Kathrin Seufert und Sebastian Kneissl: Kein Spieler sollte sich und seine Leistungen mit dem Level von vor der Corona-Zeit vergleichen

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Verrückte Bundesliga-Wochen. Nach dem das Mannschaftstraining auf Grund der ersten Covid-19-Fälle in der Bundesliga untersagt wurde, trainierten alle Spieler in den eigenen vier Wänden oder machten einen kleinen Lauf durch ihre Nachbarschaft. Erst kürzlich konnte dann Training in Kleingruppen aufgenommen werden. Doch dabei ist nicht an das „normale“ Fußballspielen zu denken: Kein Körperkontakt, kein Zweikampf, wenig, was auf ein elf gegen elf hindeutet. Und nun soll also der Ligabetrieb wieder beginnen und die verbleibenden neun Spieltage sowie eine Nachholpartie ausgetragen, ein Meister gekürt, zwei direkte Absteiger ausgemacht, die internationalen Plätze vergeben und die Relegationskandidaten erspielt werden. Stellt sich die Frage, was dieser Wandel für einen Sportler eigentlich bedeutet? Um dies zu erörtern, habe ich mir einige Gedanken zu den psychologischen Aspekten dieses Wandels gemacht und den früheren Bundesliga-Profi und jetzigen DAZN-Experten Sebastian Kneissl nach seiner Expertise zu diesen verrückten Bundesligawochen befragt.

Zum Thema: Von Aktivierung bis Routinen – Wettkampfvorbereitung während der Corona-Pandemie 

Ein erster Faktor ist die Aktivierung der Athleten, um wieder in den „Spielmodus“ zu kommen. Es ist ein wenig wie nach der Sommerpause und doch ganz anders. Daher muss es den Spielern gelingen, ihre Aktivierung und Spannung auf ein gutes mittleres Level zu heben, um eine optimale Leistungsfähigkeit (siehe Blog-Beitrag: Sportpsychologie beim Warmmachen) zu erreichen. Aber machen wir es konkret: Wie hätte sich Sebastian Kneissl als früherer Bundesliga-Spieler auf den Re-Start in menschenleeren Stadien vorbereitet?

“Ich persönlich würde mir klarmachen, dass ich noch nicht bei 100% sein kann, weil das schlicht unmöglich ist – schon gar nicht, nach dieser Phase. Die Akzeptanz dieses Faktors bringt schon einen sehr großen Schritt nach vorne mit sich. Maßgabe sollte aber natürlich dabei sein, dass ich als Spieler in der konkreten Situation eines Geisterspiels alles raushaue, was ich im Akku habe. Dass muss meine Benchmark sein. Es geht für jeden nun darum, sich an den eigenen Werten zu orientieren und diese auf den aktuellen Stand zu bringen. Wichtig: Hier muss eine Anpassung erfolgen. Niemand sollte sich und seine Leistungen mit dem Level von vor der Corona-Zeit vergleichen. Also Druck rausnehmen und sich klar darüber sein, dass es nun eine andere Zeit ist und man sich neu orientieren muss. Und das wichtigste für Geisterspiele wird sein, dass ich mich darauf fokussierte, wie war es denn früher in der Jugend?! Da hat man auch gerne mal vor 30 Zuschauern gespielt, wenn alle Eltern da waren. Bei den Geisterspielen werden es knapp 120 sein. Aber mit der gedanklichen Vorbereitung kann jeder Spieler voll fokussiert aber locker in den ersten Spieltag nach der Coronapause gehen.”

