Janosch Daul: Trainingslager als Meisterwerkstatt

Vom 31. Juli bis zum 7. August 2026 verbrachte unsere U16 des Halleschen FC ihr Trainingslager in Ditzum. Was dabei entstand, war mehr als eine Woche Saisonvorbereitung: ein gemeinsamer Entwicklungsraum, in dem Fußball, Teamkultur und Persönlichkeitsentwicklung eng miteinander verbunden wurden.

Zum Thema: Die angewandte Sportpsychologie als Teil eines Trainingslagers

Wir nennen unsere U16 die Meisterwerkstatt. Nicht, weil wir bereits Meister sind, sondern weil wir Meister in den Dingen werden wollen, die in unserem eigenen Einflussbereich liegen. Zum Beispiel wie wir trainieren, miteinander umgehen, mit Fehlern umgehen, Verantwortung übernehmen oder wie wir uns verhalten, wenn es schwierig wird. Genau diese Haltung sollte uns auch durch unser Trainingslager begleiten.

Mit einem großen Reisebus machten wir uns am 31. Juli auf den langen Weg nach Ditzum. Schon die Anreise wurde dabei zum ersten Teil unserer gemeinsamen Woche. Statt die vielen Stunden ausschließlich mit Handy, Musik oder Schlafen zu verbringen, warteten auf die Spieler kleine Challenges. In Interviews und Spielersteckbriefen ging es zunächst darum, miteinander ins Gespräch zu kommen und sich noch einmal von einer anderen Seite kennenzulernen. In Kleingruppen beschäftigten sich die Spieler zudem mit drei Fragen: 

  • Wie wollen wir unsere freie Zeit als Team nutzen, um weiter zusammenzuwachsen? 
  • Welchen Umgang wollen wir mit unseren Handys pflegen? 
  • Und was braucht es, damit sich alle in ihren unterschiedlichen Zimmerkonstellationen wohlfühlen?

Fünf übergeordnete Ziele des Trainingslagers

Am ersten Abend machten wir anschließend sichtbar, worum es in dieser Woche eigentlich gehen sollte. Die fünf übergeordneten Ziele des Trainingslagers wurden dem Team vorgestellt und visualisiert: gegenseitiges Kennen- und Schätzenlernen auf der Grundlage einer neugierigen Grundhaltung, die Entwicklung sozialer Kompetenzen, z.B. Selbstorganisation, Rücksichtnahme, Empathie und Verantwortung, das Schaffen einer gemeinsamen Grundlage unserer Zusammenarbeit, die Weiterentwicklung fußballerischer Inhalte sowie das bewusste Training von Widerstandskraft. Damit war der Rahmen gesetzt. Die kommenden Tage sollten nicht einfach eine Aneinanderreihung von Trainingseinheiten werden, sondern möglichst viele Gelegenheiten schaffen, diese Themen tatsächlich zu erleben.

Auch für mich als Sportpsychologischen Coach begann die Arbeit bereits auf der Hinfahrt. In freiwilligen Gesprächen mit einzelnen Spielern ging es darum, eine Grundlage für die Zusammenarbeit in der kommenden Saison zu schaffen: 

  • Was beschäftigt dich? 
  • Was möchtest du entwickeln?
  • Wobei kann ich dich unterstützen? 
  • Und was erwartest du überhaupt von einer Zusammenarbeit mit einem Sportpsychologischen Coach?

Dazu kamen im Laufe der Woche viele kurze Gespräche zu aktuellen Themen, die im engen Zusammenleben einer Mannschaft ganz automatisch entstehen: psychosoziale Anliegen, zum Beispiel Umgang mit Heimweh, Fragen zum Umgang mit Mitspielern, zum Beispiel Umgang mit überaus kommunikationsfreudigen Mitspielern, sportpsychologische Performance-Themen, zum Beispiel Körpersprache und Kommunikation oder Situationen, bei denen eine kurze Reflexion hilfreich sein konnte, zum Beispiel wie Spieler in Workshops auf mich wirkten.

Neugier als Ressource

Überhaupt zeigte sich schnell, dass die vielleicht wichtigste Ressource dieser Woche ausreichend vorhanden war: Neugier aufeinander. Die Spieler waren lebendig, gesprächsfreudig und offen. Ein Spieleabend mit Monopoly und anderen Spielen bot die Gelegenheit, sich noch einmal aus einer völlig anderen Perspektive kennenzulernen. Beim Kanufahren wurde gemeinsam gepaddelt – wobei die Abstimmung innerhalb der Kanus teilweise noch deutliches Entwicklungspotenzial offenbarte und einige Spieler unfreiwillig den direkten Kontakt mit dem Wasser suchten. Solche Situationen sind für mich keineswegs Nebensächlichkeiten. Teamkultur entsteht nicht nur im Mannschaftstraining und auch nicht nur in Workshops. Sie entsteht beim Essen, beim Tischtennis, im Zimmer, auf dem Wasser, beim gemeinsamen Lachen und genau dort, wo Menschen miteinander Situationen bewältigen müssen.

