Prof. Dr. René Paasch: Ich bin ein einfacher Ruhrgebietsjunge

Am Vormittag ein längeres Interview für das ZDF Format “Bolzplatz”, am Abend ein TV-Auftritt bei Sky Prime Time (Link zum Beitrag im Interview). Der ganz normale Wahnsinn. Prof. Dr. René Paasch zählt im Netzwerk Die Sportpsychologen zu den beliebtesten Experten, was gezielte Presseanfragen angeht. Warum er diese Fragen mit Leidenschaft und im Interesse seiner Profession angeht und warum er dafür immer mal wieder Kritik einstecken muss, verrät er im Interview mit Mathias Liebing, Redaktionsleiter von Die Sportpsychologen. 

Prof. Dr. René Paasch, im Kreise von Die Sportpsychologen bist du sicher so etwas wie der Interview-Weltmeister. Wie häufig wirst du von Redaktionen angefragt und warum nimmst du viele dieser Interview-Angebote an? In welcher Form hast du direkt vielleicht schon profitiert?

Im Schnitt sind es zwei Presseanfragen pro Woche. Und meistens sage ich dann auch zu. Warum? Zuallererst liegt es mir besonders am Herzen, die Grundlagen und Erkenntnisse der Sportpsychologie einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Dieses Fachgebiet birgt ein erhebliches Potenzial, um Sportlern, Trainern und Managern zu helfen, ihr volles Leistungspotenzial auszuschöpfen und dabei ihre Gesundheit zu wahren. Durch meine Präsenz in den Medien trage ich dazu bei, dieses bedeutsame Wissen einem erweiterten Publikum nahezubringen und eine bewusste Anwendung in der Praxis zu fördern.

Des Weiteren erhalte ich Anfragen von Leistungssportlern, Trainern und Managern, die mehr über unsere Disziplin erfahren möchten oder auf der Suche nach einer Zusammenarbeit sind. Diese unmittelbaren Interaktionen sind äußerst erfüllend, da sie mir die Möglichkeit bieten, direkt zur Steigerung sportlicher Leistungen oder zur Bewältigung persönlicher Herausforderungen beizutragen. Die intensive Zusammenarbeit erfüllt mich persönlich zutiefst und bereichert meine Arbeit.

Abgesehen von den Medienauftritten bieten sich mir auch Möglichkeiten, als Referent vor Unternehmen und Verbänden aufzutreten. Dabei kann ich mein Fachwissen in einem interaktiven Umfeld vermitteln und wertvolle Gespräche mit anderen Fachleuten führen. Diese Aktivitäten tragen wesentlich zur Weiterentwicklung unseres Fachgebiets bei. Die gesteigerte Sichtbarkeit, die durch meine Interviews und Medienauftritte entsteht, hat außerdem dazu beigetragen, mein Profil in der Sportpsychologie-Gemeinschaft zu erhöhen. Dies ermöglicht mir, bedeutende Kontakte zu knüpfen und an wichtigen Projekten teilzunehmen. Auf diese Weise leiste ich einen aktiven Beitrag zur Förderung und Vernetzung in unserer Fachgemeinschaft.

Nicht zuletzt profitiere ich auch indirekt von der gesteigerten Aufmerksamkeit für meine Forschungsarbeit und meine Institution. Dies äußert sich in Form von Forschungsförderung, zusätzlichen Ressourcen und neuen Kooperationsmöglichkeiten, die meine wissenschaftliche Arbeit und die Weiterentwicklung unseres Fachgebiets unterstützen.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die zahlreichen Interview-Anfragen, denen ich nachkomme, eine breite Palette von Vorteilen bieten. Sie ermöglichen mir, Wissen zu verbreiten, unmittelbare Unterstützung im Leistungssport zu leisten, unsere Disziplin sichtbarer zu machen, wertvolle Netzwerke zu etablieren und indirekte Ressourcen zur Förderung von Forschung und Lehre zu generieren. Diese Aktivitäten sind wesentliche Bestandteile meiner Arbeit als Professor für Sportpsychologie und tragen maßgeblich zur kontinuierlichen Weiterentwicklung dieses faszinierenden Fachgebiets bei.

Zur Verfügung gestellt von Sky (Foto: Screenshot)

Link zum TV-Beitrag: Sky Prime time

In den vergangenen Jahren gab es auch immer wieder Phasen, in denen du dich medial eher zurückgehalten hast. Weißt du, ob die mediale Präsenz dir in Systemen wie Profi-Vereinen oder Verbänden eher nutzt oder schadet?

Diese Frage ist in der Tat von besonderer Bedeutung für mich, da sie einen Punkt berührt, der meine berufliche Entwicklung stark beeinflusst hat. Es gab Zeiten, in denen ich starke Selbstzweifel hegte, insbesondere im Hinblick auf meine Medienpräsenz und das Verfassen sportpsychologischer Texte. Mit zunehmender Aktivität in den Medien schien es, als würden sich einige meiner Kolleginnen und Kollegen von mir abwenden, und ich wurde bei bestimmten Tätigkeiten nicht mehr berücksichtigt. Zusätzlich waren hinterhältige Kritiken über meine Person ein wiederkehrendes Thema, und dies hat mich sehr bewegt.

