Grundlagen, um als Team erfolgreich zu sein

Während der Fußball-Europameisterschaft und später auch bei den Olympischen Spielen wollen wir euch daran teilhaben lassen, wie wir den Sport sehen und erleben. Wir wollen zeigen, wie wir von Die Sportpsychologen ticken. Wir wollen euch inspirieren, wie wir euch unterstützen können. Jeder und jede auf seine Weise. Denn die Wege zum Ziel können krass unterschiedlich sein. So unterschiedlich wie wir im Netzwerk sind und so wie ihr seid. Beispiel gefällig?

Zum Thema: Erfolgsfaktoren für Mannschaften

Kyle Varley, Die Sportpsychologen
Kyle Varley, Die Sportpsychologen

Kürzlich hat Kyle Varley (zum Profil) via LinkedIn Gedanken zur Fußball-Europameisterschaft geteilt. Leitfrage: EM 2024 – Was braucht es als Team um erfolgreich zu sein? Er hat folgende Punkte notiert:

  • Gemeinsame Werte: Das ganze Team muss am gleichen Strick ziehen.
  • Einen Lauf: Hört man sich Interviews von erfolgreichen Teams an, spielen sie sich oft immer mehr und mehr in einen Flow.
  • Starke Leader: Es braucht in den herausforderndsten Momenten starke Leader, die als Vorbilder vorangehen.
  • Einen coolen Trainer: In den hitzigsten, nervösesten Spielen braucht es einen Trainer an der Seitenlinie, der cool bleiben kann.
  • Bodenständige Spieler: Keiner ist grösser als das Team, jeder muss bereit sein, für den Anderen zu gehen.
Klaus-Dieter Lübke Naberhaus, Die Sportpsychologen
Klaus-Dieter Lübke Naberhaus

Werte, Leader, Stimmung

Kyle hat dann aufgerufen, seine Punkte zu ergänzen und zu diskutieren. Und das haben wir im Netzwerk getan. Klaus-Dieter Lübke Naberhaus (zum Profil), der seit Jahren unter anderem Auswahlteams der Deutschen Handball-Bundes (DHB) und Vereinsmannschaften als Sportmediziner und sportpsychologischer Experte betreut, hat Kyles Punkte ergänzt. Aus seinem eigenen Betrachtungswinkel:

  • Gemeinsame Werte: An einem Strang ziehen? Da bin ich anderer Meinung. Ich habe schon erfolgreiche Mannschaften gesehen mit grundverschiedenen Auffassungen von Werten, in denen auch massive Antipathien herrschten. Entscheidender ist das gemeinsame Ziel, dem dann alles andere untergeordnet wird. Ob ein unterschiedliches Werteverständnis oder die Streitigkeiten und Animositäten, die untereinander herrschen. Und dieses große Ziel gehört in kleine Schritte unterteilt, um den herrschenden Druck zu reduzieren.
  • Starke(r) Leader, bodenständige Spieler und cooler Trainer: Ja, eine Teamstruktur ist besonders wichtig. Auch wenn ich ein Freund der Selbstorganisation und der Mitwirkungsmöglichkeit eines jeden Spielers bin, braucht ein Team eine Führungsstruktur. Dabei gehört der Staff natürlich zum Team und jeder, auch der Zeugwart spielt eine wichtige Rolle. Doch die Trainer und die Führungsspieler nehmen noch einmal eine besondere und exponierte Funktion ein. Es ist gut, wenn diese Führungsstruktur mit Beginn feststeht und akzeptiert wird. Doch auch hier lassen sich Dynamiken und Entwicklungen während eines Turniers nicht ausschließen (Performance der Spieler, Verletzungen), so dass ebenso eine gute Anpassungsfähigkeit von Spielern und Trainern sowie ein gutes Konfliktmanagement dazugehört.
  • Die Stimmung im Team ist aus meiner Erfahrung heraus ein ganz wesentlicher Faktor. Wie gut verstehen sich die Spieler, wer macht Stimmung, wer übernimmt welche Rolle auch außerhalb des Feldes? Auch diese Elemente und Phänomene, Fähigkeiten der Spieler im sozialen Kontakt sind wesentlich bei der Zusammenstellung des Kaders. Das kann dazu führen, dass ein leistungsstärkerer Spieler zu Hause bleiben muss, ein schwächerer Spieler jedoch dabei ist, weil seine sozialen Kompetenzen für das Team so wichtig sind. Wie halte ich die Stimmung hoch, auch wenn es Rückschläge gibt? 
  • Weiterhin ist ein entscheidender Faktor, wie hoch die Resilienz im Team ist. Wie geht das Team mit Rückschlägen und Druck um, wenn es nicht in den Flow kommt. Bestes Beispiel ist “Sascha” Zverev kürzlich bei den French Open. Fast in jedem Match ist es ihm gelungen, aus einer schwachen, für ihn schwierigen Phase zurück ins Match zu kommen und es dann auch zu dominieren. Bis auf das Finale hat es dann immer zum Sieg gereicht. Das Überstehen schwieriger Situation und das erfolgreiche Zurückkehren lässt Selbstwirksamkeit erleben und erzeugt Selbstvertrauen.
  • In den Flow kommen: Dies ist für Einzelsportler sicherlich einfacher als für ein Team. Doch es ist eine Möglichkeit. Neben den internen, auch oben schon genannten Faktoren, spielt der externe Bereich eine große Rolle. Werde ich z.B. von der Stimmung und Begeisterung getragen, kann das ein enormer Flow fördernder Faktor sein.

