Janosch Daul: Der Kopfcoach auf dem Feld

In meiner Arbeit beim Halleschen FC begleite ich Spieler in unterschiedlichsten Rollen. Mal bin ich Spiegel, wenn es darum geht, Selbst- und Fremdwahrnehmung abzugleichen. Mal Berater in herausfordernden Entscheidungsprozessen. In anderen Momenten Trauerbegleiter, Pädagoge oder Mediator. Und dann gibt es noch eine Rolle, die besonders nah an der unmittelbaren Leistungsrealität der Spieler andockt: die des Kopfcoachs. Dabei geht es nicht um lange Gespräche im Büro, sondern um konkrete mentale Unterstützung im Training und im Spiel – also genau dort, wo Leistung entsteht.

Zum Thema: Mentale Unterstützung, wenn es darauf ankommt

Was bedeutet „Kopfcoach“ konkret? Kopfcoaching heißt für mich, Spieler im entscheidenden Moment mental zu stabilisieren, zu fokussieren oder zu aktivieren. Kurz, präzise und abgestimmt auf ihre individuellen Themen. Die zentrale Frage lautet: Was brauchst du genau jetzt, um deine Leistung abrufen zu können?

1. Klarheit schaffen: Wobei brauchst du Unterstützung?

Am Anfang steht immer ein kurzer, fokussierter Austausch. Oft reichen fünf Minuten, um zentrale Themen zu identifizieren:

  • Umgang mit Gegentoren 
  • Umgang mit Kritik
  • Fokus auf den Gegenspieler statt auf die eigene Aufgabe 
  • Körpersprache 
  • Kommunikation 

Diese Themen kommen nicht von mir, sondern vom Spieler selbst. Das erhöht die Verbindlichkeit und die Motivation, an genau diesen Themen zu arbeiten.

2. Wahrnehmung schärfen: Feedback aus Training und Spiel

Eine erste Ebene ist klassisches Feedback – aber mit mentalem Fokus. Ich beobachte Training und Spiel und gebe dem Spieler anschließend eine Rückmeldung, zum Beispiel per Sprachnachricht. Ein Spieler formulierte zum Beispiel folgenden Auftrag mit breitem Beobachtungsfokus: „Sag mir bitte ehrlich, wie du mich wahrnimmst – gerade auch in schwierigen Situationen.“ Gerade diese Außenperspektive hilft, blinde Flecken sichtbar zu machen.

3. Fokus setzen: Ein Thema gezielt spiegeln

Noch konkreter wird es, wenn sich der Spieler auf ein bestimmtes Thema fokussieren möchte. Ein Spieler, mit dem ich eng arbeite, hat immer wieder die Tendenz, sich zu stark mit Gegenspielern zu beschäftigen und nach Fehlern zu hadern. Sein Ziel: schneller wieder in den eigenen Fokus kommen. Indem ich in Training und Spiel meinen Beobachtungsfokus auf dieses Thema verlagere und ihm anschließend ein ehrliches Feedback gebe, schaffe ich eine wertvolle Außenperspektive, die unseren Coachingprozess um diese Facette ergänzt.

4. Unterstützung im Moment: Wenn ein Wort reicht

In der Zusammenarbeit mit dem Spieler habe ich ein Codewort etabliert: „Eisberg“. Wenn ich merke, dass der Spieler beginnt, sich im Außen zu verlieren – Diskussionen, Emotionen, Hadern –, rufe ich dieses Wort von außen. Was dahinter steckt, haben wir vorher gemeinsam erarbeitet: Der Eisberg steht für das Ausstrahlen von Ruhe und das Abprallen von Einflussfaktoren, die negativ auf seinen Fokus einzahlen.

Mit diesem einen Wort passiert im Idealfall Folgendes:

  • Unterbrechung des aktuellen Musters 
  • kurzer mentaler Reset 
  • Rückkehr zur eigenen Aufgabe 

Ohne lange Erklärung. Ohne Diskussion. Direkt im Moment.

Unser Zusammenspiel setzt sich auch in Pausensituationen fort. Mit demselben Spieler habe ich vereinbart, dass wir diese Momente gezielt nutzen, um wieder in Kontakt mit dem eigenen Körper, den eigenen Gedanken und Gefühlen zu kommen. Diese Achtsamkeitsübung läuft folgendermaßen ab:

  • bewusste Atmung 
  • kurzer Check-in: „Wie fühle ich mich gerade? Was ist gerade präsent?“

Ziel ist nicht Entspannung um jeden Preis, sondern Selbstwahrnehmung, Auftanken und Eigenfokus – um dann in der kommenden Trainingsform auch durch Kommunikation wieder nach außen wirken zu können. Fakt ist: Nur wer sich bewusst spürt, kann sich auch steuern. Allgemein ausgedrückt, gebe ich Spielern auf deren Auftrag hin konkrete Hilfestellungen im Training und Spiel.

Beispiele hierfür sind die folgenden:

  • „Gib mir bitte ein Feedback, wenn ich vor dem Training in der Kabine am Überdrehen bin.“
  • „Gib mir bitte im Training zwischen Spielformen ein Feedback, wenn du wahrnimmst, dass ich den Kopf hängen lasse!“
  • „Führe vor dem Spiel eine kurze Atementspannung mit mir durch!“ 
  • „Gib mir bitte in der Halbzeitpause ein Kurzfeedback, wie du mein Kommunikationsverhalten erlebst!“
  • „Rufe mir bitte im TR Signalwort XY zu, wenn du wahrnimmst, dass ich zu sehr am Diskutieren bin!“

5. Dranbleiben: Entwicklung über Zeit

Solche Interventionen wirken am besten, wenn sie eingebettet sind in einem längeren Prozess. Der Spieler entscheidet sich bewusst: „Daran möchte ich arbeiten.“ Ich begleite ihn dabei über einen definierten Zeitraum hinweg: 

  • mit kurzen Feedbacks 
  • mit Kurzgesprächen 
  • mit gezielten Impulsen 

So entsteht Schritt für Schritt Veränderung – nicht spektakulär, aber nachhaltig.

Warum dieses Modell funktioniert

Kopfcoaching ist deshalb so wirksam, weil es drei Dinge verbindet:

  • Selbstbestimmung: Der Spieler gibt die Richtung und das Thema vor.
  • Unmittelbarkeit: Die Intervention erfolgt genau im richtigen, im entscheidenden Moment.
  • Konkretheit: Ein Wort, ein Signal, eine Übung – keine abstrakten Theorien.

Fazit

Die Rolle des Kopfcoaches erweitert die klassische sportpsychologische Arbeit um eine entscheidende Dimension: die Begleitung im Moment der Leistung. Es geht nicht nur darum, Dinge zu verstehen – sondern darum, sie umzusetzen, wenn es zählt. Manchmal braucht es dafür ein langes Gespräch. Manchmal reicht ein einziges Wort: Eisberg.

Welches Wort würde bei dir passen? Wenn du daran arbeiten willst, nimm gern zu Experten und Expertinnen in deiner Nähe (zur Übersicht) oder zu mir (zum Profil von Janosch Daul) auf. 

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Janosch Daul
Janosch Daul

Sportarten: Fußball, Handball, Basketball, Volleyball, Leichtathletik, Schwimmen, Tennis, Tischtennis, Badminton

Halle/Saale, Deutschland

+49 (0)176 45619041

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