Janosch Daul: 3:00 Uhr nachts im Trainingslager. Was passiert, wenn der Widerstand geweckt wird

Eine U16-Mannschaft wird mitten in der Nacht geweckt und bekommt 45 Minuten Zeit, gemeinsam einen Parcours zu bewältigen. Was auf den ersten Blick nach einer ungewöhnlichen Trainingslageraktion klingt, war für uns vor allem eines: ein Erfahrungsraum für Widerstandskraft, Teamverhalten und Verantwortung.

Zum Thema: Sportpsychologische Maßnahmen in der Saisonvorbereitung 

Es ist drei Uhr nachts. Die Spieler der U16 des Halleschen FC schlafen. Hinter ihnen liegt bereits ein langer Tag. Training, Testspiel, Läufe und Bergsprints – die Belastung war bewusst hoch. Eigentlich wäre jetzt Regeneration angesagt. Dann klingelt der Wecker. 5 Minuten später stehen alle Spieler vor unserer Unterkunft: Müde. Verschlafen. Vielleicht auch ein bisschen überrascht darüber, was das Trainerteam nun schon wieder vorhat. Drei Teams werden gebildet. 45 Minuten Zeit. Ein Parcours rund um das Gelände. Drei Stationen pro Runde: eine Kraftaufgabe, eine Teamkoordinationsaufgabe und eine Präzisionsaufgabe. Zusätzlich müssen die Spieler während des Parcours gemeinsam Quizfragen lösen und zwei Wasserkästen von Station zu Station schleppen. Die Aufgabe lautet nicht: Wer ist der Schnellste? Die Aufgabe lautet: Wie viele Runden schafft ihr als Team? Damit verändert sich die Perspektive.

Widerstand als Erfahrungsraum

Unsere U16 nennt sich Meisterwerkstatt. Dahinter steckt eine bestimmte Haltung: Wir wollen Meister in den Dingen werden, die wir selbst beeinflussen können. Dazu gehört für uns auch Widerstandskraft. Doch wie lässt sich Widerstandskraft trainieren? Sicherlich nicht ausschließlich über Gespräche und theoretische Inputs. Wer junge Sportler darin unterstützen möchte, mit schwierigen Situationen umzugehen, sollte ihnen auch Gelegenheiten geben, schwierige Situationen zu erleben und anschließend gemeinsam zu reflektieren. Dabei geht es ausdrücklich nicht darum, Belastung um ihrer selbst willen zu erzeugen. „Je härter, desto besser“ wäre aus sportpsychologischer Sicht eine zu einfache Gleichung. Belastung braucht einen Sinn, sie muss in den Entwicklungsprozess passen und sie sollte anschließend eingeordnet werden können. Genau deshalb war die Nachtaktion Teil eines größeren Ganzen, eines besonderen Tages im Trainingslager. Der normale Rhythmus wurde bewusst aufgebrochen. Bereits am Morgen hatten wir mit einer ungewöhnlichen Trainingseinheit begonnen, bei der die Spieler ohne klassisches Frühstück starteten und zunächst nur eine Banane bekamen. Nach dem Mittagessen folgte ein Testspiel, später zusätzliche Läufe und Bergsprints. Die Spieler sollten spüren: Heute wird es anders. Der Widerstand war also kein Zufallsprodukt, sondern  das Lernfeld.

Die spannende Frage stellt sich, wenn es unangenehm wird

Denn Widerstandskraft zeigt sich nicht dann, wenn alles leicht fällt, sondern dann, wenn etwas unangenehm wird. Wenn der Körper müde ist, man keine Lust mehr hat, der eigene Plan nicht funktioniert, ein Mitspieler einen Fehler macht, die Kommunikation nicht klappt. Oder wenn man selbst gerade nicht die gewünschte Leistung bringt.

Dann stellt sich die eigentlich interessante Frage: Was mache ich jetzt damit? Genau hier unterscheidet sich Widerstandskraft von bloßem „Durchziehen“. Durchhalten kann bedeuten, die Zähne zusammen zu beißen und irgendwie bis zum Ende zu kommen. Widerstandskraft meint aus meiner Sicht mehr: trotz der schwierigen Bedingungen handlungsfähig zu bleiben. Also nicht nur auszuhalten, sondern zu gestalten. Und genau dafür war unser Parcours gebaut: Drei Stationen, drei Anforderungen. Die Kraftaufgabe stellte den Körper vor eine Herausforderung, die Präzisionsaufgabe verlangte Konzentration. Und die Teamkoordinationsaufgabe machte unmittelbar sichtbar, wie gut eine Gruppe tatsächlich miteinander kommuniziert und sich organisiert. Denn manche Aufgaben lassen sich alleine lösen. Andere nicht. Wenn eine Mannschaft möglichst viele Runden schaffen möchte, reicht es nicht, wenn einzelne Spieler besonders schnell sind. Das Team muss sich koordinieren. Informationen müssen weitergegeben werden. Einer muss vielleicht einmal Tempo herausnehmen, damit ein anderer mitkommt. Jemand übernimmt die Führung, ein anderer motiviert, ein Dritter behält den Überblick. Und dann waren da noch die Quizfragen. Auch die sollten bewusst zeigen: Müdigkeit betrifft nicht nur den Körper. Sie verändert auch Aufmerksamkeit, Kommunikation und Entscheidungsverhalten. Wenn wir erschöpft sind, werden wir nicht automatisch zu besseren Teamplayern. Häufig passiert das Gegenteil: Wir werden ungeduldiger, kommunizieren weniger klar, reagieren schneller gereizt oder konzentrieren uns stärker auf uns selbst. Genau deshalb sind solche Situationen interessant. Wer übernimmt Verantwortung? Aus sportpsychologischer Perspektive sind für mich dabei weniger die einzelnen Ergebnisse spannend als die Prozesse dahinter: Wer übernimmt Verantwortung, ohne dazu aufgefordert zu werden? Wer motiviert einen Mitspieler, der gerade Schwierigkeiten hat? Wer bleibt konstruktiv, wenn eine Aufgabe nicht funktioniert? Wer kann Kritik äußern, ohne andere abzuwerten? Wer kann selbst Kritik annehmen? Wer erkennt, dass die eigene Leistung manchmal zugunsten der Gruppe zurückgestellt werden muss? Und wer schafft es, in einer unangenehmen Situation nicht nur auf sich selbst zu schauen? Das sind Fragen, die für eine Fußballmannschaft weit über eine Nachtaktion hinaus relevant sind.

