EM-Special: In Emotionen schwimmen, anstatt darin Baden zu gehen

Was wäre der Sport ohne Emotionen? Höchstens die Hälfte wert – und das gilt so nicht nur für ZuschauerInnen. Allerdings stehen einigen SportlerInnen die eigenen Emotionen schon mal im Weg. Sei es im Training oder vor allem im Wettkampf. Ein nachhaltiges Beispiel hat der Österreicher Marko Arnautovic bei der Europameisterschaft geliefert. Ob er daraus gelernt hat? Gut möglich, denn Emotionen lassen sich mit etwas Übung lenken. Und im Idealfall können Sportler darauf sogar Surfen oder darin Schwimmen – je nach Sportart, sucht euch etwas raus. Aber bleibt vorsichtig und kritisch, denn im Netz können Emotionen schnell eine fatale Dynamik annehmen. 

Zum Thema: Emotionen im Sport

Emotionen sind etwas, die passieren einfach – spontan und unvorhersehbar – ausgelöst durch einen Impuls, der unseren gesamten Körper berührt. Und ohne, dass unser Denkapparat eine Chance hat, Einfluss auszuüben. Und genau das macht es so überraschend und echt.

Maria Senz (zum Profil), die auf der Ostseeinsel Rügen lebt und arbeitet, liebt Emotionen. Sowohl aus fachlicher Sicht als auch aus der Innenperspektive des eigenen sportlichen Erlebens.  Der Zauber besteht für sie vor allem darin: Emotionen verwandeln Kognitives und Rationales in Aktionen um und bringen uns in Bewegung. Emotionen setzen Adrenalin frei und sind der Kick zum Durchstarten.

Emotionen als ZuschauerIn und SportlerIn

Als Zuschauerin sind meine Lieblings-Emotionen Gänsehaut und Freudentränen. Ich weiß noch genau als ich zur WM 2006 im Berliner Olympiastadion in einer der Lounges im Gäste-Service eingeteilt war und die Fußball-Teams auf den Platz aufgelaufen sind. Ein Geräuschpegel aus Jubel-Schreien, Pfiffen, Gesangs-Chören und Vuvuzelas; eine Spannung in der Luft, die ein Feuerwerk hätte auslösen können; ein beeindruckendes Bild für meine Augen. In Summe ein überwältigendes Erleben für meine Sinne. Und Zack! war es da… Gänsehaut mit Freudentränen, die mein überwältigendes Gefühl zum Ausdruck brachte.

Als Abwehrspielerin im Beachvolleyball brauche ich zusätzlich zum externen Kick meinen eigenen emotionalen Schlüssel, um meine Leistung abzurufen. Theoretisch kenne ich Technik und Taktik. Die möglichen Spielstrategien liegen auch parat. Doch erst durch hautnahes Spüren und Erleben, dass ich Punkte und Spielerfolge realisieren kann, stellen sich Vertrauen, Motivation, Entschlossenheit, Überzeugung und ein sicheres Auftreten ein.

Emotionen lenken lernen

Janosch Daul (zum Profil), der am Nachwuchsleistungszentrum des Fußball-Drittligisten Halleschen FC arbeitet, hat sich im Detail mit der Frage beschäftigt, wie sich Emotionen lenken lassen. Um es plastisch zu machen, nutzt er Beispiele wie die französische Spitzenmannschaft Paris Saint Germain oder denkt an Marko Arnautovic, den österreichischen Teamspieler, der im zweiten Gruppenspiel sogar zuschauen musste, da er wegen eines Emotionsausbruchs in der ersten Partie nachträglich von der UEFA gesperrt worden ist. Was können wir also in der Steuerung und Kontrolle unserer Emotionen lernen?

Die magische Wirkung der Emotionen der Fans

Dr. René Paasch (zum Profil), Sportpsychologe aus Gelsenkirchen, sieht darüber hinaus sogar die Möglichkeit, dass Fans einen direkten Einfluss auf die Spieler nehmen können. Er illustriert dies am Beispiel der deutschen Fußball-Nationalmannschaft bei der Europameisterschaft. Speziell vor dem Hintergrund, dass seit dem desaströsen WM-Aus im Sommer 2018 zwischen Fans, Bevölkerung und Sportlern eine echte Kluft entstanden ist. Wenn die deutschen Anhänger nun Emotionen zeigen, bekommt dies das Team mit. Da ist er sich sicher. Und er geht davon aus, dass sogar die nur digital gezeigte Unterstützung Effekt haben wird. Dies hat er dazu in einem Interview mit dem Sportradio Deutschland (Link) gesagt:

Aufruf zum Nachmachen, Mitmachen und Vormachen

Johanna Constantini (zum Profil) aus Innsbruck, die sich auf der Plattform Die Sportpsychologen thematisch insbesondere mit der Digitalisierung beschäftigt, ist eine besorgniserregende Entwicklung aufgefallen. Eine, die uns alle angeht und gegen die wir aktiv ansteuern können, wenn wir es denn wollen:

“Chancen werden vergeben. Das werden sie von uns allen. Ganz egal, ob im Zuge einer Europameisterschaft rund um das runde Leder. Ganz egal, ob zuletzt durch einen schwedischen Teamspieler wie Marcus Berg, oder durch uns als Bürger. Chancen werden vergeben. Und das wurden sie schon immer. Was 2021 den Unterschied macht, ist unser aller Publikum. Waren es vor wenigen Jahren noch lediglich die Buhrufe, die nach Abpfiff in den Stadien verstummten, so verlagern sie sich heute ins Netz. Um sich zu wahrhaften online Shitstorms auszubilden, wie jene die Marcus Berg während der Vorrunde aushalten musste. 

Virtuelle Wirbelstürme voll von Hetze, Anfeindung und Beleidigung. Bis hin zu massiven Drohungen wachsen sich jene einstigen Buhrufe aus. Um den Tadel kundtun zu können. Für vergebene Chancen, wie wir sie alle kennen. Und doch scheint das kollektive Erinnerungsvermögen an eigene Unzulänglichkeiten online allzu schnell zu verblassen. Spätestens dann, wenn hasserfüllte Beiträge geteilt, geliked oder in irgendeiner anderen Form gutgeheißen werden. Als würde unser Nebenmann im Stadion in jene einstigen Buhrufe einstimmen. Ein wunderbares Gefühl der Bestätigung? Ein fragwürdiges, allemal. Schließlich hinterlässt es Spuren. Nicht nur bei dem schwedischen Teamspieler, der für vermeintliche Fans wohl eine Chance zu viel vergeben hat. Der es womöglich sogar kannte, dafür öffentlich angefeindet zu werden. Doch Hass im Netz kann jeden treffen. Kaum einer bleibt heute davon verschont. Doch würden wir einander ebenso ausbuhen, wie wir uns online für Banalitäten anfeinden? Uns diese Frage vor jedem getippten Wort zu stellen, könnte sie verstummen lassen, die Hetze im Netz. Ihr endlich die rote Karte zeigen, noch bevor das nächste Spiel abgepfiffen wird.“

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Mathias Liebinghttps://www.torial.com/mathias.liebing

Redaktionsleiter bei Die Sportpsychologen und freier Journalist

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