Wolfgang Seidl:  Mut zur Pause – Wann es wichtig ist, auf Training und Wettkampf zu verzichten

„Ich ziehe das durch.“ Ein Satz, der im Leistungssport gerne mit mentaler Stärke verbunden wird. Wer sich quält, Müdigkeit überwindet und auch dann weitermacht, wenn es unangenehm wird, gilt schnell als besonders belastbar. Doch was, wenn genau dieses Durchziehen irgendwann zum Problem wird? Wenn der Körper längst Signale sendet, die wir nicht mehr hören wollen? Gerade ehrgeizige Sportler tun sich oft schwer damit, eine Pause einzulegen oder eine Belastung bewusst zu reduzieren. Denn wer den Traum vom Erfolg verfolgt, möchte keine Schwäche zeigen und schon gar nicht das Gefühl haben, eine Chance zu verpassen.

Zum Thema: Selbstwahrnehmung und Selbstverantwortung

Leistungssportler sollen lernen, an ihre Grenzen zu gehen. Sie sollen sich überwinden, auch dann weiterzumachen, wenn es unangenehm wird. Sie sollen Belastungen aushalten und Widerstände überwinden. Alles richtig. Aber mentale Stärke hat auch eine andere Seite, über die meiner Meinung nach noch zu wenig gesprochen wird: Ich rede von der Fähigkeit, rechtzeitig eine Pause zu machen.

Das schwierige NEIN

In meiner Arbeit mit Sportlern erlebe ich immer wieder Situationen, in denen der Körper längst Signale sendet, wie Müdigkeit, Erschöpfung, Schmerzen, fehlende Energie oder einfach das Gefühl, heute nicht wirklich belastbar zu sein. Und trotzdem wird trainiert.

Gerade junge Athleten, die den Traum vom Profi verfolgen, tun sich damit häufig schwer. Sie wollen ihre Chance nutzen, sich zeigen und möglichst keine Schwäche zeigen. Ein Training auszulassen, eine Einheit weniger intensiv zu absolvieren oder dem Trainer zu sagen, dass heute vielleicht eine Pause sinnvoll wäre, fühlt sich für manche fast wie ein Eingeständnis des Versagens an.

  • „Die anderen trainieren ja auch.“
  • „Ich darf keine Schwäche zeigen.“
  • „Wenn ich heute aussetze, bin ich nicht in der Startelf.“

Das Problem ist, dass aus Ehrgeiz schnell Überforderung werden kann. Natürlich bedeutet das nicht, dass jedes subjektive „Ich bin heute müde“ automatisch zu einer Trainingspause führen muss. Leistungssport bedeutet auch, sich zu überwinden. Entscheidend ist die Unterscheidung zwischen: 

  • „Ich will heute nicht“ und „Ich sollte heute nicht“.

Ein Nein kann Stärke sein

Ich bin überzeugt: Ein gut begründetes und mit dem Trainer abgestimmtes Nein zu einer Belastung kann genauso Ausdruck mentaler Stärke sein wie das Durchziehen einer harten Einheit. Denn dafür braucht es Selbstwahrnehmung und Selbstverantwortung.

Der Athlet muss seinen eigenen Zustand wahrnehmen, einschätzen und anschließend den Mut haben, ihn anzusprechen. Gerade bei jungen Sportlern ist das nicht selbstverständlich. Sie befinden sich in einem hierarchischen System und wollen ihren Trainern zeigen, dass sie belastbar und verlässlich sind.

Doch wer langfristig Leistung bringen möchte, muss auch lernen, seine Belastbarkeit zu steuern. Denn was bringt die härteste Trainingseinheit, wenn danach eine Verletzung folgt und mehrere Wochen oder Monate Pause notwendig sind?

Nicht erst pausieren, wenn der Körper entscheidet

Ein Gedanke aus einem Social-Media-Posting des Team Doktors der Chicago Bulls hat mich in diesem Zusammenhang besonders angesprochen. Darin ging es um Carlos Alcaraz und seine verletzungsbedingte viermonatige Pause.

Alcaraz wollte diese Pause ursprünglich nicht. Gleichzeitig beschrieb er danach, wie gut sein Körper nach den Matches regenerierte. Noch interessanter war seine Aussage, dass er über Jahre hinweg praktisch Turnier für Turnier gespielt habe und dabei irgendwann auch den Spaß verloren hatte.

Der entscheidende Punkt ist für mich nicht die Verletzung. Der entscheidende Punkt ist die Frage:

  • Warum warten wir so oft, bis der Körper uns zur Pause zwingt?

Zauberwort Belastungssteuerung

Eine Verletzung kann eine Pause erzwingen. Eine gute Trainings- und Belastungssteuerung kann möglicherweise helfen, dass es gar nicht erst so weit kommt.

Im Profifußball wird mittlerweile in vielen Vereinen und Akademien mit individueller Trainingssteuerung gearbeitet. Belastungsdaten und subjektives Belastungsempfinden fließen zunehmend in die Planung ein. Diese Entwicklung ist aus meiner Sicht sehr positiv.

Aber gerade außerhalb dieses professionellen Umfelds sieht es häufig anders aus. Im Nachwuchsfußball, in vielen Vereinen und insbesondere bei Einzelsportlern wie Tennisspielern wird noch immer sehr stark nach dem Prinzip „mehr ist besser“ gearbeitet.

Mehr Training. Mehr Turniere. Mehr Matches. Mehr Belastung. Doch mehr ist nicht automatisch mehr Leistung.

Was wollen wir unseren Athleten beibringen?

Aus meiner Sicht sollten wir Sportpsychologen und Mentalcoaches dieses Thema viel stärker in die Betreuung integrieren. Wir sprechen mit Athleten über Selbstvertrauen, Konzentration, Umgang mit Druck, Fehlern und Motivation. Aber vielleicht sollten wir sie auch regelmäßig fragen:

  • „Wie gut kannst du eigentlich wahrnehmen, was dein Körper dir sagt?“
  • „Woran erkennst du, dass du heute nicht bei 100 Prozent bist?“
  • „Traust du dich, deinem Trainer das auch zu sagen?“
  • „Kannst du eine Pause machen, ohne dabei ein schlechtes Gewissen zu haben?“

Und vielleicht die wichtigste Frage:

  • „Willst du heute unbedingt durchziehen, oder wäre eine Pause heute die bessere Entscheidung für deine langfristige Entwicklung?“

Denn gerade ehrgeizige Sportler brauchen manchmal nicht noch mehr Motivation zum Weitermachen.

Sie brauchen die Erlaubnis, auch einmal nicht weiterzumachen. Mut zur Pause.

Mentale Stärke

Mentale Stärke bedeutet nicht, immer härter zu sein als die anderen. Mentale Stärke bedeutet auch, die eigenen Grenzen zu kennen. Es braucht Mut, sich zu quälen, wenn es notwendig ist. Aber es braucht mindestens genauso viel Mut, Nein zu sagen, wenn der eigene Körper eine Pause braucht. Denn der Körper wird sich irgendwann durchsetzen.

Die Frage ist nur:

  • Entscheidet der Athlet selbst über die Pause, oder entscheidet irgendwann der Körper in Form einer Verletzung?

Mut zur Pause bedeutet nicht, weniger leisten zu wollen. Es bedeutet, langfristig leistungsfähig bleiben zu wollen.

Unterstützung

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