Laura von der Lippe spricht über Aufregung, Nervosität und Wettkampfdruck im Sport und darüber, dass diese nicht grundsätzlich leistungshemmend sein müssen.
Im Interview thematisiert die sportpsychologische Expertin auch das Aktivierungsniveau, die eigene Bewertung dieser Zustände und die Aufmerksamkeitssteuerung. Darüber hinaus geht es um die Bedeutung einer individuell ausgerichteten sportpsychologischen Arbeit sowie um den Menstruationszyklus im Sport und die Auseinandersetzung mit zyklusbezogenen Themen.
Laura, herzlich Willkommen im Netzwerk Die Sportpsychologen. Du hast selbst viele Jahre eigene Erfahrungen im Sport gesammelt und warst dabei in verschiedenen Sportarten aktiv. Kannst du dich an eine konkrete Situation erinnern, in der dir dein heutiges Wissen aus der Sportpsychologie hätte helfen können?
Ja, definitiv. Sport begleitet mich, seit ich denken kann. Ich bin durch viele unterschiedliche Sportarten geprägt, von Tennis und Beachvolleyball über Ski- und Bergsport bis hin zu verschiedenen Wassersportarten. Besonders gut erinnere ich mich an Situationen in Tennismatches, bei denen ich im Training gute Leistungen gezeigt hatte, diese im Match aber nicht immer abrufen konnte. Damals habe ich das relativ schnell als „Kopfsache“ eingeordnet.
Mit meinem heutigen sportpsychologischen Wissen würde ich die Situation differenzierter betrachten. Gerade der Umgang mit Wettkampfdruck, die Aufmerksamkeitssteuerung und die eigenen Erwartungen spielen eine zentrale Rolle. Ich weiß heute, dass es nicht darum geht, Nervosität oder Aufregung vollständig auszuschalten. Diese Aktivierung ist zunächst einmal eine ganz normale psychophysiologische Reaktion und kann je nach Aktivierungsniveau sogar leistungsförderlich sein. Entscheidend ist vielmehr, wie ich sie bewerte und wie gut es mir gelingt, meine Aufmerksamkeit auf die für die jeweilige Leistung relevanten Prozesse zu lenken. Genau das ist für mich eine wichtige Erkenntnis aus der Sportpsychologie: Es geht nicht darum, unter Druck keine Nervosität, Zweifel oder schwierige Gedanken zu haben. Vielmehr geht es darum, individuell mit solchen Zuständen funktional umgehen zu können und auch unter Druck handlungsfähig zu bleiben.
Was begeistert dich an deiner Rolle als sportpsychologische Expertin?
Mich begeistert vor allem die Verbindung aus wissenschaftlich fundiertem sportpsychologischem Wissen und der sehr individuellen Arbeit mit Menschen. Leistungssport ist unglaublich komplex. Es geht eben nicht nur um beispielsweise körperliche Voraussetzungen oder Technik und Taktik, sondern auch um Emotionen, Motivation, Selbstregulation, Selbstwirksamkeit, Kommunikation, den eigenen Umgang mit Druck und vieles mehr.
Gleichzeitig gibt es aus meiner Sicht nicht die eine sportpsychologische Intervention, die für alle Sportler:innen gleichermaßen funktioniert. Menschen unterscheiden sich in ihren Persönlichkeiten, ihren Erfahrungen, ihren Ressourcen und auch in den Anforderungen, die ihre jeweilige Sportart an sie stellt. Genau diese Individualisierung finde ich spannend.
Ich erlebe meine Aufgabe deshalb weniger darin, Athletinnen und Athleten vorzugeben, was sie tun oder verändern sollen. Vielmehr geht es darum, gemeinsam herauszuarbeiten: Was passiert gerade? Was braucht diese Person in dieser Situation? Und welche Strategien sind wissenschaftlich fundiert, individuell passend und gleichzeitig im sportlichen Alltag tatsächlich umsetzbar? Besonders schön finde ich dabei den Moment, in dem aus einer zunächst als Problem erlebten Situation ein besseres Verständnis für sich selbst entsteht und daraus konkrete Handlungsmöglichkeiten entstehen. Wenn ein Sportler beispielsweise merkt: „Ich verstehe jetzt besser, was in Drucksituationen bei mir passiert und weiß, wie ich damit umgehen kann“, dann ist das für mich sehr wertvoll.
Und natürlich spielt auch meine eigene sportliche Erfahrung eine Rolle. Ich kenne viele Situationen nicht nur aus der Theorie. Gleichzeitig ist mir wichtig, die eigene Erfahrung nicht mit allgemeinem Fachwissen zu verwechseln. Die Kombination aus eigener Sporterfahrung, wissenschaftlicher Evidenz und einer individuellen Betrachtung der jeweiligen Person macht für mich den besonderen Reiz der sportpsychologischen Arbeit aus.
Neben Themen wie Selbstgesprächsregulation und dem Umgang mit Druck ist eines deiner Schwerpunktthemen die zyklusbasierte Arbeit mit Sportlerinnen. Warum ist das Themenfeld aus deiner Sicht wichtig und welche Rolle kann die Sportpsychologie diesbezüglich ausfüllen?
