Robin Conen: Von Gold zum Trübsal – Die Post-Olympische-Depression und systemische Unterstützungsstrategien im Leistungssport

Olympia: Ricarda Funk hat jahrelang auf diesen sportlichen Höhepunkt hingearbeitet. Doch als er endlich erreicht ist, verändert sich alles, leider nicht nur zum Positiven. Diese Folge behandelt den Druck im Leistungssport, den Gewinn einer olympischen Goldmedaille und vor allem die Leere, die nach dem großen Moment folgen kann. Es ist die Geschichte von Ricarda Funk, der Olympiasiegerin im Kanuslalom. Und es ist die Geschichte von all dem, was nicht im Rampenlicht steht, vom „Danach“ – nach den Olympischen Spielen (BR, 2026).

Zum Thema: Post-Olympia-Depression

Die postolympische Depression, die oft Teil einer umfassenderen Kategorie von psychischen Problemen ist, mit denen Sportler nach großen Wettkämpfen konfrontiert sind, umfasst depressive Verstimmungen, die nach dem Ende der Olympischen Spiele oder ähnlichen hochkarätigen Veranstaltungen auftreten können. Dieser Zustand kann auf mehrere miteinander verbundene Ursachen zurückgeführt werden, äußert sich durch verschiedene Symptome und erfordert umfassende Unterstützungsstrategien.

Zu den Ursachen der postolympischen Depression gehört der abrupte Übergang von einer intensiven, zielorientierten Vorbereitung und Wettkämpfen zu einer weniger strukturierten Zeit, was zu einem Verlust der Identität und Sinnhaftigkeit führt. Sportler, insbesondere solche mit einer starken sportlichen Identität, können Schwierigkeiten haben, sich an das Fehlen von Trainings- und Wettkampfimpulsen anzupassen, die zuvor ihren Alltag strukturiert haben. Dieses Phänomen wird mit einer erhöhten Anfälligkeit für Stimmungsstörungen wie Depressionen und Angstzuständen während wichtiger Karriereübergänge oder nicht normativen Ereignissen wie Verletzungen oder dem Rücktritt in Verbindung gebracht.

Darüber hinaus kann die psychische Belastung während sportlicher Höchstleistungen auf  individuelle physische und soziale Stressfaktoren des Sportlers zurückgeführt werden. Das Auftreten (Prävalenz) von Depressionen bei Spitzensportlern wird oft als gleichwertig oder höher als in der Allgemeinbevölkerung eingeschätzt.

Woran erkenne ich eine Post-Olympia-Depression?

In den ersten vier Wochen nach den Olympischen Spielen lassen sich Erschöpfung, Post-Olympic Blues und die Post-Olympic Depression unterscheiden. Zu den Anzeichen einer postolympischen Depression zählen oft anhaltende Traurigkeit, ein Verlust des Interesses an Aktivitäten, verminderte Motivation, Müdigkeit sowie Veränderungen im Schlaf- und Essverhalten, Angstzustände und Gefühle der Isolation. Diese Symptome können sowohl während als auch nach dem Wettkampf auftreten und beeinträchtigen in der Regel das tägliche Leben erheblich. Weitere beschriebene psychologische und emotionale Symptome sind fehlende Motivation, Isolation und Einsamkeit, Energiemangel, Antriebslosigkeit oder fehlendes Interesse am Leben, erhöhte Ängstlichkeit, Reizbarkeit und interpersonelle Hypersensibilität sowie Konzentrationsschwierigkeiten und Schuldgefühle. Zusätzlich können Lustlosigkeit, Schlafstörungen und depressive Stimmungen auftreten.

Post-Olympic Blues und Post-Olympic Depression betreffen nicht nur Athleten, sondern auch Trainer und das Personal. Diese berichten nach den Olympischen Spielen ebenfalls von einem abrupten Ende des sportlichen Alltags, einem emotionalen Tiefpunkt und der Notwendigkeit, den Sinn und die Ziele neu zu definieren. Darüber hinaus können auch Personen, die nicht im Sport tätig sind, aber in leistungsorientierten Bereichen arbeiten, wie Nachwuchs- und erfahrene Führungskräfte, Medienarbeitende (Künstler, Musiker) und Verantwortungsträger, nach intensiven Leistungsphasen ähnliche Phänomene als „Erschöpfungsdepression“ erleben.

Wie kann die Sportpsychologie unterstützen?