Auch deshalb war die Selbstverpflegung ein wichtiger Bestandteil des Trainingslagers. Mittags war jeweils eine Kochgruppe verantwortlich dafür, ein nahrhaftes und leckeres Essen auf den Tisch zu bringen. Selbstorganisation wird schließlich nicht dadurch gelernt, dass man darüber spricht. Sie entsteht, wenn man Verantwortung tatsächlich übernehmen muss: Wer kauft ein? Wer kocht? Wer räumt auf? Was passiert, wenn etwas nicht funktioniert? Und wie selbstverständlich übernehmen wir Verantwortung für Dinge, die nicht unmittelbar mit Fußball zu tun haben? Leckere Nudel-, Reis- und Kartoffelgerichte stärkten alle Beteiligten nachhaltig. 

Fußball im Fokus

Parallel dazu lief der Fußball natürlich weiter. Zwei Trainingseinheiten an einzelnen Tagen, Testspiele gegen St. Pauli und Neuhof, zusätzliche Fußball-Challenges und zahlreiche Möglichkeiten zur Reflexion sorgten dafür, dass auch die sportliche Entwicklung nicht zu kurz kam. Meine Rolle bestand dabei nicht darin, von außen auf das Geschehen zu schauen, sondern möglichst nah am Alltag des Teams zu sein. Ich war bei vielen Trainingseinheiten und Spielen dabei, wurde zum Reflexionsanker für Spieler und Trainer und begleitete Feedbackprozesse. In zwei Spielen filmte ich zudem die Halbzeitbesprechungen des Trainers, um anschließend gemeinsam auf Struktur, Kommunikation und Wirkung zu schauen. Sportpsychologische Arbeit findet für mich genau dort statt: nicht nur im Workshopraum, sondern mitten im sportlichen Alltag.

Ein besonderer Schwerpunkt lag auf der Frage, wie wir als Mannschaft miteinander umgehen wollen. In einem Workshop zur Nicht-Starter-Rolle beschäftigten wir uns damit, wie Spieler mit der Situation umgehen können, wenn sie nicht in der Startelf stehen. Dabei ging es nicht um das Schönreden einer unangenehmen Situation. Im Gegenteil: Enttäuschung darf da sein. Frust darf da sein. Entscheidend ist die Frage, was danach passiert. Wie kann ich diese Situation für meine eigene Entwicklung nutzen? Wie verhalte ich mich gegenüber meinem Team? Und wie bleibe ich handlungsfähig, obwohl gerade etwas nicht so läuft, wie ich es mir gewünscht habe?

Identitätsbildung

Am selben Tag richteten wir den Blick noch stärker auf unsere gemeinsame Identität. Die Spieler beschäftigten sich mit den Fragen: 

  • Wofür wollen wir als Team auf dem Platz stehen? 
  • Welche Eigenschaften sollen uns auszeichnen? 
  • Welche Botschaften sollen uns Orientierung geben? 

Es entstanden gemeinsame Wir-Botschaften, die im weiteren Saisonverlauf Orientierung und Klarheit schaffen sollen.

Einige Tage später, am 6. August, wurde dieser Prozess mit unserem Meisterkodex noch einmal konkretisiert. Gemeinsam identifizierten wir die Werte, die unser soziales Miteinander in dieser Saison prägen sollen. Dabei ging es nicht darum, möglichst viele schöne Begriffe zu sammeln. Viel interessanter war die Frage, wie sich diese Werte im Alltag zeigen. Was bedeutet Respekt, wenn ein Mitspieler einen Fehler macht? Wie sieht Verantwortung aus, wenn niemand zuschaut? Und woran erkennen wir Zusammenhalt gerade dann, wenn es auf dem Platz oder außerhalb davon schwierig wird?

Dazwischen gab es immer wieder ganz bewusst auch Momente, in denen nicht „entwickelt“ werden musste. Eine gemeinsame Radtour des Trainerteams und ein freier Nachmittag für unsere Spieler, Zeit in Ditzum und am Hafen, gemeinsames Essen, ein Grillabend mit Gesang und Karaoke. Gerade die Neuzugänge, aber auch einige Spieler mit besonderem Gesangstalent, sorgten dabei für Unterhaltung. Auch das gehört zu einer Saisonvorbereitung: Menschen brauchen nicht permanent ein Lernziel. Manchmal entsteht Entwicklung gerade dann, wenn Menschen einfach gemeinsam Zeit verbringen.

