Eine Kombirunde im Minigolf umfasst 36 Bahnen: 18 Bahnen werden auf Beton, 18 auf Eternit gespielt. Von außen betrachtet scheint die Aufgabe dabei immer gleich zu bleiben. Ball hinlegen, Schlag ausführen, einlochen. Doch wer selbst spielt, weiß, wie wenig diese Beschreibung mit den tatsächlichen Anforderungen zu tun hat. Schon während einer einzigen Runde können sich die Bedingungen verändern. Die Sonne erwärmt eine Bahn, der Wind nimmt zu oder Feuchtigkeit beeinflusst das Laufverhalten des Balls. Jede Anlage bringt eigene Besonderheiten mit, selbst wenn die Hindernisse auf den ersten Blick vertraut erscheinen. Hinzu kommt das Material: Welcher Ball passt zur gewählten Variante? Wie stark muss er temperiert werden? Wie wird er springen, bremsen oder rollen? SpielerInnen und BahnbetreuerInnen müssen diese Fragen bereits in der Vorbereitung beantworten und die erarbeiteten Lösungen im Wettkampf möglichst präzise umsetzen. Ein Ass kann Sicherheit geben, ein vermeidbarer Fehler Zweifel auslösen. Trotzdem verlangt die nächste Bahn wieder volle Aufmerksamkeit – nicht für das, was gerade passiert ist, sondern für eine neue Aufgabe unter möglicherweise schon wieder veränderten Bedingungen.
Zum Thema: Wie gelingt es MinigolferInnen, trotz wechselnder Bahnen, Materialien und Umweltbedingungen immer wieder präzise zu handeln?
Präzision ist mehr als Wiederholung: Präzisionssportarten werden häufig mit der Vorstellung verbunden, eine einmal erlernte Bewegung möglichst exakt zu wiederholen. Auch im Minigolf scheint der ideale Schlag auf den ersten Blick klar definiert: gleicher Stand, gleicher Bewegungsablauf, gleicher Treffpunkt. Je geringer die Abweichung, desto besser das Ergebnis. Diese Vorstellung greift jedoch zu kurz. Denn selbst eine technisch stabile Bewegung führt nicht unter allen Bedingungen zum gleichen Resultat. Die Besonderheiten einer Anlage sowie Veränderungen von Material und Umwelt beeinflussen, wie eine vorbereitete Variante gespielt werden muss. Die entscheidende Leistung besteht deshalb nicht darin, äußere Veränderungen auszublenden und eine Bewegung unter allen Umständen identisch auszuführen. SpielerInnen müssen vielmehr eine vorbereitete Lösung unter den jeweils aktuellen Bedingungen möglichst präzise umsetzen.
Person, Aufgabe und Umwelt wirken zusammen
Ein geeigneter Ansatz, um diese Anforderungen zu erklären, ist der Constraints-Led Approach. Seine theoretischen Wurzeln liegen in der ökologischen Dynamik und der Bewegungswissenschaft. Ausgangspunkt ist die Annahme, dass sportliche Handlungen nicht ausschließlich aus einer erlernten Technik entstehen. Sie entwickeln sich vielmehr aus dem fortlaufenden Zusammenspiel zwischen der ausführenden Person, der konkreten Aufgabe und den jeweiligen Umweltbedingungen (Davids et al., 2008).
Der Begriff constraints lässt sich dabei nur unzureichend mit „Einschränkungen“ übersetzen. Gemeint sind sämtliche Bedingungen, die mögliche Handlungen begrenzen, strukturieren oder in eine bestimmte Richtung lenken. Newell (1986) unterscheidet drei grundlegende Bereiche:
- Zu den individuellen Bedingungen gehören beispielsweise Technik, Erfahrung und Materialkenntnis. Auch der aktuelle körperliche und mentale Zustand spielt eine Rolle: Müdigkeit, Anspannung oder nachlassende Aufmerksamkeit können beeinflussen, wie sicher eine vorbereitete Lösung ausgeführt wird.
- Die aufgabenbezogenen Bedingungen werden unter anderem durch das Bahnprofil, das Hindernis, den vorgesehenen Laufweg, den Zielpunkt, das notwendige Tempo und den gewählten Ball bestimmt.
- Die Umweltbedingungen umfassen äußere Einflüsse wie Temperatur, Wind, Feuchtigkeit, Licht und den Zustand der Anlage. Der einzelne Schlag entsteht damit nie losgelöst von seiner Umgebung. Er ist das Ergebnis einer aktuellen Abstimmung zwischen Person, Aufgabe und Umwelt.
Die ökologische Psychologie bezeichnet die in einer Situation wahrgenommenen Handlungsmöglichkeiten als Affordanzen (Gibson, 1979). Welche Möglichkeiten SpielerInnen erkennen und zuverlässig umsetzen können, hängt unter anderem von ihrer Erfahrung, ihrer Technik und dem verfügbaren Material ab.
