Cortina d’Ampezzo, 8. Februar 2026. Es ist die olympische Abfahrt der Frauen, die „Königsdisziplin“ auf der legendären Tofana-Piste. Die Stimmung ist elektrisierend, als Lindsey Vonn mit der Startnummer 13 aus dem Starthaus geht. Nur 13 Sekunden später weicht die Euphorie einem kollektiven Schock. Vonn verliert bei Höchstgeschwindigkeit die Kontrolle, stürzt brutal und bleibt regungslos liegen. Schmerzensschreie sind über die Mikrofone zu hören. Dann folgt eine quälend lange Stille, bis der Rettungshubschrauber über der Piste kreist. Es ist das abrupte Ende einer Mission, die schon im Vorfeld die Sportwelt gespalten hat.
Dieser Sturz markiert den Endpunkt einer hochemotionalen Debatte über Ehrgeiz, Risiko und die Grenzen des menschlich Machbaren. Erst eine Woche zuvor, am 30. Januar, verunglückte Vonn in Crans-Montana schwer. Die Diagnose: ein frischer Kreuzbandriss und eine Meniskusverletzung im linken Knie. Dass sie heute dennoch am olympischen Startgatter stand, mit 41 Jahren und einer Teilprothese im anderen Knie, empfinden viele als reinen Wahnsinn, andere als den ultimativen Ausdruck eines Champion-Geistes.
Zum Thema: Ein schmaler Grat – Ambition vs. Selbstgefährdung
Einerseits ist dieser unbändige Wille bewundernswert. Lindsey Vonn ist zweifellos eine Ausnahmeathletin, die ihren Sport und ihre Vorbereitung bis ins kleinste Detail professionalisiert hat. Dass sie nach so vielen Rückschlägen immer wieder zurückkam, zeugt von einer mentalen Souveränität und Willensstärke, die ihresgleichen sucht. Im technischen Hochleistungssport ist das Risiko zudem systemimmanent. Ob beim Ski Alpin, beim Skispringen oder im Reitsport – wer bei Olympischen Spielen eine Medaille gewinnen will, darf nicht nur „mitfahren“. Gold verlangt oft den Gang an die physikalische Grenze.
Andererseits stellt sich die Frage nach der inneren Stimmigkeit. Wurden der olympische Traum, das bewusste Wollen, in diesem Fall so in den Vordergrund gestellt, daß die Signale des Körpers zu wenig Gehör fanden? Es bleibt Spekulation, wie sehr der Unfall vom 30. Januar und die Vorschädigung in den Knien in den heutigen Sturz hineingespielt hat.
Fakt ist: Vonn blieb mit dem Arm an einem Tor hängen – ein Fahrfehler aufgrund einer zu eng gewählten Linie. Doch genau hier beginnt die psychologische Relevanz: Alles, was Kopf und Körper im Vorfeld beschäftigt – Schmerzen, Zweifel, der enorme mediale Druck –, kann unbewusst den Fokus trüben. Wenn der mentale „Arbeitsspeicher“, egal ob bewusst oder unbewusst, mit der Bewältigung einer Vorverletzung belegt ist, fehlt er für die Millisekunden-Entscheidung bei 130 km/h. Und der Körper kann mit dieser Vorgeschichte nicht das Gleiche leisten.
Risiko ist nicht gleich Risiko: Von der „Nähmaschine“ bis zum Kontrollverlust im Sattel
Interessanterweise zeigt sich das Thema Risiko auch in Disziplinen, die weniger offensichtlich gefährlich wirken. Im Biathlon kann eine falsche Renneinteilung zu einer physiologischen Überlastung führen, die sich am Schießstand rächt. Wenn der Puls in den falschen Bereich gerät, setzt die sogenannte „Nähmaschine“ ein – ein unkontrolliertes Zittern der Beine, das präzises Schießen unmöglich macht. Das Risiko ist hier der Kontrollverlust über das eigene System unter Druck.
Genauso zeigt sich dieses Phänomen im Reitsport. Wenn eine Reiterin überaktiviert ist, zu viel von sich und dem Pferd will und sich massiv unter Druck setzt, entstehen sofort Anspannung und ein belastendes Gedankenkarussell. Das rächt sich beim Reiten unmittelbar, da der Fokus nicht mehr zu 100 % beim Pferd ist. Die Reaktionen werden zu langsam oder unpräzise. Eine falsche Entscheidung vor einem Sprung oder eine zu klamme Muskulatur können dazu führen, dass die Hilfengebung das Pferd im letzten Moment irritiert. Im Springreiten kann das zu schweren Stürzen führen, in der Dressur bricht die Harmonie weg, was sich sofort in Fehlern und schlechten Wertnoten niederschlägt. Das Pferd als „Biofeedback-Verstärker“ spiegelt diesen inneren Zustand der Reiterin sofort wider.
