Dr. Hanspeter Gubelmann: Positiv getestet… Stirbt so der olympische Traum?

Mögen die Spiele beginnen… so der Entscheid, der vom IOC am 5. Januar 2022 getroffen und mit den nationalen Olympischen Komitees und Sportverbänden diskutiert wurde. Damit dürfte feststehen, dass die Spiele am 4. Februar auch tatsächlich eröffnet werden. Wie schon an den Sommerspielen in Tokyo dürfte das „Olympische Erlebnis“ coronabedingt kaum Platz in der „Mega-Bubble“ finden. Anders als in Tokyo droht aber der sportliche Weg für die Athlet*innen ungleich steiniger zu werden. Omikron ist allgegenwärtig und setzt den Protagonist*innen vor allem auch psychisch zu. Der Spiessrutenlauf nach Peking geht in seine entscheidende Phase.

Zum Thema: Corona und die Olympischen Spiele

Die Kontraste in der aktuellen Spitzensportszene könnten grösser nicht sein: am Chueinisbärgli in Adelboden feiern die Skicracks vor zehntausenden Zuschauern vor Ort und Millionen am Bildschirm ein grandioses Skifest. Fast gleichzeitig findet im slovenischen Kranjska Gora ein Weltcup-Slalom der Frauen statt, an dem beinahe 20 Weltcup-Fahrerinnen wegen Covid-19 fehlen – wie auch das Live-Publikum. Angesprochen auf diese Entwicklungen bleibt vielen Athlet*innen und Funktionär*innen oft nur ein lakonischer Hinweis auf die „bestehenden Regelungen, die eingehalten werden müssen“ – oder, wie im Fall von Manuel Feller, eine gehörige Prise Galgenhumor, wie der Austria-Star zu Protokoll gab: „Die Schweizer versuchen es wohl mit der Durchseuchung“. 

Wesentlich deutlicher in der kritischen Situationsbewertung am Chuenisbergli wird der Alpin-Direktor des Deutschen Skiverbands Wolfgang Maier in einem ARD-Fernsehinterview. Er sieht in der individuellen Bewältigung der Corona-Misere vor und während den Spielen eine hochgradig psychologische Stresssituation, welche man ihn ihren Auswirkungen noch nicht einzuschätzen vermag. Angesprochen auf diese Problematik meint etwa Aleksander Aamodt Kilde, der Partner von Mikaela Shiffrin, die eben aus der Corona-Quarantäne auf die Skipiste zurückgekehrt ist: „Angst ist auch dabei. Eine positive Probe in China zu haben, ist sicher kein Spass. Aber was können wir machen? – einfach Maske tragen und Abstand halten.“

Was steht auf dem Spiel?

Für die allermeisten Spitzensportler*innen markiert die Teilnahme an Olympischen Spielen DAS herausstehende Ereignis in ihrer sportlichen Karriere. Im wissenschaftlichen Diskurs wird dieser Umstand auch mit der Bezeichnung „critical incident“, als ein kritisches Ereignis einer Sportlerkarriere beschrieben. (vgl. Baldasarre & Feldmann, 2016) Dies liegt einerseits in der herausragenden, einzigartigen Bedeutung des Events. Im positiven Fall hat ein Medaillengewinn weitreichende Folgen auf den weiteren Karriereverlauf, insbesondere hinsichtlich Anerkennung, Prestige und zukünftigen Einnahmemöglichkeiten – u.a. durch neue und besser dotierte Sponsoringverträge. „Wer so über sich hinauswächst, erlebt ein Gefühl höchster Zufriedenheit. Ausserdem bietet der Moment des Glanzes an Olympia die einzigartige Chance, jahrelange Anstrengungen und Opfer zu rechtfertigen und die Aufmerksamkeit der Medien aus der ganzen Welt auf sich zu ziehen.“ (Schmid, 2016, S.16).

Wer dagegen in Peking nicht an den Start gehen kann oder im olympischen Wettkampf versagt, dem drohen im Nachgang deutlich negativere Konsequenzen, deren Aufarbeitung oft Motivation für den Einstieg in einen psychologischen Beratungsprozess darstellt.  

Ursprung olympischer Erfolge…

Es bleibt nicht mehr viel Zeit bis am 4. Februar die Spiele in China eröffnet werden. Der Startschuss zur Olympiamission „Beijing 2022“ dürfte bei den Athlet*innen und Betreuer*innen aber schon vor Monaten oder gar Jahren erfolgt sein. Diese Erkenntnis, wonach eine erfolgreiche Olympiateilnahme insbesondere auf einer karrierebegleitenden, langfristig ausgelegten und psychologisch unterstützten Vorbereitung fusst, stammt aus dem 2000 initiierten Swiss Olympic Report (vgl. Gubelmann & Schmid, 2001). 

