Eine junge Sportlerin bricht immer wieder bestimmte Turnübungen ab. Aus Angst. Yvonne Dathe, Prof. Dr. René Paasch und Dunja Lang zeigen konkrete Lösungsansätze auf.
In der Rubrik Frage/Antwort stellen Sportler, Sportlerinnen, TrainerInnen oder Eltern und andere Interessierte Fragen zu sportpsychologischen Themen. Kürzlich erreichte uns folgende Anfrage: “Ich habe Angst vor bestimmten Elementen (z.B. Salto rückwärts als Abgang vom Stufenreck oder das Rad auf dem Balken). Wie kann ich mich überwinden, wenn ich eine Bewegung ausführen möchte und mein Kopf auch bereit ist, aber mein Körper einfach stoppt?” Yvonne Dathe, Prof. Dr. René Paasch und Dunja Lang geben der Sportlerin konkrete Tipps, wie sie zukünftig die für sie aktuell schwierigen Situationen meistern kann.

Antwort von: Yvonne Dathe (zum Profil)
Vielen Dank für deine Frage. Viele Sportler:innen haben Angst vor herausfordernden Elementen. Wichtig ist, dich dabei nicht zu überfordern und Schritt für Schritt vorzugehen.
Beim Rad auf dem Schwebebalken solltest du zunächst am Boden üben. Beginne mit dem Rad auf einer Linie. Wenn das sicher funktioniert, kannst du auf einem niedrigen Balken weiterüben. Lege rechts und links des Balkens Matten aus und gleiche ihre Höhe möglichst an die des Balkens an, indem du beispielsweise mehrere Matten übereinanderstapelst. Wenn die Übung auf diese Weise sicher gelingt, kannst du die Matten nach und nach entfernen.
Erst wenn das Rad sicher auf dem niedrigen Balken funktioniert, sollte der Balken schrittweise höher gestellt werden. So können sich dein Kopf und dein Körper langsam an die Bewegung und an die zunehmende Höhe gewöhnen.
Zusätzlich kannst du den Lernprozess durch Visualisierungsübungen unterstützen. Suche dir zunächst einen ruhigen Ort, schließe die Augen und konzentriere dich auf deine Atmung. Gehe die Bewegung anschließend gedanklich durch. Lass sie zunächst langsam vor deinem inneren Auge ablaufen.
Hilfreich ist es, die Bewegung zuerst aus der Außenperspektive zu betrachten. Stelle dir danach vor, wie sie sich aus deiner eigenen Perspektive anfühlt:
- Wie sieht die Ausgangsposition aus?
- Worauf konzentrierst du dich?
- Wie fühlt sich deine Körperspannung an?
- Was machen deine Arme, Beine und dein Rumpf?
- Wie sieht die Endposition aus?
Stelle dir den Bewegungsablauf so genau wie möglich vor. Du kannst außerdem bestimmte Knotenpunkte festlegen: Vorbereitung, Hauptbewegung und Abschluss. Visualisiere zunächst jeden Abschnitt einzeln und anschließend die gesamte Bewegung.
Gehe die Bewegung gedanklich mehrmals durch. Übe sie danach praktisch am Balken und reflektiere:
- Was hat gut funktioniert?
- Worauf solltest du achten?
- Was möchtest du beim nächsten Versuch verändern?
Anschließend kannst du die Bewegung erneut gedanklich visualisieren und praktisch üben.
Wichtig ist, dass deine Vorstellung möglichst klar, ruhig und positiv bleibt. Die Bewegung sollte nicht nur sichtbar, sondern auch körperlich spürbar sein. Versuche außerdem nicht, die Bewegung zu erzwingen. Übe nur so, dass du dich sicher fühlst, und lass dich dabei am besten von einer qualifizierten Trainerin oder einem qualifizierten Trainer unterstützen.

Antwort von: Prof. Dr. René Paasch (zum Profil)
Hallo Johanna, gerade bei anspruchsvollen Turnelementen kann es passieren, dass zwischen dem, was wir uns vornehmen, und dem, was unser Körper tatsächlich ausführt, eine Lücke entsteht. Du möchtest die Bewegung machen, kennst den Ablauf und hast dich innerlich darauf eingestellt. Trotzdem zögerst du im entscheidenden Moment oder brichst die Bewegung ab. Besonders irritierend kann das sein, wenn dir das Element zuvor bereits gelungen ist.
