Noch bevor die letzten Spielerinnen den Platz verlassen haben, beginnt häufig ein zweites Spiel. Es wird nicht auf dem Rasen ausgetragen, sondern in Fernsehstudios, sozialen Medien, Podcasts oder Kommentarspalten. Während einige Athletinnen enttäuscht zusammensinken, richtet sich der Blick vieler Beobachtender bereits auf eine andere Frage: Wer trägt Verantwortung? Nach dem Ausscheiden einer Nationalmannschaft dauert es oft nur wenige Minuten, bis Aufstellungen diskutiert, Auswechslungen hinterfragt und taktische Entscheidungen bewertet werden. Schnell entsteht der Eindruck, es habe eine eindeutige Erklärung für das Ergebnis gegeben. Hätte der Trainer anders wechseln müssen? Wäre eine andere Spielerin die bessere Wahl gewesen? Oder hätte ein anderer Matchplan den Spielverlauf verändert? Solche Debatten gehören zum Sport. Fußball lebt von Emotionen und unterschiedlichen Perspektiven. Problematisch wird es jedoch dort, wo aus der Analyse eines Spiels ein Urteil über Individuen entsteht. Genau an dieser Stelle lohnt sich der Blick in die sportpsychologische Forschung. Dabei geht es nicht darum, das Ausscheiden einer bestimmten Mannschaft zu erklären. Vielmehr soll anhand aktueller Forschung aus der Sportpsychologie und Sozialpsychologie eingeordnet werden, weshalb öffentliche Bewertungen nach Niederlagen häufig bestimmten kognitiven und sozialen Mustern folgen. Sie zeigt, dass unser Bedürfnis nach eindeutigen Erklärungen zwar zutiefst menschlich ist, der Komplexität sportlicher Leistung jedoch häufig nicht gerecht wird.
Zum Thema: Warum unser Gehirn nach Klarheit sucht
Sportliche Großereignisse lösen intensive Emotionen aus. Freude, Stolz oder Enttäuschung werden innerhalb weniger Augenblicke von Millionen Beobachtenden gleichzeitig erlebt. Entsprechend wächst nach einer Niederlage das Bedürfnis, das Geschehen möglichst rasch einzuordnen. Daniel Kahneman (2011) beschreibt diesen Prozess als Zusammenspiel zweier Denksysteme. Das erste arbeitet schnell, intuitiv und emotional. Es ermöglicht spontane Einschätzungen, greift dabei jedoch auf Heuristiken und Vereinfachungen zurück. Das zweite denkt langsamer, analytischer und reflektierter. Diese intuitive Verarbeitung kann zugleich das Bedürfnis verstärken, Ungewissheit möglichst rasch zu reduzieren. Einen theoretischen Erklärungsansatz hierfür liefert das Konzept des Need for Cognitive Closure (Kruglanski, 1990). Nach einem verlorenen Spiel wirkt deshalb die Suche nach einer klaren Ursache oft überzeugender als die Einsicht, dass sich komplexe Wettkämpfe nur selten auf einen einzelnen Auslöser zurückführen lassen. Gerade nach emotional belastenden Ereignissen können einfache Erklärungen daher attraktiver erscheinen als komplexe oder mehrdeutige Zusammenhänge. Diese Neigung ist kein Ausdruck mangelnder Reflexion, sondern ein grundlegendes Merkmal menschlicher Informationsverarbeitung.
