Dr. Fabio Richlan: Neurowissenschaftliches Grundwissen für Trainer, Betreuer und Eltern

In der Arbeit mit Talenten im Nachwuchsleistungssport müssen sich Trainerinnen und Trainer tagtäglich mit den verschiedensten Rahmenbedingungen auseinandersetzen. So gibt es etwa organisatorische, schulische bzw. die Ausbildung betreffende, finanzielle, zeitliche, örtliche sowie natürlich biologische Rahmenbedingungen. Bei den biologischen Rahmenbedingungen steht die mehr oder weniger offensichtliche körperliche Entwicklung bzw. Reifung, etwa in Bezug auf das Herz-Kreislauf-System oder die Skelettmuskulatur im Vordergrund. Ein Organ des Körpers, welches dabei jedoch allzu oft übersehen wird, ist das Gehirn. Dieser Beitrag soll die wichtigsten Veränderungen im jugendlichen Gehirn und ihre Relevanz für die Arbeit mit Talenten im Nachwuchsleistungssport kurz und bündig zusammenfassen.

Zum Thema: Neurowissenschaftliche Grundlagen der Arbeit mit Talenten im Nachwuchsleistungssport

Gerade die zweite Lebensdekade, also das Alter zwischen zehn und 20 Jahren, ist ein aus neurowissenschaftlicher Perspektive ein besonders spannender Lebensabschnitt. In dieser Phase der “Adoleszenz” befinden sich die Jugendlichen nahe an ihrem lebenslangen Höhepunkt bezüglich körperlicher und geistiger Leistungsfähigkeit. Gleichzeitig finden aber auch grundlegende Veränderungen im Gehirn statt (National Institute of Mental Health, 2011). Diese Veränderungen beeinflussen einerseits das jugendliche Verhalten, andererseits wird die Gehirnentwicklung ihrerseits von Erfahrungen (z.B. Training) sowie Umwelteinflüssen (d.h. dem Lern- und Entwicklungskontext) geprägt. Obwohl Gegenstand aktueller wissenschaftlicher Forschung, bahnen sich gut belegte Erkenntnisse aus der Gehirnforschung bereits langsam aber sicher ihren Weg in die praktische Anwendung. Die wichtigsten Eckpfeiler des komplexen Zusammenspiels von Gehirnentwicklung sowie Erleben und Verhalten von jugendlichen Talenten sollten im Rahmen einer zeitgemäßen Förderung im Nachwuchsleistungssport berücksichtigt werden (Richlan, 2016).

Die “graue Masse” aus Nervenzellen, daraus projizierenden Nervenfasern sowie stützenden Gliazellen in der äußersten Schicht der Gehirns (Großhirnrinde oder cerebraler Cortex) ist während der Kindheit und Jugend einem stetigen Wandel unterworfen. Zuerst nimmt das relative Volumen des kortikalen Mantels zu und später wieder ab. Die anfängliche Zunahme der grauen Masse wird auf ein unspezifisches Sprießen der synaptischen Verbindungen zwischen Nervenzellen zurückgeführt. Die Abnahme ist das Ergebnis eines spezifischen und selektiven Umbauprozesses, bei dem relevante neuronale Funktionseinheiten gestärkt und weniger relevante reduziert werden. Dieses selektive Absterben irrelevanter synaptischer Verknüpfungen vereinfacht die strukturelle Konnektivität und dient dazu, die Effizienz der neuronalen Kommunikation zu erhöhen. Der Umbauprozess wird einerseits von den Genen gesteuert, andererseits von (Trainings-) Erfahrungen bzw. der Umwelt beeinflusst. Das bedeutet, dass während dieser Phase der Lern- und Entwicklungskontext einen maximalen Effekt auf die Gehirnstruktur ausübt, welcher für den Rest des Lebens bestehen bleiben kann.

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Unterschiedliche Regionen des Gehirns entwickeln sich unterschiedlich schnell. 

