Dr. René Paasch: Drei “Learnings” der Fussballsaison 2018/2019

Im Fussball ist der Teufel los. Und zwar auf allen Ebenen. Während in den vergangenen Jahren vornehmlich mit der “Ware” Spieler gehandelt wurde, lässt sich in jüngerer Vergangenheit immer stärker beobachten, wie auch auf Managementebene Führungspersönlichkeiten und ganze Personalstäbe ausgetauscht werden. Ganz zu schweigen von Trainern: Aufstiegstrainer werden entlassen, Meistertrainer stehen in der Diskussion und Retter werden nach der Ankunft im sicheren Hafen von Bord geschickt. Aber was lernen wir aus der aktuellen Entwicklung im Profi-Fussball?

Zum Thema: Identifikation, Kommunikation und Menschlichkeit im Fussball

Etwas zu verändern bedeutet, dass Vereine und Sportler ihre festgefahrenen Strukturen und Verhaltensweisen ändern müssen. Routinen werden abgewandelt, Gelerntes wird modifiziert, erweitert oder verworfen und durch Neues ersetzt. Grundsätzlich, um dies hier deutlich zu betonen, sind Veränderungen nichts schlechtes. Nur brauchen diese Zeit, die im ergebnisorientierten Fussball eben häufig nicht gegeben ist. Erschwerend kommt hinzu, dass wir es im Fußball immer noch mit Menschen zu tun haben. Diese Spezies beharrt gern in bestehenden Bindungen und entwickelt sich in sozialer Verbundenheit (Cacioppo, 2012). Beziehen wir das auf den Fussball, ist genau das Gegenteil der Fall: Ein rotierendes Spieler- und Trainerkarussel, vorzeitige Kündigungen oder kurzfristige Verträge sind der sportliche Alltag. Der Sport ist ein kontinuierlicher und unaufhaltsamer Veränderungsprozess auf Zeit, der sich immer mehr nach außen orientiert und weniger den Menschen im Vordergrund sieht: Schneller, höher und weiter, wachsende Technologien, Gewinnoptimierung, Turnierbeteiligungen, Vereinswechsel, Auf- und Abstieg, Sieg oder Niederlage, persönliche und wirtschaftliche Interessen, Verletzungen und der Umgang mit der Öffentlichkeit.

Mehr Infos zu Dr. René Paasch: https://www.die-sportpsychologen.de/rene-paasch/

Aber noch mal: Der Mensch ist eigentlich bemüht, an vorhandenen Strukturen festzuhalten. Wagen wir einen Ausflug in die Entwicklungspsychologie: Beispielsweise greift ein Baby stetig nach unserem Finger oder sucht die Nähe zu seinen Eltern. Ohne diese Verbindung und elterliche Nähe würde es nicht überleben können. Übertragen auf den Sport: In schwierigen Momenten lösen sich bei Spielern und Mannschaften sowie Vereinsangehörigen Unsicherheiten aus, denn Sicherheit und Verbundenheit ist ein genetisch verankertes Grundbedürfnis. Wann stetig Unsicherheiten, Druck oder Ängste auftauchen, aktiviert das unser Bindungssystem. Wenn wir auf dem Sprung zu etwas Neuem sind (z.B. Vereinswechsel) brauchen wir erst recht das Gefühl, von Sicherheit und angenommen zu sein. Und es gibt noch eine Besonderheit unseres Gehirns, die den Wunsch verstärkt, in gewohnter Umgebung zu bleiben: Wenn wir neuen Situationen oder Druck ausgesetzt sind, verbraucht unser Gehirn viel Zucker und Sauerstoff. Der Wunsch nach Verbundenheit und Vertrauen ist immens. Und wann immer der Mensch mit solch komplexen Aufgaben konfrontiert ist, versucht er Energie zu sparen. Daher wandelt unser Gehirn unser Tun so schnell wie möglich in Routinehandlungen um. Wann immer wir automatisiert agieren, schüttet das Gehirn Wohlfühlhormone aus. Auch dies ist ein Grund dafür, warum wir in schwierigen Situationen und Erneuerungen auf gewohnte Strukturen schnellstmöglich zurückgreifen wollen. Daher wäre aus meiner Sicht wünschenswert, dass die Vereine auf langfristige Spielerverträge und Verbindungen Wert legen, Zeitraum für Wachstum ermöglichen, ein ganzheitliches Nachwuchskonzept entwickeln, welches eine Anbindung an den Profibereich hat und somit eine unverwechselbare Identität geschaffen werden kann. Welche Vereine verfügen über eine solche unverwechselbare Identität?

