Wenn ich junge Athlet:innen frage, was sie eigentlich machen, wenn gerade nichts los ist, kommt oft dasselbe zurück: ein Schulterzucken. „Keine Ahnung, eigentlich nichts.“ Und ich verstehe das total. Wenn dein ganzer Alltag um Training, Wettkampf und den nächsten Schritt kreist, fühlt sich alles andere schnell nach verlorener Zeit an. Nach Stillstand. Dabei ist genau das ein Denkfehler – und zwar ein ziemlich teurer. Denn Langeweile auszuhalten ist kein Zeichen von Schwäche. Es ist Training. Nur eben eines, das man nicht im Kopf spürt, sondern erst später merkt – daran, dass man in die nächste Saison geht, statt sich in sie hinein zu schleppen.
Zum Thema: Bedeutung von Pausen im Trainings- und Wettkampfalltag
Warum fällt uns aber „nichts tun“ so schwer? Das Problem ist selten Faulheit, im Gegenteil. Viele von euch sind es gewohnt, ständig zu leisten, sich zu verbessern, produktiv zu sein.
„Ich muss im Training bleiben / Wir fangen mit der Vorbereitung auf die neue Saison so an, weil wir das schon immer so gemacht haben / Wir bleiben bei dem alt Bewährten, das hat ja letztes Jahr so geklappt.“
Oft geht es so weit, dass sich Atleth:innen schlecht oder sogar schuldig fühlen, wenn sie etwas machen, was nichts mit Sport zu tun hat. Es fühlt sich dann fast falsch an – man „verpasst“ ja etwas im Sport, während man liest oder im Garten steht. Ich kenne dieses Gefühl gut, auch aus eigener Erfahrung: Der Kopf lässt sich nicht per Knopfdruck herunterfahren, nur weil gerade “offiziell” Pause ist.
Aber: Man verpasst nichts. Man baut etwas auf, das man später braucht – die Fähigkeit, herunterzufahren, ohne dabei den Fokus zu verlieren. So wie dein Körper durch Training stärker wird, wird auch dein Kopf stärker. Nur eben nicht durch noch mehr Reiz, sondern manchmal durch bewusst weniger.
Pause machen!
Ja, auch wir als Unterstützer für Athlet:innen haben „auch mal Pause“. Besonders in den Sommerferien. In meinem Urlaub lese ich gerne, auch mal über andere Dinge. Derzeit lese ich Bücher zu den Themen „Traditionen und der Mut, anders (uns selber) zu führen“ – klingt sehr sperrig, aber in beiden finde ich Passagen, die mich zum Nachdenken für meine Athlet:innen bringen.
Die Pausen zwischen den Saisons sind bei euch aktuellen Nachwuchstalenten ohnehin knapp bemessen. Wer in dieser kurzen Zeit nicht wirklich abschaltet, sondern innerlich weiter im Wettkampfmodus bleibt, geht mit leeren Akkus in die nächste Saison. Kraft tanken ist hier kein Nice-to-have. Es ist Vorbereitung.
Ich selbst habe im Sommer einen Selbstversuch gestartet. Und hatte mir vorgenommen, mir ausgewählte “Sommerbeschäftigungen” zu suchen und diese wirklich durchzuziehen. Überleg dir mal, was zu dir passen würde:
Yoga: Geduld mit dir selbst
Yoga bringt die Geduld noch näher an den Körper heran. Eine Haltung wird nicht durch Kraftaufwand besser, sondern durch wiederholtes, geduldiges Üben – oft über Wochen und Monate. Wer ungeduldig in eine Position drängt, verletzt sich eher, als dass er schneller vorankommt. Yoga macht sehr direkt spürbar, was in anderen Hobbys eher indirekt passiert: dass Fortschritt und Druck sich gegenseitig ausbremsen können.
Lesen: Geduld mit Komplexität
Ein Buch lässt sich nicht querlesen, ohne etwas zu verlieren. Wer wirklich liest, übt eine besondere Form von Geduld: sich auf etwas einzulassen, das sich erst nach und nach erschließt. Diese Geduld mit Komplexität reicht weit über das Buch hinaus – in den Umgang mit Rückschlägen, in langen Aufbauphasen, überall dort, wo schnelle Ergebnisse verlockend, aber eben nicht realistisch sind.
