Christian Bader: Mentale Beanspruchung im Spielsport

Das Minimalziel des Frauen Nationalteam von Swiss Unihockey an der Frauen Floorball WM in Singapur war eine Medaille. Headcoach Oscar Lundin spricht in einem Interview nach dem verlorenen Spiel um Platz drei von einer grossen «mentalen Beanspruchung» im Halbfinale gegen Schweden, die viel Energie gekostet habe. Ein Faktor, der vermutlich bei der Niederlage gegen die Tschechinnen im Bronze-Match eine Rolle gespielt haben dürfte. Die angesprochene mentale Beanspruchung möchte ich im Kontext der Unihockey Frauen Weltmeisterschaft beleuchten. Dieser Erfahrungsbericht ist keine WM-Analyse, sondern hat den Zweck, die mentale Leistungsfähigkeit im Wettkampf zu diskutieren und Interventionsmöglichkeiten aufzuzeigen. Interventionen, von denen auch sie profitieren können.

Zum Thema: Welche Aspekte beeinflussen die Leistungsfähigkeit im Wettkampf massgebend?

Als Trainer biete ich eine Perspektive, um Oscar Lundins Aussagen sportpsychologisch einzuordnen. Konzentrieren wir uns auf zwei Haupttreiber für die mentale Leistungsfähigkeit von Athleten:

  1. Belohnung und Bedrohung
  2. Erregungsniveau

Sprechen wir von mentaler Leistungsfähigkeit, dann stehen dahinter komplexe neuropsychologische Mechanismen. Sie beinhalten Wahrnehmung, Denken, Urteilen, Erinnern, Sprechen und Lernen. In unserem Hirn ist also ständig eine Datenverarbeitung, ein Datenabgleich und die Bewertung von Informationen am Laufen. Das kostet uns Energie. Im Wettkampf sind Bedrohungen und Belohnungen wichtig. Beispielsweise kann die Beobachtung des Führungstors des Gegners oder das Gefühl der Kraftlosigkeit in den Zweikämpfen als Bedrohung wahrgenommen werden. Auf der anderen Seite kann die erfolgreiche Umsetzung des Gameplans oder das Gefühl voller Energie zu sein, als Belohnung empfunden werden.

Die Unterscheidung zwischen Belohnung (positiv) und Bedrohung (negativ) ist jedoch zu einfach. Unser Gehirn erzeugt ständig Gedanken und Empfindungen, die uns ablenken können. Daher ist die Fokussierung der Aufmerksamkeit zentral. Zwei hilfreiche Ansätze sind das Setzen von Handlungszielen und die Visualisierung mit einer Metapher. 

Voller Fokus

Handlungsziele setzen den Fokus auf das “Wie”. Sie sollten so konkret wie möglich sein und von den Athleten selbst beeinflusst werden können. Zum Beispiel: Ich stehe offen zum Feld (‘Daylight’); Ich setze meine Gegenspielerin maximal unter Druck; Ich spiele einfache Pässe; Unsere Linie spielt von Beginn an aggressiv und holt sich die zweiten Bälle. Diese Handlungsziele sollten so konkret wie möglich formuliert sein. Sie können individuell für einige Athleten, für Linien oder für die gesamte Mannschaft formuliert werden. Handlungsziele fördern die Konzentration über das gesamte Spiel bei den Athleten.  

Bei der Visualisierung geht es darum, sich selbst in verschiedenen Szenen vorzustellen. Das Bild der Taschenlampe kann diesen Prozess unterstützen. Stellen sie sich vor, sie sind in einem dunklen Raum voller Gedanken, Empfindungen, Träumen, Erfahrungen, Belohnungen und Bedrohungen. Mit der Taschenlampe können Athleten ihre Aufmerksamkeit auf die Aspekte lenken, die sie direkt kontrollieren können, wie z.B. ihre Atmung, ihre Gedanken, ihre Körpersprache. Nicht direkt beeinflussbare Faktoren (z.B. Schiedsrichter, Zuschauerverhalten) werden in der Vorbereitung berücksichtigt und im Wettkampf ausgeblendet.

