Toni Kroos an der Eckfahne: Aberglaube, Ritual oder Automatismus?

In der Halbzeit des zweiten deutschen EM-Spiels gegen Ungarn zeigte Magenta TV Bilder von Toni Kroos. Der deutsche Superstar war zu sehen, wie er seine Eckbälle vorbereitete. Tief gebeugt richtete er einen Schienbeinschoner, dann die Stutzen und die Hose. Offenbar tat er dies in einer festen Reihenfolge.

Magenta TV-Reporter Sascha Bandermann identifizierte die Kroos`sche Handlungsfolge als Aberglaube. Und meinte, dass es immer gefährlich werde, wenn bei einer solchen Reihenfolge mal etwas durcheinandergeht. Dann komme nämlich Unsicherheit auf. 

Aber einen Schritt zurück: Ist die Angewohnheit von Toni Kroos vor Eckbällen nicht eher ein Ritual? Eine Routine? Oder gar ein Automatismus? Was sollten wir darüber wissen?

Zum Thema: Bedeutung von Ritualen im Sport

Anke Precht, Die Sportpsychologen
Anke Precht, Die Sportpsychologen

Antwort von Anke Precht (zum Profil):

Letztlich entscheidet nicht die regelmäßige Handlung darüber, ob das, was Toni Kroos vor seinen Eckbällen macht, ein Ritual oder ein Aberglaube ist, sondern seine Bewertung dessen, was er tut, und mögliche Konsequenzen. Bandermann müsste also in den Kopf des Mittelfeldspielers schauen können, um das zu beurteilen. Ich vermute, das hat er nicht gemacht.

Was macht den Unterschied aus? Ein Ritual ist eine bestimmte Abfolge von Bewegungen oder Handlungen, die auf eine bestimmte Aktion vorbereiten. Sie helfen dabei, einen optimalen Fokus zu erlangen, quasi in den “Tunnel” zu kommen. Sie finden in einer ganz bestimmten Situation statt und immer auf die gleiche Weise und helfen, etwas Positives zu gestalten, die Konzentration zu bündeln, Gedanken auszuschalten und so weiter.

Ein Aberglaube basiert auf der Überzeugung, dass man etwas Bestimmtes tun muss oder auf keinen Fall tun darf, damit man Glück oder kein Pech hat. Das könnte zum Beispiel zu solchen Gedanken führen: “Wenn sich mein Schienbeinschoner nicht gut richten lässt, geht der Eckball ins Aus.” Oder: “Wenn ich Gündogan von rechts vorne vor die Füße laufen, führt der nächste Eckball zum Tor.”

Ich denke nicht, dass Kroos so unterwegs ist. Dafür spielt er viel zu gut und zu konstant. Er hat vermutlich gelernt, die Macht positiver Rituale für sich zu nutzen. Ob das inzwischen zum Automatismus geworden ist oder bewusst abgerufen wird, spielt am Ende keine Rolle mehr.

Klaus-Dieter Lübke Naberhaus, Die Sportpsychologen
Klaus-Dieter Lübke Naberhaus, Die Sportpsychologen

Antwort von Klaus-Dieter Lübke Naberhaus (zum Profil):

Da kann ich die Kollegin Anke Precht nur noch mal unterstützen. Rituale sollten der Fokussierung, Konzentration und Automatisierung von Bewegungsabläufen dienen. Und damit gehören sie zum mentalen Handwerkszeug und Baukasten von Sportlern, aus denen sich der eine mehr und der andere weniger bedient. Oftmals sind sie verbunden mit einer Imagination der Bewegungsausführung oder einer Auswahl zwischen verschiedenen taktischen Auswahlmöglichkeiten.

Sind diese Rituale jedoch mit Glaubenssätzen verbunden, so dass sie bei Nichteinhaltung zur nicht gelingenden Handlung, zum Mißerfolg führen, dann werden sie dysfunktional, also beeinträchtigen die Leistungsfähigkeit des Sportlers.

Das kann sich dann bei bestimmten Menschen bis hin zu Zwangsstörungen steigern, bei denen solche Rituale dann auch als quälend empfunden werden. Zwangsstörungen liegen dann vor, wenn solche Rituale (Zählen, Händewaschen, Wiederholung von Bewegungen) durchgeführt werden müssen (Zwang), weil ansonsten Gefahren drohen, sich katastrophale Dinge ereignen oder Misserfolg droht. Bei Nichtdurchführung dieser Rituale kommt es dann zum Aufbau einer inneren Spannung.

Wir sehen also, Rituale können hochgradig funktional sein, jedoch auch in die Dysfunktionalität kippen. Somit gehört auch der Umgang mit Ritualen und Glaubenssätzen zum Training eines Leistungssportlers.

Danijela Bradfisch, Die Sportpsychologen
Danijela Bradfisch, Die Sportpsychologen

Antwort von Danijela Bradfisch (zum Profil):

Antwort zum Hören:

Ich unterstütze meine beiden Kollegen und möchte gerne aber noch ein weiteres Wort hinzufügen – Routinen.

Eine Routine ist eine regelmäßige Handlung oder Aktivität, die oft unbewusst oder automatisch ausgeführt wird, wie z.B. das tägliche Zähneputzen oder von mir aus das Hochziehen von Socken. Es hilft den Fokus zu setzen, auf das, was als Nächstes ansteht, z.B. eine Ecke. Als Rituale hingegen sind spezielle Handlungen oder Abläufe zu verstehen, die bewusst und mit Bedacht durchgeführt werden. Oft, um eine bestimmte Bedeutung oder Symbolik zu verleihen, wie zum Beispiel das gemeinsame Abendessen im Anschluss mit dem Team oder das morgendliche Joggen nach dem Spiel. Kurz gesagt, Routinen sind wiederkehrende Gewohnheiten, während Rituale eine tiefere emotionale oder spirituelle Bedeutung haben können.

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Mathias Liebing
Mathias Liebinghttps://www.torial.com/mathias.liebing
Redaktionsleiter bei Die Sportpsychologen und freier Journalist Leipzig Deutschland +49 (0)170 9615287 E-Mail-Anfrage an m.liebing@die-sportpsychologen.de