Prof. Dr. Oliver Stoll: Tokio 2021 – Entzauberte Olympische Spiele?

Olympische Spiele sind etwas ganz Besonderes. Viel „Blut, Schweiß und Tränen“ – jahrelange Vorbereitung, ohne gleich immer eine Belohnung für jedes Training zu bekommen. Wir Sportpsychologen nennen so etwas „Belohnungsaufschub“, der tatsächlich auch erstmal ertragen werden muss. Und dann reden wir natürlich noch über alles, was sonst mit Olympischen Spielen verbunden ist! Geniale, meist neu gebaute Sportstätten, eine unermessliche Medienaufmerksamkeit und dann das „Herzstück“, dass jede Athletin und jeder Athlet so sehr schätzt und wo er oder sie in dieser Zeit einfach sein möchte – das Olympische Dorf. Was das größte Sportfest der Welt ohne seinen Lagerfeuerplatz wert ist, darum geht es hier. Verbunden mit dem Aufruf, dass sich alle Beteiligten darauf vorbereiten sollten, dass die Spiele von Tokio anders werden, vielleicht sogar furchtbar entzaubert daherkommen.

Zum Thema: Mentale Vorbereitung auf olympische Spiele unter Corona-Bedingungen

Für mich ist das Olympische Dorf aus meiner Erfahrung ein unheimlich wichtiger Ort für das Erleben der Spiele. Ein ca. 1 Quadratkilometer großes Gelände, abgesperrt für alle, die dort nichts zu suchen haben. Eine „Stadt in der Stadt“. Hier gibt es alles: Neben den Athletenwohnheimen eben auch Kinos und Theater, eine Klinik, Internet-Räume und die „Riesen-Mensa“ (in Form eines Mega-Zeltes) – geöffnet sieben Tage die Woche, 24 Stunden am Tag!  

Hier trifft man sich, hier redet man, hier lernt man sich kennen, hier lacht man zusammen und nicht selten treffen sich hier dann die „Paare fürs (spätere) Leben“. Keine Medienvertreter, keine Zuschauer – nur die Athlet*innen „unter sich“. Die Superstars der Sportszene bewegen sich dort völlig ungestört und weil es dort so ist, wie es eben ist, sind die Top-Athleten der Welt dort auch sehr sozial und kommunikativ unterwegs. Ich kann mich noch gut daran erinnern, als ich 2008 in dieser großen Mensa saß, die ziemlich voll war und plötzlich ein Raunen durch das Zelt ging weil Lionel Messi zusammen mit Cristiano Ronaldo in der Tür standen und sich entspannt an einen Tisch mit anderen Athleten setzten. Oder als Dirk Nowitzki in die Mensa ging und Roger Federer sah …und mit einem Lächeln meinte: „den Herrn Federer wollte ich schon immer mal kennenlernen.“

Der „Mega-Booster“

Es sind nicht nur die Medaillen und die damit ggf. verbundenen Werbeverträge. Es ist auch nicht nur die mediale Aufmerksamkeit, die Athleten dort erleben dürfen, obwohl sie im Heimatland (z.B. als Wasserspringer) als Randsportart existieren. Sondern es ist eben auch – und insbesondere – die Möglichkeit, Athleten aus den anderen Ländern zu treffen, sich austauschen zu können. Sportlerinnen und Sportler, die eben die „gemeinsame mentale DNA teilen“ und die, ohne sich vorher jemals persönlich getroffen zu haben, sofort eine gemeinsame Basis finden. Das alles gipfelt dann auch in der „letzten Nacht“, wenn die Abschlusszeremonie vorbei ist und eine „Mega-Party“ im Olympischen Dorf abgeht. In unserem Online-Coachingprogramm “Abliefern, wenn es darauf ankommt” (Link zum Programm) nennt Pavlo Rozenberg das Olympische Dorf mit einem vielsagenden Grinsen und unheimlich Nachdruck einen „Mega-Booster“. 

Dieses Jahr in Tokio wird es das alles wohl nicht geben. Ich befürchte, dass die Athleten und Athletinnen relativ abgeschirmt in ihrer „nationalen Bubble“ eingesperrt bleiben werden und nur den Weg von der Unterkunft in die Wettkampfstätte und zurück kennenlernen dürfen. Einen Vorgeschmack haben vor ein paar Wochen die Wasserspringer bei einem Wettkampf kosten müssen. Damit stirbt für viele „der Olympische Traum“. Vier, bzw. fünf Jahre „schinden“ für ein Ereignis, dass „intern sozial betrachtet“ so kalt ausfallen wird, wie ein Spaziergang in knapper Bademode im Kühlhaus des nahegelegen Schlachtbetriebs! 

Andere Spiele – zusätzliche Vorbereitung?

Ich persönlich habe einen Riesen-Respekt vor allen Athletinnen und Athleten, die um diesen Zustand ziemlich genau wissen und sich trotzdem dieser Herausforderung aussetzen werden. Wir wissen alle, dass diese Olympischen Spiele andere Spiele werden. Es bleibt abzuwarten, was diese Spiele mit den Athletinnen und Athleten „psychisch machen“.     

Hinweis: Meine Kollegen (zur Übersicht) und ich (zum Profil von Prof. Dr. Oliver Stoll) stehen auch in der direkten Vorbereitungsphase auf Anfrage zur Verfügung, sollten bei euch Athlet*innen oder Trainer*innen Unsicherheiten vorherrschen, die ihr vor oder bei den Spielen aus dem Weg räumen wollt.  

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