Wenn das Ergebnis unsere Wahrnehmung verändert
Im Spitzensport zeigt sich dieser Mechanismus besonders deutlich. Entscheidungen werden prospektiv getroffen, ihre Bewertung erfolgt jedoch retrospektiv (Baron & Hershey, 1988). Im Fußball lässt sich dieses Phänomen regelmäßig beobachten. Eine taktische Umstellung erscheint nach einem Sieg mutig oder genial. Führt dieselbe Maßnahme nicht zum gewünschten Erfolg, gilt sie plötzlich als Fehler. Das Resultat verändert rückwirkend unsere Einschätzung, obwohl sich die ursprüngliche Entscheidungsgrundlage nicht verändert hat. Genau diese Diskrepanz bildet den Kern des Outcome Bias (Baron & Hershey, 1988). Trainerinnen und Trainer berücksichtigen dabei Trainingsleistungen, medizinische Informationen, Belastungssteuerung, Gegneranalysen und zahlreiche weitere Faktoren, kennen den späteren Spielverlauf jedoch nicht. Erst nach dem Abpfiff entsteht häufig die Illusion, der bessere Weg sei von Anfang an offensichtlich gewesen. Während der Outcome Bias beschreibt, wie Ergebnisse unsere Bewertung von Entscheidungen beeinflussen, bezeichnet der Hindsight Bias die Tendenz, eingetretene Ereignisse im Nachhinein als vorhersehbarer wahrzunehmen, als sie tatsächlich waren (Roese & Vohs, 2012). Aussagen wie „Das war doch von Anfang an klar“ erscheinen im Rückblick plausibel, obwohl vor dem Spiel meist mehrere Entwicklungen gleichermaßen möglich schienen.
Warum wir so schnell nach Verantwortlichen suchen
Hinzu kommt ein weiterer gut erforschter Mechanismus. Der fundamentale Attributionsfehler beschreibt die Tendenz, Verhalten eher auf Eigenschaften einzelner Personen als auf situative Bedingungen zurückzuführen (Ross, 1977). Im Sport bedeutet dies, dass nach Niederlagen häufig einzelne Akteure in den Mittelpunkt rücken. Trainer, Spielerinnen oder einzelne Spielszenen werden zum Sinnbild des gesamten Turniers. Aus psychologischer Sicht überrascht das kaum. Einzelne Gesichter lassen sich leichter erinnern als das komplexe Zusammenspiel aus Taktik, Gegnerqualität, körperlicher Belastung, Kommunikation und Zufall. Unser Denken bevorzugt überschaubare Geschichten gegenüber vielschichtigen Systemen. Nicht jede Niederlage erlaubt Rückschlüsse auf Kompetenz, Motivation oder Engagement. Ebenso wenig lässt sich die Qualität jahrelanger Arbeit anhand eines einzelnen Turniers beurteilen.
Aus sportwissenschaftlicher Sicht spricht vieles dafür, Mannschaftsleistungen als dynamische Systeme zu verstehen. Araújo und Davids (2016) beschreiben Teams als komplexe adaptive Systeme, in denen technische, taktische, körperliche und psychologische Faktoren fortlaufend miteinander interagieren. Bereits kleine Veränderungen können den Spielverlauf beeinflussen, ohne dass sich im Nachhinein eindeutig bestimmen lässt, welcher Einfluss letztlich ausschlaggebend war.
Mannschaften sind mehr als die Summe ihrer Einzelnen
Wer Spitzensport ausschließlich über einzelne Entscheidungen erklärt, unterschätzt die Dynamik von Mannschaften. Fußball gleicht keinem Schachspiel, in dem jede Aktion eindeutig planbar ist. Leistung entsteht dagegen aus dem fortlaufenden Zusammenspiel zahlreicher Einflussgrößen. Technische Fertigkeiten, taktische Abläufe, körperliche Voraussetzungen, Kommunikation, emotionale Zustände, das Verhalten des Gegners und situative Ereignisse beeinflussen sich wechselseitig.
Betrachtet man Mannschaften als dynamische Systeme, lassen sich einzelne Spielereignisse kaum isoliert bewerten, sondern nur im Zusammenhang mit dem gesamten Spielgeschehen verstehen (Araújo & Davids, 2016). Ein früher Ballverlust kann beispielsweise nicht nur die taktische Ordnung beeinflussen, sondern auch Laufwege, Kommunikation, Sicherheitswahrnehmung und den Entscheidungsdruck innerhalb der Mannschaft verändern. Vor diesem Hintergrund erscheint es wenig plausibel, den Ausgang eines Turniers ausschließlich einer Aufstellung, einer Auswechslung oder einer einzelnen Spielszene zuzuschreiben. Solche Faktoren können bedeutsam sein. Ob sie den Ausschlag gegeben haben, lässt sich rückblickend jedoch meist nicht belastbar feststellen. Genau darin unterscheidet sich die wissenschaftliche Einordnung von nachträglicher Gewissheit.
