und kam zu dem Ergebnis, dass der Verbleib eines Trainers enorm abhängig von den Ergebnissen seines Teams ist. 63% aller Entlassungen erfolgen aufgrund offenkundiger Erfolglosigkeit. Im Gegensatz dazu wurden nur 10% der CEOs entlassen, weil die Leistungen nicht den Erwartungen des Unternehmens entsprachen.

Rauswurf die falsche Strategie

In einer weiteren Studie von Strauss und Tippenhauer (2003) wurden in 35 Spielzeiten knapp 10.000 Spiele und deren Ergebnisse analysiert und dabei besonders die vorzeitigen Entlassungen untersucht. Musste ein Trainer seinen Hut nehmen, wurden die zwölf Spiele davor und die zwölf Spiele danach näher betrachtet. Das Fazit ist, dass der Rauswurf die falsche Strategie ist. Die neuen Trainer hätten keine Besserung gebracht, wenn deren Vorgänger wegen den Spielergebnissen gehen mussten. Häufig hätten neue Trainer zwar einen kurzfristigen Aufwind gebracht, siehe den Nachfolger von Armin Veh Stevens, sind jedoch umso unsanfter mit der Mannschaft wieder abgestürzt. Doch warum wird dennoch, trotz wissenschaftlich belegten Ergebnissen, immer noch der Trainerwechsel als ein probates Mittel gesehen, um die Mannschaft wieder in die Spur zu bringen?

Rückschaufehler, Erkenntnis-Illusion und Halo-Effekt

Die ausschließliche Fixierung auf die erzielten Ergebnisse kann Trainer und Funktionäre dazu verleiten, Gegebenheiten die de facto außerhalb ihrer Kontrolle liegen, als durch sie kontrollierbar einzuschätzen. Die Folge davon ist, dass diese Personengruppe zu stark auf sich selbst und ihre Leistung fixieren. Dieser systematische Fehler wird auch als Rückschaufehler bezeichnet. Der Rückschaufehler beruht auf der mangelnden Fähigkeit des menschlichen Verstandes, vergangene Wissenszustände oder Überzeugungen, die sich gewandelt haben, zu rekonstruieren. Sobald man von einer neuen Sicht der Dinge überzeugt ist, verzerrt sich die Erinnerung an das, was man glaubte, ehe man seine Einstellung ändert. In der Rückschau werden dann beispielsweise mit Erfolg belohnte Entscheidungen, die nahezu unausweichlich immer auch Unsicherheit und Risiko enthalten, kaum als „glücklich“, sondern meist als wissend und umsichtig bewertet. Diese Art der kognitiven Täuschung ist eng verwandt mit der so genannten Erkenntnis-Illusion. Sie besagt, dass das Erzählen von Geschichten die Wirklichkeit insofern verdreht und vereinfacht, als der erzählten Realität nachträglich Sinn verliehen und dafür alles, was nicht passt, verdrängt wird. Rückschaufehler und Erkenntnis-Illusion sind die hartnäckigsten und gefährlichsten Denkfehler. Die Problematik besteht darin, dass sie die Illusion nähren, man habe die Vergangenheit verstanden, was wiederum die Folgeillusion bekräftigt, man könne die Zukunft vorhersagen und kontrollieren. Diese Denkfehler können zu einer gewissen Selbstüberschätzung führen und dazu verleiten, falsche Entscheidungen zu treffen. Desweiteren passiert es auch häufig, dass sich Beurteiler von einer Eigenschaft einer Person blenden lassen und – ohne dafür eine Grundlage zu haben – deren Persönlichkeit danach beurteilen. Dieses Phänomen wird auch als Halo-Effekt bezeichnet und lässt sich derzeit gut an der Person Jürgen Klopp fest machen. Galt Jürgen Klopp in der Zeit des sportlichen Erfolgs noch als ein lässiger, cleverer Trainer mit einer klaren Art Fußball spielen zu lassen, wird ihm dieses derzeit gegensätzlich vorgeworfen – keine klare Linie, stetig wechselnde taktische Formationen und eine sukzessive Abkehr vom Erfolgssystem der vergangenen Jahre. Die völlig gegensätzlichen Beschreibungen zu ein und derselben Person erhalten nur durch das Kriterium des Erfolgs als einzigen Beurteilungsmaßstab so etwas wie Plausibilität.

Strauss und Tippenhauer (2003) führen zudem die alljährlich wiederkehrende Welle der Trainerentlassungen in der Fußballbundesliga auf den hohen öffentlichen Druck zurück, dem Manager und Vereinsführung ausgesetzt sind. Die Entscheidungsträger sind gut darin beraten, sich nicht allzu schnell zu einer Entscheidung hinreißen zu lassen, und den Trainer, der womöglich Jahre zuvor erfolgreiche Arbeit geleistet hat, zu beurlauben, nur weil die sportliche Erfolg derzeit ausbleibt, jedoch die Arbeit zusammen mit dem Team noch hervorragend läuft.

 

Literatur:

Hermann, H.-D./Mayer, J. (2014). Make them go! Murmann Verlag GmbH: Hamburg.

Schmidt, S. (2011). In the Line of Fire: Verweildauer von Bundesligatrainern und CEOs in Deutschland. Eine vergleichende Analyse. EBS Buisness School: Research Paper Series, 11 – 02.

Tippenhauer, A./Strauss, B. (2003). Trainerentlassungen in der Fußballbundesliga, S. 334. In: Bernd Strauss et al. (Hrsg.): Sport goes media Czwalina Verlag: Hamburg

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