Gehirnareale, welche für grundlegende Funktionen zuständig sind, entwickeln sich zuerst. Dazu gehören z.B. die primären sensorischen und motorischen Areale. Im Gegensatz dazu entwickeln sich die Areale des Gehirns, welche für die sogenannten “exekutiven Funktionen” zuständig sind zum Schluss. Dazu zählt der präfrontale Kortex für Emotionsregulation und Impulskontrolle sowie Planung und Monitoring. Diese exekutiven Funktionen sind wichtig für zeitlich überdauernde, aufgaben-relevante und zielgerichtete Aufmerksamkeit – wesentliche Fähigkeiten etwa zur Aufnahme, Verarbeitung, Umsetzung und Beibehaltung von mehr oder weniger komplexen technischen oder taktischen Instruktionen. Darüber hinaus bilden die exekutiven Funktionen die Basis für Wille, Selbstregulation und -motivation und ganz allgemein für vernünftiges, reifes Verhalten. Gerade ein starker Wille ist wohl eines der perspektivisch wichtigsten Persönlichkeitsmerkmale für zukünftige SpitzensportlerInnen.

Anatomische Veränderungsprozesse finden nicht nur auf regionaler Ebene, d.h. in einzelnen, voneinander abgegrenzten Gehirnarealen statt, sondern betreffen vor allem auch weit reichende Verbindungen zwischen entfernt gelegenen Gehirnarealen. Wichtige Faserbündel aus “weißer Masse” werden zunehmend mit einer Schicht aus Myelin überzogen, welche die Leitungsgeschwindigkeit von neuronalen elektrischen Impulsen zwischen den so verbundenen Nervenzellen wesentlich erhöht. Durch diese verbesserte Konnektivität wird die Kommunikation zwischen distalen Gehirnregionen erleichtert und die Entstehung und Entwicklung Gehirn-weiter funktioneller Netzwerke ermöglicht. Eine ganze Reihe von höheren kognitiven Prozessen bauen auf diesen weitläufigen Netzwerken auf. Dazu zählen z.B. bewusste Wahrnehmung und Verhaltenskontrolle, Aufmerksamkeit, Sprache, Intelligenz, sowie verschiedene Gedächtnissysteme. Störungen in diesen Domänen werden oft mit mangelnder struktureller Integrität der weitreichenden Gehirnnetzwerke in Verbindung gebracht.

Das jugendliche Denken

Wesentliche Umbrüche finden nicht nur auf Ebene der kognitiven Funktionen statt, sondern auch auf Ebene der emotionalen Verarbeitung. Studien mittels funktioneller bildgebender Verfahren etwa zeigen eine erhöhte Aktivierung auf emotional aufgeladene Bilder bei Jugendlichen im Vergleich zu jüngeren Kindern und zu Erwachsenen. Diese erhöhte Aktivierung findet sich in Regionen des “Belohnungssystems” des Gehirns. Anatomisch besteht das Belohnungssystem aus kortikalen und subkortikalen Anteilen des Limbischen Systems. Dieses System hat einen bedeutenden Einfluss auf unser Verhalten, indem es die Geschwindigkeit und Intensität von emotionalen Reaktionen reguliert. Im Kontext Sport etwa, haben emotionale Reaktionen auf Erfolge und Misserfolge einen wesentlichen Einfluss auf die Motivation jugendlicher Talente. Hier kann z.B. ein Training der Ursachenzuschreibung nach sportlichen Siegen und Niederlagen dabei helfen, die langfristige Motivation aufrecht zu erhalten bzw. den Talenten Techniken näher gebracht werden, die ihnen dabei helfen, ihre Emotionen selbständig zu regulieren.

Die Veränderungen in der Gehirnanatomie werden zum Teil von hormonellen Veränderungen begleitet bzw. gesteuert. In der Adoleszenz stellen sich sowohl der Geschlechtshormon- als auch der Stresshormonhaushalt um. Geschlechtshormone (Testosteron, Estrogene) steuern nicht nur geschlechts-spezifisches Wachstum und Verhalten, sondern das gesamte Sozialverhalten, Stichwort Mannschaftssport bzw. Trainingsgruppen. Stresshormone (Katecholamine, Glukokortikoide) steuern Erleben und Verhalten in Stresssituationen und spielen sowohl in der Bewältigung des Alltags als auch in Wettkampfsituationen eine entscheidende Rolle, Stichwort Umgang mit (Über-)Belastung bzw. Leistungsdruck. Auch hier kann sportpsychologisches Coaching dazu beitragen, Stress sowohl im Alltag, als auch im Wettkampf zu regulieren und dadurch sowohl die objektive Leistung als auch die subjektive Lebensqualität der Talente zu optimieren. Hierbei haben sich Trainings des Erholungs-Belastungs-Managements bzw. Verfahren zur Aktivierungsregulation vielfach bewährt.

