Ein Spieler setzt sich entschlossen im 1-gegen-1 durch, nimmt den Körperkontakt an, behauptet den Ball – und verschafft sich genau den Raum, den es braucht. Der schwierigste Teil der Aktion scheint geschafft. Doch dann passiert etwas Unerwartetes. Der eigentlich einfache Abschluss rutscht vom Brett, der Layup ist zu kurz, der Ball fällt nicht durch den Ring. Auf der Bank wird mit dem Kopf geschüttelt, auf dem Feld folgt ein kurzes Ärgern – und weiter geht’s.
Oft bleibt es bei schnellen Einordnungen:
- „Konzentration.“
- „Leichter Abschluss.“
- „Den muss er machen.“
Was dabei selten gefragt wird: Was passiert in diesen Momenten eigentlich im Kopf des Spielers?
Denn auffällig ist: Diese Fehler treten nicht zufällig auf – und sie betreffen erstaunlich häufig genau die Spieler, die Verantwortung übernehmen, den Kontakt suchen und schwierige Situationen nicht meiden.
Zum Thema: Warum verlieren Spieler genau in dem Moment an Präzision, in dem sie sich zuvor mit maximalem Einsatz einen Vorteil erarbeitet haben?
Um dieses Phänomen besser zu verstehen, lohnt sich ein Blick auf die Handlungskontrolltheorie von Julius Kuhl. Im Kern beschreibt dieses Modell, wie gut es Menschen gelingt, eine begonnene Handlung bis zum Ende zielgerichtet zu steuern – insbesondere in Situationen, die hohe Konzentration und Selbstregulation erfordern (Kuhl, 1985; Kuhl, 1994).
Dabei wird deutlich, dass erfolgreiche Ausführung weniger eine Frage einzelner Fähigkeiten ist, sondern vielmehr davon abhängt, wie stabil die Aufmerksamkeit über die gesamte Handlung hinweg gebunden bleibt. Diese Perspektive lässt sich auch mit Befunden zur Aufmerksamkeitsregulation im Sport verbinden, die zeigen, dass selbst kleine Schwankungen in der Fokussierung unmittelbare Auswirkungen auf die Präzision motorischer Handlungen haben können (vgl. Kahneman, 1973).
Handlungsorientierte und lageorientierte Steuerung
Kuhl unterscheidet in diesem Zusammenhang vereinfacht zwischen einer handlungsorientierten und einer lageorientierten Steuerung. Während bei der Handlungsorientierung der Fokus klar auf der Ausführung liegt und Entscheidungen unmittelbar umgesetzt werden, verschiebt sich bei der Lageorientierung die Aufmerksamkeit. Die Handlung wird innerlich bereits bewertet oder gedanklich abgeschlossen – oft, bevor sie tatsächlich zu Ende geführt ist.
Überträgt man dieses Modell auf die eingangs beschriebene Spielsituation, wird ein entscheidender Moment sichtbar. Im Drive zum Korb ist der Spieler hoch handlungsorientiert. Der Fokus liegt auf Durchsetzung, Timing und Körperkontakt – die Handlung ist klar strukturiert und zielgerichtet.
Doch genau im Übergang zum Abschluss verändert sich diese Steuerung häufig unbemerkt. Der schwierigste Teil der Aktion scheint bewältigt, der Vorteil ist erarbeitet. In diesem Moment entsteht oft eine kurze innere Entlastung – fast so, als wäre die Aufgabe bereits gelöst.
Die Bewegung läuft zwar weiter, doch die gedankliche Bindung an die Handlung wird minimal schwächer. Und genau hier liegt der entscheidende Punkt: Der Abschluss wird nicht mehr mit derselben Präzision gesteuert wie der Weg dorthin.
Abbrechender Fokus
Aus sportpsychologischer Perspektive ist dabei wichtig zu betonen, dass es sich nicht um einen Mangel an Technik oder Einsatz handelt. Vielmehr entsteht eine feine Verschiebung innerhalb der Handlung selbst. Der Fokus bricht nicht vollständig ab, aber er verliert an Klarheit und Verbindlichkeit.
Gerade Spieler, die Verantwortung übernehmen und bewusst schwierige Situationen suchen, sind davon häufiger betroffen. Sie investieren bereits im ersten Teil der Aktion viel Energie und Aufmerksamkeit – und erleben den Moment des Durchbruchs als eine Art inneren Zielpunkt. Dass die Handlung zu diesem Zeitpunkt noch nicht abgeschlossen ist, gerät dabei kurzfristig in den Hintergrund.
Ein erster Ansatz für die Praxis
Wenn der entscheidende Moment im Übergang innerhalb der Handlung liegt, dann ergibt sich daraus auch ein naheliegender Ansatz für die Praxis.
Hilfreich kann zunächst ein Perspektivwechsel sein:
Die Aktion endet nicht mit dem Durchbruch, sondern erst mit dem erfolgreichen Abschluss.
Dieser Gedanke verändert weniger die Intensität als vielmehr die Struktur der Aufmerksamkeit. Der Abschluss wird nicht mehr als „einfacher Teil“ wahrgenommen, sondern als konsequente Fortsetzung der gleichen Handlung. Dadurch bleibt der Fokus länger gebunden und die Ausführung stabiler. In der Praxis bedeutet das, den Moment des Vorbeikommens nicht als Abschluss, sondern als Zwischenstation zu verstehen. Die eigentliche Belohnung – sowohl gedanklich als auch emotional – verschiebt sich bewusst nach hinten, nämlich auf den erfolgreichen Abschluss. Es geht dabei nicht darum, zusätzliche Spannung aufzubauen oder die Situation künstlich zu verkomplizieren. Entscheidend ist vielmehr, die Aufmerksamkeit bis zum letzten Moment bei der Handlung zu halten – ruhig, klar und ohne vorzeitiges inneres „Loslassen“.
Fazit
Fehlwürfe nach erfolgreich gespielten Aktionen wirken auf den ersten Blick wie einfache Konzentrationsfehler.
Bei genauerem Hinsehen zeigt sich jedoch ein differenzierteres Bild: Nicht der Einsatz ist das Problem – sondern ein zu früher Wechsel im inneren Steuerungsprozess. Die Handlungskontrolltheorie von Julius Kuhl verdeutlicht, wie sensibel dieser Übergang ist – und warum gerade leistungsstarke Spieler davon betroffen sein können.
Leistung entscheidet sich nicht nur darin, sich eine gute Situation zu erarbeiten – sondern darin, sie bis zum Ende konsequent zu steuern.
Und genau darin liegt ein Ansatz, der sich bewusst wahrnehmen – und gezielt entwickeln lässt. Gern mit unserer (schau mal, wer bei euch in der Nähe ist) oder meiner Unterstützung (zum Profil von Thorsten Loch).

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Literaturverzeichnis
Kahneman, D. (1973). Attention and effort. Prentice-Hall.
Kuhl, J. (1985). Volitional mediators of cognition–behavior consistency: Self-regulatory processes and action versus state orientation. In J. Kuhl & J. Beckmann (Hrsg.), Action control: From cognition to behavior (S. 101–128). Springer.
Kuhl, J. (1994). Action versus state orientation: Psychometric properties of the Action Control Scale (ACS-90). In J. Kuhl & J. Beckmann (Hrsg.), Volition and personality: Action versus state orientation (S. 47–59). Hogrefe.
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