Langfristige Strategien und Kommunikation  

In der Praxis scheitert es bei vielen Vereinen schon an der Ausarbeitung von wirklich belastbaren, realistischen und für alle Beteiligten motivierenden Zielen. Viel zu selten sind Sportpsychologen in diesen Prozess, der nicht mit einer Verkündung bei einer Pressekonferenz endet sondern über die gesamte Saison andauert, mit eingebunden – sogar, wenn sie in einem Verein auf Prof-Ebene fest angestellt sind, wie ich neulich von einem Kollegen erfahren habe.

Also zurück zum Thema Ziele. Sobald dieses feststeht, ist das zentralste Mittel zur Zielerreichung die Kommunikation. Diese sollte auf allen Ebenen stattfinden. Wertschätzung und Wichtigkeit steht dabei im Mittelpunkt. Vor allen Dingen ist es wichtig, dass der Verein, das Trainerteam und die Spieler über das anstehende informiert sind, die Notwendigkeit erkennen und sie mit ihren Überlegungen und Ängsten nicht alleine gelassen werden. Von den Vereins- und Teammanagern und dem Trainer muss das klare Signal ausgehen. Wir haben euch gehört, wir nehmen eure Sorgen ernst und liefern zeitgerecht gemeinsame Lösungen. Ich beobachte oft, dass Vereins- oder Teammanager den Erklärungs- und Wiederholungsbedarf unterschätzen. Das liegt wohl auch daran, dass das Problembewusstsein der Vereinsführung oft wesentlich früher entsteht als bei den Trainern und Spielern. Und so kann in der Vereinsführung die Wahrnehmung entstehen, man habe schon genug geredet und erklärt. Das kann ein großer Irrtum sein, denn die Spieler haben das Thema noch überhaupt nicht konstruktiv diskutiert, geschweige denn die neue Situation als solche akzeptiert. Des Weiteren empfehle ich in der Kommunikation mit allen offen zu umzugehen. Das kann zunächst zur Unruhe führen. Natürlich ist das für alle Seiten zunächst unangenehm, aber Ärger kann man wenigstens gezielt behandeln. Schlimmer ist es, wenn Gerüchte oder stillschweigende Regeln entstehen oder wenn unbearbeitete Enttäuschungswut die Leistungsfähigkeit mindert.  

Wie sollte Kommunikation im Verein aussehen? Was sollten handelnde Akteure wissen?

  • Von Anfang an einen regelmäßigen Austausch mit der Vereinsführung, dem Trainer und den Spielern pflegen. Fragen stellen und sich in den Entwicklungsprozess einbringen. Dabei gibt es einen spannenden Ansatz von Paul Watzlawick und seinem Team, der sich in der Praxis bewährt hat (Watzlawick, Beavin, Jackson, 2007): Die Experten stellten fünf Grundregeln (pragmatische Axiome) auf, die die menschliche Kommunikation erklären und ihre Paradoxie zeigen. Vieles haben Sie sicher schon mal gehört: Man kann nicht nicht kommunizieren, jede Kommunikation hat einen Inhalts- und einen Beziehungsaspekt, Kommunikation ist immer Ursache und Wirkung, menschliche Kommunikation bedient sich analoger und digitaler Modalitäten, Kommunikation ist symmetrisch oder komplementär. Sie kennzeichnen die Wichtigkeit der Beziehungsseite in der Kommunikation. Auch zeigen sie, dass der Mannschaftskollege in der Regel in konstruierten, von ihnen selbst “erdachten” Wirklichkeiten lebt und in welchen verschiedenen Modalitäten Kommunikation abläuft.
  • Gegenüber dem Verein, dem Trainerteam und als Spieler klar machen, was sie jetzt brauchen, um gut durch den Prozess zu kommen. Gute Führung wird die Spieler  bestmöglich dabei unterstützen. In einem solchen Gespräch hat sich wertgeschätzte und zielführende Kommunikation gut bewährt, wie eigene/fremde Beobachtungen, Emotionen, Bedürfnisse und Bitten nacheinander zu formulieren und im Gespräch klar voneinander zu trennen. Das nimmt harschen Formulierungen die Schärfe und macht verständlicher, warum Sie so fühlen, wie Sie fühlen.
  • Sich engagieren und entwickeln wollen. Veränderungen sind immer auch „Türöffner für Möglichkeiten“ und bieten Entwicklungschancen. Wer signalisiert, dass er Teil der Lösung und Identität sein will und nicht nur Befehlsempfänger, wird gesünder und gestärkter durch die Saison kommen als jemand, der sich passiv treiben lässt und auf Besserung hofft.
  • Sorgen Sie für einen kontinuierlichen Teamprozess von Anfang an. In diesem Zusammenhang möchte ich Ihnen das Teamentwicklungstraining (TET) von Lau (2005b) anbieten. Dieses integrative Training vereint die praktische Wechselwirkung zwischen sportlichem Training, Wettspiel und sozialer Entwicklung der Mannschaft. Des Weiteren nutzt das TET personen- und gruppenzentrierte Maßnahmen, die auch Veränderungen organisatorischer Strukturen einschließen. Weiteres finden Sie auf https://www.die-sportpsychologen.de/2016/06/03/dr-rene-paasch-mit-gruppenbildung-zum-erfolg/#

