Dr. Hanspeter Gubelmann: Nach Olympia ist es Zeit für „Futur II“!

Mal ehrlich, es gab Olympische Spiele, auf die ich mich im Vorfeld des Ereignisses deutlich mehr gefreut hatte! Im Nachgang zu den Spielen in Peking bleibt – nebst den nachwievor bestehenden Vorbehalten – vor allem die Freude über tolle Wettkämpfe. Ich freue mich für all die glücklichen und verdienten Medaillengewinner*innen. Ich fühle mit den 109 Viertplatzierten – viele von ihnen werden hadernd die Rückreise in die Heimat angetreten haben. Mein grosser Respekt gilt vor allem jenen, die Peking sportlich gesehen als „grosse Verlierer*innen“ verlassen müssen. Insbesondere diese Gruppe dürfte in der jetzt angebrochen «Nach-olympischen Phase» mit dem „Olympia-Blues“ zu tun bekommen. In der Aufarbeitung des individuellen Olympia-Erlebnisses liegt auch eine zentrale Aufgabe für die Angewandte Sportpsychologie im Hochleistungssport. Und das geht bei mir mit zwei Schlüsselfragen und dem Einsatz von Futur II !

Zum Thema: Nachbereitung sportlicher Grossanlässe

Olympische Spiele kennzeichnen Meilensteine im Karriereverlauf der Sportler*innen und Trainer*innen. Viel wird investiert, um zum Zeitpunkt X, nämlich im Olympiafinal, den Jugendtraum zu verwirklichen. Wohl nirgends sonst als an Olympia wird offensichtlich, was Spitzensport letztlich bedeutet. Nur ganz Wenigen gelingt der sportliche Coup, umso grösser ist die Gruppe der Geschlagenen. Die Faszination, die Olympische Spiele ausstrahlen, scheint ungebrochen – selbst in Zeiten von Corona und an einem umstrittenen Austragungsort wie Beijing.

Allen gemeinsam – die post-olympische Phase

Das Erklimmen des Olymps entspricht einem Steigerungslauf „to the top“. Kaum einer interessiert sich indes dafür, was am Tag „Olympia + 1“ geschehen wird. Für die meisten trudelt die Wintersaison noch ein paar Wochen aus. Andere brennen auf sportliche Revanche. Die Erfolgreichen trachten danach, ihr olympisches Edelmetall gewinnbringend zu vermarkten. So unterschiedlich das individuelle Vorankommen nach Olympischen Spielen sein mag, eine Gemeinsamkeit verbindet alle Olympateilnehmer*innen: die persönliche Auseinandersetzung in der post-olympischen Phase. Schwimm-Ikone Michael Phelps, einer der erfolgreichsten Olympia-Stars aller Zeiten, spricht von einer diffizilen Karrierephase, die mancher nur sehr mühevoll durchschreitet (2020). In einem früheren Beitrag zum „Olympia-Blues“ im Nachgang zu den Spielen in Tokyo habe ich versucht, verschiedene Aspekte einer sinnvollen Unterstützung zu beschreiben (Link). Im Anschluss daran versuche ich, Ideen einer sinnstiftenden Kommunikation im Nachgang von Olympia zu skizzieren.

Exkurs: Was befeuert eine langfristige Karriere im Spitzensport?

Ein Blick in die sportwissenschaftliche Forschung zu langfristigen Karrieren im Spitzensport (vgl. Engel 2014) und deren erfolgreichen Begleitung (z.B. Leadership, vgl. Chelladurai 1994) offenbart die herausragende Bedeutung zweier Aspekte: 

a) Zufriedenheit mit der Laufbahn (Leistung/Erfolg) und 

b) Zufriedenheit mit dem Engagement (Persönliche Entwicklung, „Lebensschule“). 

Die Olympiade – eben die vier Jahre bis hin zum Olympischen Höhepunkt – bieten sich demnach geradezu an, um die zwei zentralen Sinnfragen des/der Athlet*in den Diskussionsmittelpunkt zu stellen. Hat sich der betriebene Aufwand gelohnt und zwar in zweierlei Hinsicht: Entspricht der Erfolg dem dafür betriebenen Aufwand? Und: Bin ich mit dem beschrittenen Weg und dem erlebten sportlichen Höhepunkt zufrieden? 

Wichtig: Die Fragen lieben und leben!

