Prof. Dr. René Paasch: Mehr als ein Spiel? Was uns Felix Nmecha über Dankbarkeit, Sinn und mentale Stärke verrät

Die Fußball-Weltmeisterschaft lebt von großen Geschichten. Wir sprechen über Tore, Taktiken und Überraschungen. Wir analysieren Leistungen, vergleichen Statistiken und diskutieren Ergebnisse. Doch manchmal entstehen die bedeutsamsten Momente nicht während des Spiels, sondern danach. So geschehen nach dem Auftaktsieg der deutschen Nationalmannschaft gegen Curaçao. Während die meisten Kameras auf das deutliche Ergebnis gerichtet waren, versammelten sich Spieler beider Mannschaften nach dem Schlusspfiff im Mittelkreis zum gemeinsamen Gebet. Anschließend sagte Felix Nmecha einen Satz, der weit über den Fußball hinausweist: „Wir sind im Spiel Gegner. Nach dem Spiel sind wir alle Christen und wir sind Brüder.“ Wer diese Szene gesehen hat, konnte spüren, dass es dabei um mehr ging als um Sport. Es ging um Identität, Verbundenheit und die Frage, was Menschen unter höchstem Leistungsdruck Halt gibt.

Zum Thema: Glaube im Fußball

Bemerkenswert war dabei nicht nur das gemeinsame Gebet. Bereits nach seinem Treffer setzte Nmecha ein sichtbares Zeichen seines Glaubens. Nach dem Torjubel formte er mit seinen Händen eine Krone und deutete anschließend an, diese niederzulegen. Für viele Christen wird diese Geste als Ausdruck verstanden, dass Ruhm, Erfolg und Ehre letztlich nicht dem Menschen selbst, sondern Jesus Christus zugeschrieben werden. In einer Zeit, in der Spitzensport häufig von Selbstinszenierung, Reichweite und persönlicher Vermarktung geprägt ist, wirkte diese Botschaft fast ungewohnt. Sie vermittelte eine Haltung, die im Leistungssport selten geworden ist: Erfolg darf gefeiert werden, ohne dass sich alles um das eigene Ego drehen muss.

Medial wurde Nmecha durchaus auch kritisiert. Dem streng gläubigen Christen wird vorgeworfen, sich als Prediger zu inszenieren und klerikale Kreise zu unterstützen. Aus sportpsychologischer Sicht konzentrieren wir uns im Text auf die hochinteressante Frage, wie der Glauben die Haltung beeinflussen kann.

Glaube als Ressource

Die moderne Sportpsychologie beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Frage, welche Faktoren Menschen widerstandsfähig machen. Weltmeisterschaften gehören zu den größten psychischen Belastungssituationen im Sport. Millionen Menschen verfolgen jede Aktion, jede Entscheidung wird bewertet und analysiert. Erfolg und Misserfolg liegen oft nur wenige Zentimeter oder Sekunden auseinander. In einer solchen Umgebung suchen Athletinnen und Athleten nach Orientierung, Stabilität und Sinn.

Ryan und Deci beschreiben in ihrer Selbstbestimmungstheorie, dass nachhaltiges Wohlbefinden auf einem stabilen Fundament psychologischer Grundbedürfnisse beruht und nicht allein auf äußerer Anerkennung oder sportlichem Erfolg (Ryan & Deci, 2017). Wer seinen Wert ausschließlich aus Ergebnissen ableitet, wird zwangsläufig verletzlich, sobald Niederlagen, Verletzungen oder Krisen auftreten.

Aerial view of Christ the Redeemer and Rio de Janeiro city, Brazil, Quelle Fotolia

Genau hier kann für viele Sportlerinnen und Sportler der Glaube eine wichtige Ressource sein. Crystal Park (2005) beschreibt Religiosität und Spiritualität als Formen der Sinngebung. Menschen nutzen ihren Glauben, um belastende Erfahrungen in einen größeren Zusammenhang einzuordnen. Im Leistungssport zeigen Watson und Nesti (2005), dass spirituelle Überzeugungen Athletinnen und Athleten helfen können, mit Unsicherheit, Leistungsdruck und Rückschlägen umzugehen. Dabei geht es nicht primär um religiöse Dogmen. Es geht um die Erfahrung, dass der eigene Wert nicht mit dem Anpfiff beginnt und nicht mit dem Schlusspfiff endet. Vielleicht war es jedoch noch etwas anderes, das die Szene im Mittelkreis so besonders gemacht hat. Es war die Dankbarkeit.