Warum wir Erfolge gemeinsam feiern und Niederlagen personalisieren
Eine Weltmeisterschaft ist weit mehr als ein sportlicher Wettbewerb. Nationalmannschaften stehen für Zugehörigkeit, Identifikation und gemeinsame Emotionen. Wenn Fans sagen: „Wir haben gewonnen“ oder „Wir sind ausgeschieden“, spiegelt sich darin ein psychologischer Mechanismus wider, den die Forschung seit Langem beschreibt.
Nach der Social Identity Theory definieren Menschen ihre Identität nicht nur über persönliche Merkmale, sondern ebenso über Gruppen, denen sie sich zugehörig fühlen (Haslam et al., 2020; Rees et al., 2015). Erfolge stärken dieses Gemeinschaftsgefühl, Niederlagen berühren es ebenso. Aus dieser Perspektive kann eine Niederlage nicht nur als sportlicher Misserfolg, sondern auch als Belastung der eigenen sozialen Identität erlebt werden. Mit der emotionalen Verbundenheit verändert sich häufig auch die Art der Erklärung. Dies könnte dazu beitragen zu erklären, weshalb öffentliche Diskussionen nach Niederlagen häufig besonders emotional geführt werden. Während Erfolge meist der gesamten Mannschaft zugeschrieben werden, richtet sich der Blick nach Misserfolgen oft auf einzelne Personen. Diese Personalisierung erleichtert zwar die Einordnung komplexer Ereignisse, bildet deren Ursachen jedoch nur unvollständig ab.
Führung zeigt sich besonders in schwierigen Momenten
Nach Turnieren richtet sich die öffentliche Aufmerksamkeit häufig auf einzelne Entscheidungen. Deutlich seltener wird gefragt, wie Führung innerhalb einer Mannschaft tatsächlich entsteht. Aktuelle sportpsychologische Forschung versteht Führung zunehmend als gemeinsamen Prozess und nicht ausschließlich als Aufgabe einer einzelnen Person. Das Konzept der Identity Leadership beschreibt die Fähigkeit, ein gemeinsames Wir-Gefühl zu entwickeln und dadurch Identifikation, Verantwortungsübernahme sowie konstruktive Kommunikation innerhalb einer Mannschaft zu fördern (Haslam et al., 2020; Fransen et al., 2020). Daraus lässt sich jedoch nicht ableiten, dass eine starke Teamidentität automatisch sportlichen Erfolg garantiert. Sie beschreibt stattdessen Bedingungen, die Zusammenarbeit unter Belastung erleichtern können.
Fehlerkultur beginnt lange vor dem entscheidenden Spiel
Aus dieser sozialpsychologischen Perspektive stellt sich anschließend die Frage, unter welchen Bedingungen Mannschaften auch nach Fehlern lern- und leistungsfähig bleiben. Eng damit verbunden ist das Konzept der psychologischen Sicherheit. Amy Edmondson (2019) beschreibt damit ein Klima, in dem Schwierigkeiten offen angesprochen werden können, ohne persönliche Bloßstellung oder Abwertung befürchten zu müssen. Ursprünglich in der Organisationspsychologie entwickelt, gewinnt dieses Konzept inzwischen auch im Spitzensport zunehmend an Bedeutung. Fransen et al. (2020) konnten zeigen, dass psychologische Sicherheit eng mit identitätsorientierter Führung zusammenhängt. Wo Vertrauen besteht, fällt es Spielerinnen und Spielern leichter, Verantwortung zu übernehmen, Fehler anzusprechen und gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Psychologische Sicherheit bedeutet jedoch nicht, Leistung weniger wichtig zu nehmen. Vielmehr schafft sie Voraussetzungen für Lernen und Entwicklung. Wer befürchten muss, dauerhaft an einzelnen Fehlern gemessen zu werden, richtet seine Aufmerksamkeit häufig stärker auf Selbstschutz als auf Verbesserung. Diese Befunde sprechen dafür, dass Vertrauen und gegenseitiger Respekt Bedingungen schaffen können, unter denen Lernen und Weiterentwicklung wahrscheinlicher werden (Edmondson, 2019). Insgesamt sprechen die bisherigen Befunde dafür, dass hohe Leistungsansprüche und psychologische Sicherheit miteinander vereinbar sein können.
