Kathrin Seufert erklärt am Beispiel des Eishockeys, wie sich Emotionen kontrollieren und sich die Aufmerksamkeit nach Fehlern auf den nächsten Einsatz richten lässt
Kathrin Seufert zeigt, wie Eishockeyspieler nach Fehlern mit Ärger und belastenden Gedanken umgehen können. Statt Emotionen zu verdrängen, geht es darum, sie wahrzunehmen und zu entscheiden, ob eine Auseinandersetzung gerade sinnvoll ist. Eine wichtige Strategie ist, die Fehleranalyse bewusst auf später zu vertagen und die Aufmerksamkeit wieder auf den nächsten Einsatz zu richten. Mentale Stärke bedeutet dabei, den richtigen Zeitpunkt für Verarbeitung und Refokussierung zu finden.
Es gibt Dinge, die uns unglaublich viel Energie kosten – obwohl wir sie in diesem Moment nicht mehr verändern können.
- Die Entscheidung des Schiedsrichters.
- Das Verhalten des Gegners.
- Ein Gegentor.
- Eine vergebene Chance.
- Ein Fehler im letzten Shift.
- Ein Pass, den wir besser nicht gespielt hätten.
Und trotzdem beschäftigt sich unser Kopf damit.
Wir ärgern uns. Wir analysieren. Wir spielen Situationen wieder und wieder durch. Wir überlegen, was wir selbst oder jemand anderes hätte anders machen sollen.
Das ist zunächst einmal nichts Schlechtes. Denn Emotionen und die gedankliche Auseinandersetzung mit einer Situation haben eine Funktion. Sie können uns zeigen, dass etwas für uns relevant ist. Und die spätere Analyse eines Fehlers ist wichtig, wenn wir daraus lernen wollen.
Die entscheidende Frage ist deshalb nicht:
- Wie bekomme ich diesen Gedanken oder diese Emotion möglichst schnell weg?
Sondern:
- Was davon braucht gerade meine Aufmerksamkeit – und was braucht sie zu einem späteren Zeitpunkt?
Drei Kreise, aber was ist die eine entscheidende Frage?
Ein hilfreiches Modell dafür ist der Circle of Concern / Circle of Influence, bekannt geworden durch Stephen R. Covey.
Vereinfacht können wir drei Bereiche unterscheiden:
- Was ich kontrollieren kann.
Meine Entscheidungen. Meine Körpersprache. Meine Kommunikation. Meine nächste Handlung.
- Was ich beeinflussen kann.
Die Zusammenarbeit mit meinen Mitspielern. Die Energie auf der Bank. Wie ich auf eine Spielsituation reagiere. Wie ich mich in den nächsten Zweikampf einbringe.
- Was außerhalb meines aktuellen Einflusses liegt.
Die Entscheidung des Schiedsrichters. Das Verhalten des Gegners. Ein bereits gefallenes Tor. Ein Fehler, der passiert ist.
Das Problem ist nicht, dass wir uns mit diesen Dingen beschäftigen. Das Problem entsteht, wenn wir unsere begrenzten mentalen Ressourcen im falschen Moment dafür einsetzen.
Was wird im Eishockey besonders sichtbar?
Stell dir vor, es läuft das zweite Drittel. Ein Spieler verliert den Puck an der blauen Linie. Der Gegner fährt den Konter und trifft. Fehler. Gegentor.
Der Spieler ärgert sich. Völlig verständlich.
Beim nächsten Wechsel sitzt er auf der Bank und denkt darüber nach: Warum habe ich den Pass gespielt? Den hätte ich sehen müssen. Warum bin ich nicht tiefer geblieben?
Alles legitime Fragen. Nur vielleicht nicht jetzt. Denn während er versucht, den letzten Shift zu analysieren, nähert sich bereits der nächste. Und damit konkurrieren zwei Aufgaben um dieselbe begrenzte Aufmerksamkeit:
- Die Verarbeitung dessen, was gerade passiert ist.
- Und die Vorbereitung auf das, was gleich passieren wird.
Der ursprüngliche Fehler dauerte vielleicht zwei Sekunden. Wenn der Kopf aber weiter daran arbeitet, kann er auch den nächsten Shift beeinflussen.
Nicht weil es falsch wäre, über den Fehler nachzudenken. Sondern weil jetzt möglicherweise nicht der richtige Zeitpunkt dafür ist.
Warum bedeutet emotionale Steuerung nicht, Emotionen wegzudrücken?
Genau hier ist eine Unterscheidung wichtig. Mentale Stärke bedeutet nicht:
- „Ich darf mich jetzt nicht ärgern.“
Sie bedeutet auch nicht:
- „Vergiss den Fehler einfach.“
Und schon gar nicht:
- „Diese Emotion darf nicht da sein.“
Emotionen erfüllen eine Funktion. Ärger kann uns beispielsweise signalisieren, dass etwas anders gelaufen ist, als wir es erwartet oder gewollt haben. Enttäuschung zeigt uns möglicherweise, dass uns etwas wichtig ist. Nervosität kann uns darauf aufmerksam machen, dass wir eine Situation als bedeutsam wahrnehmen.
