Thorsten Loch: Wenn die „Uhr“ Druck macht

Nach aktuellen Berichten will der HSV seine Erstligazugehörigkeitsuhr abbauen und ins Vereinsheim verbannen. Die Uhr der Bundesligadino`s läuft bereits seit über 50 Jahren ununterbrochen. Die sportliche Glanzzeit mit den Erfolgen auf nationaler und internationaler Vereinsebene lag in den 1970er und 1980er-Jahren mit ihren Starspielern Manfred Kaltz oder Kevin Keegan. Von dieser Zeit ist der heutige Hamburger SV seit langem weit entfernt. Anstelle von Endspielen um Titel standen in den letzten drei Jahren zwei Endspiele um den Klassenerhalt und der Existenz an der Tagesordnung. Sinnbildlich wurde die Uhr immer wieder von den Medien und Fans genutzt, um die sportliche Talfahrt zu beschreiben.

Zum Thema: Selbst- und Fremdbild

Die Problematik mit der Uhr ist nicht die Zeit an sich, die sie anzeigt beziehungsweise die Zugehörigkeit in der Bundesliga, die sie wiedergibt, sondern vielmehr was sich dahinter verbirgt. Die Uhr ist ein Symbol für Tradition und Stolz und wird somit zwangsläufig mit den Erfolgen aus der Vergangenheit in Verbindung gebracht. An sich kann jeder Einzelne stolz sein, für einen Verein zu spielen und zu arbeiten, welcher bisher etwas geschafft hat, was niemand mehr schaffen wird und man der letzte Verbleibende ist. Andererseits kann dies auch gegenteilige Wirkung haben und in Erfolgsdruck münden. Dies ist immer dann der Fall, wenn Selbst- und Fremdbild auseinander gehen.

Selbst- und Fremdbild

Ausschlaggebend für die Entwicklung von Erfolgsdruck ist das Bild, welches die Sportler von sich selbst haben (Selbstbild), und das Bild, welches die Außenwelt von dem Athleten hat (Fremdbild). Beide Bilder hängen stark voneinander ab. Ein Sportler, der sich nach außen hin außerordentlich selbstsicher und siegesgewiss gibt, wird von seiner sozialen Umwelt oft auch mit ähnlichen Attributen versehen. Umgekehrt kommt es im Sport häufig auch vor, dass Athleten das Bild, welches das Umfeld (z.B. Medien) von ihnen hat, mit der Zeit übernehmen (Kleinert/Mickler, 2003).

Wie hängen nun das Selbst- und Fremdbild mit Erfolgsdruck zusammen? Die Verantwortlichen und Mannschaft des HSV haben ein positives Selbstbild von sich und ihren Fähigkeiten. Dies hatten die Hamburger innerhalb und nach Außen offen kommuniziert. Diesem Anspruch wurden die „Rotenhosen“ nicht mit entsprechenden Leistungen an den Wochenenden gerecht und bestätigten somit viele Experten, welche im Vorfeld schon angedeutet haben, dass es der HSV schwer haben würde. Die Mannschaft setzte sich somit selbst unter einen gewissen Erfolgsdruck und dieser wurde mit der Zeit durch das Fremdbild noch verstärkt. Es bleibt festzuhalten, dass Erfolgsdruck durch ein hohes Selbstbild oder ein hohes Fremdbild oder durch eine spezifische Konstellation von beiden verstärkt werden kann.

Maßnahmen bei Erfolgsdruck

Welche Möglichkeiten bestehen nun, um mit Erfolgsdruck und den damit verbunden Konsequenzen besser umzugehen? Zunächst ist im Sinne einer Ist-Analyse genau festzustellen, wie der Erfolgsdruck zustande gekommen ist. Kleinert (2003) unterscheidet grundsätzlich zwischen selbst- und fremdinitiierten Erfolgsdruck. Der selbstinitiierte Erfolgsdruck ist primär hausgemacht, sprich: Die Ursachen liegen bei dem Sportler selbst. Hier ist der Erfolgsdruck vorrangig das Ergebnis eines unrealistischen Bildes, das man von sich hat, der eigenen zu hohen Erwartungen oder der Aufregung. Im Gegensatz dazu liegen die Ursachen des fremdinitiierten Erfolgsdrucks vor allem im Umfeld, also den Personen um einen herum und in der Öffentlichkeit. Fremdinitiierter Erfolgsdruck steht häufig in Verbindung mit falschen Fremdbildern, zu hohen äußeren Erwartungen oder hoher sozialer äußerer Spannung. Abbildung 1. (in Anlehnung an Kleinert, 2003) fasst den Erfolgsdruck als Prozess äußerer und innerer Abläufe zusammen.

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Hieraus wird deutlich, dass beide Bedingungen eng miteinander verknüpft und nur sehr schwer zu trennen sind. Dennoch kann in diesem Wechselspiel zwischen selbstinitiierten und selbst auferlegten Erfolgsdruck häufig auf einer der Seiten ein Schwerpunkt ausgemacht werden.

Falsches Selbstbild? – Sich selbst kennen lernen

Hier entsteht ein Konflikt, denn eine Seite muss unrecht haben. Bin ich es, der sich falsch einschätzt oder sind es die anderen? Diese Frage kann nur beantwortet werden, wenn das Selbstbild einer kritischen Prüfung unterzogen wird. Wo sind meine Stärken, wo meine Schwächen? Von welchen situativen Faktoren ist mein Verhalten besonders abhängig? Die Antwort auf diese kritische Analyse lässt ausschließlich zwei Ergebnisse zu. Entweder ich habe mich richtig eingeschätzt und die anderen liegen falsch oder andersherum. Im zweiten Fall heißt es dann, Mut zu beweisen. Erst nach reiflicher Überlegung und Gesprächen mit vertrauten Menschen sollte das eigene Selbstbild angezweifelt werden. Dann jedoch kann aus einer Veränderung des Selbstbildes eine große Macht erwachsen.

Fazit

Es bleibt festzuhalten, dass Erfolgsdruck sich aus vielen Komponenten zusammensetzt und sich wechselseitig beeinflusst. Sein eigenes Selbstbild zu hinterfragen erfordert Mut, jedoch birgt es auch unheimliches Potential, wenn man es erkennt. Es ist zu hoffen, dass die Verantwortlichen des HSV diese Analyse realistisch durchlaufen, damit die Uhr noch lange tickt, ob im Stadion oder im Vereinsmuseum.

 

Literatur:

Kleinert, J./Mickler, W. (2003). Erfolgsdruck. Wenn Ansprüche über den Kopf wachsen. In: Jens Kleinert (Hrsg.): Erfolgreich aus der sportlichen Krise. Mentales Bewältigen von Formtiefs, Erfolgsdruck, Teamkonflikten und Verletzungen. BLV Sportwissen: München.

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