Erregungsniveau

Die mentale Leistungsfähigkeit im Wettkampf wird durch das Erregungsniveau und die Wahrnehmung von Belohnung und Bedrohung beeinflusst. Athleten, die ihr Erregungsniveau bewusst steuern können, erreichen oft eine bessere Leistung. Ein optimales Erregungsniveau ist entscheidend, da sowohl eine zu niedrige als auch eine zu hohe Aktivierung die Leistung beeinträchtigen kann.

Das System von Belohnung/Bedrohung und das Erregungsniveau können sich gegenseitig negativ beeinflussen. Beispielsweise können ablenkende Gedanken bei zu niedrigem Erregungsniveau als Bedrohung wahrgenommen werden und Athleten fühlen sich gehemmt in den Aktionen. Bei zu hohem Erregungsniveau können Bewegungsabläufe unkoordiniert sein. Interventionsmöglichkeiten zur Regulierung des Erregungsniveaus umfassen Selbstgespräche und Handlungsroutinen. Ein einfaches Beispiel ist, dass in einer bequemen Haltung (liegend oder sitzend) mit geschlossenen Augen die Atmung achtsam reguliert wird, um gleichmässig und langsam zu Atmen. Die Athletin beschreibt nun möglichst konkret und vollständig ihre Bewegungsabläufe. Dabei achtet die Athletin auf die kleinen Details in der Bewegungsausführung (bspw. Handposition am Stock, was fokussiere ich mit meinen Augen). Um diese Konzepte weiter zu vertiefen, ist es wichtig zu verstehen, dass die mentale Leistungsfähigkeit nicht nur auf individueller Ebene, sondern auch auf Team-Ebene eine Rolle spielt. Ein Team, das in der Lage ist, seine kollektive Aufmerksamkeit zu fokussieren und ein gemeinsames Verständnis von Belohnung/Bedrohung und dem Erregungsniveau hat, kann seine Leistung im Wettkampf steigern. Dies erfordert eine offene Kommunikation und das Vertrauen, dass jedes Teammitglied seine Rolle und Verantwortung versteht und erfüllen kann.

Routinen

Eine weitere Möglichkeit ist, konkrete Handlungsroutinen zu entwickeln, die unabhängig vom Ergebnis oder vom Spiel angewendet werden und allen Beteiligten klar sind. Sie helfen, das mentale System zu entlasten, ohne nochmals alle Details durch den Trainerstaff nennen zu müssen (bspw. Hot-Debriefing -> duschen -> Halle verlassen -> Das Handy schalten wir erst im Hotel ein!). 

Das Erregungsniveau und die Wahrnehmung von Belohnung und Bedrohung sind entscheidend für die Leistung im Wettkampf. Für den absoluten Erfolg müssen viele Nuancen einfach stimmen, insbesondere auf Weltklasseniveau. Durch Visualisierung ist es möglich, die Aufmerksamkeit auf das zu richten, was kontrolliert werden kann. Handlungsziele und Selbstgespräche können dabei helfen, das ideale Erregungsniveau zu erreichen, um eine ideale Leistungsfähigkeit zu erhalten. Aus meiner Sicht ist es aber zentral, dass sich ein Athlet oder ein ganzes Team zu einem Ziel äussert. Erst wenn wir uns etwas erträumen können, setzen wir uns die richtigen Ziele, um den Traum real werden zu lassen.

Kontakt

Meine Kollegen und Kolleginnen (zur Übersicht) und ich (zur Profilseite von Christian Bader) helfen Ihnen oder Ihrem Team gern, genau an diesen Punkten zu arbeiten. 

Mehr zum Thema:

Quelle:

https://de.wikipedia.org/wiki/Kognitive_Neurowissenschaft

Eberspächer Hans (2007), Mentales Training – Das Handbuch für Trainer und Sportler. Copress Sport Verlag, München

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