Glaube als spirituelle Ressource

Dabei bedeutet dies nicht, dass Spiritualität für alle Athletinnen und Athleten gleichermaßen bedeutsam ist. Vielmehr zeigt die Forschung, dass religiöse und spirituelle Überzeugungen für diejenigen, die sie teilen, eine wichtige Ressource für Sinngebung, Bewältigung und psychologische Stabilität darstellen können (Park, 2005; Watson & Nesti, 2005). Eine aktuelle systematische Übersichtsarbeit von Noh und Shahdan (2020) zeigt, dass Religiosität und Spiritualität im Sport häufig mit Bewältigung von Unsicherheit, Teamzusammenhalt, Wohlbefinden, Hoffnung und dem Umgang mit Belastungen in Verbindung gebracht werden. Die Autorinnen und Autoren kommen zu dem Schluss, dass spirituelle Ressourcen im Sport zwar oft übersehen werden, für viele Athletinnen und Athleten jedoch eine wichtige psychologische Funktion erfüllen können.

Wer die ersten Tage dieser Weltmeisterschaft aufmerksam verfolgt hat, konnte sie immer wieder beobachten. Außenseiterteams feiern ihre erste WM-Teilnahme mit Tränen in den Augen. Spieler sinken nach dem Schlusspfiff auf die Knie. Fans singen trotz Niederlagen weiter. Athleten berichten vor laufenden Kameras davon, wie dankbar sie für diesen Moment sind. Gerade diese Bilder sind aus psychologischer Sicht bemerkenswert.

Dankbarkeit verändert Wahrnehmung

Robert Emmons und Michael McCullough konnten bereits vor mehr als zwanzig Jahren zeigen, dass Dankbarkeit weit mehr ist als ein angenehmes Gefühl. Dankbarkeit verändert die Wahrnehmung der eigenen Lebenssituation. Sie lenkt den Blick nicht ausschließlich auf das, was fehlt, sondern auch auf das, was bereits vorhanden ist. Menschen, die Dankbarkeit kultivieren, berichten von einem höherem Wohlbefinden, größerer Hoffnung und einer besseren Bewältigung belastender Situationen (Emmons & McCullough, 2003). Eine spätere Übersichtsarbeit von Wood und Kolleginnen bestätigte diese Zusammenhänge und zeigte, dass Dankbarkeit eng mit Resilienz, psychischer Gesundheit und sozialer Verbundenheit verbunden ist (Wood et al., 2010). Aus dieser Perspektive erhält die Szene zwischen Deutschland und Curaçao eine besondere Bedeutung.

Deutschland durfte einen erfolgreichen Turnierauftakt feiern. Curaçao hatte gerade deutlich verloren. Dennoch standen die Spieler gemeinsam im Kreis. Für einen Moment spielte das Ergebnis keine Rolle mehr. Die einen waren dankbar für einen gelungenen Start ins Turnier. Die anderen waren dankbar, überhaupt Teil einer Weltmeisterschaft zu sein, ihr Land vertreten zu dürfen und einen historischen Moment erlebt zu haben.

Der moderne Leistungssport vermittelt häufig den Eindruck, dass nur Gewinner Grund zur Freude haben. Die Realität ist wesentlich differenzierter. Menschen können enttäuscht und gleichzeitig dankbar sein. Sie können verlieren und dennoch Sinn erleben. Sie können weinen und gleichzeitig erfüllt sein.

