Warum wir trotz unerlaubten Friseur- und Partybesuchen das natürlich Menschliche in jedem Profi-Sportler erkennen sollten

Jugendliche und junge Erwachsene leiden besonders unter der Corona-Pandemie. Dabei fallen auch die Bewegungs- und Freizeiteinschränkungen ins Gewicht. Der Fußball sorgte diesbezüglich zuletzt für zahlreiche Schlagzeilen. Vermeintliche Friseurbesuche werden sowohl in der Medienberichterstattung als auch auf Social Media- und Stammtischlevel gegeißelt. Breel Embolo wurde von seinem Verein Borussia Mönchengladbach eine satte Geldstrafe aufgebrummt, weil er gegen die Corona-Bestimmungen verstoßen hat. Und dies ist in Deutschland nur der berühmteste Fall. Darf der ebenso zur gesellschaftlichen Defensive verordnete Fan jetzt draufhauen und sollten die Vereine Fehlverhalten noch viel stärker sanktionieren – wir machen uns die Mühe und versuchen, auf die Menschen im System Profi-Sport zu schauen. 

Interview mit Markus Gretz, Dr. René Paasch, Prof. Dr. Oliver Stoll und Kathrin Seufert 

Für Otto Normalverbraucher ist eine Frisur ja erst einmal eine Frisur. Was aber bedeutet eine Frisur für Fußball-Profis, nicht zuletzt für jüngere Elite-Kicker aus den Nachwuchsleistungszentren?

Antwort von: Markus Gretz (zur Profilseite)

Wenn man sich meinen Kopf anschaut, ist da nicht mehr viel Frisur übrig 😉 Für junge Männer und Frauen ist das Aussehen und damit auch die Frisur allerdings eine sehr wichtige Persönlichkeitseigenschaft. Gerade wenn man sich in der Öffentlichkeit präsentiert, wollen wir Menschen anderen gefallen, da jeder von uns mehr oder weniger das Anschluss-Motiv in sich trägt. Bei pubertierenden Jugendlichen und jungen Erwachsenen ist außerdem verstärkt die Partnersuche ein zentrales Thema und Bedürfnis. Auch dazu ist ihnen das eigene Erscheinungsbild wichtig. Wir sollten also “Fußball-Profis” und “Junge Elite-Kicker” nicht als abnormale Gruppe sehen, sondern auch das natürlich Menschliche in jedem erkennen. Und da ist es doch ganz verständlich, dass man sich einem großen Publikum gut gestyled präsentieren will.

Inwiefern gibt es Parallelen zu Tattoos oder auffällig teurer Kleidung? 

Antwort von: Dr. René Paasch (zur Profilseite)

Tätowierungen waren mal ein Alleinstellungsmerkmal von Matrosen, Häftlingen oder bestimmten Subkulturen. Mit dieser Sichtweise bin ich aufgewachsen :-)! In diesem Jahrtausend sind sie aber zu einem Massenphänomen geworden. In den vergangenen zehn Jahren hat die Zahl der Spieler mit permanenter Körperbemalung enorm zugenommen. Es geht von kleinen Zeichen bis zu großflächigen Gemälden. Auch die Superstars Neymar, Sergio Ramos und viele weitere Spieler übertreffen sich im Zuge ihrer individuellen Selbstinszenierung nicht mehr nur gegenseitig mit Tricks und Toren, ausgefallenen Frisuren und Kleidung, sondern auch mit großflächigen Tattoos. Aus meiner Sicht ist das eine bedenkliche Entwicklung. Der Körper ist kein Straßenplakat, den man bedrucken kann, das ist ein Organ, das Atmen möchte. Wir vergiften die Region und belasten Leber, Niere und Lymphknoten. Daraus resultieren Einschränkungen in der Thermoregulation und Regeneration und das wiederum schwächt das Immunsystem. Die einzigartige Darstellung sollte daher andere Kriterien aufweisen als das äußere Erscheinungsbild.

Denken wir die Außenwirkung einmal weiter: Wie steht es mit Jubelgesten oder den sogenannten Signature-Moves – was steckt hier dahinter? Und ab welchem Alter oder Leistungslevel sollte dies erlaubt sein bzw. sogar gefördert werden? 