Es geht deshalb nicht darum, Emotionen möglichst schnell loszuwerden. Es geht darum, sie wahrzunehmen und anschließend zu entscheiden, wie wir mit ihnen umgehen.
Ich kann feststellen:
- „Das ärgert mich gerade.“
- „Ich bin enttäuscht von meinem Fehler.“
- „Die Entscheidung des Schiedsrichters beschäftigt mich.“
Die Emotion darf da sein. Die nächste Frage lautet aber:
- Ist es gerade funktional und leistungsförderlich, mich weiter damit zu beschäftigen?
Gedankenstopp oder bewusstes Vertagen?
Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten, mit solchen Situationen umzugehen.
Für manche Athletinnen und Athleten kann beispielsweise eine Gedankenstopp-Technik hilfreich sein: ein klares inneres Signal, ein bestimmtes Wort, eine körperliche Handlung oder ein eingeübtes Ritual, das dabei hilft, eine Gedankenschleife zu unterbrechen und die Aufmerksamkeit neu auszurichten.
Das kann genau die richtige Methode sein.
Hier möchte ich aber bewusst eine andere Möglichkeit betrachten:
- das Vertagen.
Denn gerade daran lässt sich etwas Wichtiges verdeutlichen.
Die innere Botschaft lautet dabei nicht:
- „Stopp. Darüber denke ich nicht mehr nach.“
Sondern:
- „Das beschäftigt mich. Und ich werde mich damit auseinandersetzen. Aber nicht jetzt.“
Das ist ein wichtiger Unterschied. Denn damit erkenne ich sowohl die Emotion als auch die Bedeutung der Situation an. Ich entscheide lediglich bewusst über den Zeitpunkt der Verarbeitung.
Nicht verdrängen. Aber welchen Zeitpunkt wählst du aus?
Ein Fehler kann wichtig sein. Der Ärger darüber kann berechtigt sein. Und die Frage, warum etwas passiert ist, kann für die eigene Entwicklung sogar entscheidend sein.
Aber nicht jede wichtige Frage muss sofort beantwortet werden. Gerade während eines Spiels fehlen häufig die Ressourcen für eine differenzierte Auseinandersetzung.
Zwischen zwei Shifts bleiben vielleicht 30, 45 oder 60 Sekunden. In dieser Zeit soll der Körper herunterfahren. Informationen von der Bank müssen aufgenommen werden. Vielleicht gibt es eine taktische Anpassung. Vielleicht muss ich mit meinem Nebenmann kommunizieren.
Und gleichzeitig beginnt bereits die mentale Vorbereitung auf den nächsten Einsatz. Das ist nicht unbedingt der beste Zeitpunkt, um einen Fehler umfassend zu analysieren.
Das bedeutet aber nicht, dass ich ihn ignoriere. Ich kann meinem Kopf stattdessen eine klare Botschaft geben:
- „Ich habe das wahrgenommen. Das ist relevant. Wir schauen uns das nach dem Spiel in Ruhe an.“
Das Thema wird damit nicht entwertet. Es wird terminiert.
Warum „Nicht jetzt“ statt „nicht fühlen“?
Das kann zu einer einfachen Routine werden.
1. Wahrnehmen.
- „Ich ärgere mich gerade.“
Die Emotion darf da sein.
2. Einordnen.
- „Was beschäftigt mich eigentlich gerade – und kann ich daran jetzt noch etwas verändern?“
3. Entscheiden.
Ist es für meine aktuelle Leistung hilfreich, mich jetzt weiter damit auseinanderzusetzen?
Wenn nicht:
- „Nicht jetzt. Das schaue ich mir später an.“
Vielleicht sogar ganz konkret:
- „Das nehme ich mit in die Videoanalyse.“
4. Refokussieren.
Und dann:
Was braucht mein nächster Shift?
- Erster Pass einfach.
- Früh scannen.
- Beine bewegen.
- Kommunizieren.
- Nächster Zweikampf.
Die Aufmerksamkeit bekommt damit ein neues Ziel. Nicht weil das Alte unwichtig wäre. Sondern weil das Neue jetzt wichtiger ist.
Weshalb das Versprechen „später“ gelten muss?
Ein entscheidender Punkt gehört für mich dazu. Wenn ich mir immer wieder sage:
- „Darüber denke ich später nach“
– und dieses Später niemals kommt –, dann wird aus Vertagen irgendwann Vermeidung.
Deshalb braucht diese Strategie Verlässlichkeit. Nach dem Spiel kann ich mir die Situation tatsächlich anschauen. Vielleicht im Video. Vielleicht im Gespräch mit dem Trainer. Vielleicht für mich selbst.
- Was ist passiert?
- Was habe ich wahrgenommen?
- Was hat die Emotion ausgelöst?
- Warum habe ich mich so entschieden?