Gut vorbereitet – und trotzdem anpassungsfähig
Das bedeutet allerdings nicht, dass SpielerInnen während eines Turniers an jeder Bahn spontan nach einer neuen Lösung suchen. Die entscheidende Vorbereitung beginnt deutlich früher. Im Vorfeld werden die Bahnen ausgespielt, mögliche Varianten geprüft, geeignete Bälle ausgewählt und Zielpunkte sowie Laufwege festgelegt. Idealerweise entstehen dabei nicht nur bevorzugte Lösungen, sondern auch vorbereitete Alternativen für unterschiedliche Bedingungen. Im Wettkampf geht es dann vor allem darum, diese Lösungen zuverlässig abzurufen und gleichzeitig zu überprüfen, ob die aktuellen Voraussetzungen noch zu dem passen, was im Training erarbeitet wurde. An dieser Stelle wird die Bedeutung der BahnbetreuerInnen sichtbar. Sie beobachten die Bedingungen, bereiten die vorgesehenen Bälle passend vor und geben relevante Informationen an die SpielerInnen weiter. Der Schlag selbst wird individuell ausgeführt, seine Vorbereitung ist jedoch häufig das Ergebnis einer abgestimmten Zusammenarbeit.
Anpassungsfähigkeit bedeutet im Minigolf deshalb nicht, ständig alles umzustellen. Sie besteht vielmehr darin, die vorbereitete Lösung an den tatsächlich vorgefundenen Bedingungen auszurichten – und nur dann eine Alternative zu wählen, wenn die ursprüngliche Variante nicht mehr zuverlässig funktioniert.
Konzentration heißt, das Relevante zu erkennen
Aus dieser Perspektive bekommt auch Konzentration eine differenziertere Bedeutung. Über eine gesamte Kombirunde hinweg dauerhaft maximal angespannt zu bleiben, wäre weder realistisch noch hilfreich. Entscheidend ist vielmehr, die Aufmerksamkeit im richtigen Moment auf die Informationen zu richten, die für den nächsten Schlag relevant sind. Vor einer Bahn können dabei unterschiedliche Fragen im Vordergrund stehen:
- Hat sich die Temperatur verändert?
- Ist der Ball passend vorbereitet?
- Gibt es eine Besonderheit im Laufverhalten?
- Welche Information der Bahnbetreuung ist jetzt wichtig?
Entscheidend ist dabei auch: Gelingt es, sich vollständig mit dieser Aufgabe zu beschäftigen – oder hängt die Aufmerksamkeit noch am Ergebnis der vorherigen Bahn? Expertise zeigt sich daher nicht allein in einem stabilen Bewegungsablauf. Sie zeigt sich auch darin, relevante Veränderungen frühzeitig zu erkennen, unwichtige Reize auszublenden und einer gut vorbereiteten Lösung zu vertrauen. Diese Fähigkeit sollte auch im Training berücksichtigt werden. Technische Wiederholungen unter konstanten Bedingungen bleiben wichtig. Sie können jedoch durch Situationen ergänzt werden, in denen SpielerInnen unterschiedliche Bedingungen wahrnehmen, ihre vorbereiteten Lösungen überprüfen und ihre Entscheidungen anschließend reflektieren müssen. Im Sinne eines repräsentativen Lerndesigns sollten im Training somit auch jene Wahrnehmungs- und Anpassungsanforderungen vorkommen, die später im Wettkampf bewältigt werden müssen (Pinder et al., 2011).
So wird nicht nur die technische Ausführung trainiert, sondern auch die Fähigkeit, relevante Veränderungen zu erkennen und angemessen darauf zu reagieren.
Fazit
Minigolf verlangt mehr als die identische Wiederholung einer eingeübten Bewegung. Bälle, Laufwege und Schlagvarianten werden vor dem Wettkampf sorgfältig erarbeitet, müssen im Turnier jedoch unter veränderlichen Bedingungen zuverlässig umgesetzt werden. Der Constraints-Led Approach macht sichtbar, dass Präzision aus dem Zusammenspiel zwischen Person, Aufgabe und Umwelt entsteht.
Erfolgreiche SpielerInnen benötigen deshalb neben einer stabilen Technik auch die Fähigkeit, relevante Veränderungen wahrzunehmen, sich mit ihrer Bahnbetreuung abzustimmen und auf ihre Vorbereitung zu vertrauen. Präzision bedeutet im Minigolf somit nicht, immer exakt dasselbe zu tun. Sie bedeutet, eine gut vorbereitete Lösung unter den jeweils aktuellen Bedingungen zuverlässig umzusetzen. Doch auch ein vorausgegangener Fehler kann die Voraussetzungen für den nächsten Schlag verändern. Wie SpielerInnen danach wieder handlungsfähig werden und warum sich genau das trainieren lässt, steht im Mittelpunkt meines nächsten Beitrags. Bleibt dieser Plattform also verbunden. Wer vorher schon mehr wissen möchte, nehme gern Kontakt auf.

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Literatur
Davids, K., Button, C., & Bennett, S. (2008). Dynamics of skill acquisition: A constraints-led approach. Human Kinetics.
Gibson, J. J. (1979). The ecological approach to visual perception. Houghton Mifflin.
Newell, K. M. (1986). Constraints on the development of coordination. In M. G. Wade & H. T. A. Whiting (Eds.), Motor development in children: Aspects of coordination and control (pp. 341–360). Martinus Nijhoff.
Pinder, R. A., Davids, K., Renshaw, I., & Araújo, D. (2011). Representative learning design and functionality of research and practice in sport. Journal of Sport & Exercise Psychology, 33(1), 146–155. https://doi.org/10.1123/jsep.33.1.146
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