Dr. René Paasch: Quarantäne und die Chancen für den Amateursport

Seit mehreren Monaten befindet sich der Amateursport im Ruhezustand. Seitdem kämpfen die Vereine mit den Folgen der Corona-Beschränkungen. Rund um die Uhr werden neue Zahlen, medizinische Erkenntnisse und Maßnahmen diskutiert und medial verbreitet. Es ist nicht leicht, in diesem Chaos die Nerven zu behalten. Dabei brauchen wir gerade jetzt einen hoffnungsvollen Weg. Denn die Krise belastet uns psychisch und wartet auch mit zahlreichen Denkfallen auf uns, die genauso gefährlich werden können wie das Virus selbst. Dieser Beitrag mit Podcast-Verlängerung möchte Ihnen zeigen, warum es trotz Distanzierung und Sportverbot möglich ist, Chancen in der Pandemie zu sehen. Zugleich sind sie ein Appell, sich auf Neues einzulassen. 

Zum Thema: Als Verein gestärkt durch die Pandemie 

Das Coronavirus hat unseren Alltag und den der Amateursportler gänzlich verändert. Das Erliegen des Vereinssports, die Quarantäne und der Lockdown haben eine neue Realität geschaffen, mit der wir umgehen müssen. Das sichtbarste Zeichen dieser neuen Normalität ist der Mund-Nasen-Schutz und die regelmäßigen Schnelltests, die in kurzer Zeit zu einem ständigen Begleiter geworden sind. Die Coronapandemie bringt nicht nur unsere Vorstellungskraft an ihre Grenzen, sondern stellt auch unsere Gefühle auf die Probe. Auf individueller Ebene erfahren Menschen Angst und Einsamkeit. Sie haben Sorge vor der Krankheit, Existenzängste und fühlen sich verlassen. Auch der Vereinssport in Deutschland verzeichnet einen besorgniserregenden Rückgang der Mitgliederzahlen. In der Folge treten nicht zuletzt vermehrt psychische Probleme auf. Auf kollektiver Ebene äußern sich die Gefühle dagegen in Form von Unsicherheit und Misstrauen. Mitmenschen werden als ständige potenzielle Gefahrenquelle gesehen und viele leben mit dem ständigen Gedanken, die Gesellschaft könnte jederzeit komplett zusammenbrechen. Anfangs wurde noch amüsiert darüber berichtet, dass die Deutschen in der Krise Mehl und Klopapier horten. Tatsächlich nahm der Verkauf von Toilettenpapier in Deutschland nur um ein Drittel zu. Hingegen hat das Misstrauen teils zu fragwürdigen Maßnahmen in unserem Land geführt. So wurden etwa zu Beginn der Krise zahlreiche Inseln in Norddeutschland scheinbar abgeriegelt. 

Noch gefährlicher als Misstrauen sind jedoch Verleugnung und Ignoranz. Ein Deutschlandtrend im Mai ergab, dass sich die Hälfte der Deutschen um das Virus keine Sorgen macht (Hamburg Center for Health Economics, 2021). Erkenntnisse in Frage zu stellen und an alternative Fakten zu glauben, ist in all diesen Fällen potenziell gefährlich, nicht nur für jene die daran glauben, sondern auch für ihre Mitmenschen.