Menschlichkeit

Halten Sie mich für verrückt, aber ich glaube tatsächlich daran, dass die oben genannten Anregungen nur in einem menschlicheren Profi-Fußball möglich sind. Ich bin der festen Überzeugung, dass sich Leistung in einer würdevollen, auf Respekt basierenden und in Verbundenheit gelebten Form viel besser optimieren lässt als in der kalten Businesswelt, zu der der Fußball bereits geworden ist.

Dieter Hecking hat nach seinem letzten Spiel als Trainer von Fußball-Bundesligist Borussia Mönchengladbach die jüngste Entwicklung im Umgang mit Trainern im Profifußball harsch kritisiert. „Weder die Kritik an Meistertrainer Niko Kovac von Bayern München noch die Entlassungen von Markus Anfang beim 1. FC Köln oder Patrick Glöckner von Viktoria Köln, die als Tabellenführer der 2. Bundesliga bzw. Regionalliga West entlassen wurden, kann der Fußballlehrer nachvollziehen. Unabhängig von seiner Person zeigen die Beispiele, dass man uns Trainer nicht braucht. Wir können zu Hause bleiben.“ Auch Friedhelm Funkel kritisierte den Umgang mit seiner Zunft. Ähnliches lässt sich auch bei den Spielern erkennen. Wäre es da nicht an der Zeit, an der Uhr zu drehen und den Trainern und Sportlern als Menschen zu behandeln?

Näheres zum Thema Menschlichkeit im Fussball finden Sie hier https://www.die-sportpsychologen.de/2019/02/12/dr-rene-paasch-ein-menschlicherer-fussball-wer-ist-dabei/#

Fazit

Wir stehen im Fussball an einer interessanten Weggabelung. Wohin jeder Verein abbiegt, entscheiden die Verantwortlichen selbst. Die von mir beobachteten “Learnings” der Saison 2018/2019 können vielleicht helfen, die eigene Wegrichtung im Verein zumindest zu überdenken. Gern stehen meine Kollegen (zu den Profilen) und ich bereit (zum Profil von Dr. René Paasch) bereit, weiter in die Tiefe zu gehen und Prozesse zu unterstützen, die so oder so ablaufen, aber eben auch gesteuert werden können. Persönlich würde ich mich freuen, wenn wir alle zusammen mehr tun, um Begriffe wie Würde, Menschlichkeit, Respekt, Mentalität und Identifikation mit Leben zu füllen.   

Mehr zum Thema:

Literatur

Lau, A. (2005a): Die kollektive Leistung in den Sportspielen – eine interdisziplinäre Analyse. Habilitationsschrift. Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

Lau, A. (2005b): Das Teamentwicklungstraining – ein systemisches Konzept für die Mannschaftssportspiele. Leipziger Sportwissenschaftliche Beiträge, 46(1), 64-82

Lau, A. & Stoll, O. (2007). Gruppenkohäsion im Sport. Psychologie in Österreich, 27 (2), 155-163.

Paul Watzlawick, Janet H. Beavin, Don D. Jackson (2007): Menschliche Kommunikation. Formen, Störungen, Paradoxien. 11., unveränd. Auflage. Huber, S. 53–70.

Cacioppo, J. T., & Cacioppo, S. (2012): The phenotype of loneliness. European Journal of Developmental Psychology, 9, 446-452. doi:10.1080/17405629.2012.690510

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