Müdigkeit macht Verhalten sichtbar

Vielleicht liegt darin sogar ein besonderer Wert solcher Erfahrungen. Wenn wir ausgeschlafen, gut gelaunt und voller Energie sind, fällt es uns relativ leicht, sozial erwünscht zu handeln. Wir kommunizieren freundlich, bleiben geduldig und unterstützen andere. Spannend wird es, wenn Ressourcen knapper werden. Müdigkeit kann wie ein Vergrößerungsglas wirken, denn sie macht bestimmte Verhaltensmuster sichtbarer: Wer übernimmt Verantwortung? Wer zieht sich zurück? Wer wird schnell ungeduldig? Wer schafft es, sich selbst zu regulieren? Natürlich lässt sich daraus kein endgültiges Persönlichkeitsurteil ableiten. Ein Spieler, der nachts um drei Uhr gereizt reagiert, ist nicht automatisch ein schlechter Teamplayer. Aber solche Situationen liefern Beobachtungen und Beobachtungen liefern Gesprächsanlässe.

Der wichtigste Teil kommt danach

Eine solche Aktion ist deshalb nicht mit dem letzten Durchlauf beendet. Der entscheidende sportpsychologische Schritt ist die Reflexion: Was ist passiert? Wie haben wir als Team funktioniert? Wo waren wir stark? Wo haben wir uns selbst im Weg gestanden? Wie haben wir miteinander gesprochen? Wer hat Verantwortung übernommen? Und was davon wollen wir mit in unseren normalen Trainingsalltag nehmen? Erst dadurch wird aus einer Erfahrung eine Lerngelegenheit. Das ist ein Grundprinzip angewandter Sportpsychologie: Nicht jede Erfahrung macht automatisch stärker. Entscheidend ist, was wir aus ihr machen.

Nicht die Härte entscheidet

Natürlich könnte man die Geschichte auch ganz anders erzählen. Man könnte sagen: „Unsere U16 wurde nachts um drei Uhr geweckt und musste einen brutalen Parcours absolvieren.“ Das wäre allerdings nicht die Geschichte, die wir erzählen wollen. Denn die Herausforderung war kein Wettbewerb darin, wer am meisten leiden kann. Die eigentliche Herausforderung war eine andere: Wie verhalten wir uns, wenn die Bedingungen nicht ideal sind? Das ist im Fußball schließlich Alltag: Ein Spiel läuft nicht nach Plan, der Gegner macht Druck, ein Mitspieler fliegt vom Platz, der Schiedsrichter entscheidet anders, als man es erwartet hat, die eigene Leistung stimmt nicht, man sitzt zunächst auf der Bank, ein Fehler führt zum Gegentor. Niemand kann garantieren, dass solche Situationen nicht passieren. Aber eine Mannschaft kann trainieren, wie sie damit umgeht.

Meister werden in dem, was wir beeinflussen können

Am Ende des Parcours war vor allem eines spürbar: Energie. Trotz der Uhrzeit, trotz der Müdigkeit, trotz des langen Tages zogen die Spieler gemeinsam durch. Für uns war das kein Beweis dafür, dass jetzt alle besonders resilient sind. Es war vielmehr eine kleine gemeinsame Erfahrung, auf die wir später zurückgreifen können. Wenn im Laufe der Saison eine schwierige Situation entsteht, können wir uns daran erinnern: Wir kennen Widerstand. Wir wissen, wie es sich anfühlt, wenn es unangenehm wird. Und wir wissen auch, dass wir nicht ausschließlich darauf angewiesen sind, dass die Bedingungen gut sind. Vielleicht ist genau das der Kern unserer Meisterwerkstatt: Wir können nicht kontrollieren, was uns eine Saison bringt. Aber wir können beeinflussen, wie wir darauf reagieren. Und manchmal beginnt dieses Lernen eben nicht morgens um zehn Uhr auf dem Trainingsplatz. Sondern um drei Uhr nachts.

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Janosch Daul
Janosch Daul

Sportarten: Fußball, Handball, Basketball, Volleyball, Leichtathletik, Schwimmen, Tennis, Tischtennis, Badminton

Halle/Saale, Deutschland

+49 (0)176 45619041

E-Mail-Anfrage an j.daul@die-sportpsychologen.de