Der Sinn als Ressource

Der Psychologe Michael Steger beschreibt Sinn als eine der zentralen psychologischen Ressourcen des Menschen. Menschen erleben Belastungen anders, wenn sie erkennen, dass ihr Leben Teil eines größeren Zusammenhangs ist (Steger, 2012). Genau deshalb berühren uns solche Szenen oft stärker als jedes Ergebnis. Sie erinnern uns daran, dass Erfolg nicht ausschließlich durch Tabellen, Tore oder Medaillen definiert wird.

Interessanterweise findet sich ein ähnlicher Gedanke bereits im Psalm 37:

„Befiehl dem Herrn deinen Weg und vertraue auf ihn, so wird er handeln.“

Psychologisch betrachtet beschreibt dieser Vers ein Spannungsfeld, das viele Athletinnen und Athleten kennen. Der Mensch trägt Verantwortung für das, was er beeinflussen kann: Training, Vorbereitung, Einsatz und Haltung. Das Ergebnis hingegen bleibt niemals vollständig kontrollierbar. Gegner, Tagesform, Verletzungen oder Zufälle entziehen sich unserem Einfluss. Mentale Stärke entsteht häufig genau dort, wo Menschen lernen, alles zu geben und gleichzeitig loszulassen, was außerhalb ihrer Kontrolle liegt.

Fazit

Vor diesem Hintergrund erhalten auch die Worte von Felix Nmecha eine tiefere Bedeutung: „Wir sind im Spiel Gegner. Nach dem Spiel sind wir alle Christen und wir sind Brüder.“

Dieser Satz beschreibt mehr als eine religiöse Überzeugung. Er erinnert daran, dass hinter jedem Trikot ein Mensch steht. Dass Konkurrenz und Verbundenheit keine Gegensätze sein müssen. Dass man leidenschaftlich gegeneinander antreten und sich dennoch mit Respekt begegnen kann. Die Geste der Krone, das Gebet im Mittelkreis und die Worte über Brüderlichkeit erzählen letztlich dieselbe Geschichte. Es ist die Geschichte von Menschen, die unter höchstem Leistungsdruck stehen und dennoch nicht vergessen haben, wofür sie dankbar sind. Es ist die Geschichte von Menschen, die ihren Wert nicht ausschließlich aus dem Ergebnis beziehen. Und es ist die Geschichte einer Haltung, die im Spitzensport manchmal verloren zu gehen droht: Demut. Vielleicht zeigt sich wahre mentale Stärke deshalb nicht nur darin, unter Druck Leistung abzurufen. Vielleicht zeigt sie sich auch darin, nach dem Schlusspfiff dankbar zu bleiben – unabhängig davon, was auf der Anzeigetafel steht.

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Mehr zum Thema:

Literatur

Emmons, R. A., & McCullough, M. E. (2003). Counting blessings versus burdens: An experimental investigation of gratitude and subjective well-being in daily life. Journal of Personality and Social Psychology, 84(2), 377–389. https://doi.org/10.1037/0022-3514.84.2.377

Noh, Y. E., & Shahdan, S. (2020). A systematic review of religion/spirituality and sport: A psychological perspective. Psychology of Sport and Exercise, 46, Article 101603.

https://doi.org/10.1016/j.psychsport.2019.101603

Park, C. L. (2005). Religion as a meaning-making framework in coping with life stress. Journal of Social Issues, 61(4), 707–729. https://doi.org/10.1111/j.1540-4560.2005.00428.x

Ryan, R. M., & Deci, E. L. (2017). Self-determination theory: Basic psychological needs in motivation, development, and wellness. Guilford Press.

Steger, M. F. (2012). Making meaning in life. Psychological Inquiry, 23(4), 381–385. https://doi.org/10.1080/1047840X.2012.720832

Watson, N. J., & Nesti, M. (2005). The role of spirituality in sport psychology consulting: An analysis and integrative review of literature. Journal of Applied Sport Psychology, 17(3), 228–239. https://doi.org/10.1080/10413200591010102

Wood, A. M., Froh, J. J., & Geraghty, A. W. A. (2010). Gratitude and well-being: A review and theoretical integration. Clinical Psychology Review, 30(7), 890–905. https://doi.org/10.1016/j.cpr.2010.03.005

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