Es ist der Vorabend zu einem wichtigen Wettkampf. Sara sitzt vor dem Camper, trinkt einen Tee, genießt die Ruhe vor der Dämmerung. Die braucht sie, weil sie mehr essen muss, als angenehm ist – damit sie morgen ausreichend Körnchen für die Ausdauerleistung hat. Da klingelt das Handy. Der Bundestrainer. Sie geht ran. „Wo bist du,“ fragt er, und dann: „Ich komme nachher kurz vorbei.“
Sara hat auf diesen Anruf gewartet. Sie ist ganz nah dran am Kader, und sie möchte unbedingt mit zur EM. Vielleicht ist das ja der Moment, in dem sie von ihrer Nominierung erfährt. Aber vielleicht passiert auch gleich das Gegenteil. Sara merkt, wie sich schlagartig Unruhe breit macht. Beim nächsten Bissen hat sie einen Kloß im Hals. Das Schlucken fällt ihr schwer. Was wird der Bundestrainer ihr sagen?
Zum Thema: Nein als Stellschraube für den Erfolg
Der Bundestrainer kommt eine knappe Stunde später. Ihr Abendessen hat Sara nicht ganz runter bekommen. Sie ist total nervös, wobei das Gespräch positiv verläuft. Sie erfährt, dass sie nach einem guten Ergebnis morgen im Wettkampf in den EM-Kader kommt. Dass ihre Chancen gut stehen. Aber halt, was heißt “ein gutes Ergebnis morgen“, denkt Sara erschrocken. Stress steigt auf. Klar freut sie sich über das Vertrauen des Bundestrainers, und sie will es erfüllen. Aber wie soll das gehen? Sie hat nicht richtig gegessen, und sie ist so aufgedreht, dass sie nun gar nicht weiß, ob sie schlafen kann. Und wenn sie schlecht geschlafen hat, kann sie am nächsten Morgen nicht gut essen. Ein Teufelsfreis.
Das Beispiel von Sara zeigt, worum es beim Nein-Sagen im Leistungssport geht. Leuten Nein zu sagen, die sich melden, weil sie die ultimative Regenerationsmethode verkaufen wollen, die den Sportler besser macht. Vielleicht die Mail einfach löschen, den Absender blockieren, oder, wenn er anruft, die Nummer blockieren. Jeder Sportler weiß, wie oft das Telefon klingelt, wenn man Erfolg hat. Nein zu sagen, wenn ein guter Freund Hilfe braucht, kurz vor einem Wettkampf. Auch wenn es weh tut und man gern geholfen hätte. Und auch mal dem Bundestrainer Nein zu sagen, weil die Leistung im Vordergrund steht: „Können wir morgen nach dem Wettkampf sprechen? Ich möchte den Abend nutzen, um mich zu fokussieren,“ wäre so ein Nein. Ruhig verbunden mit dem Angebot, zur Unterkunft des Bundestrainers zu fahren, die ein Stück außerhalb vom Wettkampfort liegt.
Stressoren im Leistungssport
Wer im Leistungssport nicht Nein sagen kann, ist langfristig viel zu vielen Stressoren ausgesetzt. Hier noch ein Interview mit der Lokalzeitung aus der Heimat, das nichts bringt und für das man eigentlich auch gerade keine Zeit hat. Warum nicht auf die Winterpause verschieben? Ein Nein an die alten Freunde, die saufen gehen wollen. Trinken darf die Sportlerin eh nicht, also lieber etwas anderes ausmachen. „Kommt am Sonntag zum Frühstück vorbei,” könnte eine Alternative sein. Und wenn die Freunde dann nicht kommen, ist es so.
Wer Leistungssport betreibt, hat eigentlich nie wirklich Feierabend. Natürlich gibt es Pausen und Zeit für Regeneration. Aber auch die sind Teil des Lebens, in dem der Sport auf Platz 1 der Prioritätenliste steht: dann ist nämlich Regeneration Pflicht, möglichst effektiv in der vorhandenen Zeit. Das kann viel Zeit sein, zum Beispiel im Urlaub. Dann ist Rumdaddeln in Ordnung, und Reden mit Leuten, die nerven, nicht so schlimm. Manchmal ist aber wenig Zeit, dann muss Regeneration auf den Punkt passen. Abgrenzung gegenüber Leuten, die etwas verkaufen möchten oder aus anderen persönlichen Gründen die Nähe zum Sportler oder zur Sportlerin suchen. Nein zu Verpflichtungen, die nicht auf den Sport einzahlen, weder indirekt noch direkt. Nein zu Einladungen zu Wettkämpfen, die zwar Prestige, aber keinen Platz im Kader bringen würden. Nein zu schlechten Sponsorenverträgen. Lieber länger verhandeln, selbst wenn das erst einmal nervt. Nein auch zu eigenen Impulsen: Meditieren statt Netflix, wenn Meditieren den Kopf dauerhaft frei macht. Gezielt im Kino einen guten Film anschauen, anstatt durchs TV zu zappen. Die Leute einzuladen, die wirklich gut tun, statt diejenigen, mit denen man sich schon immer trifft.
Darum ist auch das Nein-Sagen-Lernen Teil der sportpsychologischen Arbeit und Nein sagen an der richtigen Stelle eine der Stellschrauben zum Erfolg.

Du willst mehr wissen?
Die Sportpsychologen ist die größte Plattform für die Sportpsychologie im deutschsprachigen Raum. Lies in unseren über 1.500 Beiträgen oder nimm direkt Kontakt zu uns auf. Wir coachen, beraten, trainieren, bilden fort und helfen – denn über Erfolg im Sport wird nicht zuletzt im Kopf entschieden.
Views: 7