Soziale Distanzierung 

In der Anfangsphase der Pandemie war schnell klar, dass körperlicher Abstand zwischen Menschen ein geeignetes Mittel ist, um die Verbreitung des Coronavirus zu verlangsamen. Bei Begegnungen wird eine Distanz von anderthalb bis zwei Metern empfohlen und insgesamt sollen die Kontakte zu anderen Menschen reduziert werden. Als das Virus Anfang April 2020 die Welt bereits fest im Griff hatte, war mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung von solchen Kontaktbeschränkungen betroffen, die teilweise bis hin zu völligen Ausgangssperren gingen. Zwar waren diese Maßnahmen richtig, galt es doch, die Kurve der Behandlungsbedürftigen über die Zeit abzuflachen. Doch die menschliche Psyche ist auf Gemeinschaft angewiesen und eine Unterbrechung des Soziallebens in einem solchen Ausmaß hat gravierende Nebenwirkungen. Sie ist mit erhöhtem Stress und handfesten Gesundheitsschäden versehen. Wird der Stress chronisch, steigt das Risiko für Erkrankungen. Chronischer Stress hat außerdem einen besonders tückischen Nebeneffekt, er schwächt unsere Immunabwehr. Genau die brauchen wir aber, um das Virus zu überstehen. Welchen Effekt Stress auf unser Immunsystem hat, konnte der US-Psychologe Sheldon Cohen bereits Ende der Neunzigerjahre eindrucksvoll zeigen. In einer 1998 veröffentlichten Studie befragte er seine Probanden nach ihrem Stressempfinden und infizierte sie anschließend mit Erkältungsviren. Dann beobachteten er und sein Team, wer Symptome entwickelte. Die Überraschung: Der Zusammenhang zwischen Stress und Erkrankung war tatsächlich linear. Je mehr sich die Probanden gestresst fühlten, desto eher entwickelten sie eine Erkältung. In einer Anschlussstudie konnte Cohen sogar nachweisen, dass die Zahl der Sozialkontakte, die ein Mensch hat, direkt mit der Anzahl seiner Erkältungen im Jahr korreliert. 

Was bedeutet das nun für die aktuelle Pandemie im Amateursport? Schlimmstenfalls sehen wir uns einem Teufelskreis gegenüber: Die Epidemie führt zu sozialer Isolation, Einsamkeit und Stress. Das erhöhte Stressniveau wiederum bedingt eine Schwächung des Immunsystems, was die Verbreitung des Virus in der Bevölkerung erleichtert (Cohen, 2020). Dadurch steigen die Zahlen und die Regierung sieht sich zu einem weiteren Lockdown gezwungen, der den Stress weiter anhebt. Damit es nicht so weit kommt, müssen die psychologischen Faktoren und die Stärkung des Immunsystems genauso ernst genommen werden wie die virologischen (Macedo et. al., 2019). Bislang klammern sich Wissenschaftler noch zu sehr an einfache Aussagen: Das Virus verursacht Corona und damit hat es sich. Psychologische, soziale und wirtschaftliche Faktoren wirken hingegen nur zeitweise und gelten als Nebeneffekte. Diese Sicht ist jedoch eindeutig fragwürdig. Menschen sterben schneller an einer Infektion, wenn sie unter chronischem Stress, fehlender Bewegung und Einsamkeit leiden. 

Kinder und Jugendliche

Kindern muss in der Coronapandemie vermehrt Aufmerksamkeit zukommen, denn sie sind besonders verletzlich und darauf angewiesen, dass die Erwachsenen die richtigen Entscheidungen treffen. Dafür ist zum einen die Frage wichtig, was das Virus mit Kindern macht, zum anderen aber auch, was die Schließung von Sportvereinen, Schulen und Kindergärten oder die Kontaktbeschränkungen für sie bedeuten. Auf die erste Frage haben wir noch keine definitive Antwort. Die zweite Frage, was Schul- und Vereinsschließungen und ein eingeschränktes Sozialleben für Kinder bedeuten, wird oft sehr eindimensional diskutiert. Die meisten Verantwortlichen scheinen sich darum zu sorgen, dass die Schülerinnen und Schüler Lerninhalte verpassen. Dabei schaden die Schließungen unseren Kindern direkt körperlich und psychisch. Unsere Kinder zahlen also einen hohen Preis für den Lockdown. Sie brauchen vor allem andere Kinder, um sich zu entwickeln, zu erproben und fürs Leben zu lernen. Eingeschlossen in der Kleinfamilie auf engstem Raum, verlieren sich ihr Instinkt, Entdecker und Forscher zu sein und somit auch ihr sozialer Sinn. So gut begründet die Schließungen zu Beginn der Pandemie waren, müssen wir als Gesellschaft nun die langfristigen Konsequenzen abwägen.

