Meine öffentlichen „Auftritte“ als Täglich-Läufer sind deutlich zurückgegangen. Ich poste dazu so gut wie kaum mehr über meine Social-Media-Kanäle. Das war anders im ersten Jahr dieses „Experiments“, als ich auf unserer Plattform Die Sportpsychologen jeden Monat über meine Erfahrungen berichtet habe (siehe Link unten, Mehr zum Streakrunning). Nun bin ich seit gut achteinviertel Jahren, also 3000 Tagen, täglich unterwegs. Das hat mich dazu bewogen, erneut darüber nachzudenken und einige Gedanken mit euch zu teilen.
Zum Thema: Einblick in meinen Streakrunning-Alltag
Streakrunning – also das tägliche Laufen ohne Unterbrechung über lange Zeiträume – wird oft bewundert, steht aber auch in der Kritik. Ein zentraler Kritikpunkt betrifft das Verletzungsrisiko. Der Körper erhält kaum vollständige Regenerationsphasen, was Überlastungsschäden wie Sehnenreizungen oder Stressfrakturen begünstigen kann. Auch wenn viele Streakrunner bewusst sehr kurze oder lockere Einheiten einbauen, bleibt die fehlende echte Pause aus trainingswissenschaftlicher Sicht problematisch.
Hinzu kommt die Gefahr einer psychischen Rigidität. Was ursprünglich aus Freude am Laufen entsteht, kann sich zu einem zwanghaften Verhalten entwickeln („Ich muss heute laufen, egal was ist“). Gerade hier wird kritisch diskutiert, ob Streakrunning manchmal eher von Vermeidung (z.B. unangenehme Gefühle nicht spüren wollen) als von echter Werteorientierung getragen ist. Ein weiterer, kritischer Punkt ist die Einschränkung von Trainingsqualität und Leistungsentwicklung. Klassische Trainingslehre betont die Bedeutung von Belastung und Erholung im Wechsel. Ohne Ruhetage kann es schwieriger sein, gezielte Reize zu setzen und Fortschritte optimal zu erzielen. Auch im sozialen und alltäglichen Kontext kann Streakrunning kritisch gesehen werden: Es kann zu eingeschränkter Flexibilität im Alltag führen, da der Lauf unabhängig von Umständen (Reisen, Krankheit, familiäre Verpflichtungen) „durchgezogen“ werden muss. Aus einer ACT-Perspektive wäre die entscheidende Frage: Ist das Verhalten psychologisch flexibel und wertebasiert, oder wird es starr und regelgetrieben aufrechterhalten? Genau an diesem Punkt setzt die differenzierte Kritik an – Streakrunning kann sowohl Ausdruck gesunder Disziplin als auch von unflexibler Verhaltensbindung sein.
Hilfreich: ACT-Modell?
Für diejenigen, denen das ACT-Modell nicht geläufig ist, hier eine kurze Erklärung. Das ACT-Modell (Acceptance and Commitment Therapy) ist ein psychotherapeutischer Ansatz, der darauf abzielt, die psychologische Flexibilität zu erhöhen. Im Zentrum steht die Fähigkeit, unangenehme Gedanken und Gefühle anzunehmen, anstatt sie zu vermeiden oder zu kontrollieren. Gleichzeitig lernen Menschen, sich von ihren Gedanken zu distanzieren (kognitive Defusion) und stärker im gegenwärtigen Moment präsent zu sein. Ein wichtiger Bestandteil ist die Klärung persönlicher Werte, die als Orientierung für das eigene Handeln dienen. Auf dieser Grundlage wird ein konsequentes, wertebasiertes Verhalten (Commitment) aufgebaut, auch wenn innere oder äußere Hindernisse auftreten.
Nach über 3000 Tagen täglichen Laufens wird Streakrunning weit mehr als nur eine sportliche Routine – es entwickelt sich zu einem identitätsstiftenden Lebensstil. In diesem Kontext lässt sich das Verhalten besonders gut mit dem ACT-Modell (Acceptance and Commitment Therapy) verstehen, da es zentrale psychologische Prozesse beschreibt, die langfristige Verhaltensaufrechterhaltung ermöglichen. Ein zentrales Element im ACT ist die Akzeptanz. Über einen Zeitraum von mehr als acht Jahren täglichen Laufens treten zwangsläufig Schmerzen, Müdigkeit, Motivationslöcher und äußere Widerstände auf. Streakrunner lernen, diese inneren und äußeren Erfahrungen nicht als Hindernisse zu bekämpfen, sondern sie anzunehmen. Das tägliche Laufen erfolgt also nicht trotz dieser Zustände, sondern mit ihnen. Gerade diese Haltung verhindert, dass kurzfristiges Unwohlsein zu Vermeidungsverhalten führt.



