Schon seit 2012 arbeite ich als Mentalcoach mit dem Ironman-Profi Michael Weiss zusammen und durfte ihn in dieser Zeit schon bei vielen Wettkämpfen in Europa, Südafrika und den USA begleiten. Aus der engen Zusammenarbeit ist inzwischen nicht nur ein professionelles Verhältnis, sondern auch eine Freundschaft entstanden. In diesem Beitrag will ich an unserem Beispiel zeigen, wie unsere Zusammenarbeit funktioniert – entstanden ist ein Protokoll über sechs Tage sportpsychologischer Arbeit.
Zum Thema: Arbeitsprotokoll eines Mentalcoaches beim Ironman Kopenhagen 2025
Im August 2025 durfte ich ihn sechs Tage lang zum Ironman Kopenhagen begleiten – nicht nur als Mentalcoach, sondern wie bei allen unseren Reisen in vielen weiteren Rollen, die im Verlauf eines solchen Wettkampfes entscheidend sein können. Denn die mentale Betreuung endet nicht am Rand der Strecke oder in den Gesprächen vor dem Start. Vielmehr geht es darum, ein Umfeld zu schaffen, in dem der Athlet seine volle Leistungsfähigkeit entfalten kann. Mal bedeutet das, ein offenes Ohr für Zweifel und Gedanken zu haben, mal aber auch, für Organisation, Struktur und eine ruhige Atmosphäre zu sorgen. So wechselte ich in dieser intensiven Woche zwischen meinen Rollen als Coach, Betreuer, Chauffeur, Koch, Kameramann und Manager hin und her.
Das Rennen in Dänemark war auch deshalb besonders, weil ein weiterer Athlet mit uns nach Kopenhagen reiste, den Michael Weiss mittlerweile selbst als Coach betreut. Das veränderte die Dynamik – aus der engen Zusammenarbeit entstand nicht nur ein stärkeres Vertrauensverhältnis zum Profi, sondern auch ein Gefühl von Team und Freundschaft, das weit über den Wettkampf hinausgeht. Hinzu kommt: Wir wohnen bei unseren Reisen meist in einem großen Airbnb mit Küche, um uns selbst zu verpflegen und dadurch auf die besonderen Bedürfnisse für den Athleten eingehen zu können.
Protokoll
In diesem Protokoll möchte ich zeigen, wie vielfältig die Aufgaben eines Mentalcoaches im Leistungssport sein können, und wie wichtig es ist, die Theorie der Sportpsychologie in den Alltag und die Praxis eines Rennens zu übersetzen.
Tag 1 – Anreise & Vorbereitung
- Ankunft in Kopenhagen
- Mietauto abholen und Fahrt zur Unterkunft
- Einkauf für die nächsten Tage erledigen (Fokus auf qualitative Bio-Lebensmittel)
- Kochen – Abendessen – Abwasch
- Mentales Check-in mit dem Athleten: Stimmung, Erwartungen, Fokus
Tag 2 – Rad Strecke Besichtigung & Feinschliff
- Frühstück
- Persönliche Arbeit während die Athleten ihre Bikes zusammenbauen
- Besichtigung der Radstrecke (ich mit dem Auto, die Athleten größtenteils mit dem Rad)
- Fotos zwischendurch für Social Media
- Kochen – gemeinsames Essen – Abwasch
- Tagesreflexion und Ausblick und Programm für morgen
Tag 3 – Pro Meeting und Schwimmtraining & Fußball Match
- Frühstück
- Fahrt zum Pro-Meeting (währenddessen Einkauf erledigen)
- Fahrt zum Schwimm-Training
- Kochen – Mittagessen – Relax
- Werbevideo für Sponsor
- freier Abend für mich: Fußball-Match FC Nordsjælland gegen F.C. København
- Abend: Mentale Gespräche
Tag 4 – Bike Check In & Strategie Besprechung
- Frühstück
- während des Trainings der Profis – private Arbeiten/Telefonate für mich
- Kochen – Mittagessen – Abwasch – Relax
- Fahrt zum Bike Check In und Fotos für Social Media
- Fotos für Sponsoren
- Kochen – gemeinsames Abendessen – Abwasch
- mentale Rennstrategie: Besprechung und Abläufe für Renntag
Tag 5 – Race Day
- Tagwache um 3:30
- Frühstück + Sachen ins Auto bringen (Wechselsäcke, Pumpe, AfterRace Sachen, etc.)
- Fahrt zum Renngelände + danach Auto umparken und zum gemeinsamen Treffpunkt
- Unterstützung beim Aufwärmen und Toilettenplatz reservieren 😉
- Unterstützung vor dem Schwimmstart
- während des Schwimmens die Zeiten am Tracker verfolgen um den Athleten mit Renninfos versorgen
- nach T1 geht es bei mir mit dem Auto in die Stadt, um in der Nähe von T2 einen Parkplatz zu finden
- vertraut machen mit der Laufstrecke und zwischendurch immer wieder am Tracker die Zeiten prüfen
- Coaching auf Laufstrecke (vereinbarte Infos übermitteln, pushen, etc.)
- im heutigen Fall: Michael Weiss steigt nach 13 Laufkilometern aus dem Rennen aus – passende Worte finden
- Betreuung nach dem Rennen
- Zielbereich, um seinen Athleten zu begrüßen
- während Athleten ihr Bike auschecken, Auto holen und nahe dran einen Parkplatz finden
- Rückfahrt zur Unterkunft
- Abendessen bei Freunden und erste Renn-Reflexion
Tag 6 – Nachbesprechung & Rückreise
- Frühstück
- Reflexionsgespräch: Rennverlauf, Emotionen, Learnings
- Koffer packen
- zweiten Athleten zum Flughafen bringen
- Familie des Athleten von der U-Bahn abholen und zur Unterkunft bringen
- Relaxen und letzte Erledigungen in der Unterkunft
- Sightseeing und Mittagessen
- Koffer von der Unterkunft abholen und zum Flughafen
- Mietauto zurückgeben
- Rückflug
Abschließende Reflexion
Die Tage in Kopenhagen haben mir erneut gezeigt, dass Mentalcoaching im Spitzensport weit mehr ist als das reine Arbeiten mit Gedanken, Emotionen und Routinen. Es geht darum, einen Rahmen zu schaffen, in dem sich der Athlet ganz auf seine Leistung konzentrieren kann, egal ob durch gezielte mentale Übungen, eine strukturierte Tagesplanung oder schlicht durch kleine Handgriffe im Alltag.
Als Mentalcoach war ich in diesen sechs Tagen nicht nur Begleiter, sondern auch Betreuer, Organisator, Koch, Kameramann, Chauffeur und manchmal Problemlöser für unerwartete Situationen. Genau diese Vielseitigkeit macht die Arbeit so spannend und wertvoll: Sie zeigt, dass mentale Stärke nicht isoliert entsteht, sondern im Zusammenspiel mit dem gesamten Umfeld. Das Protokoll verdeutlicht, wie eng Praxis und Theorie der Sportpsychologie miteinander verknüpft sind – und wie wichtig es ist, diese Brücke im Leistungssport aktiv zu gestalten.
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