Thorsten Loch: Werder Bremen im Titelrennen – Hält MegaBit dem Druck stand?

Zwischen dem 24. und 28. Juni 2020 findet das Virtual Bundesliga (VBL) Grand Final als Online Turnier statt. Im Fokus steht der Vorjahressieger und Titelfavorit Michael „MegaBit“ Bittner von der E-Sport Abteilung von Werder Bremen. Doch die Konkurrenz ist groß. Mit dem Leverkusener Fabian „B04_DUBZJE“ De Cae, dem Fürther Christian „xImpact10“ Judt, dem Wolfsburger Benedikt „BeneCR7x“ Bauer und dem Gladbacher Richard „Der_Gaucho10“ Hormes wird nicht zu spaßen sein. Allesamt haben für ihre Teams eine starke Club Championship mit vielen Einzelsiegen gespielt und ordentlich Selbstbewusstsein getankt. Das Finale um die deutschen Meisterschaft auf dem virtuellen Rasen sollte eigentlich Ende März stattfinden, wurde jedoch aufgrund der Corona-Pandemie zunächst ausgesetzt und verschoben. Zwölf Teilnehmer treten (im Einzelwettbewerb) nun in jeweils zwei Sechsergruppen auf der Playstation gegeneinander an, zwölf weitere auf der Konsole Xbox. Die vier besten können sich über die KO-Phase den Einzeltitel auf der jeweiligen Konsole sichern. Die Gewinner dieser Partien stehen sich dann letztendlich im großen konsolenübergreifenden Finale gegenüber und ermitteln den „Deutschen Meister 2019/2020“ unter sich aus. Hält MegaBit als großer Favorit dem Druck stand?

Zum Thema: Erwartungsängste – Umgang mit der Favoritenrolle

Nach den Statistiken sieht es wohl ganz danach aus, das kein Weg an dem 21-jährigen Bremer Michael „MegaBit“ Bittner vorbei führt. Nicht nur, dass er der amtierende Meister im Einzel ist, sondern auch Titelträger aus der vergangenen Club Championship. Diese Titel konnte er ebenfalls mit Werder Bremen in der zurückliegenden Saison gewinnen. MegaBit ist gewarnt und weiß, dass ihm Ende Juni diese Fakten letztendlich nichts nützen, wie er in einem Interview verrät:

 „Grundsätzlich kann ich mir von der Favoritenrolle nichts kaufen und sehe auch noch einige andere Spieler, die sich berechtigte Hoffnungen auf den Titel machen“. 

Michael „MegaBit“ Bittner

Ganz gleich ob es sich hierbei um traditionellen Sport geht oder es sich um E-Sport handelt. Die meisten Ängste im Sport entstehen aus der gedanklichen Vorwegnahme angstbesetzter/besonderer Situationen wie beispielsweise einem Finale oder KO-Spielen. Die Problematik daran ist, dass Gedanken keinen Unterschied hinsichtlich Realität oder Vorstellung machen. “Falsche” Gedanken können also eine sehr negative Wirkung entfalten.

Die Phantasie schürt die Angst

Die erlebte Bedrohung kann sozialer Natur sein, z.B. die Aussicht, sich zu blamieren, Kaderstatus zu verlieren oder Sponsorenverträge einzubüßen. Sie kann aber auch durch die eigene Person bedingt sein, wenn z.B. die Gefahr besteht, selbst gesetzte Ziele nicht zu erreichen. Dies ist in dem vorliegenden Fall besonders prekär, denn das Wissen, dass es noch keinem E-Sportler bisher gelang, den Titel zu verteidigen, kann zusätzlich zu einer erlebten Last werden. Letztendlich geht die Erwartungsangst in der Antizipation subjektiv auf erlebte hilflose, handlungsunfähige und diffamierende Situationen zurück. Der Sportler erlebt bereits in seiner Vorstellung eine Situation (z.B. Scheitern im Grand Final) mit dem Bestreben, sie abzuwenden. Aus diesem Grund beschäftigt sich die „innere Stimme“ häufig mit den Fragestellungen: „Was ist, wenn ich jetzt verliere?“, „Was soll ich tun, wenn ich in Rückstand gerate und nervös werde?“ oder „Wenn ich nur daran denke, was passieren kann, bekomme ich schon jetzt Stress!“. Diesem Gedankenkarussell gilt es zu entkommen. 

Mehr dazu: https://www.die-sportpsychologen.de/2015/06/thorsten-loch-wenn-die-uhr-druck-macht/

Die Erwartungsangst ist an früher erlebte angstauslösende Ereignisse gekoppelt. Sie stellt sich ein, wenn zukünftige Situationen Ähnlichkeiten mit den vergangenen Erlebnissen aufweisen. Kurioserweise bleiben häufiger die Situationen, in denen wir einen Misserfolg erlebten,  im Kopf hängen, als die positiven Erfahrungen. Doch genau die Negativerlebnisse helfen dem E-Sportler in diesen stressreichen Situationen, welche nun mal häufig unter Wettkampfbedingungen auftreten, nicht weiter. Diese „Angst vor der Angst“ kann durch die unbeschränkte Möglichkeiten der Phantasie geschürt und gesteigert werden. Dadurch gelangt der Sportler in einen Zustand, der durch die Anforderungen der künftigen Realsituation nicht begründet ist. Der Phantasieanteil der Bedrohungsantizipation ist es, der zur emotionalen Reaktion führt und den koordinierten und geplanten Handlungsablauf in Frage stellen kann.

Mehr dazu: https://www.die-sportpsychologen.de/2017/09/thorsten-loch-leistungsabfall-unter-druck/

Thorsten Loch

Sportarten: Fußball, Badminton, Leichtathletik, Sportschießen, Karate, Skateboarding, eSport

Kontakt

+49 (0)177 716 676 7

t.loch@die-sportpsychologen.de

Zur Profilseite: https://www.die-sportpsychologen.de/thorsten-loch/

Fazit

Es ist vollkommen egal, ob es sich um traditionellen Sport oder E-Sport handelt. Letztendlich steht immer der (E-)Sportler im Zentrum der Leistungserbringung und somit auch die damit einhergehenden Anforderungen aus dem Wettkampfgeschehen.

Mehr dazu: https://www.die-sportpsychologen.de/2020/04/thorsten-loch-sportpsychologie-im-esport-nur-etwas-fuer-die-elite/

Die angewandte Sportpsychologie bietet eine Reihe von verschiedenen Interventionsmöglichkeiten, um die (E-)Sportler wieder handlungsfähig zu machen. Baumann (1998) nennt in diesem Zusammenhang zur Vermeidung oder Verminderung der Erwartungsangst Tools aus der Aktivationsregulierung (Entspannungsübungen), mentales Training, Visualisierungsprogramme und –aufgaben, Selbstsuggestion und Selbstüberzeugung. Wir können gespannt sein, ob es MegaBit gelingt, dass bis dato Unerreichbare zu erreichen und damit eine neue Bestmarke zu setzen.

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