Die Vorbereitung auf intensive Leistungsphasen wie die Olympischen Spiele beginnt schon vor dem eigentlichen Wettkampf durch die Bereitstellung von Ressourcen und die Gestaltung der Kontextfaktoren. Dabei spielt das Umfeld eine entscheidende Rolle, ebenso wie die psychosoziale und finanzielle Unterstützung durch Familie, Freunde, Trainern und andere Unterstützern. 

In komplexen Übergangsphasen kann eine sportpsychologische Begleitung mit psychotherapeutischer Zusatzqualifikation besonders hilfreich sein, da sowohl leistungsbezogene als auch klinisch relevante Aspekte integriert betrachtet werden können. Die systemische Therapie bei Post-Olympia-Depressionen im Leistungssportumfeld unterstützt, indem sie nicht nur die individuellen Symptome anspricht, sondern auch das soziale Umfeld und die Lebenszusammenhänge einbezieht. Diese Unterstützungsform aktiviert und stärkt persönliche Ressourcen und fördert positive Verhaltensweisen, um negative Gedankenmuster zu durchbrechen. Durch die Einbindung von sportlichen Elementen wird die Motivation gesteigert und das Gefühl der Selbstwirksamkeit gestärkt. Strukturierte Abläufe mit klaren Zielen schaffen Orientierung und ermöglichen das Erkennen von Fortschritten. Der ganzheitliche Ansatz bezieht emotionale, soziale und körperliche Aspekte ein, was zu einer nachhaltigen Verbesserung der psychischen Gesundheit führt. Langfristig unterstützt die systemische Therapie dabei, erlernte Strategien anzuwenden und Rückfällen vorzubeugen.

Der systemische Ansatz

Der systemische Ansatz fokussiert die Wechselwirkungen zwischen der betroffenen Person und ihrem sozialen Umfeld und verändert diese. Dieser sieht Depression nicht nur als individuelles Problem, sondern bezieht Familie, Freunde und andere wichtige Bezugspersonen mit ein, um die Ursachen und die Aufrechterhaltung der Symptome besser zu verstehen und gezielt anzugehen. Dabei werden Kommunikationsmuster, Beziehungskonflikte und Verhaltensweisen in sozialen Systemen bearbeitet, um Unterstützung zu fördern und belastende Dynamiken zu verändern.

Zudem kann die systemische Therapie besonders dann hilfreich sein, wenn Konflikte oder Spannungen innerhalb der Familie, Partnerschaft oder im Betreuungsteam, wie Trainer oder Teamkollegen eine Rolle spielen. Sie fördert das Verständnis und die Unterstützung innerhalb dieser sozialen Gruppen, was zur Stabilisierung der Stimmung und zu einer besseren Bewältigung beitragen kann. Insgesamt wirkt der systemische Ansatz bei Depressionen durch die gezielte Veränderung der sozialen und familiären Beziehungen, wodurch negative Interaktionen reduziert und positive Unterstützung gefördert werden. Dies trägt dazu bei, depressive Symptome zu lindern und die Lebensqualität zu verbessern.

Zentrale Reflexionsfrage

Eine zentrale Reflexionsfrage in dieser Phase lautet daher: „Was hat dir bisher geholfen, die Freude an deinem Sport aufrechtzuerhalten – und was braucht es, damit das auch in Zukunft gelingt?“

Gern stehen meine Kollegen und Kolleginnen aus dem Netzwerk (zur Übersicht) als Ansprechpersonen zur Verfügung. Wir verfügen über eine entsprechende Ausbildung oder können direkte Kontakte vermitteln, um zu helfen. Als psychologischer Psychotherapeut mit einer Praxis in Köln und einem Arbeitsort in Trier freue ich mich über eine direkte Kontaktaufnahme (zum Profil von Robin Conen). 

Podcast-Tipp

Wir von „Die Sportpsychologen“ werden häufig für spannende Interviews angefragt: Vor kurzem war ich beim Bayerischen Rundfunk zu Gast (Link: https://www.ardaudiothek.de/episode/urn:ard:episode:8d17094a3534a7b7/) im Podcast „Olympia: Nach Gold die große Leere – wie kämpfst du dich zurück, Ricard Funk?“.

Nimm Kontakt auf

Die Sportpsychologen ist die größte Plattform für die Sportpsychologie im deutschsprachigen Raum. Lies in unseren über 1.500 Beiträgen oder nimm direkt Kontakt zu uns auf. Wir coachen, beraten, trainieren, bilden fort und helfen – denn über Erfolg im Sport wird nicht zuletzt im Kopf entschieden.

Quellen:

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