Sascha Amhof: “Fehler machen einsam”

Jeder Schiedsrichterichter kennt die Einsamkeit, die einen befällt, wenn man auf dem Platz einen spielbeeinflussenden Fehlentscheid getroffen hat. Einsamer mache nur noch, wenn dieser Fehler dann auch medial noch ausgeschlachtet und man mal wieder zum schlechtesten Schiedsrichter aller Zeiten gekürt wird. Sascha Amhof ist einer von aktuell sieben Schweizer FIFA-Referees und weiss, wovon er spricht.

„Selbst wenn es solch (seltene) Momente der Einsamkeit tatsächlich gibt, ist internationaler FIFA-Fussball-Schiedsrichterichter zu sein, eine der schönsten Tätigkeiten, die ich mir vorstellen kann.“, so Amhof. „Beim «Schiedsrichterichtern» verbinden sich mehrere Herausforderungen, die schliesslich motivierend wirken: Es müssen z.B. physische und kognitive Komponenten zu einem optimalen Zusammenspiel gebracht werden. “Ich muss also auch mal Entscheide treffen, während ich völlig ausser Atem bin und das Herz nach einem Sprint gerade 180 Schläge pro Minute anvisiert. Weiter darf ich als Schiedsrichter in einem Team, bestehend aus zwei Schiedsrichter-Assistenten und einem “vierten Offiziellen”, unterwegs sein, mit ihnen zusammenarbeiten und dieses Gruppe anführen.

Freundschaften schließen sich aus

Aber: Sich in schwierigen Momenten einsam zu fühlen, ist ein im Spitzensport und vor allem auch in der Schiedsrichterei kein gänzlich unbekanntes Phänomen. Gerade deshalb ist unsere Leistung auf dem Platz entscheidend von einem professionellen Verhalten geprägt, dass dazu führen soll, möglichst unabhängig und unbelastet richtige Entscheide zu treffen. Dies schliesst für mich die Schiedsrichterei als klassisches Feld für Freundschaften eher aus. Genauso wie echte Freundschaften zwischen Vorgesetzten und Mitarbeitern in einer Firma eher selten sind.“

„Abschliessend kann man sagen, dass in der Schiedsrichterei sehr viele Leute aus unterschiedlichsten Bereichen zusammenkommen und dies grosse Chancen für ein fruchtbares Kennenlernen, gemeinsames Lernen und interessante Gespräche bietet. Es ist sogar möglich, dass daraus über die Zeit Freundschaften wachsen. Auch wenn ich nicht genau weiss, wie oft das wirklich vorkommt. Für mich ist diesbezüglich nur eines wirklich sicher: Die Schiedsrichterei hat in mir persönlich einen permanenten Selbstreflexionsprozess ausgelöst. Dieser hat mich in ganz unterschiedliche Ecken meines eigenen Selbst geführt. Mich selber kennenzulernen, mich zu fragen, wie ich führe, welche Vorbehalte oder gar Ängste ich habe und mich meiner innersten Werte bewusst zu werden, sind nur einige der Fragen, die sich im Laufe meiner Schiedsrichter-Karriere gestellt haben. Diesen gehe ich mit der Überzeugung nach, dass wenn Selbstreflexion schonungslos und ehrlich ist, ich daraus sehr viel gewinnen kann: Nicht zuletzt bin ich dabei mit seinen Stärken und Schwächen konfrontiert. Ich musste lernen, an meine Stärken zu glauben und bereit sein, an meinen Schwächen zu arbeiten und diese zu akzeptieren. Dazu gehören wie bei jedem Sportler Zeiten mit Hochs und Tiefs.

Wenig neue Freunde

So kann ich nach fast 17 Jahren als Schiedsrichter von den untersten bis in die obersten Ligen sagen, dass ich trotz viel zeitlichem Aufwand für das Hobby eher wenig wirklich neue Freunde gewonnen habe. Vor allem auch in den einsamen Momenten in meiner Schiedsrichter-Karriere bin ich aber einer Person nähergekommen und habe mit ihr eine ganz besondere, versöhnliche Freundschaft geschlossen: Nämlich mit mir selber.

 

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http://die-sportpsychologen.ch/2017/02/07/cristina-baldasarre-fehler-und-zweifel-abhaken/

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