Thorsten Loch: Das Theater des Bewusstseins

Sprechen wir von Bewusstsein, so kann jeder etwas dazu sagen, weil dieses sonderbare etwas uns sehr vertraut und bekannt ist. Doch gleichzeitig ist es ein höchst geheimnisvolles Phänomen. Wir alle wissen, was es heißt, wach und bewusst zu sein. Ein kleines Beispiel: die Worte welche sie gerade lesen sind Ihnen bewusst, möglicherweise auch die sensorischen Signale aus der Peripherie – sprich der unbequeme Stuhl auf dem sie gerade sitzen – oder aber sie nehmen die Hintergrundgeräusche von dem Küchenradio oder vom Nachbartisch wahr. Dennoch haben wir trotz jahrhundertelanger Spekulationen von Philosophen und in jüngerer Zeit Neurowissenschaftlern noch immer keine Vorstellung davon, was Bewusstsein tatsächlich ist oder wie das Gehirn es erzeugt.

Zum Thema: Das Phänomen Bewusstsein und wir im Sport darüber wissen sollten

Wir erleben uns und die Welt als einen ständigen Fluss von Gedanken und sensorischen Informationen. Wie unser Gehirn diesen Bewusstseinsstrom erzeugt, bleibt jedoch ein Rätsel. Baars (1997) liefert mit seiner „Theorie des globalen Arbeitsraums“ einen möglichen Zugang das Phänomen Bewusstsein zu erklären.

Das Gehirn führt ständig zahlreiche Operationen durch, doch wir haben stets nur zu einer kleinen Anzahl Zugang beziehungsweise sind uns nur weniger Operationen bewusst. Wir können unsere Aufmerksamkeit auf etwas richten, das um uns herum passiert, bspw. einen freistehenden Mitspieler sehen, und dann zu einem intern erzeugten Gedanken oder einer Erinnerung überzuspringen. Dies sind die Inhalte des Bewusstseins, die als kontinuierlicher Fluss von Wahrnehmungen erlebt werden. 

„Bewusstsein agiert wie ein `heller Fleck´ auf der Bühne, gelenkt vom selektiven `Scheinwerfer der Achtsamkeit´.”

(Bernard Baars, 1997)

Im Rampenlicht

Das Modell des globalen Arbeitsraumes verwendet das Theater als Metapher für die Hirnmechanismen, die für das Erzeugen von Bewusstsein verantwortlich sind. Demnach ist das Gehirn ein System mit zahlreichen verstreuten, parallel geschalteten Prozessen, die gleichzeitig operieren. Diese Prozesse sind die Schauspieler, deren Handlungen alle dem Bewusstsein zugänglich gemacht werden können. Wir sind uns jedoch dieser Schauspieler nur dann bewusst, wenn sie die „Bühne“ betreten. Befinden sie sich nicht auf der Bühne, werden uns ihre Handlungen nicht bewusst. 

Im „Theater“ entspricht die Bühne dem Arbeitsgedächtnis, das uns erlaubt, kurze Zeit eine begrenzte Menge an Informationen im Gedächtnis zu behalten und zu manipulieren. Man kann sich dieses Arbeitsgedächtnis als eine Art Bildschirm vorstellen, auf dem Informationen vor unser „inneres Auge“ projiziert werden. Die selektive Aufmerksamkeit dirigiert die Show. Der „Scheinwerfer der Aufmerksamkeit“ (Baars, 2005) richtet seinen hellen Kegel auf gewisse neuronale Prozesse, und diejenigen, die derart beleuchtet werden, betreten die „Bühne“ des Bewusstseins. Der Scheinwerfer enthüllt die Inhalte des Bewusstseins, die sich von Minute zu Minute verändern können, wenn einige Schauspieler von der Bühne abgehen und durch andere ersetzt werden. 

Backstage

Obwohl jeweils nur wenige Schauspieler im Rampenlicht stehen, arbeiten viele hinter der Bühne weiter. Ihre Aktivitäten bleiben im Verborgenen und gelangen daher nicht ins Bewusstsein. Doch einige können die Aktivität derer beeinflussen, die im Rampenlicht stehen. 

Der „Scheinwerfer“ ist umgeben von nur vage bewussten, aber wichtigen Ereignissen, die das Geschehen auf der Bühne subtil verändern können. Auf diese Weise kann unbewusste Informationsverarbeitung im Gehirn das Bewusstsein beeinflussen. Die Kommunikation zwischen den Akteuren im Rampenlicht und denjenigen hinter der Bühne verläuft in beide Richtungen. Der Scheinwerfer der Aufmerksamkeit agiert als „Drehscheibe“, die nicht nur Handlungen von Akteuren hinter der Bühne an solche auf der Bühne übermittelt, sondern auch wichtige Informationen von der Bühne an alle anderen weiterleitet.  

Fazit 

Das Modell des globalen Arbeitsraums ist ein theoretischer Rahmen, der die mentale Architektur des Bewusstseins beschreibt. Innerhalb dieses Rahmens kann man sich Bewusstsein als Mechanismus vorstellen, durch den das Gehirn relevante Informationen Vorrang verleiht und uns Zugang zu ihnen gibt. Das Modell kann einige der wichtigsten Merkmale erfolgreich begründen. Der Scheinwerfer der Achtsamkeit erklärt, warum Bewusstsein eine begrenzte Kapazität hat; ihr ständig wechselnder Fokus erklärt, warum wir Bewusstsein als ein Strom erleben, und die Interaktion zwischen den am Rande stehenden und den Schauspielern auf der Bühne erklären, warum bewusste und unbewusste Verarbeitung sich einander beeinflussen.

Wer solche Erkenntnisse für Training und Wettkämpfe nutzen und an sich arbeiten will, ist herzlich eingeladen, Kontakt aufzunehmen. Viele meiner Kollegen und Kolleginnen (zur Übersicht) und ich (zum Profil von Thorsten Loch) lieben es, auf der Detailebene mit euch zu arbeiten.  

Mehr zum Thema:

Literatur 

Baars, B. (1997): In the Theater of Conciousness: The Workspace oft he Mind. Oxford University Press. 

Baars, B. (2005): Global workspace theory of consciousness: toward a cognitive neuroscience of human experience. Progress in Brain Research, Elsevier, Pages 45-53. 

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Thorsten Loch
Thorsten Lochhttp://www.die-sportpsychologen.de/thorsten-loch/

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Hennef, Deutschland

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