Und dann gab es den 5. August…

Einen Tag, den wir bewusst als „Tag des Widerstands“ gestalteten. Der normale Rhythmus wurde aufgebrochen. Eine Trainingseinheit begann ohne klassisches Frühstück, stattdessen bekam jeder Spieler zunächst eine Banane. Nach dem Mittagessen folgte ein Testspiel, später kamen spontan Bergsprints und Läufe hinzu. Wir wollten bewusst einen körperlichen und mentalen Reiz setzen und die Spieler mit Situationen konfrontieren, die nicht ihrer gewohnten Komfortzone entsprachen. Und damit war der Tag noch nicht vorbei – zumindest nicht der Tag des Widerstands.

Gegen drei Uhr nachts weckten wir unsere Spieler, auf die eine (vorerst) letzte Herausforderung wartete und zwar gerade einmal fünf Minuten nach dem Wecken: Drei Teams sollten innerhalb von 45 Minuten einen Parcours rund um die Unterkunft möglichst oft bewältigen. Kraft, Teamkoordination und Präzision bildeten die drei Stationen, die in jeder Runde durchlaufen werden mussten. Zusätzlich mussten die Gruppen währenddessen zwei Wasserkisten von Station zu Station schleppen und gemeinsam Quizaufgaben lösen. Die Spieler waren müde, der Tag war lang und trotzdem war eine bemerkenswerte Energie spürbar. Sie zogen gemeinsam durch. Diese Aktion war bewusst mehr als eine körperliche Belastung. Sie sollte erfahrbar machen, was Widerstand mit einer Gruppe macht: Wer übernimmt Verantwortung? Wer zieht andere mit? Wie kommunizieren wir, wenn wir müde sind? Wie gehen wir mit Fehlern und Frust um? Und schaffen wir es, trotz widriger Bedingungen gemeinsam handlungsfähig zu bleiben?

Besonderheit des Trainingslagers

Vielleicht liegt genau darin eine der größten Chancen eines Trainingslagers. Es bietet Zeit und Raum, um Dinge erfahrbar zu machen, die im normalen Wochenrhythmus oft nur schwer zu erzeugen sind. Man kann über Verantwortung sprechen – oder man kann eine Kochgruppe verantwortlich machen. Man kann über Kommunikation sprechen – oder gemeinsam in einem Kanu sitzen. Man kann über Werte sprechen – oder beobachten, wie sich eine Mannschaft verhält, wenn sie müde ist. Und man kann über Widerstandskraft sprechen – oder den Spielern Situationen geben, in denen sie erleben, dass Widerstand tatsächlich dazugehört.

Am 7. August hieß es schließlich aufräumen, putzen, packen, die bisherige Zeit gemeinsam reflektieren und Abschied nehmen. Anschließend ging es weiter in Richtung Nordrhein-Westfalen, wo am nächsten Morgen bereits ein hochklassig besetztes Turnier auf uns wartete. Das Trainingslager in Ditzum war damit vorbei. Die Entwicklung der Mannschaft natürlich nicht.

Mein Fazit

Was bei mir vor allem hängen bleibt, ist die Neugier. Die Neugier der Spieler aufeinander. Die Bereitschaft, miteinander ins Gespräch zu kommen. Die Lebendigkeit dieser Gruppe. Und die Energie, mit der sie sich auf sehr unterschiedliche Situationen eingelassen hat.

Eine Woche Trainingslager macht noch keine fertige Mannschaft. Ein Workshop verändert noch keine Kultur. Und ein Meisterkodex ist noch lange nicht dasselbe wie gelebte Werte. Aber Entwicklung braucht genau solche Räume. Räume, in denen Menschen sich begegnen, ausprobieren, Verantwortung übernehmen, Widerstand erleben, reflektieren und gemeinsam herausfinden können, wer sie sein wollen. Unsere Meisterwerkstatt hat in Ditzum eine Woche lang gearbeitet. Jetzt geht die Arbeit im Alltag weiter.

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Janosch Daul
Janosch Daul

Sportarten: Fußball, Handball, Basketball, Volleyball, Leichtathletik, Schwimmen, Tennis, Tischtennis, Badminton

Halle/Saale, Deutschland

+49 (0)176 45619041

E-Mail-Anfrage an j.daul@die-sportpsychologen.de