Georg Potrebitsch: Freundschaftsdienste sind im Triathlon nur Mittel zum Zweck

Sportarten: Tennis, Triathlon, (Beach-)Volleyball, Einradsport, Leichtathletik, Schwimmen, Klettern, Golf, Fußball, Feldhockey, Radsport, Eishockey

Freundschaft im Langdistanztriathlon – einer Individualsportart, in der man viele, viele Stunden im Jahr auf sich allein gestellt trainiert, Wochen in Trainingslagern und auf Wettkämpfen rund um den Globus verbringt  – gibt es das? Und wenn ja, welche Rolle spielt die soziale Unterstützung in dieser Sportart?

Für die-sportpsychologen berichtet:
Christian Hoverath (zur Profilseite)

Einer der es wissen kann, ist der ehemalige Profi Georg Potrebitsch, Deutscher Meister auf der Langdistanz 2011. In seiner Profikarriere von 2009 bis 2015 startete er unter anderem für das 21run.com-Team, aus dem das Power Horse Team und später das Team Sport for Good hervorgingen. Und so treffen wir uns in seiner Heimatstadt Gladbeck zu einem Kaiserfrühstück, um uns über das Thema Freundschaft im Profisport zu unterhalten. Jedoch nicht ohne vorher eine kleine Runde mit dem Kinderwagen zu drehen, in dem sein Sohn seelig schläft: „Die wertvollste Medaille, die ich in meinem Leben gewinnen durfte.“ Offen und ehrlich teilt der sympathische Georg seine Erfahrungen, betont aber auch, dass dies seine Erfahrungen seien. Seit seinem Karriereende habe er nicht so viel über das Thema Freundschaft im Sport nachgedacht wie vor unserem Gespräch.

Freundschaft und Training

Als Triathlet verbringt man viele Monate im Jahr in Trainingslagern und auf Wettkämpfen. Durch die Strukturen von Teams verbringt man zudem viel Zeit mit den Teamkollegen. Entwickeln sich dort tiefe Freundschaften? Oder überwiegen der Leistungsdruck und der Fokus auf die eigenen Ziele?

„Das Mannschaftsgefühl und dessen Darstellung ist viel wichtiger als die Entwicklung enger Freundschaften“ sagt Georg. Er spricht in der Rückschau über sich und den Triathlonprofi an sich als „Sondereinsatzkommando“ und von Robotern. Roboter bräuchten keine Freunde, denn sie funktionierten um Resultate zu erzielen. Sie zeigten wenig bis keine Emotionen und könnten Schmerzen aushalten. Für Freundschaft allerdings seien Gefühle wichtig und so könne sie nur zwischen Menschen und nicht zwischen Robotern entstehen und wachsen.

Damals sei auch er ein Roboter gewesen und es sei normal gewesen zu funktionieren. Die Teamstrukturen hingegen seien wichtig gewesen, um den Druck von den Schultern einzelner zu nehmen. Sie seien nicht gewesen, um Freundschaften entstehen zu lassen. „Freundschaftsdienste“ seien eher Mittel zum Zweck gewesen, wie z.B. um den Teamkapitän in eine gute Ausgangsposition zu bringen. Die Sportler seien Gladiatoren, für die Show zuständig und um das Team zu präsentieren. Nicht um Freundschaften entstehen zu lassen.

Freundschaft und Wettkampf

Georgs Metapher des Sondereinsatzkommandos aufgegriffen, stellt sich auch hier die Frage: Unterstützen sich die Mitglieder eines Sondereinsatzkommandos im Wettkampf gegenseitig, um ihr gemeinsames Ziel zu erreichen oder zählt das eigene Überleben? Georg greift hier zu einem Beispiel aus der Praxis: „Stellen wir uns vor, dass zwei „befreundete“ Profisportler ein Rennen gemeinsam gestalten und vorn liegen. Einer von beiden weiß, dass er gewinnen kann. Er weiß aber auch, dass sein Mitstreiter das Preisgeld viel dringender benötigt als er selbst. Wie wird er sich verhalten? Möglich wäre es, das Rennen zu gewinnen, Sponsoren und Medien auf seine Seite zu ziehen und das Geld dem „Freund“ zu schenken. Oder aber dem Freund das Rennen direkt zu schenken.“ Problematisch könnte es in diesem Fall für das Ego werden, und das schaffen die Wenigsten. „Ich habe Rennen für andere gestaltet, aber normal ist das leider nicht“, lässt der warmherzige Georg verlauten.