Dies alles sind Faktoren und die Liste ist bei weitem nicht vollständig, sondern hierzu gehören auch Verletzungspech, der individuelle Leistungsabruf, Regenerationsmanagement und noch vieles mehr. In der Medizin, meinem anderen Steckenpferd, sprechen wir oft von einer multifaktoriellen Genese in der Entstehung von Krankheiten. Für den Erfolg gilt das Gleiche. Er hat viele Faktoren und Mütter. Und ich liebe es, diese mit Trainerstäben, Teams und in unserem Expertenkreis zu entwickeln.

Christian Bader, Die Sportpsychologen
Christian Bader, Die Sportpsychologen

Strukturen, Rollenverteilungen und Resilienz

Aber zurück zur Ausgangsfrage: Was braucht es, um als Team erfolgreich zu sein? Christian Bader (zum Profil) will auf der Basis der bisher diskutierten Punkte noch etwas hinzufügen. Ihm geht es um Strukturen, Rollenverteilungen und Resilienz. Aspekte, die gefühlt in anderen Anwendungsbereichen der Psychologie, etwas in der Wirtschaft, schon deutlich ernster genommen werden:

“Wesentliche Aspekte im Erfolg bestehen in der Struktur und Organisation im Team sowie in der optimalen Rollenverteilung mit klaren Verantwortlichkeiten. Dies ist aus meiner Sicht eine Ergänzung zu meinen beiden Kollegen. Hilfreich ist es aus meiner Erfahrung, wenn die Organisation des (Turnier-)Alltages klaren Prozessen und Routinen folgt. Die Strukturen helfen, Klarheit zu bekommen und ermöglichen das Fokussieren auf das Wesentliche. 

Die optimale Rollenverteilung geht für mich einher mit klaren Verantwortungen. Jedes Delegationsmitglied hat eine klar definierte Rolle. So werden Doppelspurigkeiten und Konflikte vermieden. Entsprechend müssen die individuellen Stärken und Fähigkeiten berücksichtigt werden. Die Transparenz der Verantwortlichkeiten fördert das Vertrauen und ermöglicht eine effektive Zusammenarbeit.

Nun kommt aber im Sport, gerade in der Wettbewerbssituation, eine besondere Herausforderung hinzu: Die Anpassungsfähigkeit. Denn sich an Veränderungen oder ungeplante Situationen anzupassen, ist entscheidend für ein erfolgreiches Turnier. Die Flexibilität ermöglicht es dem Team, in unerwarteten Umständen zu reagieren.”

Gemeinsam weiterkommen

Wir von Die Sportpsychologen wollen in Zukunft im Sport noch stärker als ExpertInnen-Team auftreten. Wir wollen also in einem System – Club, Team, NLZ usw. – als Gruppe auftreten und gemeinsam auf den unterschiedlichen Ebenen wirken. Seite an Seite. Im Interesse derer, die weiterkommen wollen und die wir auf diesem Weg begleiten können. 

Wenn du mit deinem Team uns an der Seite haben willst, nimm Kontakt auf!

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Mathias Liebing
Mathias Liebinghttps://www.torial.com/mathias.liebing
Redaktionsleiter bei Die Sportpsychologen und freier Journalist Leipzig Deutschland +49 (0)170 9615287 E-Mail-Anfrage an m.liebing@die-sportpsychologen.de