Automatismen ohne “echtes” Training

Es ist nun länger her, dass alle Bundesliga-Kicker den Fußball gespielt haben, den wir alle kennen, mit Grätschen, Zerren, Trikot zupfen und kleineren Tacklings und Nicklichkeiten. Diese Automatismen wurden aufgebrochen, stattdessen musste nahezu alles auf kontaktlose und distanzierte Abläufe reduziert werden. Diese Veränderung wird nun wieder zurückgenommen und es muss ein nächstes Umlernen stattfinden. Aus der Psychologie wissen wir – aber dies kennt auch jeder Freizeitsportler – , dass es ungemein schwierig ist, seine gewohnten Abläufe mal eben zu verändern. Dies bestätigt auch Sebastian Kneissl: 

“Aus den Gesprächen mit Spielern weiß ich, dass sie sich mit den Trainingseinheiten zuhause schwer getan haben. Das war und ist weiterhin für alle eine Herausforderung. Es sind vor allem die spielspezifischen Situationen, wie Spielantizipation und Gegnerdruck, die im neuen Alltag einfach fehlen. Und nun, denken wir an die bevorstehenden Spiele, war die reelle Vorbereitungszeit natürlich relativ kurz. Aber ganz klar: Es freuen sich alle, dass es endlich wieder losgeht und da gerät die Trainingssituation der letzten Wochen schon wieder ein wenig in den Hintergrund. Die immense  Vorfreude überwiegt.” 

Ängste vor einer möglichen Infektion

Das Wissen, dass ein gefährlicher Virus der Grund für die Einschränkungen der vergangenen Wochen war, macht es nun nicht leichter, wieder in den vollen Körperkontakt zu gehen. Niemand kann einschätzen, ob so Infektionen entstehen können, mit denen Spieler ihre Liebsten anstecken könnten. Diese Gedanken machen auch vor den Köpfen der Spieler nicht halt. Können diese Ängste nun eine hemmende Wirkung auf de Sportler haben, Sebastian Kneissl? 

“In den Köpfen der Spieler sind durchaus ein paar Ängste und Sorgen präsent. Hierbei spielen vor allem die Gedanken um mögliche Ansteckungsketten eine Rolle. Was ist, wenn ich mich infiziere? Trag ich das mit nach Hause zu meiner Familie, zu meinen Eltern? Beruhigend wirkt da aber tatsächlich die Auseinandersetzung mit dem Konzept, welches die DFL und die Vereine entwickelt haben. Und am Ende ist die Freude auf ihren Beruf und ihre Leidenschaft so groß, dass sich die Ängste auch relativieren – zumindest bei denjenigen, mit denen ich zuletzt gesprochen habe.”

Sorge vor Verletzungen

Bleiben wir bei möglichen Sorgen, denken aber sportspezifischer:  Nach den Trainings im „home office“ mit Fahrradergometern sowie Kraft-und Stabilisationsübungen, wurden erste fußballerische Trainingseinheiten eingeführt. Und nun soll es schnell wieder zum Vollbetrieb übergehen. Aus sportwissenschaftlicher Sicht besteht daher nun eine Sorge, dass die muskulären Belastungen so unterschiedlich waren, dass beim Neustart, der nun so schnell ansteht, die Körper der Fußballer noch nicht auf die volle Normalbelastung vorbereitet sind und dies auch in den Köpfen der Athleten zu Unsicherheiten und im schlimmsten Fall zu Verletzungen führen kann. 

“Ja, die Gefahr besteht. Wichtig ist, dass es wieder zu einem Spielfluss kommt. Insgesamt muss ich persönlich aber ein großes Kompliment an Christian Seifert und die DFL aussprechen, dass auf Basis ihrer konzeptionellen Arbeit der Ligabetrieb nun aufgenommen werden kann. Meiner Meinung nach kann dieses Modell auch als Schablone und Vorreiter für andere Sportarten dienen, sofern alles durchgeht und es funktioniert. Wenn es klappt, wird es ein Meilenstein sein, den die DFL rund um Seifert installiert haben. Davon können andere profitieren, auch wenn der Fußball natürlich andere finanzielle Möglichkeiten als andere Sportarten hat.”

