Prof. Dr. Oliver Stoll: Sekunden gewinnen, Stürze vermeiden – Sportpsychologische Prävention im Radsport

Stürze im Straßenrad-Rennsport sind keineswegs nur eine Frage von Fahrtechnik, Geschwindigkeit oder Pech. Gerade im Peloton müssen Fahrerinnen und Fahrer innerhalb von Sekundenbruchteilen eine enorme Menge an Informationen aufnehmen, filtern und in die richtige Handlung übersetzen: Wie bewegt sich das Hinterrad des Vordermanns? Öffnet sich links eine Lücke? Verengt sich die Straße? Bremst jemand zwei Reihen weiter vorne? Gleichzeitig müssen Geschwindigkeit, Abstand, Straßenbelag, Kurvenverlauf und die Bewegungen zahlreicher Konkurrenten berücksichtigt werden. Aus sportpsychologischer Sicht ist dies eine extreme Form der visuellen Aufmerksamkeit, Antizipation und schnellen Entscheidungsfindung. Die Forschung zum Blickverhalten von Radfahrenden zeigt, dass insbesondere komplexere Verkehrssituationen die Aufmerksamkeit auf mehrere potenzielle Gefahrenquellen verteilen und dass eine frühzeitige Wahrnehmung relevanter Gefahren entscheidend sein kann (Zweuts et. al, 2021). Hinzu kommt: Ermüdung betrifft nicht nur die Beine. Mentale Ermüdung kann auch die visuelle Suche verzögern und damit genau jene Informationsverarbeitung beeinträchtigen, die benötigt wird, um eine gefährliche Situation rechtzeitig zu erkennen. Wie relevant dies im Spitzenradsport sein kann, zeigte auch die Tour de France 2026.

Zum Thema: Die Stürze bei der Tour de France. Ein Problem der Informationsverarbeitung – und somit der psychischen Regulation?

Die Tour de France der Männer im Jahr 2026: Wie zuletzt häufiger gab es teils prominente und schwere Stürze, darunter beim Mannschaftszeitfahren der 1. Etappe, auf Massenankünften (wie auf der 12. Etappe in Chalon-sur-Saône mit einem Massensturz auf der Zielgeraden) sowie den schweren Sturz von Florian Lipowitz im Einzelzeitfahren der 16. Etappe. Bleiben wir zunächst bei Jonas Vingegaard. Er fuhr an fünfter Position im Feld. Bei der Einfahrt in einen Kreisverkehr folgte sein Teamkollege Victor Campenaerts an der Spitze der Linie des Begleitmotorrads. Dadurch zog sich die Kurve am Ausgang des Kreisverkehrs für die nachfolgenden Fahrer extrem eng zu. Vingegaard verlor in der scharfen Rechtskurve die Kontrolle, ihm entglitt das Vorderrad und er prallte heftig gegen eine unzureichend markierte Bordsteinkante. In den Crash wurden unter anderem auch Felix Großschartner und Isaac del Toro verwickelt, die das Rennen jedoch beide fortsetzen konnten. Vingegaard, der zu diesem Zeitpunkt auf dem zweiten Platz der Gesamtwertung lag, erlitt bei dem Aufprall einen Bruch des rechten Schlüsselbeins sowie großflächige Schürfwunden. Er musste die Tour unter starken Schmerzen abbrechen und wurde mit dem Krankenwagen abtransportiert. 

Florian Lipowitz stürzte in diesem Jahr während der 16. Etappe der Tour de France der Männer (einem 26,1 Kilometer langen Einzelzeitfahren von Évian-les-Bains nach Thonon-les-Bains) schwer in einer Rechtskurve und musste das Rennen verletzungsbedingt aufgeben. Der Sturz ereignete sich rund 6 bis 6,4 Kilometer vor dem Etappenziel in Thonon-les-Bains. Lipowitz lag bis dahin hervorragend im Rennen und auf Podiumskurs. Er fuhr mit sehr hoher Geschwindigkeit in eine enge Rechtskurve. Meinen Beobachtungen zufolge überrollte er in extremer Schräglage eine weiße Fahrbahnmarkierung (einen Zebrastreifen). Die glatte Farbschicht verringerte den Grip der schmalen Zeitfahrreifen schlagartig, wodurch sein Vorderrad komplett wegrutschte. Nach dem Wegrutschen schlitterte er über den Asphalt und prallte mit der rechten Schulter mit voller Wucht gegen den Bordstein sowie eine Absperrung. Auch Tour-Dominator Tadej Pogačar berichtete später im Sportschau-Interview, dass er in derselben Kurve fast die Kontrolle verloren hätte. Lipowitz blieb benommen am Straßenrand sitzen, wurde umgehend medizinisch erstversorgt und konnte das Rennen nicht mehr fortsetzen. Im Krankenhaus wurde ein Bruch des rechten Schlüsselbeins sowie mehrere Schürfwunden diagnostiziert. Der Fahrer des Teams Red Bull-BORA-Hansgrohe wurde noch in Frankreich operiert. Teamchef Ralph Denk übte im Nachgang leichte Kritik und merkte an, Lipowitz habe in der Hitze des Gefechts zu viel riskiert und sei schlicht zu schnell gewesen.

Übrigens: Nach dem Unfall von Vingegaard gab es heftige Debatten. Während Fahrerkollegen wie Mads Pedersen einen massiven Fahrfehler von Vingegaards Helfer Campenaerts für das Sturzdrama verantwortlich machten, übte der Visma-Teamchef Richard Plugge scharfe Kritik an den Organisatoren und bemängelte die mangelnde Streckensicherheit an dem gefährlichen Kreisverkehr. Zudem stand Schlafmangel im Raum, da Vingegaard in der Nacht zuvor um 2 Uhr für eine unangekündigte Dopingkontrolle geweckt worden war. Aber das wäre durchaus mal einen Blog-Beitrag (aus psychologischer Perspektive) wert.