In einem schönen Text über die Geduld meint Rainer Maria Rilke (1908): „Man muss Geduld haben mit dem Ungelösten im Herzen, und versuchen, die Fragen selber lieb zu haben, wie verschlossene Stuben, und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind. (…) Wenn man die Fragen lebt, lebt man allmählich, ohne es zu merken, eines fremden Tages in die Antworten hinein.“

Als Sportpsycholog*in muss man kein Rilke sein, um das Wertvolle und Notwendige in passenden Fragen zu erkennen – um diese letztlich auch zu stellen. Im Ausblick auf die kommende Olympiade lohnt z.B. die Wunschfrage: „Wenn du einen Wunsch frei hättest, wo möchtest du in vier Jahren stehen?“ Später, quasi als Kontrast dazu (nicht aber im direkten Anschluss an Olympische Spiele!) schiebe ich gerne die Frage ein: „Wenn heute Abend dein Karriereende käme – was würdest du machen, wo würde sich für dich ein neuer Weg auftun?“

Futur II: Das fantastische Denkspiel zwischen Wunschvorstellung und Neuausrichtung

In meiner Schulzeit machte ich mir wenig aus Futur II. Ich werde gelebt haben! Jawohl, aus Sicht eines pubertierenden 15-Jährigen mag das wie eine Androhung geklungen haben. Futur II ist eine Zeitform für die vollendete Zukunft. Sie drückt eine Vermutung aus, dass eine Handlung in Zukunft abgeschlossen sein wird.

Einen deutlich spannenderen und hilfreichen Zugang zu Futur II findet indes der Soziologe Harald Welzer. Er nennt es eine gute Übung, einen Nachruf über sich selbst zu schreiben. Die Zukunft gestalte sich nämlich besser, wenn wir sie vom Ende her denken. Im Kern seines Ansatzes steht das „noch zu lebende Leben“. Welzer meint, dass dies die Gestaltung des Zukünftigen in die Gegenwart hineinbringt. Futur II nutze demnach die fantastische menschliche Imagination, die Raum für Kreativität und Entwicklung öffne. 

Kürzlich habe ich eine Athletin (Sommersportart) mit folgender Hausaufgabe aus einer Sitzung entlassen: „Schau dir mal die Aussagen von Harald Welzer an. Versetze dich nun an das Ende deiner Sportkarriere und schreibe mal – zunächst stichwortartig – deinen Nachruf auf deine noch zu erlebende Sportkarriere!“.

Anspruchsvoll – aber spannend!

Eine Woche später trafen wir uns wieder in einer Sitzung. Die Athletin berichtete von einer sehr anspruchsvollen aber ebenso spannenden Aufgabe. Für die Vertiefung bot ich ihr noch folgende zusätzliche Anhaltspunkte an:

  • Was erscheint dir wichtig, wenn du beginnst, deine Sportkarriere vom imaginativen Karriereende her zu beleuchten? 
  • Welche Gefühle, welche Vorstellungen entstehen, wenn du dich in diese Situation versetzt? 
  • Erkennst du Bezüge, die dir in deiner momentanen Situation auch wichtig sind? 

Dieses unglaubliches Vermögen, so Welzer, gebe uns Raum für (Neu-)Gestaltung. Aus Sicht der Wahrnehmungs- und Verhaltenspsychologie bietet die Imagination die Möglichkeit, unsere Handlungs-Choreographien zu verändern, was wiederum Einfluss auf den weiteren Karriereverlauf haben kann. Für mich eine spannende Form, mein Coaching in der post-olympischen Phase sinnstiftend zu bereichern!

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Quellen:

Chelladurai, P. (2007). Leadership in sports. In G. Tenenbaum and R.C. Eklund (Eds.) Handbook of Sport Psychology (3rd ed., pp. 113-135). Hoboken, NJ: Wiley.


Engel, R. (2014). Laufbahnen von ehemaligen Schweizer Nachwuchs-Elite-Athleten unter dem Aspekt des Erfolgs. Dissertation, Universität Bern, Philosophisch-humanwissenschaftliche Fakultät, Insitut für Sportwissenschaft. https://boris.unibe.ch/54880/

Phelps, M. (2020). https://www.thewrap.com/michael-phelps-examines-post-olympic-depression-in-hbos-the-weight-of-gold-trailer-video/

Rilke, R.M. (1908). Die Gedichte. Nach der von Ernst Zinn besorgten Edition der sämtlichen Werke, Insel Verlag 1957. Aus: Requiem (1908). Für Wolf Graf von Kalckreuth. Geschrieben am 4. und 5. November 1908 in Paris.

https://www.srf.ch/play/tv/sternstunde-philosophie/video/harald-welzer—wir-muessen-aufhoeren?urn=urn:srf:video:136f3e83-4e04-433d-a1fa-ddfdc9a6c624

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Dr. Hanspeter Gubelmann
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