Sporthypnose: Ein Baustein für professionelles Risikomanagement
Auch für Athleten, die bereits ein hochprofessionelles Setup haben, können spezialisierte Methoden wie die Sporthypnose einen wertvollen Beitrag leisten. Es geht nicht darum, Gefahren auszublenden, sondern das Risikomanagement weiter zu professionalisieren. In meiner Arbeit nutze ich dafür oft eine Technik, bei der der Wettkampf im Vorfeld konkret wie im Live-Erleben simuliert wird. Jeder Meter der Abfahrt, jede Linie im Parcours wird mental so tief verankert, dass sie unter Druck automatisch abgerufen werden kann. Der unmittelbare Nutzen, Kopf und Körper sind besser synchronisiert und der Kopf ist freier im Denken.
Durch diese Simulation können zudem Risiken vorab erkannt und der flexible Umgang mit ihnen trainiert werden – man installiert quasi mentale „Wenn-Dann-Schleifen“. Ziel ist ein Fokus, der keine Lücke für unbewusste Ablenkungen lässt. Alles, was Kopf und Körper im Vorfeld beschäftigt, kann den Fokus trüben. Eine professionelle Begleitung hilft dabei, diese unbewussten Prozesse so zu ordnen, dass der „mentale Scheinwerfer“ auch unter höchster Belastung stabil auf der Ideallinie bleibt.
5 Tipps für Sportler und Trainer im Umgang mit Risiko und Fokus
- Ehrliche Bestandsaufnahme: Klär regelmäßig für dich: Steht das bewusste „Ich will“ im Einklang mit dem, was dein Körper und dein Unbewusstes signalisieren? Gibt es ein klares Signal auf allen Ebenen “Ich bin bereit!”? Ein ungelöster innerer Konflikt ist oft der größte Fokus-Killer.
- Prozess- statt Ergebnisziele: Wenn du dich zu sehr auf die olympische Medaille oder die Platzierung fixierst, erzeugst du oft unnötigen zusätzlichen Druck. Der Fokus auf die Linie, deine Atmung oder den Rhythmus (Prozess) hält dich im Hier und Jetzt handlungsfähig – und den optimalen Fokus kann man mit Sporthypnose trainieren und erreichen.
- Mentale Simulation etablieren: Nutze Techniken, um den Ablauf eines Wettkampfes/ einer Prüfung multisensorisch vorzuplanen. Je vertrauter dein Gehirn mit der Situation ist, desto weniger Energie verbraucht es unter Druck für Stressreaktionen.
- Frühwarnsysteme für den Fokus: Lerne zu erkennen, wann dein Fokus „trübe“ wird. Alles, was im Vorfeld nicht optimal verarbeitet wurde (Verletzungen, Kritik), bindet Ressourcen. Hier hilft ein gezieltes Hinterfragen deiner eigenen mentalen Muster und ggf. Bearbeiten vorheriger negativer Erfahrungen, egal ob physisch oder psychisch.
- Regeneration als Leistungsteil: Ein erschöpftes Nervensystem kann keine Präzision liefern. Plane mentale Erholungsphasen genauso fest ein wie dein physisches Training. Nur ein regeneriertes System erlaubt den „Tunnelblick“, den du für Bestleistungen brauchst. Auch für die schnellere Regeneration gibt es viele gute mentale Tools.
Fazit: Den Fokus meistern
Der Fall Lindsey Vonn bei Olympia führt uns vor Augen, wie schmal der Grat zwischen Triumph und Tragödie im Spitzensport ist. Ich wünsche Lindsey und allen anderen Athletinnen und Athleten, die bei diesen Spielen oder anderswo Stürze und Verletzungen erlitten haben, eine schnelle und vollständige Genesung sowie viel Kraft für den Weg zurück!!
Ein Comeback nach einem Sturz oder einer Verletzung fängt im Kopf an. Wie man nach Verletzungen mental und körperlich gestärkt zurückkehrt, habe ich in meinem Beitrag zum Thema „Comeback stronger“ beschrieben.
Wenn du Fragen zu diesen Themen hast oder Unterstützung für dein eigenes Risikomanagement suchst, nimm gerne persönlich Kontakt mit mir auf. Gemeinsam schauen wir, wie du deinen Fokus stärken und dein Risiko optimal mental steuern kannst.

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