Medialer Coup oder sportliches Top-Ereignis? Wahrscheinlich liegt die Wahrheit zum Rekordlauf des Berliners Arda Saatçi durch das Death Valley in den USA irgendwo in der Mitte. Prof. Dr. Oliver Stoll von Die Sportpsychologen wurde von diversen Medien, darunter dem RND und der ARD, zu Saatçi befragt. Bei uns ordnet der Ausdauersportler und sportpsychologische Experte für die langen Strecken die Leistung ein.
Zum Thema: Ausdauersport
Oliver, Arda Saatçi stellt die Laufwelt auf den Kopf. Zumindest medial. Vor allem junge Menschen scheinen sich von der Story, die der Berliner rund um seine langen Läufe erzählt, zu interessieren. Siehst du den Hype eher positiv oder eher negativ? Und warum?
Na ja, also dass die Laufwelt gerade Kopf steht, habe ich zunächst gar nicht mitbekommen. Erst als mich das Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) anfragte, ein Interview zu dem Läufer zu geben, der gerade durch das Tal des Todes läuft und weiter bis San Francisco, hörte ich von ihm. Da war er aber schon drei Tage lang unterwegs. Das ist völlig an mir vorbei gegangen. Ich halte mich da eben wohl nicht „in der richtigen Bubble“ auf. Wie ich das finde? Eigentlich super, denn der Ultralangstreckenlauf fristet, wie so viele andere Sportarten in Deutschland, ein Schattendasein. Da ist es dann schon mal toll, wenn auf dem langen Laufen, was ja auch mal meine Leidenschaft war und auch immer noch ist, auch wenn ich das gerade aktiv nicht mehr mache, etwas Aufmerksamkeit gelenkt wird.
Sein selbst gestecktes Ziel hat Saatçi verfehlt. Ein Erlebnis, das du auch als Langstreckenläufer kennst, etwa beim Rennsteiglauf im Jahr 2014. Aus sportpsychologischer Perspektive: Er zeigt, dass Scheitern bei ambitionierten Zielen dazu gehört. Hat Saatçi das Zeug zu einem wichtigen Role-Model für die neue Generation, der ja oft unterstellt wird, sich nicht mehr so anstrengen zu wollen.
Er empfindet das vielleicht als Scheitern, aber aus meiner Sicht ist das schon eine tolle Leistung, die er da gezeigt hat. Darauf kann er auf alle Fälle stolz sein. Aus Sicht der internationalen Ultralangläufer*innen Szene hat er wahrscheinlich nicht das Zeug für ein Role-Model (vielleicht für die deutsche Szene, aber auch hier würde er wahrscheinlich nicht Deutscher Meister über die 100 Kilometer Distanz werden), denn wenn man seine Leistung mal in das Ultralauf-Wettkampf System einordnet, hat er eine gute bis mittelmäßige Leistung gezeigt. Der Weltrekord über 24 Stunden liegt aktuell bei 316 Kilometern. Der Halter dieses Weltrekords aus dem Jahr 2022, Aleksandr Sorokin aus Litauen, hätte hochgerechnet die gesamte Distanz, die Arda gelaufen ist, drei Tage schneller laufen können. Die Zeiten, die bei den 2-, 3- und 6-Tage Läufen gelaufen werden, sind auch schneller. Megan Eckert ist in 6 Tagen 970 Kilometer gelaufen, also 370 Kilometer mehr als Arda und selbst wenn man ja berechtigt kritisch anmerken kann, dass dies ja alles nicht im Tal des Todes gelaufen wurde, dann schaut man sich mal die Ergebnisse des Badwater Ultramarathon an, eben von Badwater, von wo Arda gestartet ist durch das Tal des Todes 234 Kilometer raus auf den Mount Whitney. Die werden von Siegern so zwischen 25 und 27 Stunden absolviert.
Also – eine tolle Leistung von Arda, Respekt! Aber eben nicht außergewöhnlich. Die junge Generation – und die will sich nicht anstrengen? Wer sagt das? Aber ich habe gehört, die haben wie gebannt vor dem Stream gesessen…

Link zum TV-Beitrag: https://www.ardmediathek.de/video/brisant/brisant-vom-11-mai/mdr/Y3JpZDovL21kci5kZS9iZWl0cmFnL2Ntcy83OTBhNjU3ZS03N2M4LTQ0YTEtYjQyOC03MDQzYWRlNWVhMGY?
An dich als Ausdauersportler und als einer der Laufexperten von Die Sportpsychologen: Welche Frage würdest du Arda Saatçi am liebsten selbst stellen?
Mich würde interessieren, warum er immer wieder solche Projekte umsetzt? Das war ja nicht sein erstes, solches Projekt. Als Sportpsychologe kann ich mir natürlich die eine oder andere Antwort vorstellen. Ein Gespräch wäre sicher spannend. Und noch einmal betont: Ich finde diese Leistung wirklich sehr beeindruckend. Darauf kann er wirklich stolz sein, auch wenn er sein ursprüngliches Ziel nicht erreicht hat.

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