Aus sportpsychologischer Sicht spielt dabei eine wichtige Rolle, dass unser bewusster Wille allein nicht darüber entscheidet, ob wir eine Bewegung tatsächlich ausführen. Dabei kommt es auch darauf an, wie wir eine Situation einschätzen und welche möglichen Folgen wir mit einer Bewegung verbinden. Bei anspruchsvollen Elementen wie einem Salto rückwärts oder einem Rad auf dem Balken kann bereits das Gefühl von Unsicherheit dazu führen, dass wir zögern oder eine Bewegung unterbrechen. Das muss nicht einmal mit bewusst wahrgenommenen Angstgedanken verbunden sein.
Manchmal verstärken wir dieses Zögern sogar unbewusst. Gerade wenn wir uns unsicher fühlen und eine Bewegung unbedingt schaffen möchten, kann es passieren, dass wir beginnen, jeden einzelnen Schritt bewusst zu kontrollieren. Bewegungen, die normalerweise weitgehend automatisch ablaufen, werden dadurch plötzlich zu einer Denkaufgabe. Das kann den vertrauten Bewegungsrhythmus stören.
Vielleicht beobachtest du beim nächsten Training einmal, was unmittelbar vor dem Element in dir vorgeht. Beschäftigst du dich mit der möglichen Landung, mit einem Fehler oder mit der Frage, ob es diesmal klappt? Oder bist du gedanklich bereits bei der Bewegung selbst? Möglicherweise bemerkst du auch gar keine bestimmten Gedanken, sondern lediglich ein plötzliches Zögern. Diese Beobachtungen können dir helfen, besser zu verstehen, was in solchen Momenten passiert. Denn unsere Aufmerksamkeit beeinflusst, wie wir eine Situation erleben und wie wir mit ihr umgehen. Wenn sich unsere Gedanken zunehmend um mögliche Fehler oder deren Folgen drehen, kann das die Unsicherheit verstärken. Hilfreich kann deshalb sein, solche Gedanken zunächst wahrzunehmen, ohne sich vollständig von ihnen vereinnahmen zu lassen.
Ein weiterer Gedanke ist mir wichtig: Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten entsteht vor allem durch Erfahrungen. Wenn du wiederholt erlebst, dass du Herausforderungen unter sicheren Bedingungen bewältigen kannst, wächst auch die Zuversicht, mit ähnlichen Situationen umgehen zu können. In der Sportpsychologie sprechen wir hier von Selbstwirksamkeit, also der Überzeugung, Anforderungen aus eigener Kraft bewältigen zu können. Dabei geht es weniger darum, sich mit aller Kraft überwinden zu müssen, sondern vielmehr darum, die eigenen Gedanken, Erwartungen und Reaktionen besser kennenzulernen. Gemeinsam mit deiner Trainerin oder deinem Trainer kannst du diese Beobachtungen aufgreifen und schauen, welche Bedingungen dir Sicherheit geben.
Vielleicht ist deshalb nicht die Frage entscheidend: „Wie schaffe ich es, mich endlich zu überwinden?“, sondern vielmehr: „Was brauche ich, um meiner Bewegung wieder vertrauen zu können?“

Antwort von: Dunja Lang (zum Profil)
Liebe Johanna,
Yvonne und René haben dir bereits wichtige Ansatzpunkte mitgegeben: einen sicheren, schrittweisen Übungsaufbau, die Vorstellung der Bewegung und einen Blick darauf, wohin deine Aufmerksamkeit im entscheidenden Moment geht. Ich finde besonders wichtig, dass du die Bewegung nicht erzwingen sollst.
Du beschreibst etwas, das sehr frustrierend sein kann: Du möchtest das Element turnen, hast dich darauf eingestellt – und dann stoppt dein Körper. Vielleicht denkst du hinterher: „Warum mache ich es nicht einfach?“ Für mich wäre eine zusätzliche Frage wichtig: Was könnte diese Reaktion ausgelöst haben?
Gab es einen Sturz, eine Verletzung oder einen Moment, in dem du große Angst hattest? Einen misslungenen Versuch, einen kritischen Kommentar oder das Gefühl, dich blamiert zu haben? Hast du vielleicht bei einer anderen Turnerin etwas mit angesehen, das dich beschäftigt?
Dabei muss dir körperlich nichts passiert sein. Ein Erlebnis kann trotzdem nachwirken. Dein Gehirn kann eine Situation mit Gefahr verknüpfen und später schon bei ähnlichen Auslösern Alarm schlagen. Du willst die Bewegung ausführen, doch die Anspannung oder das Stoppen kommen automatisch. Das ist kein Beweis für persönliches Versagen. Ob ein solches Erlebnis bei dir eine Rolle spielt, müssten wir gemeinsam genauer anschauen.