Ähnliches Bild bei den Frauen

Aber auch bei der Tour de France der Frauen ereigneten sich vereinzelte prominente Stürze und Aufgaben nach „Sturzpech“ – unter anderem auf der nervösen Auftaktetappe.  Auf der 1. Etappe der Tour de France Femmes 2026 rund um das Start- und Zielgebiet in Lausanne (Schweiz) wurden vom offiziellen Rennarzt insgesamt drei Sturz-Vorfälle registriert. Mehrere Fahrerinnen waren in Zwischenfälle verwickelt. Laura Tomasi stürzte schwer, musste das Rennen aufgeben und wurde ins Krankenhaus gebracht. Prominente Fahrerinnen wie Marlen Reusser (dazu kommen wir gleich noch detaillierter), Zoe Bäckstedt und Puck Pieterse kamen ebenfalls zu Fall beziehungsweise wurden aufgehalten, konnten die Etappe aber beenden. Besonders auffallend war dann sicher der Sturz von Marlen Reusser. Sie war als Gesamtdritte in das Finale gestartet, verlor jedoch am Anstieg des Col d’Èze den Anschluss an die Spitzengruppe. Bei der anschließenden riskanten Aufholjagd in der Abfahrt ging die Schweizerin an der Belastungsgrenze zu Boden und blieb kurz neben ihrem Rad sitzen. Sie verlor wertvolle Minuten, kämpfte sich zwar ins Ziel, fiel im Endklassement jedoch aus den Top Ten heraus. 

Ursachensuche 

Auch bei der Tour de France 2026 waren Stürze ein wiederkehrendes Thema der medialen Berichterstattung. Auffällig ist dabei, dass die Ursachen meist nicht bei einem einzelnen Fahrer gesucht werden. Vielmehr entsteht das Bild eines komplexen Zusammenspiels aus hoher Geschwindigkeit, engem Fahren im Peloton, anspruchsvoller Streckenführung, Straßenbeschaffenheit und situativen Fahrfehlern. So wurden Stürze nach Berührungen zwischen Fahrern ebenso thematisiert wie gefährliche Straßenoberflächen oder unübersichtliche Situationen durch Zuschauer und Begleitfahrzeuge. Besonders drastisch war der Sturz von Jonas Vingegaard auf der 15. Etappe (siehe oben). Meiner Ansicht nach wären Stürze der vergangenen Tour-Ausgaben grundsätzlich vermeidbar gewesen. Ich betone dabei zunächst erst einmal insbesondere die Rücksichtnahme auf Straßenmöblierung, enge Straßen, Wetterbedingungen und die Gestaltung der Rennstrecken. 

Aus sportpsychologischer Perspektive ist interessant, dass in der medialen Diskussion damit indirekt immer wieder Situationen beschrieben werden, die extrem hohe Anforderungen an Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Antizipation und schnelle Informationsverarbeitung stellen. Je höher die Geschwindigkeit und Informationsdichte werden, desto kleiner wird das Zeitfenster, in dem ein Fahrer eine Gefahr erkennen, eine Entscheidung treffen und angemessen reagieren kann. Die Sportpsychologie kann in diesem Zusammenhang hilfreich wirken.

Sportpsychologische Prävention: Gefahren früher erkennen

Sportpsychologische Prävention kann dort ansetzen, wo aus einer potenziell gefährlichen Situation eine tatsächliche Sturzsituation wird: bei der Wahrnehmung und Verarbeitung relevanter Informationen. Ziel wäre es, Fahrer darin zu trainieren, kritische Situationen möglichst früh zu erkennen und angemessene Reaktionen bereits zu antizipieren. Denkbar sind beispielsweise videobasierte Trainings, in denen typische Rennsituationen – Positionskämpfe, Kurven, Verengungen oder plötzliches Bremsen im Peloton – präsentiert und mögliche Entwicklungen vorhergesagt werden müssen. Ergänzend kann gezieltes Blick- und Aufmerksamkeitstraining helfen, relevante Hinweisreize schneller zu identifizieren und auch unter hoher körperlicher und mentaler Belastung einen möglichst breiten situativen Überblick zu behalten. Solche Übungen sollten zunehmend unter realitätsnahen Bedingungen und Ermüdung stattfinden, denn gerade am Ende langer Etappen müssen Fahrer komplexe Informationen noch zuverlässig verarbeiten können. Sportpsychologische Prävention im Strassenrad-Rennsport bedeutet damit nicht, jeden Sturz verhindern zu können. Sie kann aber dazu beitragen, die entscheidenden Sekundenbruchteile zu gewinnen: Gefahr früher wahrnehmen – Entwicklung antizipieren – schneller entscheiden – angemessen reagieren.

Man beachte Demi Vollerings Aussagen in ihrem Interview zum Gesamtsieg der Tour de France in diesem Jahr (sinngemäß, so wie ich diese erinnere). “Es sind oft die richtigen oder falschen Entscheidungen, die man unterwegs trifft, die über das Ergebnis entscheiden.”  

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Mehr zum Thema:

Literatur

Zeuwts, L. H. R. H., Iliano, E., Smith, M., Deconinck, F. J. A., & Lenoir, M. (2021). Mental fatigue delays visual search behaviour in young cyclists when negotiating complex traffic situations: A study in virtual reality. Accident Analysis & Prevention, 161, 106387.

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Prof. Dr. Oliver Stoll
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