Ich kenne das aus dem Eishockey und Fußball: Eine Nachwuchsmannschaft aus einer der unteren Ligen (oft abschätzig auch Dorfverein genannt), darf (oder muss?) in einem Freundschaftsspiel mal gegen einen großen Club aus der höchsten Spielklasse antreten. Wenn beide Teams komplett sind und in voller Kraft aufeinandertreffen, ist das in der Regel eine sehr einseitige Angelegenheit – das Ergebnis oft im hohen zweistelligen Bereich zu null. Als ich das letzte Mal bei so einem Spiel zugeschaut habe, hörte ich hinter mir den Satz: „Das macht doch keiner Seite Spaß.“
Zum Thema: Was Nachwuchssportler aus hohen Siegen oder Niederlagen lernen
Auf der einen Seite hat man ein Team, das vor den Augen aller Eltern und Freunde gedemütigt wird – und auf der anderen Seite eine Mannschaft, die Unterforderung und Langeweile quälen. Das ist meistens der erste Gedanke. Aber dahinter steckt mehr.
Wenn Trainer und Vereine solch ein vermeintlich unfaires Aufeinandertreffen vereinbaren, dann hat das sportpsychologisch einen Grund.
Wenn die Schwachen plötzlich die Besten und die Besten die Schwächsten sind
Als Sport-Mentaltrainer führe ich viele Gespräche mit High Level Juniors. Und deren Selbstvertrauen, Mädchen wie Jungen, ist oft längst nicht so hoch, wie man vielleicht denkt. Woran liegt das: Der Optimierungsauftrag in Top-Clubs legt den Fokus verstärkt auf die Schwächen und Defizite der Sportler. Infolgedessen wird mehr kritisiert als gelobt, jeder Sieg wird akribisch zerpflückt und fühlt sich hinterher wie eine Niederlage an. Der Sportler/die Mannschaft ist nie gut genug. Wenn so ein Team dann außer der Reihe mal gegen ein unterklassiges Team antritt und 27:0 gewinnt, hat das sportlich zwar keinen großen Mehrwert, aber Selbstwahrnehmung und Selbstvertrauen werden wieder zurechtgerückt.
Umgekehrt verhält es sich ähnlich. In einem „Dorfverein“, der in seiner Liga die Tabelle anführt und jeden Gegner an die Wand spielt, strotzen die Spieler womöglich vor Selbstvertrauen und fühlen sich wie das Nonplusultra. Auch hier kann der direkte Vergleich mit einem Gegner, der normalerweise außer Konkurrenz ist, das Selbstbild korrigieren.
Fazit
Wichtig ist nicht, wer wen wie hoch geschlagen hat, sondern um die Wahrnehmung der eigenen Leistungsfähigkeit. Aus sportpsychologischer Sicht können gerade extreme Ergebnisse wertvoll sein, weil sie Selbstbild und Realität abgleichen: Der vermeintlich Schwache erkennt seine Stärken – und der vermeintlich Überlegene erkennt, dass es noch eine Welt außerhalb seiner bisherigen Komfortzone gibt.
Darin liegt die Chance, Selbstvertrauen zu stabilisieren oder zu korrigieren, motivatorische Prozesse anzustoßen und daraus neue Ziele abzuleiten. Denn am Ende geht es im Nachwuchssport nur um eins: um Weiterentwicklung.

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