Antwort von: Kathrin Seufert (zur Profilseite)

Wenn es sich beispielsweise um eine Jubelgeste handelt, so kann das zu einem tollen Mannschaftsprojekt mit nachhaltiger Wirkung werden. Das gemeinsame erstellen eines „Moves“ als integrative Arbeit aller Positionen, auch derer die wahrscheinlich eher nicht in den Genuss kommen werden, das Tor selbst zu erzielen ist als Mannschaftsziel wunderbar geeignet. Es hat zudem dann auch eine motivierende Facette, diesen Jubel dann „anwenden“ zu können und stellt gleichzeitig ein Ritual für die Mannschaft dar, welches zum eigenen Sicherheitsgefühl beitragen kann.

Antwort von: Dr. René Paasch (zur Profilseite)

Das englische Wort signature move beschreibt die typische Bewegung eines Kickers, anhand deren man ihn unverkennbar identifizieren kann. Wie an seiner Signatur. Jeder Fußballfan kennt Signature Moves: Bei Cristiano Ronaldo ist es der Dreifach-Übersteiger, bei Zinedine Zidane war’s die legendäre. „Marseille-Roulette“. Das Feilen an wirkenden Zaubertricks gab es schon immer. Ich kann mich noch gut an meine aktive Zeit erinnern. Viele meiner Spielerkollegen hatten zahlreiche Tricks auf Lager. Einer versuchte bei jeder zweiten Ballberührung den „Regenbogen-Trick“, bei dem der Ball mit der Ferse über den eigenen Kopf gelupft hat. Ein anderer beherrschte einen anspruchsvollen Absatztrick, bei dem er den Ball im 90-Grad-Winkel mit der Hacke vorne am Standbein vorbeispielte. Das war zum Teil sehr ansehnlich und effektiv. Oder Franck Ribéry ging für die Bayern ins Eins-gegen-Eins, lässt seinen Gegenspieler mit einem Trick aussteigen, passt in die Mitte auf einen Stürmer. Tor für den FC Bayern! Oder auch Arjen Robben überzeugte mit seinem Nach-innen-Ziehen-und-mit-links-Abdrücken. Dennoch glaube ich, dass die allergrössten Spieler in jeder Situation etwas anderes, aber immer das Richtige tun.

Gibt es derlei Codes und entsprechende Trends, sich als Marke zu präsentieren, auch in anderen Sportarten?

Antwort von: Kathrin Seufert (zur Profilseite)

Vielleicht ist es uns nicht unter dem Begriff geläufig gewesen, aber so individuelle Arten und den damit verbundenen Wiedererkennungswert konnte man auch schon in anderen Sportarten erkennen. Der US Schwimmer und Olympiasieger Ryan Lochte beispielsweise hatte immer sehr extravagante Sneaker an. Gerne mal mit Flügeln oder den ausgefallensten Farben und Accessoires an seinen Turnschuhen.

Antwort von: Markus Gretz (zur Profilseite)

In meiner Hauptsportart, dem Basketball, sind Rituale und Gesten allgegenwärtig. Von der Jugend bis zu den Profis werden Gesten und Bewegungen zur Vorbereitung oder zum Jubel gelernt, erfunden und auch abgeschaut. Dass beispielsweise LeBron James vor dem Spiel Pulver in die Luft wirft und James Harden nach einer spektakulären Aktion eine Rührbewegung mit den Fingern macht, haben schon viele gesehen. Allerdings sollten junge Spieler lernen, dass sowas nur Sinn macht, wenn die Spieluhr nicht läuft.

Was so ein Ritual bringt könnt ihr hier nochmal genauer nachlesen: https://www.die-sportpsychologen.de/2017/04/markus-gretz-rituale-im-basketball/ 

Dabei steht auch nicht immer nur der einzelne Sportler im Fokus. Auch als Team erarbeiten sich manche Spieler besondere Abklatsch oder Jubelgesten, die dann den Teamzusammenhalt und die gemeinsame Motivation stärken können und nach außen gerichtet mannschaftliche Stärke verdeutlichen können.

