Corona und die Impfdebatte im Sport: Der Mannschaftsfrieden ist in Gefahr

Seit zwei Jahren bestimmt eine Pandemie unser gesellschaftliches Leben. Auch vor dem Sport machen Diskussionen nicht halt, die selbst an den aufgeräumtesten  Küchentischen für Wirbel sorgen. Als Dienstleister für Verbände, Vereinsteams, TrainerInnen und SportlerInnen wissen wir, dass es in Vereins- oder Team-Chatgruppen, auf den Geschäftsstellen oder am Rande von Training und Wettkampf hitzige Diskussionen gibt. Wir versuchen, Orientierung zu geben. 

Interview mit Prof. Dr. Oliver Stoll (zum Profil) und Janosch Daul (zum Profil)

Können gesellschaftliche Diskussionen um Themen wie Impfungen oder die Pandemie als solche den Mannschaftsfrieden und damit sportliche Ziele gefährden? Welchen Voraussetzungen sollten geschaffen werden, um dies zu verhindern?

Prof. Dr. Oliver Stoll (zum Profil): Natürlich kann diese Diskussion den “Mannschaftsfrieden” beeinflussen. Mannschaften sind “kleine Abbilder” der Gesellschaft, sozusagen “Subsysteme”, die sich durch eine Vielfalt von persönlichen Zielen, Wünschen und Bedürfnissen beschreiben lassen. Bei einer guten Team-Kohäsion, also einen guten Gruppenzusammenhalt sind persönliche und Gruppenziele synchronisiert. Dies ist in der aktuellen Diskussion auf alle Fälle deutlich schwieriger.

Gerade unter 2G-Plus-Regeln werden Sportler und Sportlerinnen auf politischem Weg von Training und Wettkampf ausgeschlossen. Wie sollten TrainerInnen und Vereinsverantwortliche mit ausgeschlossenen SportlerInnen kommunizieren? 

Janosch Daul (zum Profil): Der Wettkampf stellt für viele SportlerInnen der Höhepunkt einer Trainingswoche oder gar Trainingsperiode dar. Erfolgreich zu sein und sich auf der öffentlichen Bühne zu präsentieren, sind typische Motive von LeistungssportlerInnen. Sie sind wie ein Treibstoff, der diese zum täglichen Training animiert. Kann nun, beispielsweise aufgrund politischer Entscheidungen, nicht am Wettkampf teilgenommen werden, entstehen Frustrationen, zumal dann mögliche Bedürfnisse wie jenes nach Anerkennung nicht befriedigt werden können. Noch schwieriger ist es, wenn SportlerInnen gar das Trainieren untersagt wird. Für viele, gerade im hochprofessionellen Spitzensport, stellt der Sport selbst eine zentrale Lebenssäule dar. Viele SportlerInnen definieren sich in hohem Maße über die eigene Leistungserbringung und sportliche Erfolge. Durch einen Ausschluss kann die Lebenssäule folglich ins Wanken geraten, SportlerInnen leiden. Dementsprechend braucht es emphatisch und feinfühlig agierende TrainerInnen, die fähig sind, sensibel mit ihren SportlerInnen zu kommunizieren. Mehr denn je sind sie als Stütze und Ratgeber gefragt, die auf das mentale Wohlbefinden ihrer SportlerInnen fokussieren. 

Andererseits werden viele TrainerInnen von ihren Vorgesetzten am sportlichen Abschneiden gemessen, welches wiederum maßgeblich davon abhängt, inwiefern auf Personal zurückgegriffen werden kann. TrainerInnen stehen also zu einem Abhängigkeitsverhältnis zu ihren Schützlingen und werden hoffen, dass sie auf diese schnellstmöglich wieder zurückgreifen können. Doch viel mehr als für die SportlerInnnen eine adäquate Informationsplattform in Bezug auf das Thema Impfung zu bieten, können Vereinsverantwortliche und TrainerInnen aus meiner Sicht in einer solchen Situation nicht leisten. Hierbei sollten alle Verantwortungsträger im Verein an einem Strang ziehen. Grundsätzlich obliegt es aber immer noch dem freien Willen eines Menschen, ob er sich impfen lassen möchte oder eben nicht.

In Vereinen, Teams und Trainingsgruppen sind Chats sehr beliebt. Dort hineingetragen werden aber auch fragwürdige Inhalte, die aus Querdenkergruppen, von Corona-Leugnern, Verschwörungstheoretikern oder offen Rechtsradikalen stammen. Wie können TrainerInnen, Vereinsverantwortliche oder andere beauftragte Personen darauf bestmöglich reagieren?  

Prof. Dr. Oliver Stoll (zum Profil): Das ist eine ganz schwierige Aufgabe, denn auch im Sport darf oder soll man auch politisch sein dürfen. Im Optimalfall natürlich immer auf der Basis eines guten und kommunikativen Handelns, das nach Habermas durch den Dissens immer in einem Konsens münden sollte. Die Frage ist, ob ein solches Vorgehen im leistungssportlichen Kontext wirklich gewollt wird, denn Kommunikation ist eine aufwendige Aufgabe und die Frage ist, ob Vereine und Verbände gerade das als erste Aufgabe auf dem Zettel haben. 

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Mathias Liebing
Mathias Liebinghttps://www.torial.com/mathias.liebing

Redaktionsleiter bei Die Sportpsychologen und freier Journalist

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