Profisport ist ergebnisabhängig und so ist es fast zu erwarten, dass der Blick der meisten Athleten auf sich selbst gerichtet ist. Auf den Begriff Freundschaft angesprochen gibt Georg nach einiger Zeit zu bedenken, dass er zu aktiven Zeiten immer von Teamkollegen gesprochen habe, dieser Begriff erschien ihm passender. „Neid war, ist und wird immer ein Wegbegleiter im Leistungssport sein.“

Prof. Dr. Oliver Stoll: Laufen macht Freu(n)de

Freundschaften außerhalb des Leistungssports

Dieser Aspekt sei sicherlich einer, der im Sport unterstützend wirken kann, für den jedoch wenig Zeit und Platz bleibe. Schließlich sei der Triathlet darauf gedrillt zu trainieren, zu essen und zu schlafen. Dennoch überrascht es nicht, dass Georg von Freunden an seiner Seite berichten kann, die ihn schon vor der Profikarriere begleiteten. An dieser Stelle zeigt er eine Pyramide auf. Unten, auf dem Hobby- und Amateurniveau, sei noch viel Platz für Freundschaften und Familie. Doch der Rahmen werde enger, je weiter es nach oben geht. Dort sei dann wenig Raum und Zeit für alles abseits des Sports, auch für  Freundschaften. „Nach meinem Karriereende hat mich niemand aus den „Teams“ angerufen, um zu fragen wie es mir geht oder wie mein Leben läuft.“

Georg berichtet, dass seine Frau den Menschen Georg in den Roboter zurück geholt habe und so könne er vieles in der Rückschau klarer betrachten. Und sie ist es auch, die uns nach anderthalb Stunden mit dem Sohn auf dem Arm aus der Triathlonwelt zurück ins Café in Gladbeck holt und dem stolzen Vater ein strahlendes Lachen ins Gesicht zaubert.

Fazit

Überraschende Einblicke in den Profisport – mit Implikationen für sportpsychologische Interventionen. Bekannt ist, dass soziale Unterstützung mit mentaler Gesundheit einhergeht (Lakey & Orehek, 2011) und für Athleten eine große Hilfe bei der Bewältigung von Problemen sein kann (Rees & Hardy, 2000). Zudem scheint eine kooperative Einstellung im Sport einen positiven Effekt auf die Leistung zu haben (Johnson & Johnson, 1985). So stellt sich doch die Frage, ob auch in einer Individualsportart wie dem Triathlon, in der immer mehr Teams entstehen, sinnvoll eingebettete Maßnahmen aus dem Bereich des Teambuildings die Leistungsbereitschaft und Gesundheit positiv beeinflussen können. Wir Sportpsychologen stehen dafür bereit.

Athletenportrait Georg Potrebitsch

Georg Potrebitsch (geb. am 20.03.1984 in Bolschoi Kamen in Russland) war von 2009 bis 2015 Triathlonprofi. Seine größten Erfolge im Triathlon waren Top 4 Platzierungen bei großen Langdistanzrennen in Almere, Barcelona, Taiwan, Frankfurt und Valencia. Nach seinem Karriereende gründete er die Firma Kann-Sport, um sein Fachwissen weiterzugeben.

Mehr Informationen: https://www.facebook.com/KannSport/

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Freundschaft im Profi-Sport

Literatur:

Johnson, D., & Johnson, R. (1985). Motivational processes in cooperative, competitive, and individualistic learning situations. Research on motivation in education, 2, 249-286.

Lakey, B., & Orehek, E. (2011). Relational Regulation Theory: A New Approach to Explain the Link Between Perceived Social Support and Mental Health. Psychological Review.

Rees, T., & Hardy, L. (2000). An examination of the social support experiences of high-level sports performers. The Sport Psychologist, 14, 327-347.

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