Wolfgang Seidl: Vom Warten ins Handeln – Wie ein Stürmer durch mentale Arbeit Verantwortung übernahm

Viele Spieler glauben, ihr Einfluss ende dort, wo das System beginnt. Ein Stürmer wartet auf Pässe, der Mittelfeldspieler auf den richtigen Moment, der Verteidiger auf den Fehler des Gegners. Doch was passiert, wenn das Spiel an einem vorbeiläuft und man trotzdem gefordert ist, präsent zu bleiben? In diesem Beitrag zeige ich anhand eines konkreten Beispiels aus dem Fußball, wie ein Stürmer durch mentale Arbeit lernte, vom Reagieren ins Handeln zu kommen. Wie er Verantwortung übernahm, wieder Freude am Spiel fand und am Ende seine Torausbeute steigerte.

Zum Thema: Mentales Training im Fußball

1. Ausgangslage: Wenn der Stürmer wenig Ballkontakte hat

Ein Stürmer kam zu mir, weil er zunehmend unzufrieden mit seiner Rolle im Spiel war. Er beschrieb mir, dass er in seinem Team, bedingt durch das taktische System, nur wenige Bälle bekam und dadurch kaum Aktionen hatte. Das Gefühl, „nicht im Spiel zu sein“, führte zu Frust, innerem Druck und der Überzeugung: „Ich kann ja gar nichts machen, wenn ich den Ball nie bekomme.“

Ein typisches Beispiel für mentale Passivität: Der Spieler sieht sich als Opfer der Umstände – des Systems, der Mitspieler, des Spielgeschehens. Sein Handlungsspielraum scheint eingeschränkt, und die Folge ist oft eine abnehmende Präsenz, sinkendes Selbstvertrauen und wachsende Unzufriedenheit.

2. Vom Reagieren zum Gestalten

In unserer gemeinsamen Arbeit ging es darum, diesen mentalen Teufelskreis zu durchbrechen.
Zuerst haben wir sein Bewusstsein für Kontrollierbares und Unkontrollierbares geschärft. Wir stellten uns Fragen wie:

  • Was kann ich selbst beeinflussen, und was nicht?
  • Welche kleinen, konkreten Entscheidungen liegen in meiner Hand, auch wenn ich den Ball selten bekomme?

Durch diese Reflexion erkannte er, dass er trotz systemischer Einschränkungen aktive Entscheidungen treffen kann, um das Spiel mitzugestalten. Er lernte, Verantwortung zu übernehmen, nicht nur für den Abschluss, sondern für seine gesamte Präsenz auf dem Platz.

In Visualisierungen und mentalen Simulationen übten wir, wie er in entscheidenden Momenten handlungsfähig bleibt. Zum Beispiel: Wenn er den Ball in der gefährlichen Zone erhält, soll er ihn bewusst annehmen, abdecken, sich aufdrehen und selbst den Abschluss suchen, anstatt ihn sofort weiterzuleiten. Diese scheinbar kleine Veränderung hatte große Wirkung. Er ging von einer reaktiven zu einer proaktiven Haltung über, mental wie körperlich.

3. Handlungsfreiheit als mentale Entlastung

Diese neu gewonnene Handlungsfreiheit war für ihn ein Befreiungsschlag. Er fühlte sich wieder beteiligt, spürte Selbstwirksamkeit, ein zentrales Element für Motivation und Freude am Spiel.

Mit zunehmender Eigeninitiative veränderte sich auch seine Körpersprache: mehr Präsenz, mehr Aktivität, mehr Mut. Schon nach einiger Zeit zeigten sich die ersten Resultate. Er kam öfter in Abschlusspositionen, suchte aktiv die Tiefe und übernahm Verantwortung in entscheidenden Situationen. Seine Torausbeute stieg, doch das war nur die sichtbare Seite der Veränderung. Noch wichtiger war der innere Wandel, er spielte wieder mit Freude und Überzeugung.

4. Verantwortung hat viele Gesichter

Ein weiterer zentraler Punkt in unserer Arbeit war das Verständnis seiner Rolle im Team. Wir erarbeiteten gemeinsam, dass seine Aufgabe als Stürmer nicht nur darin besteht, Tore zu schießen oder Assists zu liefern. Ebenso wichtig ist es, Räume zu öffnen, Gegenspieler zu binden und Anspielstationen zu schaffen. Diese „unsichtbare Arbeit“ ist essenziell für das Kollektiv, auch wenn sie in der Statistik nicht erscheint. Als er diesen Gedanken verinnerlichte, wandelte sich seine innere Haltung grundlegend. Er erkannte: „Ich kann meinem Team auf unterschiedliche Weise helfen, und es liegt ganz in meiner Verantwortung.“

Dieses Bewusstsein reduzierte den Erfolgsdruck und förderte seine Zufriedenheit. Er definierte seinen eigenen Erfolg nun breiter, nicht nur über Tore, sondern über sein Wirken und seinen Beitrag zum Team.

Fazit: Mentale Arbeit als Türöffner für Handlungsfähigkeit

Mentales Training bedeutet mehr als Motivation oder Fokussierung. Es geht darum, Spielern zu helfen, ihre eigene Wirksamkeit zu erkennen und zu nutzen. Gerade in Situationen, in denen äußere Faktoren scheinbar limitieren, kann mentale Arbeit den entscheidenden Unterschied machen. 

Der Stürmer aus diesem Beispiel hat gelernt, Verantwortung nicht nur für Ergebnisse, sondern auch für seine Haltung und Entscheidungen zu übernehmen. Er wurde vom passiven Wartenden zum aktiven Gestalter seines Spiels.  Das Resultat: mehr Freude, mehr Einfluss und letztlich auch mehr Erfolg.

Kernbotschaft

Mentale Arbeit schafft Selbstwirksamkeit. Sie hilft Athleten, von der Frage „Warum bekomme ich keine Chancen?“ zu „Wie kann ich selbst Chancen kreieren?“ zu wechseln. Diese Denkweise ist der Schlüssel zu nachhaltiger Entwicklung, im Sport und weit darüber hinaus.

Tipp

Wir von Die Sportpsychologen helfen Dir bei diesem Thema gern. Nimm gern Kontakt zu Wolfgang (zum Profil) oder einem Kollegen oder einer Kollegin von ihm in deiner Nähe auf (zur Übersicht).

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