Wie Jugendliche mentale Aufgaben verarbeiten und was Trainer, Eltern und Betreuer darüber wissen sollten

Die Kapazität Neues zu erlernen ist zu keinem späteren Zeitpunkt höher als während der Adoleszenz. Auch die intellektuelle Leistungsfähigkeit ist bereits stark ausgeprägt. Trotzdem gibt es signifikante Unterschiede zwischen Jugendlichen und Erwachsenen in Bezug auf die Art und Weise, wie mentale Aufgaben bewältigt werden. Diese Divergenzen basieren einerseits auf einem unterschiedlich stark ausgeprägten Erfahrungsschatz, andererseits auf den oben genannten gehirnanatomischen Entwicklungen. Unterschiede zeigen sich besonders deutlich in der Verarbeitung von mentalen Aufgaben, welche Impulskontrolle oder Reaktionen auf emotionale Inhalte beinhalten. Dieser Umstand sollte im Umgang mit Konflikten und in der Kommunikation mit Jugendlichen unbedingt berücksichtigt werden. Dabei können Erwachsene (Betreuer, Eltern) versuchen, mittels Perspektivenwechsels die Welt durch die Augen der Jugendlichen zu sehen.

Jedenfalls nicht zu unterschätzen sind die in der Adoleszenz stattfindenden Umstellungen in Bezug auf die Regulation des Schlafs. Auch in diesem Bereich ist die Gehirnentwicklung maßgebend. Das jugendliche Schlafverhalten zeichnet sich oft durch die Tendenz aus, bis spät in die Nacht wach zu bleiben. Neben den offensichtlichen Auswirkungen des Schlafmangels wie erhöhte Tagesschläfrigkeit, Energiemangel, Abgeschlagenheit und Konzentrationsmangel während des Tages ist unzureichender Schlaf auch ein nicht zu unterschätzender Faktor für Reizbarkeit und Depression. Auch gesteigertes Risikoverhalten und erhöhte Straffälligkeit können Folgen von Schlafmangel und einem daraus resultierendem Defizit bezüglich der Impulskontrolle sein. Insgesamt ist adäquater Schlaf ein absolut zentraler Bestandteil körperlicher und seelischer Gesundheit, insbesondere bei jungen LeistungssportlerInnen!

Zeitgemäße Talentförderung

Die Gehirnforschung ist ein rasant wachsendes Feld und bietet eine Fülle spannender Erkenntnisse. Hier den Überblick zu bewahren ist selbst für WissenschaftlerInnen schwierig. Trainerinnen und Trainer sollten zumindest einen groben Überblick über basale Aspekte der Gehirnentwicklung haben. Diese stellen wichtige Grundlagen der Arbeit mit Talenten im Nachwuchsleistungssport dar, indem sie das Erleben und Verhalten der Talente beeinflussen. Das Wissen um die neurowissenschaftlichen Rahmenbedingungen sollte im Sinne einer zeitgemäßen Talentförderung zum Wohle der NachwuchsleistungssportlerInnen genutzt werden.

#Neuroathletik

Katja Kramarczyk und Dr. Fabio Richlan sind sich einig: Es lohnt sich, aus sportpsychologischer Perspektive das Thema Neuroathletik zu beleuchten. In ihrem Schwerpunkt erklären sie, was sich hinter dem Modewort verbirgt. Zeigen auf, was Trainer, Betreuer, Eltern und Sportpsychologen über neurowissenschaftliche Grundlagen wissen sollten. Und lassen einen der Köpfe der Neuroathletik-Szene zu Wort kommen.

Katja Kramarczyk: Mit Neuroathletik Gehirn und Körper in Verbindung bringen

Lars Lienhard: Neuroathletik: Wie das Gehirn die sportliche Leistung beeinflusst

Dr. Fabio Richlan: Neurowissenschaftliches Grundwissen für Trainer, Betreuer und Eltern

ZDF-Beitrag: Neuro-Athletik – Training von Gehirn und Sinnen (Link)

Zu den Autoren: Katja Kramarczyk, Dr. Fabio Richlan

Literatur

National Institute of Mental Health. (2011). The Teen Brain: Still Under Construction (NIH Publication No. 11-4929). Bethesda, MD: U.S. Department of Health and Human Services.

Richlan, F. (2016). Sensible Phasen im Nachwuchsleistungssport aus neurowissenschaftlicher Perspektive. In T. Wörz (Hrsg.), Talentförderung – Sensible Phasen auf dem Weg zur Weltspitze. Pabst Science Publishers.

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