Kathrin Seufert

Sportarten: Fußball, Schwimmen, Eishockey, Basketball, Schießsport, E-Sports aber auch offen für alle anderen Sportarten

Kontakt:

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k.seufert@die-sportpsychologen.de

Zum Profil: https://www.die-sportpsychologen.de/kathrin-seufert/

Rituale und Routinen

Schauen wir konkret auf die nun veränderte Spielsituation: Durch die leeren Ränge im Stadion wird es kein klassisches Spiel, wie es in den Köpfen der Bundesliga-Spieler verankert ist. Rituale und Vorstartroutinen, wie sie vielleicht bisher im Gedächtnis abgespeichert waren, müssen mit neuen Bildern versehen werden. Wird das den Akteuren schwer fallen, Sebastian Kneissl? 

“Es kann sicherlich dazu führen, dass der oft genutzte Mannschaftskreis in der Kabine wegfallen muss und das Einstimmen auf das Spiel in der Form nicht mehr stattfinden kann. Es sind viele kleine Bausteine, die sich verändern werden. Von daher ist es aus meiner Sicht wichtig, dass die Spieler für diese Veränderungen im Vorfeld sensibilisiert werden. Zumal wir von einer grundsätzlich anderen Ausgangslage reden – und hier meine ich nicht die Begleiterscheinungen des Corona-Themas. Denn anders als bei einem klassischen Start zu Beginn der Saison oder nach der Winterpause starten wir direkt in die entscheidende Saisonphase: Es geht um die Meisterschaft, den Abstieg und die internationalen Plätze. Auch damit werden die Spieler umgehen müssen.”

Vorbereitung ist alles

Die Spieler stehen vor der individuellen Herausforderung, sich nun bestmöglich mit der veränderten Situation auseinanderzusetzen und entsprechend vorzubereiten. Die Akzeptanz der Tatsache, dass es nun ist, wie es ist, kann da nur noch mal unterstrichen werden. Um eine optimale Leistung zu bringen, müssen die Spieler im Hier und Jetzt unterwegs sein. Es geht um Achtsamkeit und Aufmerksamkeit – im Training, in den Spielen und in der fordernden Zeit dazwischen.

Das Wissen um diese Fakten ist ein erster wichtiger Schritt. Sich damit auseinanderzusetzen, warum uns eine Phase wie diese so aus dem Konzept werfen kann – ganz egal ob als Fußballer, anderer Sportler oder “Normalo” – gibt die weitere Richtung vor. Es geht darum, die Waage zwischen Aufgabe und der eigenen Fähigkeiten wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Wenn wir uns zwei Waagschalen vorstellen, wo in der einen sich eine Aufgabe, eine Situation, eine Herausforderung befindet, müssen dafür in die gegenüberliegende Waagschale passende Fähigkeiten gelegt werden, so dass am Ende ein Ausgleich entsteht. Da wir in Momenten der Ungewissheit und neuen Situationen nicht immer direkt abschätzen können, welche Fähigkeiten dort eigentlich benötigt werden, ist es ein schrittweises Austarieren unserer Waage. Schaffen wir es nämlich nicht, immer wieder die passenden Fähigkeiten entgegenzusetzen, schlägt die Waage aus. Oder anders formuliert: Es entsteht Stress. Und den wollen wir ja nicht haben. Also denkt schrittweise und verringert die Komplexität der Aufgaben, denen ihr ausgesetzt seid, um immer wieder eure Fähigkeiten “hineinzugeben”. Nach und nach zu 100%, mit voller Konzentration auf sich selbst, mit veränderten Abläufen aber der immer gleich bleibenden Liebe zum Fußball. 

Das Netzwerk (zur Übersicht) und ich (zum Profil von Kathrin Seufert) unterstützen Euch gern dabei, diese Vorbereitungen sowohl im Fußball als auch in allen anderen Sportarten anzugehen und die mentale Komponente zu stärken. 

Vielen Dank an Sebastian für den Austausch!

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