Eine Freundin stürzte im vergangenen Jahr bei einem Ausritt relativ leicht. Die körperlichen Blessuren der Reiterin brauchten nicht lang, um zu verheilen. Mental tat sie sich deutlich schwerer. In ihrer Unsicherheit schrieb sie mir, dass sie allein beim Gedanken daran, wieder auf ein Pferd zu steigen, innerlich regelrecht verkrampft. Sier versuchte es, aber es war nicht mehr so wie früher. Ganz klar: Angst im Reitsport ist – nicht nur nach Stürzen – ein ständiger Begleiter. Im Text zeige ich am Beispiel meiner Zusammenarbeit mit meiner gestürzten Freundin, wie es schrittweise gelingen kann, die Angst zu besiegen.
Zum Thema: Die Angst nach Stürzen im Reitsport besiegen
Meine Freundin ritt mit ihrer 9-Jährigen Hannoveranerstute (Klasse M- Dressur ausgebildet mit Potential für S-Dressur) an einem kühlen, regnerischen Samstagnachmittag zum Ausgleich des Trainings unter der Woche aus. Sie trabten in lockerem Tempo auf einem Feldweg entlang, als ihnen ein Fußgänger mit großem Regenschirm entgegenkam. Da der Wind ging, flatterte der Regenschirm etwas und das Geräusch war deutlich hörbar, als der Fußgänger an ihnen vorbei ging. Vorausschauend und verantwortungsbewusst parierte meine Freundin zum Schritt durch und ihre Stute schien zwar etwas nervös und angespannt und schnaubte auch etwas, vermittelte ihr aber dennoch ein Gefühl, dass sie haltbar ist und vorbei gehen will. Bis zu diesem Punkt war sie gut mit ihrer Stute im non-verbalen Austausch und die Stute ging am Fußgänger vorbei. Meine Freundin lobte sie. Als sie jedoch ein paar Schritte weiter waren, kam ein etwas stärkerer Windstoß und der Schirm des Fußgängers knickte ein und spannte sich über und raschelte. Da die Stute dies nun nur hinter sich hörte und nicht mehr in ihrem Blickwinkel nach hinten sehen konnte, scheute sie und sprang zur Seite, so dass meine Freundin vorne rechts über das Schulterblatt der Stute rutschte und stürzte. Der Unfall setzte sich bei ihr leider mental fest, obwohl sie charakterlich kein ängstlicher Typ ist. Da sie immer wieder bei Ausritten begann, mit ihrer Stute nicht mehr vertrauensvoll zu agieren und in ähnlichen Situationen begann, von ihrer Stute aus Angst abzusteigen, obwohl diese sich brav und wohlerzogen verhielt, rief sie mich an und bat mich zu kommen.
Ihre größte Sorge war, ihrer Stute keine gute und vertrauensvolle Führungsperson mehr zu sein. Selbstzweifel, Versagensangst, Angst vor Leistungsabfall und die Einbuße der Vertrauensbasis zu ihrer Stute ließen sie nachts nicht mehr schlafen. Sie wollte dieses Problem lösen und an sich selbst arbeiten. So starteten wir das Training:
Umgang mit der Angst: Schrittweise zum Comeback
Teil 1
Da meine Freundin die Einstellung zum Training hat, dass wir den Pferden die Zeit geben, die sie individuell in ihrem Tempo und ihrem Wesen entsprechend benötigen, vereinbarten wir, dass wir uns dreimal in der Woche zum gemeinsamen Training treffen und an den anderen Tagen sie alleine mit ihrer Stute mit Bodenarbeit, leichter Gymnastikarbeit und Basisarbeit in der Dressur in der Halle arbeitet und übt.
Dabei sollte sie mir in einem Trainingstagebuch aufschreiben, welche Gefühle in welchen Situationen unter welchen äußeren Einflussfaktoren in ihr hochkommen.
Welche Gedanken tauchen parallel zu ihren Gefühlen im Training unter welchem Reaktionsverhalten ihrer Stute auf und wann? Wich sie diesen unangenehmen Situationen aus oder war es ihr bereits nach unseren tiefen Gesprächen möglich, mit ihrer Angst an sich selbstständig zu arbeiten? Vorerst nur im Training in der Halle. Wie gut konnte sie in der Bodenarbeit wieder die Vertrauensbasis zu ihrer Stute festigen?
Teil 2
Training mit dem Schirm mit ihrer Stute in der Halle, wir übten vorerst vom Boden aus mit mehreren Menschen mit Schirmen in der Halle (unterschiedliche Größen, unterschiedliche Farben, mal weit weg, mal ganz nah am Körper der Stute, bis wir sogar nach circa acht Wochen die Stute mit offenem Schirm am Körper berühren konnten. Die Stute fasste wieder Vertrauen zur Kompetenz meiner Freundin.
Was war hier unser Ziel mit ihrer Stute? Es ging um die Stärkung der Bindung und des Vertrauens.
Dieses Szenario übten wir dann ebenso vom Sattel aus. In der Halle. Meine Freundin ritt und ein paar freiwillige Helfer aus dem Stall gingen ihr in der Halle während des Reitens mit einem Schirm entgegen oder streiften quer durch die Halle. Sie übte an und mit ihrer Angst im Körper zu arbeiten. Wir setzten uns nach jedem Training zusammen und besprachen im Detail und in der Tiefe reflektierend ihre Emotionen und Gedanken in den einzelnen Trainingssequenzen und den einzelnen Reaktionsmustern ihrer Stute
Teil 3
Nun ging es um die Übertragung ins Gelände. Wir trainieren draußen zu zweit mit zwei Pferden und nehmen uns dazu ein zweites Pferd für ihre Stute zur Unterstützung mit. Das Zweitpferd ist ihr Koppelpartner (ein Pferd, welches als „Fels in der Brandung“ im Stall bekannt ist, ein absoluter Verlasswallach, Allrounder, 17 – Jahre alt, erfahren, geduldig und hundertprozentig verlässlich im Gelände, der stets seinen Reiter wieder sicher nach Hause trägt).
Was zuvor geschah: Bevor ich mit meiner Freundin mit diesen zwei Pferden ausreiten ging, absolvierte sie kleine Extra-Einheiten mit dem Wallach. Es ging darum, entspannt eine halbe Stunde auszureiten. Das Ziel: Ihr Selbstvertrauen in ihre Fähigkeiten stärken, ihr Selbstbewusstsein wieder aufzubauen, die Freude zum Reiten wieder zurückzugewinnen, neue positive, entspannende Erlebnisse in der Natur mit dem Pferd wiederherzustellen. Dauer dieser Trainingssequenz nochmal acht Wochen mit Trainingstagebuch, Gesprächen mit mir im direkten Anschluss, Tools, Tipps und Reflektieren , woran wir weiterhin arbeiten wollen.
Fazit
Angst ist besiegbar. Aber der Weg zum identifizierten Ziel ist super individuell. Wenn ihr vor solchen Herausforderungen steht, freuen wir uns, euch zu begleiten.
Meine Kollegen und Kolleginnen im Netzwerk (zur Übersicht) und ich (zum Profil von Stefanie Gramlich) helfen gern, die Angst nach einem Sturz zu überwinden. Wenn in deinem Umfeld oder euren Reitställen dies ein Thema sein sollte, dann nehmt gern Kontakt auf. Ich freue mich insbesondere in Süddeutschland über eure Anfragen. Denkbar wäre auch, eine wöchentliche Themengruppe in eurem Reitstall zu starten.

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