Zwischen Kritik und Verurteilung verläuft eine feine Grenze
Kritik gehört zum Spitzensport. Trainerinnen und Trainer analysieren Spiele, Spielerinnen und Spieler reflektieren ihre Leistungen und Medien ordnen Ergebnisse ein. Ohne kritische Auseinandersetzung wäre Entwicklung kaum möglich. Dennoch besteht ein wesentlicher Unterschied zwischen Analyse und Verurteilung. Eine Analyse fragt nach Bedingungen, Wechselwirkungen und möglichen Erklärungen. Sie akzeptiert Mehrdeutigkeit und berücksichtigt, dass komplexe Systeme selten eindeutige Antworten liefern. Eine Verurteilung hingegen vermittelt Gewissheit, obwohl die empirische Evidenz häufig mehrere plausible Erklärungen zulässt. Verurteilungen vermitteln den Eindruck eindeutiger Kausalität, obwohl die empirische Evidenz häufig mehrere plausible Erklärungen zulässt. Komplexe Entwicklungen werden dabei auf einzelne Ursachen oder Personen reduziert.
Was Trainerinnen und Trainer tatsächlich tun
Wer Einblick in die Arbeit professioneller Trainerteams erhält, erlebt häufig eine andere Form der Überprüfung, als sie in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Die erste Frage lautet selten: Wer hat den Fehler gemacht? Deutlich häufiger steht im Mittelpunkt: Wie ist diese Situation überhaupt entstanden? Dieser Perspektivwechsel beschreibt zwei grundverschiedene Denkweisen. Die eine sucht nach Verantwortlichen, die andere nach Entstehungsbedingungen.
Professionelle Spielanalysen beginnen deshalb selten mit der letzten Aktion vor einem Gegentor. Sie betrachten den gesamten Spielverlauf: Funktionierte das Gegenpressing? War die Raumaufteilung stimmig? Wie verlief die Kommunikation zwischen den Mannschaftsteilen? Welche Handlungsoptionen standen den Beteiligten in diesem Moment tatsächlich zur Verfügung? Ein Gegentor entsteht meist nicht innerhalb weniger Sekunden. Häufig entwickelt sich die entscheidende Situation bereits deutlich früher. Deshalb sprechen Sportwissenschaftler zunehmend von systemischer Einordnung statt von linearen Ursache-Wirkung-Modellen (Araújo & Davids, 2016). Nicht allein das Ereignis ist entscheidend, sondern das Zusammenspiel zahlreicher Einflüsse. Ein ähnliches Vorgehen findet sich auch außerhalb des Sports. Wer ausschließlich nach Schuldigen sucht, übersieht häufig die Bedingungen, unter denen Entscheidungen entstanden sind.
Die öffentliche Debatte folgt anderen Regeln
Öffentliche Diskussionen folgen einer anderen Logik als Einordnung. Medien arbeiten unter Zeitdruck, soziale Netzwerke belohnen Zuspitzung und klare Schuldzuweisungen erzeugen Aufmerksamkeit. Differenzierungen benötigen dagegen Zeit und erscheinen oft weniger eingängig. Auch hierfür lassen sich Befunde der kognitiven Psychologie heranziehen, nach denen narrative und personenbezogene Informationen leichter verarbeitet und erinnert werden als komplexe Systemzusammenhänge (Kahneman, 2011; Gilovich, 1991). Einzelne Personen bleiben stärker im Gedächtnis als dynamische Wechselwirkungen zwischen Taktik, Kommunikation, Belastungssteuerung und Gegnerverhalten. Deshalb werden Turniere häufig über Gesichter erzählt und deutlich seltener über Prozesse. Das bedeutet keineswegs, dass journalistische Kritik unangemessen wäre. Sport lebt von kontroversen Perspektiven. Problematisch wird es jedoch, wenn ein vielschichtiger Turnierverlauf auf eine einzelne Person reduziert wird. Forschung zu komplexen Systemen zeigt, dass monokausale Erklärungen der Wirklichkeit meist nicht gerecht werden. Das gilt für Unternehmen, Schulen oder Krankenhäuser ebenso wie für den Spitzensport.