Ich halte das Thema für wichtig, weil der Menstruationszyklus Teil der physiologischen Realität vieler Sportlerinnen ist und im Leistungssport vergleichsweise wenig berücksichtigt wird. Gleichzeitig möchte ich dabei bewusst differenzieren: Es geht aus meiner Sicht nicht darum, Sportlerinnen in starre „Zyklusphasen-Schubladen“ zu stecken oder zu behaupten, dass in einer bestimmten Phase automatisch bestimmte Leistungen möglich oder nicht möglich sind. Die individuelle Variabilität ist sehr groß und auch die wissenschaftliche Evidenz zu systematischen Leistungsunterschieden über den Zyklus hinweg ist nicht in allen Bereichen eindeutig. Gerade deshalb sehe ich eine wichtige Aufgabe der Sportpsychologie darin, Sportlerinnen dabei zu unterstützen, ein grundlegendes Verständnis für ihren Menstruationszyklus und damit verbundene Themen zu entwickeln und einen bewussten Umgang damit zu finden. Eine Sportlerin kann dadurch besser einordnen, welche körperlichen und psychischen Veränderungen sie möglicherweise im Zusammenhang mit ihrem Zyklus wahrnimmt, ohne diese automatisch als Ursache für jede Leistungsschwankung einzuordnen.
Ein zentraler Ansatz ist für mich deshalb das individuelle Monitoring: Wie erlebe ich meinen Zyklus? Wie verändern sich beispielsweise Energie, Stimmung, Schlaf, Blutung, Schmerzempfinden, Konzentration oder subjektive Belastung? Und gibt es bei mir tatsächlich wiederkehrende Muster? Sportpsychologische Arbeit kann dabei unterstützen, diese Beobachtungen einzuordnen und individuell passende Interventionen zu finden. Dazu können beispielsweise der individuelle Umgang mit Schmerzen oder prämenstruellen Beschwerden, die Regulation von Stress und Emotionen, Schlaf- und Erholungsstrategien, die Aufmerksamkeitssteuerung oder auch der Umgang mit veränderten Körperempfindungen gehören.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist für mich die Kommunikation. Wenn Sportlerinnen mögliche zyklusbezogene Beschwerden offen ansprechen können, ohne das Gefühl zu bekommen, dadurch als weniger belastbar wahrgenommen zu werden, entsteht überhaupt erst die Möglichkeit, gezielt darauf einzugehen. Hier kann die Sportpsychologie auch eine Schnittstelle zwischen Athletin, Trainerteam und gegebenenfalls medizinischem bzw. physiotherapeutischem Fachpersonal sein.
Und schließlich geht es für mich um Empowerment: Sportlerinnen dabei zu unterstützen, den Zusammenhang zwischen zyklusbezogenen Veränderungen und der eigenen Leistungsfähigkeit individuell zu betrachten, körperliche und psychische Veränderungen wahrzunehmen, einzuordnen und diese, soweit möglich, in die Trainings- und Wettkampfplanung einzubeziehen.
Dabei ist mir eine interdisziplinäre Perspektive besonders wichtig. Zyklusbezogene Arbeit ist keine rein sportpsychologische Aufgabe. Bei starken Schmerzen, Zyklusstörungen, auffälligen Blutungen oder ausbleibender Menstruation sollten beispielsweise gynäkologische und sportmedizinische Aspekte abgeklärt und berücksichtigt werden. Die Sportpsychologie kann hier einen wichtigen Beitrag leisten, ersetzt aber selbstverständlich keine medizinische Diagnostik.
Antworten auf deine Fragen
Wir haben hier einige Fragen und Antworten gesammelt. Wenn du tiefer einsteigen willst, nimm direkten Kontakt auf:
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Laura von der LippeWas bedeutet es, Nervosität im Sport funktional zu nutzen?
Aufregung und Nervosität sind zunächst einmal normale psychophysiologische Reaktionen und müssen nicht vollständig ausgeschaltet werden. Entscheidend ist, wie Sportlerinnen und Sportler ihre Aktivierung wahrnehmen und einordnen und ob es ihnen gelingt, ihre Aufmerksamkeit auf relevante Prozesse zu lenken. Sportpsychologische Arbeit kann dabei helfen, auch unter Druck handlungsfähig zu bleiben.
Warum ist eine individuelle sportpsychologische Betreuung wichtig?
Sportlerinnen und Sportler unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Persönlichkeit, Erfahrungen, Ressourcen und sportartspezifischen Anforderungen. Deshalb gibt es nicht die eine sportpsychologische Intervention, die für alle Menschen gleichermaßen funktioniert. Ziel der sportpsychologischen Arbeit ist es, gemeinsam zu verstehen, was in einer konkreten Situation passiert, und die passenden Interventionen für die jeweilige Person und ihren sportlichen Alltag zu finden.
Wie kann ich dem Netzwerk Die Sportpsychologen beitreten?
Die Aufnahmekriterien lauten (mindestens ein Kriterium muss für die Aufnahme im Netzwerk Die Sportpsychologen erfüllt sein):
– du hast erfolgreich ein Studium der Sportpsychologie, Psychologie, Sportwissenschaft mit Schwerpunkt Sportpsychologie absolviert
– du bist Absolvent oder Absolventin des asp-Curriculums
– du bist ordentliches Mitglied der SASP
– du kannst den Nachweis besonderer Eignung erbringen (Qualifikationen, Erfahrung im Sport, Weiterbildungen)
Mehr Informationen: https://www.die-sportpsychologen.de/netzwerk-beitreten/

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