Leistungssport prägt ein ganzes Leben. Über viele Jahre, in der Regel von der Kindheit über die Jugend bis ins Erwachsenenleben. Das bedeutet, dass der Sport nicht nur eine Tätigkeit ist – das Sportler-Sein wird zum Teil der eigenen Identität. Das ist gut, weil es natürlich ermöglicht, den hohen Anforderungen und den harten Trainingswochen gerecht zu werden. Es kann aber zu Schwierigkeiten führen, wenn die sportliche Karriere zu Ende ist.
Zum Thema: Das Karriereende meistern
Schauen wir uns den Idealfall an: Ein Sportler erreicht in seiner Karriere alles, was er erreichen wollte, kommt in die Zeit, in der er altersbedingt den Zenit erreicht oder überschritten hat und entscheidet sich, seine sportliche Laufbahn zu beenden. So wie es im MTB dieses Jahr Nino Schurter aus der Schweiz gemacht hat, Olympiasieger und 10-facher Weltmeister im XCO.
Schurters vorletztes Rennen war die WM im eigenen Land, das letzte der Weltcup in Lenzerheide. Bei beiden Rennen wurde er gefeiert, es war ein würdiger und gut vorbereiteter Abschluss. Bestimmt hat sich Nino vorab Gedanken darüber gemacht, was er anschließend tun möchte, die ein oder andere Tür schon geöffnet, und der Übergang in das neue Leben geschieht sanft und mit Stolz.
Schwierige Vorzeichen
Andere Sportler müssen ebenfalls aus Altersgründen aufhören, haben ihre hohen Ziele aber nicht erreichen können. Für sie gilt es, nicht nur mit einer Tätigkeit abzuschließen, die sie ihr Leben lang begleitet hat, sondern gleichzeitig die Träume, die sie hatten und die nicht wahr geworden sind, loszulassen. Und es gibt jene Sportler, die sich aufgrund einer Verletzung aus dem Sport verabschieden müssen oder weil sie an einem bestimmten Punkt ihrer Karriere kein Team mehr gefunden haben oder aus finanziellen Gründen nicht die Trainingsleistung bringen konnten, die nötig gewesen wäre, um ganz oben mitzuspielen – und die dann die Entscheidung treffen, den Profibereich zu verlassen, mehr oder weniger freiwillig.
Was bedeutet das für einen Menschen? Und wie kann man mit einer Entscheidung umgehen, die man so nicht treffen wollte, zu einem Zeitpunkt, den man sich nicht ausgesucht hat? Was raten Sportpsychologen?
Tipps aus der Sportpsychologie
Aus meiner Sicht: Schon frühzeitig einen Plan B zu machen, ist nur in Sportarten sinnvoll, bei denen von Anfang an klar ist, dass man von ihnen nicht leben kann. Dann ein Studium zu beginnen oder eine Ausbildung nebenher zu machen, ist wichtig und hilft auch dem Sport, indem zumindest die finanziellen Grundbedürfnisse erfüllt sind. Wer in einer Sportart als Profi unterwegs ist, die ihn ernährt, sollte sich ganz auf Plan A fokussieren, um das kleine Quäntchen Extra-Engagement, Extra-Professionalität oder Extra-Einsatz bringen zu können, das am Ende darüber entscheidet, ob die ganz großen Ziele in Reichweite rücken oder nicht. Erst wenn klar ist: Es geht auf das Karriereende zu, macht es Sinn, darüber nachzudenken, was man anschließend tun möchte – und mit den nächsten Menschen darüber zu sprechen.
Wenn man unfreiwillig aus der Karriere aussteigt oder mit dem Wissen, das Gewünschte nicht erreicht zu haben, braucht es einen anderen Ansatz. Der führt über die Motivatoren, also das, was den Sportler früher angetrieben hat, das, was er am Sport geliebt hat, der Grund, warum er jede Woche, Jahr für Jahr, so hart gearbeitet und trainiert hat. Diese Motivatoren sind sehr unterschiedlich. So erlebe ich zum Beispiel im Fußball Menschen, die das Spiel lieben, den Fußball, und für diese Menschen ist klar: Sie werden auch weiterhin etwas tun, das mit Fußball zu tun hat. Einige haben vielleicht parallel schon Trainerscheine gemacht, möchten Trainer im Profibereich werden oder kümmern sich im Heimverein um die B-Jugend. Andere orientieren sich in Richtung Journalismus, wieder andere arbeiten im Umfeld, managen einen Verein, vertreiben Fußballschuhe oder entwickeln sie sogar.
Gewisse Voraussetzungen
Andere Spieler sind motiviert durch den Lebensstil, die Reisen und auch den Luxus, der mit der Karriere daherkommt. Sie möchten viel verdienen und sich schöne Dinge leisten können. Die brauchen einen anderen Weg nach der Karriere. Wer nicht langfristig von seinem Ersparten oder Angelegten leben kann, braucht einen neuen Job, in dem er ebenfalls viel verdienen kann. Ob das dann eine Führungsposition in einem Unternehmen wird oder ein Job als Anlageberater, ein Leben als Investor – ist erst einmal egal.
Wer den Fußball lieben gelernt hat, weil der Teamgeist in den Mannschaften so besonders war, wird sich genau in diese Richtung weiterentwickeln und nach einem Platz suchen, wo er in einem besonderen Team arbeiten kann, mit Menschen, die bereit sind, füreinander durch dick und dünn zu gehen.
Unterschiedliche Ziele
Wer den Erfolg im Sinne des Erreichens von Zielen liebt, wird in einer anderen Welt glücklich als jemand, der sich gern um andere im Team kümmert. Wer davon getragen wird, herauszuragen aus einem Team und bewundert zu werden, braucht ein neues Spielfeld, auf dem genau das möglich ist.
Geht es also auf das Ende der sportlichen Karriere zu, schauen wir genau: Was sind die Motivatoren und die Kernwerte des Spielers oder Athleten, der sich neu orientiert? Diese Werte und Motivatoren geben dann die Richtung an. Denn sie müssen erfüllt werden, damit das Leben nach der sportlichen Karriere erfüllend bleibt, der Sport eine schöne und wertvolle Erinnerung, aber keine, der man ewig hinterher trauert – einfach, weil es da etwas Neues, Anderes gibt, das genauso viel Freude, Stolz oder Gemeinschaft stiftet wie vorher der Sport.
Unterstützung
Wenn du darüber nachdenkst, deine Karriere zu beenden oder es musst und noch nicht genau weißt, wie und wohin, können Sportpsychologen gut beraten. Nimm gern Kontakt auf – zu mir (zum Profil von Anke Precht) oder zu einem Kollegen oder einer Kollegin in der deine Nähe (zur Übersicht).
Views: 89