Vielleicht verrät unsere Reaktion mehr über uns als über die Mannschaft
Eine Niederlage beendet nicht nur ein Spiel. Sie konfrontiert uns zugleich mit einem Gefühl, das viele Menschen nur schwer aushalten: Unsicherheit.
- War die Mannschaft tatsächlich schlechter?
- Hätte eine andere Entscheidung den Spielverlauf verändert?
- Oder war der Gegner an diesem Tag schlicht stärker?
Auf viele dieser Fragen gibt es keine eindeutigen Antworten. Gerade deshalb entsteht häufig das Bedürfnis, Gewissheit herzustellen. Dieses Bedürfnis entspricht dem zuvor beschriebenen Need for Cognitive Closure (Kruglanski, 1990). Eine vermeintlich klare Ursache vermittelt Orientierung und das Gefühl, das Geschehen verstanden zu haben. Aus kognitionspsychologischer Sicht erscheint dieses Bedürfnis nachvollziehbar. Ob diese Erklärung tatsächlich trägt, lässt sich wissenschaftlich meist nicht eindeutig beantworten. Es lohnt sich deshalb ein Perspektivwechsel. Anstatt unmittelbar nach Verantwortlichen zu suchen, könnten wir zunächst fragen, welche Informationen uns überhaupt zur Verfügung stehen. Kennen wir die Belastungssteuerung der vergangenen Wochen? Wissen wir, ob gesundheitliche Einschränkungen bestanden? Haben wir Einblick in die Spielvorbereitung? Oder beurteilen wir letztlich nur das sichtbare Ergebnis? Gerade wissenschaftliches Arbeiten lebt davon, Beobachtungen von Interpretationen zu unterscheiden. Dieser Grundsatz könnte auch die öffentliche Diskussion über Spitzensport bereichern.
Leistung verdient eine sorgfältige Analyse. Menschen verdienen Respekt.
Hier liegt eventuell die zentrale Botschaft dieses Beitrags. Leistungssport ist durch Entscheidungen unter Unsicherheit gekennzeichnet. Gerade sollten Entscheidungen möglichst anhand der zum jeweiligen Zeitpunkt verfügbaren Informationen und nicht ausschließlich anhand ihres späteren Ergebnisses bewertet werden (Baron & Hershey, 1988). Trainerinnen und Trainer verfügen nie über vollständige Informationen, Spielerinnen und Spieler handeln in Situationen, deren Ausgang sich nicht vollständig kontrollieren lässt. Hinzu kommen Erwartungen von Verbänden, Medien und Millionen Zuschauerinnen und Zuschauern. Dass diese Entscheidungen kritisch diskutiert werden, gehört selbstverständlich zum Spitzensport. Etwas anderes ist jedoch, aus einem Ergebnis Rückschlüsse auf den Wert eines Individuums abzuleiten.
Die Forschung zur psychologischen Sicherheit legt nahe, dass Personen besonders dann lernen und Verantwortung übernehmen, wenn Kritik konkret, respektvoll und auf Verhalten statt auf die Person gerichtet ist (Edmondson, 2019; Fransen et al., 2020). Ob sich diese Erkenntnisse unmittelbar auf öffentliche Debatten übertragen lassen, ist wissenschaftlich bislang nicht abschließend geklärt. Sie sprechen jedoch dafür, dass eine konstruktive Fehlerkultur Entwicklung eher fördern könnte als pauschale Schuldzuweisungen.
Fazit
Weltmeisterschaften erzählen Geschichten von Begeisterung, Hoffnung und Enttäuschung. Nach dem Schlusspfiff beginnt jedoch häufig eine zweite Geschichte: die Suche nach Erklärungen. Die Sportpsychologie zeigt, dass Rückschaufehler, Ergebnisorientierung und personale Zuschreibungen tief im menschlichen Denken verankert sind. Sie erleichtern die Einordnung eines Ereignisses, bergen jedoch zugleich das Risiko, sportliche Wirklichkeit stärker zu vereinfachen, als sie tatsächlich ist. Die eigentliche Herausforderung besteht deshalb nicht darin, auf Kritik zu verzichten. Sie gehört zum Leistungssport ebenso wie Anerkennung. Entscheidend ist vielmehr, zwischen Einordnung und vorschneller Gewissheit zu unterscheiden. Hinter jeder Spielerin und jedem Spieler stehen viele Jahre intensiven Trainings, persönlicher Verzicht und der Wunsch, das eigene Land bestmöglich zu vertreten. Zugleich ist jedes Turnier von einer Vielzahl sportlicher, taktischer und situativer Einflüsse geprägt, die sich einer einfachen Erklärung entziehen. Vielleicht zeigt sich die Größe des Sports deshalb nicht erst im Sieg oder in der Niederlage, sondern auch darin, wie wir nach dem Schlusspfiff über Menschen sprechen.
