Markus Gretz: Alexandra Popp und die Henne oder das Ei

Wenn man die Spielerinnen der deutschen Fußball Nationalmannschaft in den Interviews während der finalen EM-Phase sieht, beobachtet man viel Spaß und Freude. Mir kam dabei heute die Frage in den Sinn, was kam wohl zuerst? Hatte die sportlich überragende Alexandra Popp schon von Beginn der EM so viel Spaß oder ist sie erst aufgrund der sportlichen Erfolge so gelöst und fröhlich? Als Nächstes kommt mir die Frage in den Sinn, wie sich diese Stimmung wohl auf die sportliche Leistung auswirken wird oder ausgewirkt hat?

Zum Thema: Spaß als Erfolgsfaktor im Leistungssport

Ich habe schon oft mit Sportler*innen in meinen Coachings darüber gesprochen wie man wieder mehr Spaß im Sport haben kann. Die einfache Lösung, der die meisten Klient*innen auch schon Jahre lang hinterherrennen, ist der Weg, durch Erfolge für mehr Freude am Tun zu sorgen. Klar, gewinnen macht Spaß! Wenn ich aber den Spaß erzeugen will, indem ich mich zwanghaft auf’s gewinnen versteife, dann macht mir das zumindest eher unangenehmen Druck und eher nicht mehr so viel Spaß.

In den Beratungen gehen wir dann meist ganz systemisch-zielorientiert das Ganze von hinten an. Wir versuchen dann erst mal das Gefühl und den Zustand vorzustellen, wenn es wieder so richtig Spaß macht und überlegen uns, was man dann anders fühlen würde, was man anderes tun würde und wie andere einen anders sehen würden. Wir nutzen dabei die menschliche Vorstellungskraft und können neue Lösungsräume schaffen, um zum Ziel zu kommen. Die meisten Sportler*innen entwickeln in diesem Prozess konkrete Ideen, wie sie wieder mehr Spaß im Sport haben wollen.

Spaß als Erfolgsfaktor

Aber ist man mit Spaß auch erfolgreich? Diese Frage ist auch im Coaching sehr wichtig. Wenn ich sie den Athlet*innen stelle, kommt meist ein klares “Ja, klar!”. Erst auf die Frage, ob der Spaß auch Nachteile für die Leistung haben kann, werden viele stutzig und nachdenklich. Dann kommen meistens langsam Ideen, wie: “Man könnte zu unkonzentriert und leichtsinnig werden.” 

Diese sogenannte Auswirkungsüberprüfung ist ein sehr wichtiger systemischer Prozess. Denn jede Lösung wird auch neue Probleme bringen. Wenn man sich aber schon vorher Gedanken über die Nachteile einer Lösung macht, ist es möglich, auch dafür Lösungen und Möglichkeiten zu finden oder diese einzupreisen.

Erst Erfolg, dann Spaß oder umgekehrt?

So können Sportler*innen einen Zustand erzeugen, in dem sie Spaß haben aber mit viel Konzentration und genug Ernsthaftigkeit. Vielleicht versuchen Spieler*innen sogar ihr ganzes Team mit diesem Zustand “anzustecken”. Der Erfolg kann dann ganz natürlich kommen und muss nicht erzwungen werden.

Natürlich wird der Spaß auch meist mehr, wenn sich der Erfolg dazu gesellt und die gelöste Stimmung im deutschen Team hat sicherlich auch etwas mit dem – zumindest für Außenstehende – überraschenden sportlichen Höhenflug zu tun. Allerdings habe ich schon mehrmals in meiner Arbeit die Erfahrung gemacht, dass Athlet*innen es zuerst schaffen, wieder mehr Spaß zu haben und dann der Erfolg dazu kommt. Es bleibt also auch hier ein ungelöstes philosophisches Problem. Es können beide den Anfang machen: Spaß und Erfolg!

Mehr zum Thema:

Quellen:

https://www.sportschau.de/fussball/frauen-em/alexandra-popp-112.html

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Markus Gretz
Markus Gretzhttp://www.die-sportpsychologen.de/markus-gretz/

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