Gedanken beobachten
Eng damit verbunden ist die kognitive Defusion. Gedanken wie „Ich bin zu müde“, „Heute bringt das nichts“ oder „Ich brauche eine Pause“ verlieren ihre handlungsleitende Macht. Statt sich mit diesen Gedanken zu identifizieren, nehmen erfahrene Streakrunner sie eher als mentale Ereignisse wahr. Sie beobachten ihre Gedanken, ohne ihnen automatisch zu folgen – und laufen trotzdem. Ein weiterer wichtiger ACT-Prozess ist der Kontakt mit dem gegenwärtigen Moment. Nach 3000 Tagen verschiebt sich der Fokus oft weg von Leistungszielen hin zur unmittelbaren Erfahrung: der Rhythmus der Schritte, die Atmung, die Umgebung. Das Laufen wird zu einer Form von Achtsamkeit in Bewegung. Diese Qualität trägt wesentlich dazu bei, dass die Aktivität nicht als Belastung, sondern als stabilisierendes Ritual erlebt wird.
Das Konzept des Selbst als Kontext zeigt sich darin, dass sich Streakrunner nicht mehr primär über einzelne Leistungen definieren (Tempo, Distanz), sondern über die Rolle als „jemand, der läuft“. Diese Perspektive schafft psychologische Flexibilität: Ein schlechter Lauf gefährdet nicht die Identität, sondern ist einfach Teil des Prozesses. Im Zentrum des ACT-Modells stehen natürlich die Werte. Nach so langer Zeit ist Streakrunning selten rein extrinsisch motiviert. Es verkörpert Werte wie Disziplin, Selbstfürsorge, Verlässlichkeit oder persönliche Integrität. Das tägliche Laufen wird zur konkreten Umsetzung dieser Werte im Alltag. Gerade an schwierigen Tagen zeigt sich, dass nicht Motivation, sondern Werteorientierung handlungsleitend ist. Und schließlich kommt die Commitment-Komponente ins Spiel. 3000 Tage tägliches Laufen sind Ausdruck eines außergewöhnlich stabilen Commitments. Dieses basiert nicht auf ständiger Begeisterung, sondern auf der Bereitschaft, immer wieder neu eine wertebasierte Entscheidung zu treffen – unabhängig von Stimmung, Wetter oder Umständen. Deswegen bin ich vielleicht auch mit diesem Thema aus „Social Media“ verschwunden, denn Begeisterung ist für mich das tägliche Laufen nicht mehr.
Fazit
Für mich lässt sich Streakrunning nach 3000 Tagen als gelebte psychologische Flexibilität verstehen. Es zeigt eindrucksvoll, wie Akzeptanz, Achtsamkeit und werteorientiertes Handeln zusammenwirken können, um langfristiges Verhalten stabil aufrechtzuerhalten. Das ACT-Modell liefert damit nicht nur eine Erklärung für dieses Phänomen, sondern auch einen Ansatz, wie Menschen generell lernen können, konsequent und gleichzeitig flexibel ihren eigenen Weg zu gehen, ohne dafür gleich jeden Tag laufen zu müssen.

Nimm Kontakt auf!
Die Sportpsychologen ist die größte Plattform für die Sportpsychologie im deutschsprachigen Raum. Lies in unseren über 1.500 Beiträgen oder nimm direkt Kontakt zu uns auf. Wir coachen, beraten, trainieren, bilden fort und helfen – denn über Erfolg im Sport wird nicht zuletzt im Kopf entschieden.
Quelle:
Hayes, S. C., Strosahl, K. D., & Wilson, K. G. (2012). Acceptance and Commitment Therapy: The Process and Practice of Mindful Change (2nd ed.). Guilford Press.
Views: 28