Wie eine mehrjährige Vorbereitung auf Olympische Spiele lanciert werden kann, beschreibt Marc Wälti in seinem Buch „Simon Ammann, Andreas Küttel – die ungleichen Zwillinge“ in der Situation als der Trainer Berni Schödler im Jahr 2000 als Nationaltrainer zum Team der Schweizer Skispringer stiess (S.33). „Als erstes organisiert Schödler auf den frisch erstellten Olympiaschanzen von Park City einen ersten Vorbereitungskurs. Unterstützt wird er vom Sportpsychologen Hanspeter Gubelmann. Dieser gehört bereits seit einem Jahr zum Betreuerteam und wird zunehmend zu einer wichtigen Bezugsperson im Umfeld der Skispringer. Ziel ist es, den Wettkampfort vorgängig zu besuchen, um so eine emotionale Beziehung zu ihm aufzubauen. Als erstes ausländisches Team trainieren die Schweizer in Park City. Sie unternehmen auch sonst viel, um Land und Leute kennenzulernen. Gerade bei Simon Ammann kommen diese Tage sehr gut an. Von Anfang an hat er die Schanzen im Griff. Dank dem herrschenden Aufwind gelingen ihm gute und weite Flüge, was sich in seinem Gedächtnis festsetzt. Die Aktivitäten neben der Schanze geben Ammann ein positives Bild von der Gegend. Die Lust auf die Olympischen Spiele ist geweckt – was der eigentlichen Absicht von Schödler und Gubelmann entspricht.“ (S.33)

Zum Autor:

Dr. Hanspeter Gubelmann ist seit über 30 Jahren in der angewandten Sportpsychologie tätig und war an vier Olympischen Spielen in unterschiedlichen Funktionen vor Ort dabei. Er begleitete dabei zahlreiche Sportler*innen in verschiedenen Sportarten auf ihrem erfolgreichen Weg nach Olympia und ist aktuell auch bei mehreren Akteuren in der Vorbereitung auf Peking 2022 dabei. Als wissenschaftlicher Leiter bei Swiss Olympic initiierte er vor 20 Jahren den Swiss Olympic Report – eine wissenschaftliche Studie, die sich am sportlichen Erfolg im olympischen Kontext orientierte. Gubelmann doziert an der ETH Zürich und wird hier auf die-sportpsychologen.de in einer Blog-Serie unterschiedliche Themenbereiche und Facetten der Sportpsychologie im Zusammenhang mit den Olympischen Spielen aufgreifen.

Psychisch stark sein an den Spielen heisst…

Trotz – oder wohl angemessener – wegen Corona werden die bevorstehenden Winterspiele mit vielen bedeutsamen Belastungsfaktoren einhergehen, welche Einfluss auf die Psyche der Athlet*innen haben und deren Leistungsfähigkeit verändern können. (vgl. Stoll, 2021) Zu den bekannten Anforderungen rund um Olympische Spiele zählen etwa ein hohes Mass an Geduld, Frustrationstoleranz, Stressresistenz, die Fähigkeit Ungewissheit zu ertragen sowie ein gutes Erholungsmanagement. 

Neben diesen grundsätzlichen Fähigkeiten im Umgang mit der olympischen Situation sind es insbesondere die mentale Stärke und emotionale Robustheit, welche den sportlichen Erfolg im möglicherweise wichtigsten Moment der Karriere befeuern. „Dazu braucht es gezielte, einfache Gedankengänge, einen klaren Aktionsplan zur Bewältigung der vor ihnen liegenden Aufgabe und absolutes Vertrauen in den Erfolg dieses Plans. Wirklich in der Lage sein, «Zerstreuungen zu zerstreuen», Unerwartetes zu erwarten, sich in unbequemen Situationen zu entspannen, zu akzeptieren, dass man nur kontrollieren kann, was der eigenen Kontrolle untersteht, und die Aufmerksamkeit immer wieder dahin zu lenken, wo sie hingehört.“ (Schmid 2016, S.17f.) Die mentale Excellenz der Medaillengewinnerin in Peking wird sich u.a. darin zeigen, wie es diesen Sportleri*innen in den entscheidenden Momenten ihres Wettkampfes gelingt, selbstbewusst und fokussiert in einen automatisierten oder intuitiven Ausführungsmodus wechseln können.