- Was kann ich daraus lernen?
- Was möchte ich beim nächsten Mal anders machen?
Jetzt bekommt die Situation den Raum, den sie verdient.
Und jetzt stehen dafür auch andere Ressourcen zur Verfügung: Zeit, Abstand, Aufmerksamkeit und möglicherweise zusätzliche Informationen.
Warum sind sowohl die Aufarbeitung als auch der Zeitpunkt wichtig?
Vielleicht liegt genau darin ein wesentlicher Unterschied zwischen Verdrängen und guter Selbstregulation.
Verdrängen sagt:
- „Das will ich nicht fühlen.“
Bewusstes Vertagen sagt:
- „Ich nehme wahr, was ich fühle. Aber ich entscheide, wann ich mich intensiver damit beschäftige.“
Das eine versucht, eine Emotion loszuwerden. Das andere gibt ihr einen geeigneteren Raum. Und genau deshalb können Gedankenstopp und bewusstes Vertagen auch nebeneinander existieren.
Beides können Strategien sein, um aus einer Gedankenschleife herauszukommen. Welche davon für einen Athleten funktioniert, kann individuell unterschiedlich sein.
Entscheidend ist, was danach passiert:
- Kann ich meine Aufmerksamkeit wieder auf das richten, was jetzt relevant und beeinflussbar ist?
Warum ist der nächste Shift ein ziemlich gutes Prinzip?
Ein Shift ist kurz. Danach geht es auf die Bank. Und wenig später beginnt der nächste.
Du kannst den letzten Shift nicht noch einmal spielen. Aber du kannst aus ihm lernen. Nur musst du vielleicht nicht alles jetzt sofort lernen.
Manchmal reicht während des Spiels eine einzige Information:
- Beim nächsten Mal früher scannen.
Mehr nicht. Die ausführliche Analyse kommt später.
Vielleicht ist genau das eine wichtige Form mentaler Stärke: Nicht jeden Gedanken sofort zu Ende denken zu müssen. Nicht jede Emotion sofort auflösen zu müssen. Und nicht jeden Fehler unmittelbar vollständig analysieren zu müssen. Sondern unterscheiden zu können:
- Was brauche ich jetzt – und was braucht später seinen Raum?
Aus welchem Grund folgt die Energie der Aufmerksamkeit?
Wir können nicht kontrollieren, was während eines Spiels passiert. Wir können Fehler nicht verhindern. Wir können nicht bestimmen, wie der Gegner spielt oder wie ein Schiedsrichter entscheidet. Und wir können auch nicht verhindern, dass uns Dinge emotional treffen. Aber wir können trainieren, wohin wir unsere Aufmerksamkeit danach lenken.
Nicht indem wir Emotionen wegdrücken. Sondern indem wir ihre Funktion anerkennen und lernen, bewusst mit ihnen umzugehen. Manchmal hilft ein Gedankenstopp. Manchmal ein Ritual. Und manchmal vielleicht einfach der Satz:
- „Nicht jetzt. Aber später.“
Der letzte Shift darf dich ärgern. Der Fehler darf dich beschäftigen. Und vielleicht verdient er später sogar eine sehr genaue Analyse. Aber irgendwann geht die Tür wieder auf. Dann beginnt der nächste Shift.
Und in diesem Moment geht es nicht darum, den Letzten zu vergessen. Es geht darum, ihm später den Raum zu geben, den er verdient – und jetzt wieder bereit zu sein.
Antworten auf deine Fragen
Wir haben hier einige Fragen und Antworten gesammelt. Wenn du tiefer einsteigen willst, nimm direkten Kontakt auf:
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Kathrin SeufertWie können Sportler nach einem Fehler im Spiel ihre Aufmerksamkeit wieder auf die nächste Aktion richten?
Nach einem Fehler hilft es, die Emotion zunächst wahrzunehmen und anschließend bewusst zu entscheiden, ob eine weitere Auseinandersetzung damit gerade sinnvoll ist. Die ausführliche Analyse kann auf später verschoben werden, während die Aufmerksamkeit auf die nächste konkrete Aufgabe gelenkt wird.
Was bedeutet „bewusstes Vertagen“ im Sport?
Bewusstes Vertagen bedeutet, einen Fehler oder eine belastende Situation nicht zu verdrängen, sondern die Verarbeitung auf einen geeigneteren Zeitpunkt zu verschieben. Die innere Haltung lautet: „Nicht jetzt, aber später.“ Nach dem Spiel kann die Situation dann in Ruhe analysiert werden.
Wie können Sportler lernen, nach Fehlern mental stark zu bleiben?
Mentale Stärke bedeutet nicht, negative Emotionen wie Ärger oder Enttäuschung zu unterdrücken. Entscheidend ist, Emotionen wahrzunehmen, zwischen kontrollierbaren und nicht kontrollierbaren Faktoren zu unterscheiden und die eigene Aufmerksamkeit anschließend wieder auf das zu lenken, was im nächsten Moment beeinflussbar ist.

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