Deshalb würde ich deine Aufmerksamkeit auch auf den Moment unmittelbar vor dem Abbruch richten: Wird dein Bauch eng? Hältst du die Luft an? Taucht ein Bild auf, etwa von einer misslungenen Landung? Oder stoppt die Bewegung, ohne dass du einen bestimmten Gedanken bemerkst? Diese Unterschiede können Hinweise darauf geben, wo eine passende Unterstützung ansetzen sollte.
In meiner Arbeit mit Sporthypnose beziehe ich deshalb auch die unbewussten und unwillkürlichen Reaktionen ein. Für mich muss das Unbewusste mit an Bord sein, wenn wir Lösungen entwickeln. Dazu gehört, genauer zu verstehen, was dir dazwischenfunkt, und deine Aufmerksamkeit wieder auf das zu richten, was dir bei der nächsten Bewegung hilft.
Solche Zusammenhänge zeige ich auch in meinem Online-Training „Der Comeback Code – Dein Weg zurück nach Sturz, Verletzung oder negativer Erfahrung“. Die Beispiele aus dem Reit- und Skisport lassen sich sinngemäß auf das Turnen übertragen. Die geführte Reflexion kann dir helfen, dich zu sortieren, mehr Verständnis für deine Reaktionen zu finden und ein persönliches Gespräch mit einem sportpsychologischen Experten vorzubereiten.
Hier der Link: https://dunja-lang-mentalcoaching.de/lp-comeback-code-premium/
Besprich deine Beobachtungen mit deiner Trainerin oder deinem Trainer und gegebenenfalls mit einer sportpsychologischen Fachperson. Du brauchst deine Angst nicht als Schwäche zu bewerten. Sie ernst zu nehmen und den passenden Ansatzpunkt zu finden, kann ein wichtiger Schritt sein, damit du wieder mit Vertrauen und Freude turnst.
Herzliche Grüße
Dunja
Antworten auf deine Fragen
Wir haben hier einige Fragen und Antworten gesammelt. Wenn du tiefer einsteigen willst, nimm direkten Kontakt auf:
– Yvonne Dathe
– Prof. Dr. René Paasch
– Dunja Lang
Warum stoppt mein Körper bei einem Turnelement, obwohl ich die Bewegung ausführen möchte?
Prof. Dr. René Paasch erklärt, dass der bewusste Wille allein nicht darüber entscheidet, ob eine Bewegung ausgeführt wird. Unsicherheit, Erwartungen an mögliche Fehler oder eine übermäßig bewusste Kontrolle einzelner Bewegungsschritte können das Zögern verstärken und vertraute Abläufe stören. Dunja Lang ergänzt, dass auch belastende Erfahrungen wie ein Sturz, ein misslungener Versuch oder ein beobachteter Unfall eine Rolle spielen können. Welche Zusammenhänge im Einzelfall zutreffen, sollte gemeinsam mit der Sportlerin oder dem Sportler geklärt werden – ein Bewegungsabbruch ist kein Beweis für persönliches Versagen.
Wie kann ich bei angstbesetzten Turnelementen wieder Sicherheit gewinnen?
Yvonne Dathe empfiehlt einen schrittweisen Übungsaufbau unter sicheren Bedingungen und mit Unterstützung einer qualifizierten Trainerin oder eines qualifizierten Trainers. Beim Rad auf dem Balken kann der Weg beispielsweise von einer Bodenlinie über einen niedrigen, abgesicherten Balken bis zur regulären Höhe führen. Ergänzend können präzise Bewegungsvorstellungen helfen, den Ablauf gedanklich und körperlich nachzuvollziehen. Prof. Dr. René Paasch betont, dass wiederholte Bewältigungserfahrungen die Selbstwirksamkeit stärken können – also das Vertrauen, eine Herausforderung aus eigener Kraft meistern zu können.
Was sollte ich tun, wenn die Angst trotz Übung bestehen bleibt?
Die Bewegung sollte nicht erzwungen werden. Dunja Lang empfiehlt, mögliche Auslöser und die Reaktionen unmittelbar vor dem Abbruch genauer zu betrachten: Treten körperliche Anspannung, angehaltene Atmung, bestimmte Bilder oder Gedanken auf? Prof. Dr. René Paasch regt an, darauf zu achten, ob die Aufmerksamkeit vor allem möglichen Fehlern und deren Folgen gilt. Diese Beobachtungen können im Gespräch mit dem Trainerteam und einer sportpsychologischen Fachperson helfen, eine individuell passende Unterstützung zu entwickeln.
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