Eine American Football Spielerin hat sich an uns gewandt. Sie hatte vergangenes Jahr nach einem Tackling gesundheitliche Probleme, die zu einer Operation an der Schulter führten. Nach dem langen Genesungsweg ist sie körperlich wieder fit, bekommt aber Angstzustände, wenn es im Training ins Tackling geht. Sie bekommt keine Luft, fängt an zu weinen, muss aussetzen. Ihre Frage: “Ich fühle mich, als würde ich nichts zu meinem Team beitragen, und bin zunehmend frustriert. Wie bekomme ich diese Angstreaktion in den Griff und kann wieder als Teil meines Teams bei Spielen auf dem Platz stehen?”
Zum Thema: Umgang mit Schmerzen nach Verletzungen

Antwort von: Prof. Dr. René Paasch (zum Profil)
Viele Athletinnen und Athleten erleben nach einer schweren Verletzung, dass der Körper medizinisch wieder belastbar ist, während das Gehirn in Situationen, die an den Unfall erinnern, weiterhin mit einer starken Alarmreaktion reagiert. Gerade in einer Kontaktsportart wie American Football ist das keine ungewöhnliche Erfahrung.
Angst, Luftnot oder das Bedürfnis, die Situation sofort zu verlassen, sind zunächst Schutzreaktionen des Nervensystems. Nach einer Verletzung braucht häufig nicht nur der Körper Zeit für die Rehabilitation, sondern auch das Vertrauen in die eigene Belastbarkeit.
Für die Rückkehr in den Sport hat sich ein schrittweiser Belastungsaufbau bewährt. Anstatt sofort wieder ins volle Tackling einzusteigen, können zunächst kontrollierte Kontaktübungen und anschließend zunehmend spielnahe Situationen helfen. Jede positive Erfahrung unterstützt dabei, das Vertrauen in den eigenen Körper wieder aufzubauen.
Hilfreich kann außerdem sein, die Aufmerksamkeit bewusst auf die jeweilige Aufgabe zu richten, etwa auf die Technik, die Bewegungsausführung oder den Atem, anstatt sich gedanklich mit einer möglichen erneuten Verletzung zu beschäftigen. Ein offener Austausch mit dem Trainerteam schafft die Möglichkeit, den Wiedereinstieg individuell zu gestalten und den Belastungsaufbau gemeinsam abzustimmen.
Da Sportpsychologinnen und Sportpsychologen meist keine Psychotherapeutinnen oder Psychotherapeuten sind, sollte bei anhaltenden oder sehr ausgeprägten Angstreaktionen eine ärztliche oder psychotherapeutische Abklärung erfolgen. Auf dieser Grundlage kann gemeinsam entschieden werden, welche Form der Unterstützung im weiteren Verlauf sinnvoll ist. Sportpsychologie und Psychotherapie haben unterschiedliche Aufgaben und können sich bei der Rückkehr in den Sport sinnvoll ergänzen.

Antwort von: Klaus-Dieter Lübke Naberhaus (zum Profil)
Ich kann dem Kollegen René Paasch hier nur beipflichten. Leider sehen wir zwar die körperliche Rehabilitation nach sportlichen Verletzungen, vergessen jedoch die mentale Verletzung, die parallel stattfindet. Manchmal ist der Athlet so resilient, dass dies keine Auswirkungen hat. Oftmals treten die Probleme dann erst in der Phase “Return to sports” oder “return to competition” auf.
Auch ohne die von Ihnen geschilderten psychischen und mentalen Symptome, sollte die Aufbelastung und Wiedereingliederung gerade in zweikampforientierten Sportarten immer stufenweise erfolgen. Hier können Anpassungen dann auch im Bereich des Mentalen erfolgen.
Die bei Ihnen auftauchenden Symptome sind Anzeichen einer Schutzreaktion, die verhindern soll, dass eine solche Verletzung wieder auftreten kann, also letztendlich ein sinnvoller Mechanismus. Dieser kann sich jedoch auch verselbstständigen und sich in einer Angststörung manifestieren. Zudem ist auch immer die Möglichkeit einer posttraumatischen Belastungsstörung in Betracht zu ziehen.
Aus meiner Sicht sollten Sie, wenn die Symptome schon länger anhalten und sich auch eher verstärken, das heißt von Ihnen schwer zu beeinflussen sind, sportpsychologische Hilfe suchen. Gemeinsam kann dann entschieden werden, ob nicht doch weitergehende psychotherapeutische Hilfe notwendig ist.
In der auftretenden Angstsituation sind die Konzentration auf eine kontrollierte Ein- und Ausatmung hilfreich, weiterhin auch das Setzen schmerzhafter Reize durch eigenes Kneifen, kräftige Geruchs- und Geschmacksreize oder auch der körperliche Kontakt vertrauter Personen. Hier sollten sie für sich schauen, was in der Trainingssituation am ehesten realisierbar ist.