Was sich daraus für die Praxis ableiten lässt
Die dargestellten Forschungsergebnisse liefern keine einfachen Handlungsanweisungen. Sie können jedoch Anregungen geben, wie unterschiedliche Akteure Niederlagen einordnen und mit ihnen umgehen.
Für Trainerinnen und Trainer
Nach einem Turnier könnte es sinnvoll sein, den Blick zunächst auf den gesamten Spielverlauf zu richten, bevor einzelne Entscheidungen bewertet werden. Mannschaftsleistungen entstehen aus dem Zusammenspiel vieler Einflussgrößen. Eine differenzierte Analyse kann deshalb hilfreicher sein als die Suche nach einer einzelnen Ursache. Ebenso spricht einiges dafür, Fehler als Ausgangspunkt gemeinsamer Reflexion und Weiterentwicklung zu verstehen.
Für Spielerinnen und Spieler
Öffentliche Bewertungen gehören zum Spitzensport. Sie spiegeln jedoch nicht zwangsläufig die Bedingungen wider, unter denen Entscheidungen tatsächlich getroffen wurden. Eine klare Trennung zwischen medialer Resonanz und der eigenen Leistungsanalyse kann dazu beitragen, den Fokus auf beeinflussbare Aspekte der eigenen Entwicklung zu richten.
Für Manager und Verantwortliche
Nach Niederlagen entsteht häufig der Wunsch, rasch Konsequenzen zu ziehen. Die vorgestellten Erkenntnisse legen jedoch nahe, kurzfristige Reaktionen von einer systematischen Analyse zu unterscheiden. Nachhaltige Entscheidungen gewinnen häufig dann an Qualität, wenn unterschiedliche Perspektiven und Informationen einbezogen werden.
Für Medien
Kritische Berichterstattung ist ein unverzichtbarer Bestandteil des Spitzensports. Ebenso wertvoll kann jedoch die Einordnung sein, unter welchen Bedingungen Entscheidungen entstanden sind. „Welche Faktoren könnten zu dieser Entscheidung beigetragen haben?“ – Diese Frage eröffnet häufig einen breiteren Blick als die vorschnelle Suche nach Verantwortlichen.
Für Fans
Emotionen gehören zum Sport und machen einen wesentlichen Teil seiner Faszination aus. Vielleicht lohnt es sich dennoch, nach einer Niederlage einen Moment zwischen Beobachtung und Bewertung zu lassen. Nicht jede Entscheidung, die im Rückblick unglücklich erscheint, war unter den damaligen Bedingungen zwangsläufig falsch. Genau darin liegt eine der anspruchsvollsten Aufgaben im Sport: Leistungen kritisch zu analysieren, ohne vorschnell über Menschen zu urteilen.

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Literatur
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Baron, J., & Hershey, J. C. (1988). Outcome bias in decision evaluation. Journal of Personality and Social Psychology, 54(4), 569–579. https://doi.org/10.1037/0022-3514.54.4.569
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Fransen, K., McEwan, D., Sarkar, M., Fransen, J., Decroos, S., Boen, F., & Benson, A. J. (2020). The impact of identity leadership on team functioning and well-being in team sport: Is psychological safety the missing link? Psychology of Sport and Exercise, 51, 101763. https://doi.org/10.1016/j.psychsport.2020.101763
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Haslam, S. A., Reicher, S. D., & Platow, M. J. (2020). The new psychology of leadership: Identity, influence and power (2nd ed.). Routledge. https://doi.org/10.4324/9780429297521
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