Gartenarbeit: Wachsen lassen statt erzwingen
Wer im Garten arbeitet, lernt schnell: Nichts lässt sich beschleunigen. Ein Samenkorn keimt, wenn es so weit ist – nicht, wenn man es möchte. Diese Erfahrung wirkt zurück auf den Kopf. Sorgfältiges Pflanzen und Pflegen erzeugt ein Gefühl von Geborgenheit, während hektisches, wütendes Roden zwar auch für Ordnung sorgt, aber eine andere, unruhigere Ordnung ist. Kontrolle und Geduld sind zwei verschiedene Wege zum gleichen Ziel – nur einer davon nährt einen auch selbst. Und diese Geduld mit einem Prozess, den man nicht erzwingen kann, brauchst du eins zu eins auch für deine eigene Entwicklung.
Basteln: Der Prozess als eigentliches Ziel
Beim Basteln zeigt sich Geduld in der Feinarbeit. Ein Stich, ein Schnitt, ein Handgriff nach dem anderen – nichts davon lässt sich überspringen, ohne dass man es am Ergebnis sieht. Man verlagert den Fokus fast automatisch vom fertigen Produkt auf den einzelnen Schritt. Genau das ist der Punkt: im Moment bleiben, statt gedanklich schon beim Ergebnis zu sein. Eine Fähigkeit, die im Wettkampf oft über Erfolg oder Frust entscheidet.
Fokus behalten, dir selbst treu bleiben
So unterschiedlich diese vier Hobbys sind – sie teilen einen Kern. Keines lässt sich wirklich erzwingen, jedes belohnt Geduld und bestraft Ungeduld auf seine eigene Weise. Genau das macht Hobbys zu mehr als Entspannung: Sie sind ein Übungsraum für eine Disziplin, die im Trainingsalltag oft zu kurz kommt, weil dort ja eigentlich immer etwas passieren soll. Nicht zufällig ist Geduld auch im langfristigen Aufbau junger Sportlerinnen und Sportler eine zentrale Anforderung – an Trainer:innen wie an Athlet:innen. Entwicklung lässt sich nicht beschleunigen, nur begleiten.
Das heißt nicht, dass der Fokus verloren gehen soll – im Gegenteil. Ein Hobby ersetzt kein Training und keine Ziele. Aber langfristig erfolgreich bleibst du nicht nur, weil du ununterbrochen fokussiert bist, sondern auch, weil du dir selbst treu bleibst – mit Interessen, Ausgleich und Momenten, die nichts mit Punkten, Zeiten oder Platzierungen zu tun haben. Wer sich diese Seite erlaubt, hält es langfristig leichter durch, ohne auszubrennen.
Offseason als Werkstatt, nicht als Leerlauf
Genau deshalb lohnt es sich, die kurzen Pausen zwischen den Saisons bewusst zu nutzen – nicht als Leerlauf, sondern als Werkstatt. Zeit, um in Ruhe auszuprobieren, was im Trainingsalltag sonst keinen Platz hat: eine neue Mobility-Routine, ein anderes Ernährungsmuster, bewusstere Regeneration. Nichts davon muss sofort perfekt sitzen. Wie beim Pflanzen im Garten oder beim Üben einer Yoga-Haltung zeigt sich der Wert erst über Wiederholungen. Was in dieser Zeit an Prävention geduldig erarbeitet wird, ist am Ende genau das Fundament, das du in der neuen Saison am dringendsten brauchst.
Am Ende zählt also weniger, welches Hobby du wählst, sondern was du daraus machst: ob du es nutzt, um schnell wieder „funktionieren“ zu müssen – oder um wirklich Kraft zu tanken und dabei etwas zu lernen, das über den Sport hinausreicht.
Literaturhinweise:
„Dear Britain“ von Annette Dittert passt sehr gut zu „Gesellschaftsnormen“ – das Buch dreht sich genau darum: britische Traditionen, Klassengesellschaft, Rituale und Machtstrukturen im Alltag.
„A Different Kind of Power“ von Jacinda Ardern – ein Memoir über eine andere, empathische Art zu führen – es geht um authentische Führung, nicht direkt um „Zukunft“. Der Begriff „authentische Zukunft“ trifft es also nicht ganz; treffender wäre etwas wie „authentische Führung“ oder „eine andere Art von Macht/Stärke“

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