Antwort von: Christian Bader (zum Profil)
Danke, dass du deine Situation so offen teilst. Ich schreibe das im Wissen, dass mir hier zu wenig Kontext vorliegt, um dir schriftlich wirklich umfassend zur Seite zu stehen.
Deine Frustration und das Gefühl, nichts beizutragen, zeigen vor allem, wie viel dir dieser Sport und dieses Team bedeutet. Der Satz „Ich trage nichts bei“ ist hart und selbstbegrenzend, dein Kopf legt ihn dir unter Druck hin. Gib ihm Beachtung, hör ihn und mach trotzdem den nächsten kleinen Schritt. Es ist ein Gedanke, keine Tatsache.
Die grösste Falle wäre, die Angst erst „wegkriegen“ zu wollen, bevor du wieder aufs Feld gehst. Du reflektierst das schon sehr klar und erkennst, was da ist. Und was da ist, darf erst mal sein, so unangenehm es auch ist.
Den hilfreichen Weg hast du bereits eingeschlagen: in kleinen Dosen Richtung Feld, mit der Angst an Bord. Hol dein Umfeld mit ins Boot, sprich mit deinem Coach und einer engen Teamkollegin und Deinem medizinischen Umfeld (Physio, Haus- oder Sportarzt). Im American Football gibt es meist ein Return-to-Participation-Protokoll, primär für Kopf-, Nacken- und Rückenverletzungen, aber ich halte es für einen geeigneten Stufenplan zurück in Stärke und Leistung nach einer Verletzung. Dein Team ist keine Jury, vor der du versagst, sondern Teil deines Weges zurück. „Beitragen“ heisst gerade jetzt vielleicht auch: da sein, kommunizieren, dich Schritt für Schritt zurück arbeiten, das zählt mehr, als dir womöglich bewusst ist.
Und dann gibt es eine ehrlichere, tiefere Schicht, die wir als mögliche Ursache ansprechen sollten: Vielleicht geht es an einem Punkt nicht (mehr) so weiter wie vorher, und vielleicht stellt sich die Frage „Lohnt sich das für mich überhaupt noch?“ Dieses ständige Ringen, zurück wollen, sich hochkämpfen, wieder aussetzen, kann mürbe machen. Diese Frage zu stellen ist kein Aufgeben; sie ehrlich anzuschauen verdient Respekt.
Du merkst an deiner eigenen Frustration, wie sehr du zurück auf den Platz willst, das ist die beste Voraussetzung. Der Weg führt nicht darüber, die Angst zu besiegen, sondern darüber, in kleinen, selbstgewählten Schritten wieder auf das zuzugehen, was dir wichtig ist. Dass die Angst dabei leiser wird, kommt als Nebenprodukt.
Ich weiss, dass sich damit noch nichts gelöst hat, aber dass du das so offen ausspricht und dir genau diese Fragen stellst, ist bereits eine Stärke, die dich trägt, wohin dein Weg auch führt.
Und den musst Du nicht alleine gehen. Unser Netzwerk ist da https://coaching.die-sportpsychologen.de/

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