Antwort von: Prof. Dr. Oliver Stoll (zur Profilseite)

Also von Triathleten weiß ich, dass die zwar selten ihren Körper tätowieren, aber durchaus mal ihr Fahrrad. Da sprühen die schon mal die Zielzeit für den Rad-Abschnitt auf den Rahmen. Das ist dann ein klares Statement an die Konkurrenz (das werde ich fahren) und an sich selbst (das will ich erreichen) – somit psychologisch wertvoll. Mir fällt da auch die Aktion von Jan Frodeno bei seinem Wechsel auf die Langdistanz an. Da waren die Konkurrenten der Meinung, er könnte nicht gut Rad fahren. Nachdem er dann mal eben bei einem IRONMAN Rennen einen neuen Teil-Rekord für das Radfahren aufgestellt hatte, ließ er T-Shirts drucken mit der Aufschrift “Swim – Frodo – Run” – wieder eine klare Ansage an die Konkurrenz – und aus meiner Sicht auch hier: Psychologisch wertvoll.

Zurück zum Fußball und zum Abschluss mal mit absoluter Dienstleistungsattitüde: Mit welchen Argumenten können es Trainer, Sportdirektoren, Berater oder Sportpsychologen den Athleten aktuell eigentlich erklären, dass die Einladung an den Top-Friseur eher daneben ist?

Antwort von: Dr. René Paasch (zur Profilseite)

Social Media dient auch als Ego-Booster. Hier würden viele wohl erstmal aus der Fußballbranche abwehrend die Hände heben, doch wissenschaftlich konnte tatsächlich bewiesen werden, dass für uns ein Blick auf unser Instagram oder Facebook-Profil oder regelmäßige Likes ein echter Ego-Booster ist. Die Selbstdarstellung auf der Social Media Plattformen löst Emotionen aus, die das Selbstbewusstsein stärken. Die Bedürfnispyramide von dem amerikanischen Psychologen Abraham Maslow zeigte bereits 1908, wo unser Bedürfnis herrührt, uns anderen mitteilen zu müssen. Das oberste Ziel heißt demnach: Selbstverwirklichung. Daran hat sich bis heute nichts geändert. 

Profisportler wie auch Amateure erzählen und zeigen ihrem sozialen Umfeld, wer sie sind und was sie interessiert und dabei lässt sich dann noch Geld verdienen. Das Problem ist jedoch, dass sie sich abhängig machen und ihren eigenen Wert verlieren. Hinzu kommt dann noch eine tägliche auferlegte „Selbstzensur“, dass der entsprechende Post eventuell nicht zu ihren gewünschten Selbstbild/Marke passt. Was könnten die anderen denken? Wie könnte das Bild, das ich von mir geschaffen habe, verzerrt werden? Und vieles mehr! Ob bewusst oder unbewusst – die sozialen Medien haben Einzug in viele Bereiche des Sports genommen. Insbesondere in Bereiche der Kommunikation und der Werbung können diesen psychologisch großen Einfluss auf sie nehmen. Gleichzeitig bestimmen alle Fans dort Draußen mit ihren Verhaltensmustern und Kommentaren, die Welt des Sportlers. In diesem Zusammenhang fehlt es daher im deutschen Nachwuchsfußball vor allem an einer Schlüsselposition: Es fehlt unseren Talenten an Mentoren statt Trainern. Die Beziehungen zu Mentoren sind eine der wirkungsstärksten Erfahrungen im Aufwachsen junger Spieler. Mentoren laden ein, ermutigen und inspirieren ihre Spieler, Herausforderungen anzupacken. Sie begleiten und leiten sie durch diese Fußballwelt, stehen ihnen bei Schwierigkeiten zur Seite, begleiten und überprüfen Ihre Auftritte in den Medien, feiern ihre Erfolge und helfen ihnen, mit dem Misserfolg umzugehen. Und sicher würden sich die Spieler auch anhören, was die Mentoren bezüglich Corona-Regelverstößen, unerlaubten Friseurbesuchen und dem neuen Tattoo zu sagen haben.

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Mathias Liebinghttps://www.torial.com/mathias.liebing

Redaktionsleiter bei Die Sportpsychologen und freier Journalist

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