Der Countdown läuft! Corona und seine Tücken…

Auch in diesem Jahr geniesse ich das Privileg, einige Sportler*innen in der letzten Phase ihrer Vorbereitung in Richtung Olympiateilnahme zu begleiten. Dabei halte ich mich inhaltlich an jene Vorgaben, wie ich sie in meinem Olympia-Blog im Vorfeld von Tokyo 2021 schon ausgeführt hatte (siehe untenstehende Quellenangabe). Gelassenheit, Selbstvertrauen und Zuversicht sind dabei jene Massgaben, die mich aus sportpsychologischer Sicht am meisten interessieren. Da hilft es natürlich auch, wenn Olympia-Missionschef Ralph Stöckli die frühzeitig zugesicherte Durchführung der Winterspiele als positives Signal wertet und betont: „Wir können uns in den vier Wochen bis zur Eröffnungsfeier darauf konzentrieren, die bestmöglichen Voraussetzungen für die Schweizer Delegation zu schaffen. (…) Wir müssen alles tun, damit die olympischen Träume der Athleten nicht Tage vor der Abreise zu Ende gehen.“ (Interview Tagesanzeiger vom 6. Januar 2022). 

Wie sehr Stöckli den freiliegenden Nerv vieler Olympia-Probables trifft, lese ich heute in einem dringlich an mich gerichteten Mail: „Entschuldige die späte Rückmeldung. War etwas chaotisch die letzten Tage. Wir haben in der Trainingsgruppe immer mehr Coronafälle und wir sind diese Nacht gerade von der Meisterschaft zurückgekommen. Die definitive Qualifikation für Olympia ist von swiss olympic noch nicht gemacht worden, aber ich sollte auch selektioniert werden und im Februar mitgehen dürfen.“ 

Ein starkes Umfeld hilft

Welche Problematik sich im Hinblick auf die Spiele jetzt schon abzeichnet, liegt auf der Hand: Die Situation für alle Beteiligten – auch für alle Trainer*innen und Betreuer*innen – bleibt speziell wegen Omikron herausfordernd. Fairness und die Wahrung der Chancengleichheit für alle Teilnehmer*innen müssen gewährleistet bleiben, ansonsten droht die sportliche Farce. Angesichts der grassierenden Omikron-Welle in Nordamerika wurde bereits im vergangenen Dezember entschieden, dass keine Spieler der NHL in Peking dabei sein werden. Wie stark der olympische Traum vieler virulent bedroht oder gar verunmöglicht wird – wir werden es in den Tagen vor, während und nach den Spielen erfahren. 

Eben – Olympische Spiele werden als „critical incidents“ beschrieben. Unterstützung dafür, die gestellten Herausforderungen zu meistern, finden alle Beteiligten auch in ihrem sportlichen Umfeld. Auch hier gilt: Sportlifeone (Link), Mind2win (Link) und Die Sportpsychologen (zur Übersicht) sind verlässliche Partner – vor, während und nach den Spielen!

Hinweis: Der Text erscheint parallel auch auf der Plattform Sportlifeone (Link).

Mehr zum Thema:

Quellen

Baldasarre, C. & Feldmann, R. (2016). Auf dem Weg in den Olymp. Sportpsychologische Dienstleistungen als entscheidender Schritt bei der Professionalisierung. Psychoscope 4, S.19-21.

Gubelmann, H.-P. (2021). Nur noch positive Aktionen zählen. Sportlifeone.ch / https://sportlifeone.ch/2021/07/13/nur-noch-positive-aktionen-zaehlen/

Schmid, J. & Gubelmann, H.-P. (2001). Die Arbeit des SOV und der Sportverbände im Urteil der Schweizer Olympiateilnehmer/innen. In Schweizerischer Olympischer Verband (Hrsg.), Swiss Olympic Report (SOR): Das Unternehmen Sydney auf dem Prüfstand, SOV, S. 32-49. 

Schmid, O. (2016). Was hinter sportlichem Erfolg steckt. Wie die Sportpsychologie olympische Exzellenz fördern kann. Psychoscope 4, S.16-18. 

Wälti, M. (2011). Simon Ammann, Andreas Küttel – Die ungleichen Zwillinge. Lenzburg: Faro-Verlag.

Stoll, O. (2021). Entzauberte Olympische Spiele. https://www.die-sportpsychologen.de/2021/06/prof-dr-oliver-stoll-tokio-2021-entzauberte-olympische-spiele/

https://www.sportschau.de/wintersport/ski-alpin/video-kilde-ueber-corona-situation-angst-ist-dabei-100.html

https://www.n-tv.de/sport/der_sport_tag/Verantwortungslos-Ski-Boss-warnt-vor-Test-Willkuer-bei-Olympischen-Spielen-article23042329.html

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Dr. Hanspeter Gubelmann
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