Doch nach zahlreichen wertvollen Gesprächen mit wertschätzenden Kolleginnen und Kollegen sowie Medienvertretern wurde mir klar, wie bedeutsam die Medienpräsenz für unsere Disziplin ist. In den letzten 20 Jahren hat sich leider wenig in unserem Fachgebiet, insbesondere in der Praxis, getan. Diese Erkenntnis führte dazu, dass wir erkennen mussten, dass wir uns nicht länger im Hintergrund halten dürfen und genauso wichtig sind wie andere Akteure im Leistungssport. Mir ist bewusst, dass dies mit Nachteilen einhergehen kann, aber wenn ich mir heute anschaue, wie viele Kolleginnen und Kollegen kostenlose Videos oder Medien nutzen, um Sichtbarkeit zu generieren, denke ich, dass es jetzt an der Zeit ist, stärker präsent zu sein.

In Bezug auf die Frage nach meiner medialen Zurückhaltung in den letzten Jahren und ob die Medienpräsenz mir in Systemen wie Profi-Vereinen oder Verbänden eher nützt oder schadet, kann ich sagen, dass es ein Prozess war, bei dem ich lernen musste, einen angemessenen Weg zu finden. Anfangs war es schwierig, da einige Personen, Vereine und Verbände möglicherweise skeptisch auf diese Veränderung in meiner Präsenz reagierten. Doch im Laufe der Zeit und durch die Aufklärung über die Bedeutung der Sportpsychologie und die positive Wirkung, die sie auf den Leistungssport haben kann, wurden immer mehr Menschen aufgeschlossener.

Heute bin ich fest davon überzeugt, dass meine Medienpräsenz insgesamt von Nutzen ist. Sie trägt dazu bei, die Bedeutung der Sportpsychologie hervorzuheben, unterstützt die Anwendung unserer Erkenntnisse im Leistungssport und fördert die Weiterentwicklung unserer Disziplin. Es ist wichtig, dass wir uns als Sportpsychologinnen und Sportpsychologen unserer Rolle bewusst sind und uns aktiv in die sportliche Gemeinschaft einbringen, um die Trainerinnen und Athletinnen bestmöglich zu unterstützen.

Insgesamt sehe ich die Medienpräsenz als eine Möglichkeit, unsere Disziplin weiter voranzubringen und die Vorteile, die die Sportpsychologie bieten kann, einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Es geht nicht nur darum, persönliche Vorteile zu erlangen, sondern darum, einen Mehrwert für den Sport und die Menschen, die ihn ausüben, zu schaffen.

Die Sportpsychologie als Profession hat sich in den vergangenen Jahrzehnten eher als medial zurückhaltend etabliert. Warum weichst du von diesem Weg ab und erntest du dafür intern, ob offen oder hinter folgender Hand, auch Kritik? 

Ich schätze unsere Zusammenarbeit sehr und deine tiefgehenden Fragen. Deine Beobachtungen hinsichtlich meiner medialen Präsenz und des möglichen Unmuts einiger Kollegen oder Kolleginnen kann ich nachvollziehen. Für mich persönlich sehe ich dem Unmut entspannt entgegen. Jene, die sich die Zeit nehmen, um hinter meinem Rücken über mich zu sprechen, scheinen meiner Meinung nach vielleicht größere Herausforderungen in ihrem eigenen Bereich zu haben. Es ist bedauerlich, dass sie nicht die Offenheit und den Mut finden, mit mir auf Augenhöhe über diese Angelegenheit zu sprechen. Für mich ist Kommunikation auf Augenhöhe von entscheidender Bedeutung, um Missverständnisse zu vermeiden und gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Es ist schade, dass einige diesen Weg nicht wählen.

Ich bin außerordentlich dankbar für jede wertschätzende Begegnung und die Möglichkeit, wertvolle Inhalte unserer Disziplin voranzubringen. Gleichzeitig möchte ich betonen, dass ich ein einfacher Ruhrgebietsjunge bin, der durch Willenskraft und Ausdauer einiges auf den Weg gebracht hat. Genau so möchte ich wahrgenommen werden: nicht besser oder schlechter, sondern leidenschaftlich und engagiert in unserer faszinierenden Disziplin unterwegs.

Was die defensive Medienstrategie in der Sportpsychologie betrifft, so sehe ich eine klare Veränderung. Unsere Berufsethik und die Wahrung der Schweigepflicht sind nach wie vor von höchster Bedeutung, aber das bedeutet nicht, dass wir nicht über allgemeine Themen sprechen und Möglichkeiten aufzeigen können. Die Sportpsychologie hat in den letzten Jahrzehnten vielleicht einen zurückhaltenderen Ansatz in Bezug auf die Medien verfolgt, aber dieser Ansatz hat sich im Zuge der digitalen Revolution und der wachsenden Nachfrage nach Fachwissen geändert.

Ich glaube fest daran, dass wir als Sportpsychologinnen und Sportpsychologen eine Verantwortung haben, unser Fachwissen einem breiteren Publikum zugänglich zu machen und die Vorteile unserer Disziplin zu vermitteln. Dies erfordert eine ausgewogene Herangehensweise, bei der Ethik und Vertraulichkeit respektiert werden, aber gleichzeitig die Chance ergriffen wird, die Sportpsychologie als wertvolle Ressource für Athleten, Trainer und die sportliche Gemeinschaft ins Rampenlicht zu rücken.

Ja, es kann Kritik geben, aber diese Kritik sehe ich als Teil eines notwendigen Wandels, der unsere Disziplin stärker und sichtbarer macht. Letztendlich geht es darum, im Einklang mit unseren ethischen Prinzipien die Balance zwischen Vertraulichkeit und der Verbreitung von sportpsychologischem Wissen zu finden, um den Akteuren im Sport insgesamt zu dienen.

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