Mein Kollege Arthur Wachter hat eine tolle Umfrage entwickelt. Leitet diese gern an Kinder und Jugendliche weiter, so dass möglichst viele daran teilnehmen:

Chancen in der Coronakrise 

Vor einigen Monaten mag es noch für die Sportvereine unsinnig gewirkt haben, darüber nachzudenken, welche positiven Seiten die Pandemie für die Entwicklung des Sports hat. Doch mittlerweile werden solche Überlegungen in den Sportvorständen und Vereinen häufiger geäußert: Wie können wir uns besser auf die nächste soziale Distanzierung vorbereiten? Und was können wir für unsere Mitglieder ohne Sport tun? Es liegt auf der Hand, diese Erschütterung historischen Ausmaßes zum Anlass zu nehmen, unser Vereinsleben auf den Prüfstand zu stellen. Aus gutem Grund nimmt der DOSB gerade viel Geld in die Hand, um die Auswirkungen zu begrenzen. Zudem muss darüber diskutiert werden, wie wir unsere Sportlandschaft auf den nächsten Schock vorbereiten, sodass die Schieflage gar nicht erst so dramatisch wird. Resilienz ist hier das Stichwort. 

Näheres zu diesem Thema finden Sie hier: https://www.die-sportpsychologen.de/2020/01/dr-rene-paasch-resilienz-in-sportlichen-krisen/  

Der Sport hat eine Verschnaufpause bekommen, weil das Training und die Wettkämpfe unterbunden wurden – doch das ist nur vorübergehend. Wenn die Coronakrise hinter uns liegt, sollten wir uns daran erinnern, was möglich ist. Das Coronavirus zeigte, dass wir nicht besonders gut auf eine Krise einer solchen Dimension vorbereitet waren. Es machte aber auch deutlich, dass wir unser Verhalten jederzeit ändern können. All das Leid, das Menschen auf der ganzen Welt durch die Pandemie erfahren haben, sollten wir zum Anlass nehmen, uns zielgerichtet auf den Weg zu machen. Das Virus wird irgendwann besiegt sein und Einschränkungen wieder aufgehoben werden. Dann sollten wir zurückblicken und uns fragen, ob das Leben und der Sport wieder genauso werden müssen wie zuvor. All die Fremdsteuerung und Bewertungen, würdeloses Verhalten, zum Teil unnötige Konsum und exzessive Ressourcenverbrauch – welchen Wert haben diese Dinge im Licht unserer Pandemieerfahrung und mit Blick auf die Zukunft des Sports? Mit diesem Gedanken im Hinterkopf können wir alle einen Beitrag leisten, damit der Sport nach Corona bewusster, nachhaltiger und solidarischer wird. 

Fazit

Das Coronavirus scheint das Leben und den Sport auf den Kopf zu stellen und viele scheinen dabei leider auch den Kopf zu verlieren. Die Eindämmungsmaßnahmen und der fehlende Vereinssport belasten Kinder und Erwachsene gleichermaßen, doch nicht alle gehen vernünftig damit um. Mithilfe von digitalen Möglichkeiten, Solidarität trotz Kontaktbeschränkungen und unseres gesunden Menschenverstands können wir die Einschränkungen gut überstehen und zukünftigen Krisen gestärkt begegnen. 

Näheres zum Thema Quarantäne meistern erfahren Sie hier:

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Mehr zum Thema:

Literatur

Cohen, S. (2020): Psychosocial Vulnerabilities to Upper Respiratory Infectious Illness: Implications for Susceptibility to Coronavirus Disease 2019 (COVID-19) Studie lesen: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC7345443/ 

Cohen, S., Frank, E., Doyle, W. J., Skoner, D. P., Rabin, B. S., & Gwaltney, J. M., Jr. (1998): Types of stressors that increase susceptibility to the common cold in adults. Health Psychology, 17, 214–223.

Cohen, S., Sherrod, D. R., & Clark, M. S. (1986): Social skills and the stress-protective role of social support. Journal of Personality and Social Psychology, 50, 963–973. Cohen, S., & Wills, T. A. (1985). Stress, social support, and the buffering hypothesis. Psychological Bulletin, 98, 310–357.

Cassa Macedo, A et al (2019): Boosting the Immune System, From Science to Myth: Analysis the Infosphere With Google. Front Med (Lausanne). 2019 Jul 25; 6:165. Studie lesen: https://www.frontiersin.org/articles/10.3389/fmed.2019.00165/full

Hamburg Center for Health Economics: https://www.hche.uni-hamburg.de/corona.html (Zugriff am 12.05.2021)

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