Dr. René Paasch: Die Strobobrille im Fussball 

Torhüter Ralf Fährmann sowie viele weitere deutsche Keeper nutzen sie schon. Was auf den ersten Blick wie eine Brille aus einem Science Fiction Film aussieht, ist eine Unterstützung zur Schulung von Wahrnehmung und kognitiven Leistungsfaktoren. Es sind spezielle Brillen, die abwechselnd Licht durchlassen. Durch die Anwendung dieser Brillen soll die sportartspezifische Leistungsfähigkeit gesteigert werden. Der Ansatz: Das Gehirn des Torhüters muss lernen, ohne vollständige visuelle Information, trotzdem das Gewollte auszuüben. Ein interessantes Trainingsgerät für bessere und schnellere Wahrnehmung. Schauen wir uns das näher an. 

Zum Thema: Die kognitiven Leistungsfaktoren von Torhütern verbessern

DAS AUGE SIEHT – DAS GEHIRN VERARBEITET – UND DER KÖRPER FOLGT…

Nein, hinter der dunklen, großen Sonnenbrille will kein Torhüter die Folgen des jüngsten Kneipenabends verstecken, wir reden hier von einem modernen Trainingsgerät im Fussball. Mit Hilfe der Strobobrille soll über visuelle Reize die Wahrnehmungs- und Reaktionsfähigkeit von Torhütern verbessert werden. Die funktionsweise: Wiederholt wird den Keepern die Sicht genommen, indem sich das Blickfeld verdunkelt. Dies ist möglich, da die Brillengläser aus Flüssigkristallen bestehen. Durch elektrischen Strom wird die Dichte der Kristalle so verändert, dass sie entweder Licht durchlassen oder die Brillengläser in unterschiedlichen Stufen abdunkeln. Der Flimmer- oder Verlangsamungseffekt entsteht, wenn der Strom alternierend blitzschnell an- und ausgeschaltet wird und so das Licht zwischen hell und dunkel wechselt.

Durch die Verdunkelung reduziert die Brille die Menge an visuellen Informationen. Dadurch soll das Gehirn angeregt werden, die noch zur Verfügung stehenden Informationen effektiver zu nutzen. Das Gehirn eines Torhüters soll so lernen, die Geschwindigkeit und Bewegungsrichtung des Balls vorausschauend abzuschätzen. Nicht nur die Antizipation, sondern auch die Widerstandsfähigkeit gegenüber Ablenkungen soll so trainiert werden. 

Siehe auch: Kognitive Leistungsfaktoren im Fussball Teil 1 – 7:  https://www.die-sportpsychologen.de/2019/08/dr-rene-paasch-gedankenschnelligkeit-im-fussball-trainieren-teil-1/

Mögliche Effekte

Der Trainingseffekt scheint mit Torhütern vergleichbar, die mit Gewichten an den Knöcheln trainieren: Fällt die zusätzliche Belastung weg, fühlt sich die Bewegung viel leichter und effektiver an (Smith, & Mitroff, 2012). Grundsätzlich kann ein positiver Effekt dieser Brille auf eine Vielzahl von visuellen, perzeptiven und kognitiven Fähigkeiten belegt werden. Insbesondere das schnelle zentrale Sehen, kann mit dieser Methode trainiert werden (Wilkins, & Gray, 2015).  

Eine neuere Studie mit drei Elite-Nachwuchstorwarten, die ein siebenwöchiges stroboskopisches Training durchlaufen hatten, konnten folgendes feststellen (Wilkins, Nelson, Tweddle, 2018): Ihre Seh- und Wahrnehmungsfähigkeit wurde besser und ihre Leistungsfähigkeit im Torwartspiel steigerte sich.

Die Strobobrille im Training 

Die Trainingsmethode hat den großen Vorteil, dass sie sich direkt auf dem Platz anwenden lässt, ohne eine künstliche Trainingsumgebung schaffen zu müssen. Ihr Einsatz kann variabel an das Trainingsprogramm angepasst werden. Trainer, die die Technologie in der Praxis eingesetzt haben, berichten, dass sich die Stroboskopbrille einfach in das Trainingsprogramm einbauen lässt, unkompliziert zu nutzen ist, dabei dem Anwender eigenen Raum lässt und kaum erklärende Begleitung erfordert. 

Es werden des Weiteren Computerprogramme und Spiele als Möglichkeit angeboten, die Augen „zu trainieren“. Ishigkaki (2007) hat z.B. für Nintendo® ein spezielles „Augen-TrainingTM“ entwickelt, das über eine portable Spielekonsole (Nintendo® DS) durchgeführt werden kann. Er erreicht so eine große Zielgruppe, der alle Altersklassen angehören. Ferner stößt der Interessierte über das World Wide Web auf zahlreiche Angebote und Anleitungen für tägliches Augentraining, wie bspw. das Sportsvision-Training. 

Fazit

Das Training mit einer Strobobrille kann sich positiv auf visuelle, perzeptive und kognitive Fähigkeiten auswirken. Insbesondere das schnelle zentrale Sehen kann mit dieser Methode trainiert werden. Vorteile sind u.a. eine Anwendung in realen Trainingsumgebungen und eine einfache Handhabung. Wir Sportpsychologen können im Auftrag des Trainerstabs die Anwendung begleiten, steuern und auf bestimmte Aspekte ausrichten. 

Dr. René Paasch

Sportarten: Fußball, Segeln, Schwimmen, Handball, Hockey, Eishockey, Tennis

Kontakt

+49 (0)177 465 84 19

r.paasch@die-sportpsychologen.de

Zum Profil: https://www.die-sportpsychologen.de/rene-paasch/

Über die Öffentlichkeitsarbeiter im Verein sollten Trainer aber die Informationen an die Medien durchstecken, weshalb ein oder mehrere Torhüter mit dieser Brille trainieren. Nicht, dass Spekulationen über das Freizeitverhalten der Keeper aufkommen…

Mehr zum Thema:

Literatur 

Smith, T. Q., & Mitroff, S. R. (2012): Stroboscopic training enhances anticipatory timing. International journal of exercise science, 5(4), 344. Studie: https://digitalcommons.wku.edu/ijes/vol5/iss4/4/

Wilkins, L., & Appelbaum, L. G. (2019): An early review of stroboscopic visual training: insights, challenges and accomplishments to guide future studies. International Review of Sport and Exercise Psychology, 1-16. Studie: https://www.tandfonline.com/doi/abs/10.1080/1750984X.2019.1582081?journalCode=rirs20

Wilkins, L., Nelson, C., & Tweddle, S. (2018). Stroboscopic visual training: A pilot study with three elite youth football goalkeepers. Journal of Cognitive Enhancement, 2(1), 3-11. Studie: https://link.springer.com/article/10.1007%2Fs41465-017-0038-z

Wilkins, L., & Gray, R. (2015): Effects of stroboscopic visual training on visual attention, motion perception, and catching performance. Perceptual and motor skills, 121(1), 57-79. Studie: https://journals.sagepub.com/doi/10.2466/22.25.PMS.121c11x0

Nintendo (2007): Augen-Training: Trainieren und entspannen Sie Ihre Augen! Spielanleitung. Großostheim

Nintendo (2007): Portable Vision Training. Sports Vision Magazine 1 (3), 10

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