Danijela Bradfisch: Die Emotionsblume blüht im Nachwuchssport

Emotionen spielen im Sport eine zentrale Rolle, da sie Motivation, Konzentration, Entscheidungsfähigkeit und Leistung maßgeblich beeinflussen. Besonders im Nachwuchsleistungssport befinden sich Athletinnen und Athleten in einer Phase intensiver persönlicher und sportlicher Entwicklung. Sie müssen lernen, mit Erfolgen, Misserfolgen, Leistungsdruck und Erwartungen umzugehen. Sportpsychologische Betreuung verfolgt daher das Ziel, emotionale Kompetenzen zu fördern und junge Sportler dabei zu unterstützen, ihre Gefühle wahrzunehmen, zu verstehen und konstruktiv zu regulieren.

Zum Thema: Umgang mit Emotionen im Nachwuchssport

Die Emotionsblume stellt ein visuelles Modell dar, das verschiedene Emotionen und deren Intensitätsstufen in einer blütenförmigen Struktur zeigt. Im Zentrum befinden sich grundlegende emotionale Zustände wie Begeisterung, Bewunderung, Erschrecken oder Betrübtheit. In den äußeren Bereichen erscheinen intensivere oder differenziertere Gefühle wie Optimismus, Enttäuschung oder Hass. Durch diese Darstellung wird deutlich, dass Emotionen unterschiedliche Abstufungen und Übergänge besitzen und nicht isoliert auftreten.

Emotionen beeinflussen sportliche Leistungen erheblich. Positive Emotionen wie Freude, Begeisterung oder Vertrauen können Motivation, Selbstvertrauen und Konzentration fördern. Negative Emotionen wie Angst, Ärger oder Enttäuschung können hingegen leistungshemmend wirken, gleichzeitig aber auch Energie mobilisieren, wenn sie konstruktiv genutzt werden. Nach der kognitiven Emotionstheorie entstehen Emotionen durch die Bewertung einer Situation (Lazarus, 1991). Im sportlichen Kontext bedeutet dies, dass Athleten beispielsweise denselben Wettkampf entweder als Herausforderung oder als Bedrohung wahrnehmen können, was unterschiedliche emotionale Reaktionen hervorruft.

Förderung emotionaler Kompetenzen

Ein zentrales Ziel sportpsychologischer Betreuung ist die Entwicklung emotionaler Kompetenzen. Dazu gehört zunächst die Fähigkeit zur emotionalen Wahrnehmung, also das Erkennen eigener Gefühle in Trainings- und Wettkampfsituationen. Darauf aufbauend lernen Athleten, Emotionen differenziert zu benennen und ihre Intensität einzuschätzen. Schließlich entwickeln sie Strategien zur Emotionsregulation, beispielsweise durch Atemtechniken, Selbstgespräche, Visualisierung oder Routinen vor Wettkämpfen. Diese Fähigkeiten stehen in engem Zusammenhang mit dem Konzept der emotionalen Intelligenz (Salovey & Mayer, 1990; Goleman, 1995).

Die Emotionsblume kann in der sportpsychologischen Praxis auf verschiedene Weise eingesetzt werden. Nach Training oder Wettkampf können Athleten aus der Emotionsblume die Emotion auswählen, die ihre aktuelle Gefühlslage am besten beschreibt. Dies unterstützt die Reflexion eigener Erfahrungen. Vor Wettkämpfen kann die Emotionsblume genutzt werden, um die aktuelle emotionale Ausgangslage zu erkennen. Darüber hinaus kann sie als Gesprächsgrundlage zwischen Athleten, Trainern und Sportpsychologen dienen und die Kommunikation über Gefühle erleichtern.

Übung für die Praxis

Für die Begleitung von Kindern/Jugendlichen empfehle ich folgende Übung – mit Fokus auf Gefühlsausdruck, Zutrauen und inneren Raum. Nehmt gern Kontakt auf, wenn dazu Fragen entstehen.

1. Der Raum-Atem

So geht’s:

Eine Hand auf den Bauch, eine auf das Herz legen. Langsam durch die Nase einatmen. Beim Ausatmen vorstellen, dass im Bauch mehr Platz entsteht.

Begleitende Worte:

„Mit jedem Atemzug wird es in dir weiter. Deine Gefühle haben Platz.“

2. Das Gefühle schütteln

So geht’s:

Aufstehen und Arme, Beine, Schultern locker ausschütteln – erst langsam, dann schneller, dann wieder langsam. Zum Schluss kurz stillstehen.

Begleitende Worte:

„Alles darf sich bewegen. Nichts muss festgehalten werden.“

3. Der Gefühls-Check-in

So geht’s:

Ruhig sitzen oder liegen. Sanft fragen: „Wo spürst du gerade etwas in deinem Körper?“ „Ist es eher groß oder klein?“ 

Optional darf das Gefühl eine Farbe oder Form bekommen.

4. Der sichere Rückzug

So geht’s:

Das Kind rollt sich klein zusammen wie eine Schildkröte. Tief einatmen. Beim Ausatmen die Arme langsam öffnen.

Begleitende Worte:

„Du darfst dich schützen. Und du darfst dich wieder öffnen – in deinem Tempo.“

5. Die Herz-Verbindung (ACHTUNG – Erst VORHER um Erlaubnis des Kindes fragen und die Eltern über diese Übung aufklären !!)

So geht’s:

Wenn es sich gut anfühlt: eine Hand des Kindes und eine der Bezugsperson auf das Herz des Kindes legen. 3–5 Atemzüge gemeinsam atmen.

Begleitende Worte:

„Du bist nicht allein mit deinen Gefühlen. Ich bin da.“

Hinweis: Diese Übungen laden ein, nichts zu erzwingen. Gefühle dürfen kommen und gehen. Manchmal reicht es, gemeinsam zu atmen.

Pädagogische Bedeutung

Der Nachwuchssport verfolgt nicht nur leistungsorientierte Ziele, sondern auch pädagogische. Die bewusste Arbeit mit Emotionen unterstützt die Persönlichkeitsentwicklung junger Athleten. Sie lernen, mit Druck, Niederlagen und Erwartungen umzugehen, entwickeln Selbstvertrauen und stärken ihre sozialen Kompetenzen. In diesem Sinne trägt sportpsychologische Betreuung sowohl zur Leistungsentwicklung als auch zur ganzheitlichen Entwicklung von Nachwuchsathleten bei.

Fazit

Die Emotionsblume stellt ein anschauliches und praxisnahes Instrument dar, um emotionale Prozesse im Nachwuchsleistungssport sichtbar zu machen. Sie unterstützt Athleten dabei, ihre Gefühle besser wahrzunehmen, zu benennen und zu reflektieren. In Kombination mit sportpsychologischen Methoden kann sie einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung emotionaler Kompetenzen leisten und somit sowohl die sportliche Leistung als auch die persönliche Entwicklung junger Sportlerinnen und Sportler fördern.

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Mehr zum Thema:

Literatur

Weinberg, R. S., & Gould, D. (2019). Foundations of Sport and Exercise Psychology. Champaign: Human Kinetics.

Lazarus, R. S. (1991). Emotion and Adaptation. Oxford: Oxford University Press.

Salovey, P., & Mayer, J. D. (1990). Emotional intelligence. Imagination, Cognition and Personality, 9(3), 185–211.

Goleman, D. (1995). Emotional Intelligence. New York: Bantam Books.

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